Die Unmöglichkeit eines Islamischen Staates

»Der islamische Fundamentalismus stellt vielmehr eine Reaktion auf die Art und Weise dar, wie die Moderne in die islamische Welt gekommen ist. Insofern ist er selber eine ganz und gar moderne Bewegung. Die Lösungsvorschläge, die von islamischen Fundamentalisten gemacht werden, wollen nicht das Rad der Geschichte zurückdrehen und muslimische Gesellschaften in die Zeit vor 1798 zurückversetzen, als es keine modernen Nationalstaaten in der islamischen Welt gab.

Ganz im Gegenteil: Das klassische politische Ideal des islamischen Fundamentalismus ist die Machtübernahme in einem solchen modernen Nationalstaat, dessen umfassende Machtmittel dann eingesetzt werden können, um die Gesellschaft nachhaltig zu islamisieren. Im Denken islamischer Fundamentalisten ist der moderne Nationalstaat unersetzlich, denn er ist das Mittel zur Erfüllung ihrer politischen Ziele. Hier aber liegt die Quadratur des Kreises des islamischen Fundamentalismus, der Widerspruch in sich und damit die Unmöglichkeit eines solchen Staates: Da der moderne Nationalstaat erst durch den Prozess der Säkularisation entstanden ist, lässt sich ein solcher Staat ohne Säkularisation kaum aufrechterhalten.«

– Frank Griffel (Den Islam denken. Versuch, eine Weltreligion zu verstehen)

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Über Nando-Dragan Nuruddin Augener

Nuruddin, Jahrgang 1989, machte 2010 sein Abitur und lebt in Hamburg. Studium der Erziehungswissenschaft und der Soziologie an der Universität Hamburg (2011-2014). Muslim seit September 2016. Kontakt: nd.augener@web.de

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