Buchauszug: Bertrand de Jouvenel – Glaubenshaltungen, das Hindernis der expandierenden Staatsgewalt

«Wer eine menschliche Ganzheit untersucht, wird zuerst jene Mächte bemerken, die aus der Masse herausragen, ihren Gruppierungen vorstehen, ihre Aktivitäten leiten. Aber schon sehr bald wird ihm bewußt, daß die Ordnung, daß die Zwänge, die von diesen sichtbaren Autoritäten ausgehen, nicht genügen können, um eine harmonische Koexistenz und Kooperation von Menschen zu ermöglichen.

Das Verhalten des Individuums ist weit weniger durch äußere Kräfte bestimmt, die es zwingen, als vielmehr durch einen unsichtbaren Regulator, der von innen her seine Aktivitäten determiniert. Eine Person, die innerhalb einer bestimmten Gesellschaft eine bestimmte Position bekleidet, wird nur unter außergewöhnlichen Umständen von einem typischen Verhalten abweichen. Diese, sich auf ein System von Glaubenshaltungen und Verpflichtungen gründende Regelmäßigkeit ist tief in der Natur des vergesellschafteten Menschen verwurzelt. […]

Solange die Glieder einer jeden Gruppe sich entsprechend bestimmten und allen bekannten Normen verhalten, sind ihre Handlungen für die anderen voraussehbar, und das daraus resultierende Vertrauen bestimmt die menschlichen Beziehungen. […]

Daraus folgt, daß die Staatsgewalt, deren Ziel es ist, die Sozialordnung zu gewährleisten, in den Bräuchen und den ihnen unterliegenden Einstellungen eine unschätzbare Unterstützung findet.

Aber ein der Staatsgewalt inhärenter Egoismus verleitet sie, sich immer weiter auszudehnen. Wir haben im Verlauf dieses Prozesses beobachten können, wie sie mit den gesellschaftlichen Mächten, die doch ihre Helfer sind, in Konflikt gerät, wie sie sich durch ihre Vernichtung vergrößert, indem sie die natürlichen Aristokratien durch eine eigene Statokratie ersetzt. Genauso müssen auch Bräuche und Glaubenshaltungen ihre Geltung verlieren, damit an die Stelle ihres Einflusses die Autorität der Staatsgewalt treten kann, die sich auf ihren Ruinen theokratisch verwirklicht.»

(Bertrand de Jouvenel, Über die Staatsgewalt – Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Seite 232-233 / Hervorhebung durch Unterstrich von mir)

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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