Die 2. Frage des „Kritikers“

2. Wie kommt es, dass alle Länder, in denen der Islam Staatsreligion ist, Diktaturen sind?

Mein Versuch einer Antwort:

Das Problem dieser Diktaturen (womit sicher Staaten wie das Tunesien der Ben Ali-Ära, das Ägypten der Mubarak-Ära, Syrien unter Al-Assad, der Irak unter Saddam Hussein, Libyen unter al-Gaddafi usw gemeint sind) ist tatsächlich der Islam. In diesen Ländern wird der Islam nämlich von vielen Bürgern praktiziert, aber leider nicht von den Herrschern. Ein islamischer Staat ist ein Staat, in dem der Islam die Grundlage bildet, dass sagt ja schon der Name. Diese Herrscher jedoch, wie Ben Ali, Mubarak, Al-Assad, Saddam Hussein und al-Gaddafi haben den Islam aus dem Staat entfernt, die islamische Gesetzgebung durch eigene diktatorische Gesetze ersetzt. Viele von ihnen waren durch europäisch-abendländische Ideologien, wie dem Sozialismus, Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus beeinflusst und haben die praktizierenden Muslime, die den Islam auch im Staat forderten, unterdrückt, eingekerkert und gefoltert. Dabei wurden, und werden sie immer noch vom Westen aus unterstützt und gestärkt.

Wenn ich im Bezug zum islamischen Staat die islamische Gesetzgebung (Scharia) erwähne, dann meine ich damit nicht in erster Linie die Hadd-Strafen, deren Existenz im Islam nur allzu gern in der „Islamkritik“ Erwähnung findet (obwohl diese ebenfalls in der jüdischen Gesetzgebung [Halacha] existieren), sondern die anderen wichtigen staatstragenden Regularien, die z.B. die Rechte und finanzielle Unabhängigkeit der Frau in der Ehe durchsetzen, jegliche Form von Zinsen verbieten, die Armensteuer (Zakat) gerecht einziehen und wieder verteilen und den freien Handel garantieren.

Ich werde im Laufe dieser Reihe häufiger auf Quellen der jüdischen Religion zurückgreifen. Das bietet sich aus zweierlei Gründen hervorragend an.

1. Besonders aus dem Blickwinkel eines Christen oder Atheisten, ähneln sich die religiösen Gesetzmäßigkeiten im Islam und Judentum sehr.

2. Es wird in der hiesigen Politik kein Hehl daraus gemacht, dass die deutsche Leitkultur einer christlichen-jüdischen Tradition entspringt. Immerhin leben Juden schon seit fast 2 Jahrtausenden in unserer Mitte, somit müssten ihre religiösen Gesetzmäßigkeiten in der deutschen Kultur ja reichlich verankert und bekannt sein.

Auch an dieser Stelle biete ich gerne eine Textstelle aus dem Wörterbuch des jüdischen Rechts an, um den Charakter eines Islamischen Staates für deutsche Ohren verständlicher zu machen.

„Die Charakterisierung des islamischen Staates als Theokratie ist nur in formeller Hinsicht richtig, insofern damit die Verankerung im Bunde mit Gott gekennzeichnet wird, und da der islamische Staat manche der Theokratie eigentümlichen Merkmale aufweist. Aber doch ist die Charakterisierung der islamischen Staatsform als einer theokratischen, die sich erstmals wohl bei Josephus findet, irreführend, da der Staat, vom Gesetze beherrscht, die Erfüllung des Gesetzes inmitten der menschlichen Gemeinschaft zum Zweck hat und somit eher als Nomokratie angesprochen werden kann.“

(http://www.juedisches-recht.de/lex_ein_staatsrecht.php / Das Wort jüdisch wurde von mir durch das Wort islamisch ersetzt)

Es herrscht also in erster Linie das göttliche Gesetz, der allmächtige Gott ist also der Herrscher. Der Kalif, König, Sultan, Präsident usw ist lediglich ein Knecht des allmächtigen Gottes, der die Pflicht hat im Staate dieses göttliche Gesetz umzusetzen. Dieses ist in keinem der Länder der Fall, die heutzutage den Islam als Staatsreligion postulieren. Ein Staat braucht immer eines von beiden um keinen repressiven Charakter zu haben, entweder ein gerechtes herrschendes Gesetz oder einen gerechten Herrscher.

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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