Buchauszug: Erik von Kühnelt-Leddihn – Unterschied zwischen Nation und Reich

Hier ein Auszug aus dem Buch Konservative Weltsicht als Chance – Entlarvung von Mythen und Klischees (15. Kapitel: Nation und Reich, Seite 242-246) von Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn.

„Ein Reich ist also reich – reich an Sprachen, Völkern, Gebräuchen, Traditionen, zumal auch an Ständen, Glaubensgemeinschaften, Landschaften und Vereinigungen. Das Wort Reich ist germanisch, auch das französische riche, das spanisch-portugiesisch-italienische rico-ricco hat diese nichtlateinische Wurzel. Völkern, die keine Reichstraditionen besitzen, ist der Terminus „Reich“ schwer verständlich, weil es eben nicht primär eine menge- oder größenhafte Bedeutung hat. Die Vereinigten Staaten sind eben kein Reich. Amerikaner fühlen sich sehr als Teil einer Nation, wenn auch dieser Begriff, wie auch sonstwo im Westen, keine ethnisch-sprachliche, sondern eine juridisch-poltische, manchmal dazu auch noch eine historische Bedeutung hat. Für Staatsbürgerschaft wird dann nationality-nationalité-nazionalità verwendet. Im alten Österreich wurden die verschiedenen Volksstämme „Nationalitäten“ genannt. „Nationalisieren“ bekam aber auch einen recht anderen Sinn: es bedeutet heute soviel wie „sozialisieren“ beziehungsweise „verstaatlichen“. Und das ist sehr bezeichnend. Man sieht aber auch bei uns wie weit das sprachliche Chaos gewachsen ist.

Nun, Treue kann man zum eigenen Volkstum halten, aber auch zu einem Land, einem Reich, in dem man nur als Minderheit vertreten ist. Es gab deutsche Balten, die loyal ihrem russischen Kaiser dienten und wiederum andere, deren Loyalität zu ihrem Volk (und damit zum Deutschen Reich) den Vorrang hatte. Einer der siegreichen k. u. k. Feldherren war General Swjetosar Borojewitsch von Bojna, ein orthodoxer Serbe, der aber absolut kaisertreu war und nach dem Weltkrieg sich in Kärnten niederließ. Prinz Eugen war ein Franzose, Radowitz ein Ungar, Witte ein Deutscher, aber ein „Rußländer“. Alexander II. bot dem preußischen Gesandten Otto von Bismarck an, in russische Dienste zu treten. Bismarck lehnte ab, doch der Antrag war ehrenvoll.¹ Der portugiesische Gesandte Joaquim Oriola wurde preußischer Diplomat. Das sind Dinge, die „moderne Menschen“ in basses Erstaunen versetzen – und dafür gibt es gute Gründe.

Der Hauptgrund liegt darin, daß wir seit der Aufklärung und der Französischen Revolution in einer bis heute andauernden Epoche des „Horizontalismus“, des kollektivistischen Gleichheits- und Nämlichkeitswahns leben. Mit Ausnahme der Ehe. In der alten Christenheit waren die primären Bindungen nicht zum Neben-Menschen, sondern „vertikal“. Auch glaubte früher niemand, daß Menschen auswechselbar wären (das sind sie heute vor der Wahlurne): jedermann war persona, also einzigartig. Dieses Wort kommt vom etruskischen phersú, der Maske, her, die der Schauspieler auf der Bühne trug, also für eine Rolle, die man eben ganz persönlich zu spielen hat und die einem niemand anderer abnahm. Nobody is indispensable ist eine nihilistische Feststellung aus dem demokratischen Rotwelsch. Da geht es um Ziffern und um „Numerierte“.

