Materialien zur Geschichte der Wahaby – 07.2 – Kriegsberichterstattung

Als Mohammed Aly im Jahr 1804 Pascha von Ägypten wurde, wo er während der letzten zwei Jahre allen Einfluss ausgeübt hatte, den ihm seine zahlreichen Truppen und seine eigene Schlauheit über die schwachen Reste der einst furchtbaren Mammelucken, nur verleihen konnten, wurde ihm von der Pforte hauptsächlich zur Pflicht gemacht, die heiligen Städte wieder zu erobern. Er wusste recht wohl, dass die Nichtbefolgung dieser Befehle von der Regierung mit dem Verluste seiner Stelle bestraft werden würde; und um ihn noch mehr anzuspornen, versprach ihm die Pforte das Paschalik von Damaskus für einen seiner Söhne, sobald er von Mekka und Medinah Besitz genommen haben würde. Auch sein eigener Ehrgeiz machte ihm die Erreichung dieses Zieles höchst wünschenswert, indem ihn die Befreiung der heiligen Städte über alle andere Paschas des türkischen Reiches erheben und seinem Namen so viel Zelebrität verleihen würde, dass die Pforte nachher nie sich bewogen finden möchte, seinen Interessen entgegen zu treten. Während der ersten Jahre seiner Regierung hatte er es immer mit den Mammelucken zu tun; und erst im Jahre 1810 kam ein Vergleich mit ihnen zu Stande, nach welchem sie ihre Ansprüche auf ganz Unterägypten und den größeren Teil von Oberägypten aufgaben. Er lud sie unter dem Versprechen eines sichern Geleits nach Kairo ein und ließ sie alsdann, wie bekannt, auf eine treulose Weise in dem Kastell dieser Stadt ermorden. Gegen das Ende des Jahres 1809 machte Mohammed Aly ernsthafte Anstalten für seine Expedition. Vor allen Dingen musste er eine hinlängliche Zahl Schiffe für den Transport von Truppen und Lebensmitteln zur Verfügung haben. Hätte er ein einziges Schiff aus Hedschaz in Beschlag genommen, so würden alle anderen aus Furcht weggeblieben sein und seiner Unternehmung Nachteile gebracht haben. Er beschloss daher, eine Flottille zu bauen, und während der Jahre 1809 bis zum Frühling 1811 wurden zu Suez 28 große und kleine Schiffe (von 100 bis 250 Tonnen Trächtigkeit) gebaut, und es fanden hier gegen 1000 Arbeiter, unter welchen sich Griechen und andere Europäer befanden, beständig Beschäftigung. Das Holz wurde zu Bulak bei Kairo zugehauen, auf Kamelen durch die Wüste transportiert, und zu gleicher Zeit wurden zu Suez große Magazine von Getreide, Zwieback und anderen Lebensmitteln angelegt. Da es nicht leicht war, in solchen Schiffen viel Reiterei über ein gefährliches Meer zu transportieren, so musste dafür gesorgt werden, dass sie zu Lande den Punkt ihrer Bestimmung erreichen konnten. Die Kastell auf der Pilgerstraße zwischen Kairo und Yembo (Adscherud, Nakhel, Akaba, Moeyleh und el Wodsch) wurden alle ausgebessert, mit neuen Mauern verstärkt und mit Infanterie von den Moggrebyns versehen, die mit den Beduinen gut umzugehen wussten. Diejenigen Beduinenstämme, welche in der Nähe dieser Kastell lebten, wurden durch Geschenke dahin gebracht, mit ihren Kamelen nach Kairo zu ziehen und Proviant zu holen, der in den Magazinen dieser Kastell niedergelegt wurde. Zu gleicher Zeit wurden auch Getreidemagazine zu Kosseir errichtet; aber zu Anfange des Krieges besaß dieser Hafen noch nicht die Wichtigkeit, welche er nachher als ausschließliches Depot aller Vorräte erlangte, indem er Hedschaz weit näher, als Suez lag, welches bloß der Handelshafen für Kairo blieb.

Als Ghaleb, der Scherif von Mekka, hörte, dass so bedeutende Anstalten zu einem Angriffe von Hedschaz gemacht würden und dass Mohammed Aly größere Hilfsmittel besitze, als irgendein anderer Pascha, der bis jetzt noch mit Heeresmacht sich einen Weg in dieses Land zu bahnen versucht habe, so hielt er es für zweckdienlich, in geheime Korrespondenz mit ihm zu treten und ihm die Versicherung zu geben, dass, wenn auch unbesiegbare Umstände ihn genötigt hätten, sich den Wahaby anzuschließen, er doch bereit sei, das Joch abzuschütteln, sobald nur eine ansehnliche türkische Armee die Küste von Hedschaz betreten habe. In Folge dieser Korrespondenz gab er umständliche Auskunft über den gegenwärtigen Zustand der Wahaby, über die Gesinnung der Beduinen in Hedschaz und darüber, wie am besten der Angriff zu machen sei.

