Kurz gesagt: Ehrlichkeit vor Tabu

»Wenn Ihr Eure Religion praktizieren wollt, dann geht zurück* in Eure Länder!«

Der in Gesprächen mit Vertretern der »Islamkritik« erfahrene Muslim mag mir zustimmen, dass diese und vergleichbare Aussagen das Resultat von etwa 99 Prozent sämtlicher Diskussionen sind, die man bisher mit eben jenem Milieu geführt hat. Die schiere Allgegenwärtigkeit dieses finalen »Arguments« legt die Annahme nahe, es handele sich dabei weniger um ein willkürlich gewähltes Manöver, sondern eben vielmehr um das eigentlich ausschlaggebende Moment im Denken vieler »Islamkritiker«. Sie möchten es schlichtweg nicht leiden, dieses Land mit Anhängern dieser ihnen so suspekten Religion zu teilen.

Doch warum braucht es immer zum Teil stundenlange Debatten, bis sie sich endlich dazu durchringen, diese Regung offen auszusprechen, nachdem sie sie zuvor tunlichst unter dem Mantel aufgeklärt-humanistisch begründeter Religionskritik zu verbergen versuchten? Dies wohl primär deshalb, weil die Aufforderung an Angehörige eines nun mal mehrheitlich aus Migranten zusammengesetzten Milieus, »in ihr Land zurückzukehren«, besonders in Deutschland schnell unter die Beurteilung als Rassismus zu fallen droht. Eine Schublade, in die man sich nicht freiwillig legen möchte.

Was ist nun aber von diesem Befund abzuleiten? Zweifelsfrei dies: es ist an der Zeit, dass der Rassismus als soziales Phänomen endlich enttabuisiert** wird. Denn nur dann kann der Muslim in einer Diskussion mit einem Vertreter der »Islamkritik« auch hoffen, dass ihm sein Gegenüber direkt zu Beginn dieser reinen Wein hinsichtlich der eigenen Gesinnung einschenkt und der Muslim nicht erst stundenlanges Phrasendreschen über sich ergehen lassen muss, welches nur die eigentliche Intention kaschieren soll.

Jeder Mensch sollte die Chance haben, offen und unumwunden zu dem Unrat, den er seine Überzeugung nennt, stehen zu können!

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* Einen besonders tragisch-komischen Beigeschmack hat diese Forderung freilich gerade dann, wenn sie an einen »biodeutschen« Konvertiten gerichtet ist.

** Dies bedeutet wohlgemerkt nicht, dass man Rassismus nicht weiterhin als moralisch verwerfliche Einstellung wahrnimmt. Enttabuisierung soll lediglich meinen, dass die Möglichkeiten, sich selber zu demaskieren, zahlreicher werden. Eben in dem Sinne, dass keine Sprachverbote dabei im Wege stehen.

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Maximilian Suleiman Massauer

Über Maximilian Suleiman Massauer

Vom Niederrhein stammend und 2009 zum Islam übergetreten. Gegenwärtig Studierend. Mein Interesse gilt insbesondere geschichtlichen, philosophischen und religiösen Themen und der diesbezüglichen Literatur. Besonders anziehend auf mich wirkt die Kunst der Aphoristik, in der ich mich gelegentlich selbst übe.

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