Die Krise des guten Benehmens (Adab-أدب) der Muslime

„Hätte ich den Islam anhand der Muslime kennen gelernt, wäre ich kein Muslim geworden. Zum Glück habe ich den Islam aus dem Koran gelernt.“ -Yusuf Islam-

Der Regen peitschte auf Dächer, Giebel und Straßen der Elbmetropole. Starke Winde fauchten durch die Gassen und trieben die pulsierende Menschenmenge vor sich her bis sich die Masse bei verschiedenen Unterständen zusammentrollte. Erste Äste barsten und Bäume bogen sich bedrängt an den Wegen und in den menschenverlassenen Parks. Der Verkehr der Großstadt, anfänglich sich noch sträubend, kam zum erliegen. Züge fielen aus. Mittendrin meine zierliche Mutter, die umrahmt von einem Pulk an Menschen, an einer Bushaltestelle ausharrte. Endlich kam ein Bus und meine Mutter war im Begriff einzusteigen, als eine verhüllte Frau rücksichtlos den Ellenbogen in die Seite meiner 63 jährigen Mutter rammte. Meine Mutter schrie auf und rief: „Warum machen sie das?!“ Die Erwiderung kam triumphierend und unwirsch: „Ich kann, ich kann!“

Solche Geschehnisse sind symptomatisch für eine kränkelnde Umma, die sich selbstbemitleidet und jegliche Verantwortung auch im kleinsten Kleinen von sich weist. Doch die „Dawah“ vieler „Muslime“ geht noch weiter: Unhöflichkeiten, Respektlosigkeit und Kriminalität jeglicher Couleur sind an der traurigen Tagesordnung. Wie kann es also sein, dass sichtbare Muslime sich dermaßen daneben benehmen? Nicht nur Yusuf Islam, sondern auch große Denker wie Muhammad Asad und Murad Hofmann – allesamt Konvertiten – wundern sich über die große Diskrepanz von Theorie und gelebter „Nicht-Praxis“.

Neben den „großen Krisen“ im Islam existieren also auch gemeine Krisen bei den Muslimen. Der schlechte Adab wiegt vielleicht sogar schwerer als so manche makrosoziologische Konfliktlinie zwischen Gesellschaft und Staat! In Zeiten der politischen Verwerfungen und dem beständigen Dauerfeuer auf alles „islamisch“ anmutende, kommt es umso mehr darauf an, dem hohen ethischen Standard des Islams gerecht zu werden. Wer seine Religion in der Öffentlichkeit darbietet, trägt also eine große Verantwortung, da er schon allein mit einem simplen Kopftuch für den unwissenden deutschen Durchschnitt den Islam repräsentiert. Wir müssen zuallererst unsere Charaktereigenschaften verbessern – was für die meisten sicherlich schon viel zu mühselig ist – und sollten unserem Propheten Muhammad (s.) dem „wandelnden Quran“ nacheifern.- alles andere – wie beispielsweise ein islamisches Äußeres – kommt dann letztlich wie von selbst! Neben der Charakterschulung kommt sicherlich auch der Aspekt der mangelnden Bildung zu tragen: Wer sich nicht artikulieren kann, dem bleibt letztlich nur die Faust oder eben der Ellenbogen. Ansonsten lasst es doch einfach! Schmückt euch nicht mit dem Islam als wäre er ein profanes billiges Accessoire!

Es wird berichtet:

Abud-Darda‘ (r.) überliefert, dass der Prophet (s.) sagte: „Nichts wiegt am Tag des Gerichts in der Waagschale eines Gläubigen schwerer, als das gute Benehmen; denn Allah verabscheut denjenigen, der unanständig und schamlos ist.“ (At-Tirmidhi) (hasan sahih)

Und noch expliziter:

Abu Huraira (r.) berichtet, dass der Prophet (s.) sprach: „Bei Allah, er glaubt nicht! Bei Allah, er glaubt nicht! Bei Allah, er glaubt nicht.“ Er wurde gefragt: „Wer, oh Gesandter Allahs!?“ Er sagte: „Einer, dessen Nachbar nicht sicher ist vor seiner Bosheit.“ (Al-Bukhari und Muslim)

Diese gewaltigen Aussagen unseres geliebten Propheten (s.) sollten uns endlich mehr berühren und zum besseren verändern. Wenn wir uns als Muslime zum Guten wandeln wollen bedarf es einer schonungslosen Selbstanalyse und einer tiefgründigen Charakterreinigung. Dieses kommt primär erst mal Dir selber zu gute, mittelbar der Umma und letztlich eben auch dem richtigen Auftreten unter Nichtmuslimen.

Allah subhanahu wa ta’ala sagt im edlen Quran:

„Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah.“ (3:110)

Dieser herausfordernden Maxime müssen endlich Taten folgen. Jeder für sich. Kein Kollektiv wird Dich retten. Kein herbeigesehntes Kalifat. Du wirst alleine vor Deinem Schöpfer stehen.

Die blauen Flecken meiner Mutter tun ihr übrigens immer noch weh. Ich habe ihr „Die Gärten der Rechtschaffenen: Auszüge aus Riyadus Salihin“ von Imām an-Nawawī gegeben, um ihr nachzuweisen, dass der Islam ganz andere moralische Prinzipien besitzt und nicht die real praktizierte Unfähigkeit der Muslime ausschlaggebend ist. Vielleicht liest sie es.

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Über Nando-Dragan Nuruddin Augener

Nuruddin, Jahrgang 1989, machte 2010 sein Abitur und lebt in Hamburg. Studium der Erziehungswissenschaft und der Soziologie an der Universität Hamburg (2011-2014). Nuruddin arbeitet als Content-Manager bei einem aufstrebenden Speaker und Mentalcoach. Muslim seit September 2016. Kontakt: nd.augener@web.de

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