Freilich, „identitäre“ und egalitäre Bewegungen hatte es schon immer in kleinen Sekten gegeben, aber sie traten nur für kurze Zeit auf. Darum auch das Entsetzen in der Christenheit, als die hussitischen Taboriten im 15. Jahrhundert auftauchten und als Vorläufer der Nationalsozialisten andere Völker, diesmal deutsche katholische Böhmen, in einem ersten Genozid auszurotten versuchten. Diese fanatisch-kollektivistische Volksbewegung war ein wahrer Einbruch in die abendländische Kultur, denn man sah in den Völkern nicht exklusive und xenophobe Gemeinschaften, sondern pluralistische patriarchale Gruppierungen. Die Hussiten konnten nur durch echte Kreuzzüge besiegt werden. Mit der Französischen Revolution kam zwar nicht die .Freiheit, die wir auch in der Heiligen Schrift finden, sondern die Gleichheit und die „Brüderlichkeit“², wobei Gleichhiet auch als Nämlichkeit verstanden wurde und man sich auch fragen muß, ob es vaterlose Brüder eigentlich geben kann. Im Endeffekt hatte man schließlich Tyrannen, die sich als „Führer“ ausgaben, aber tatsächlich Herren und Verführer waren. Ohne Krone oder Zepter wandelten sie im schlichten Gewande einher, redeten die Sprache des einfachen Volkes und verkörperten es. Neben dem alten Druck von oben kam der horizontale Druck durch die Nachbarn und durch die Massenpartei, zu der das liebe Volk strömte: daher auch die Volksempfänger, Volkswägen, Volksgefängnisse, Volksgerichte, Volksdemokratien und als größter Schrecken das unjuridische „gesunde Volksempfinden“.³ Montesquieu hatte richtig gesagt, daß die Republik die Tugend (vertu), die Monarchie aber das milde Erbarmen (clémence) darstelle. In der Französischen Revolution wurde der Terminus der vertus républicaines geprägt. Die haben wir ja auch nach 1789 und ganz besonders seit 1918 so richtig kennengelernt.

Nun darf man aber ja nicht über das Ziel schießen und die Nationalität, die ethnische Zugehörigkeit verteufeln. Wir bemühen uns, hier lediglich eine Hierarchie der Werte festzustellen und dabei den Reichsgedanken höher zu bewerten als den Begriff des Nationalstaats. Die Nationalität ist selbstverständlich auch ein Wert, deren wichtigster Komponent die Sprache ist. Unser ganzes Denken bewegt sich auf den Schienen der Sprache. Menschsein heißt zu sprechen. Wir müssen uns fragen – um nur ein Beispiel anzuführen – ob ein in Frankreich oder Italien geborener Martin Heidegger uns seine existentielle Philosophie hätte schenken können. Höchstwahrscheinlich nicht.

Einen anderen Existentialismus? Das wäre allerdings möglich gewesen.

Durch Volkszugehörigkeit und Sprache kommt das Brauchtum, kommen Hunderte, ja Tausende Redewendungen, Klischeebilder, Denkformen, ja auch der Humor, alles Dinge, die zum Teil auch durch eine gemeinsame Geschichte geprägt wurden. Das Nationalgefühl stammt von der Überzeugung, daß der Mitmensch auf ein bestimmtes Wort oder eine bestimmte Tat relativ eindeutig reagieren würde: man hat zu ihm Vertrauen, weil man weiß, oder zu wissen glaubt, wie sein Charakter und seine Mentalität funktionieren. Und dieses Vertrauen gibt wiederum ein Gefühl der Verbundenheit. Wird aber aus dem nationalen Gefühl ein „Ismus“, also ein Nationalismus, dann steigert sich das Mißtrauen in den anderer Volkszugehörigkeit in gefährlichem Ausmaß, und vom Mißtrauen ist es dann oft nicht weit zum Haß. Hier liegt die Gefahr des kleinlichen „identitären“ eher denn egalitären Wahns, der dem Abenteuer der Begegnung mit den Andersgearteten abhold ist. Der Andere wird automatisch der Feind. Misogynie und Misandrie haben dieselben psychologischen Wurzeln, ebenso der Rassismus und der Klassenhaß. Und gerade aus diesem Dunstkreis kamen die Ideen der Französischen, Russischen und Deutschen Revolution, also Demokratie, einschließlich der Nationaldemokratie, der Internationalismus und der Nationalsozialismus mit ihren blutroten Fahnen. Sie waren der Ausdruck identitär-egalitärer Bewegungen, die unsere Zeit sehr eindeutig gefärbt haben.“

Fußnoten:
(1)
Kaiser Alexander I. von Rußland war buchstäblich von Ausländern umgeben, in der Hauptsache von Deutschen
(2) Von den Greueln der Französischen Revolution entsetzt, meinte Metternich in Hinblick auf das Schlagwort von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, daß wenn er einen Bruder hätte, er ihn lieber „Vetter“ nennen würde.
(3) Die Hinrichtungen von Sokrates und Jesus waren sehr populär. Das Lynchen ist echte Volksjustiz. Auch der Tod Marie-Antoinettes wurde applaudiert.

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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