Dem ersten Kaufmanne von Kairo, Seyd Mohammed el Mahruky, der selbst oft in Mekka gewesen war und den Handel auf dem Roten Meere vollkommen kannte, vertraute Mohammed Aly die politische Leitung des Krieges und alle notwendigen Unterhandlungen mit den Beduinen am Roten Meere an; und es lässt sich nicht leugnen, dass dieser Mann zum endlichen Gelingen der Unternehmung viel beigetragen habe. Mohammed Aly besaß einen zu argwöhnischen Charakter, um großes Vertrauen in die Versicherungen Ghalebs zu setzen, dessen List und Verschlagenheit nur zu gut bekannt waren; aber es machte sich nötig, die Erwartungen zu nähren, welchen Ghaleb hinsichtlich des Einfalles einer fremden Armee bei sich Raum gegeben hatte. Es wurden ihm die schönsten Versprechungen gemacht, dass die Zölle von Dschidda (die Hauptquelle seines Einkommens) ihm bleiben sollten; und die Soldaten, welche zu dieser Unternehmung eingeschifft werden sollten, wurden durch insgeheim verbreitete Nachrichten ermutigt, dass Ghaleb mit seiner ganzen Macht zu ihnen stoßen würde, sobald sie am Ort ihrer Bestimmung angelangt waren. Der Zustand Ägyptens war noch nicht so ruhig, dass Mohammed Aly das Land in eigener Person hätte verlassen können. Im südlichen Teile von Oberägypten führten die Mammelucken noch immer mit den Truppen des Paschas einen hitzigen Krieg. Tusun Bey, der zweite Sohn Mohammed Alys, ein Jüngling von 18 Jahren, befehligte die erste Unternehmung gegen die Wahaby, die nach vielem Verzug zu Ende des Augusts 1811 abzugehen bereit war. Tusun Bey hatte im Kriege mit den Mammelucken, als er noch ein Knabe zu nennen war, Beweise von außerordentlichem Mute gegeben; und da der Mut unter der gegenwärtigen Rasse der entarteten Osmanen eine so seltene Eigenschaft war und eine noch seltenere in der Familie eines Pascha, so hielten ihn seine Freunde für die schwierigste Unternehmung tauglich. Ahmed Aga, der Schatzmeister, oder kheznedar Mohammed Alys, ein Mann von großer Tapferkeit und weisem Rate, wurde dem Tusun als Anführer beigegeben. In den Kriegen gegen die Mammelucken und gegen die Araber in Ägypten hatte er sich als ein tüchtiger Haudegen bewiesen und bei seinem Herrn in Ansehen gebracht. Seine gänzliche Verachtung des Menschenlebens und aller moralischen Grundsätze, so wie sein stolzes Prahlen hatte ihm zu dem Beinamen Bonaparte verholfen, worauf er sich viel einbildete und bei welchem er durchgängig in Ägypten genannt wurde.[1]

Dass er ein tapferer Soldat war, lässt sich nicht leugnen; aber Neigung zum Trunk und Ausschweifungen der niedrigsten Art hatten seinem Charakter alle Energie und seinem Geiste alle Beurteilung geraubt.

Diesen zwei Befehlshabern wurde noch der oben genannte el Mahruky beigegeben, der hauptsächlich die diplomatische Unterhandlung mit dem Scherif und den Beduinen zu besorgen hatte. Zwei große Ulama aus Kairo, Scheikh el Mehdy und Scheikh el Tahtawy, schifften sich ebenfalls mit den Truppen ein, um, wie man sagte, durch ihre gelehrte Unterhaltung die Wahaby von den Irrtümern zu überzeugen, welche sie in ihrem neuen Glauben angenommen hätten. Die Expedition bestand aus zwei Teilen. Die Infanterie bestand hauptsächlich aus Arnauten[2], an der Zahl 1500 bis 2000. Sie wurden von Saleh Aga und von Omar Aga angeführt, in Suez nach dem Hafen Yembo eingeschifft und nahmen alle neu gebauten, mit Proviant beladenen Schiffe mit sich. Die Reiterei unter Tusun Bey und Ahmed Bonaparte bildete ein Korps von etwa 300 Mann türkischer Reiter und bewaffneter Beduinen. Sie wurde von dem Scheikh des Stammes Howeytat, namens Schedid, angeführt und ging zu Lande nach Hedschaz.

Im Oktober 1811 langte die Flotte in Yembo an. Die Truppen landeten in geringer Entfernung von der Stadt, die nach schwachem Widerstand zwei Tage darauf kapitulierte. Vierzehn Tage später langte die Reiterei an, ohne von den Beduinenstämmen, die bereits durch bedeutende Geldsummen gewonnen waren, den geringsten Widerstand erfahren zu haben. Die Einnahme von Yembo wurde als ein erster Sieg über die Wahaby ausposaunt und als eine günstige Vorbedeutung des ferneren Erfolges der Unternehmung betrachtet. Die Truppen blieben mehrere Monate untätig und zwar die Infanterie in der Hafenstadt Yembo und die Reiterei mit den Beduinen zu Yembo el Nakhel, sechs Stunden vom Hafen entfernt. Letzterer Ort ist die Hauptstation der Dscheheyne-Araber. Diese Zeit verging mit Unterhandlungen. Tusun Bey fand, dass Hedschaz keineswegs in einem solchen Zustande sei, wie er es nach Ghalebs Schilderungen zu finden gehofft hatte. Die Beduinenbewohner dieses Landes und besonders die beiden großen Stämme Harb und Dscheheyne waren, trotz ihres Hasses gegen die Wahaby und ihres Wunsches, wieder an dem reichen Tribut und dem Gewinne Teil zu nehmen, den ihnen die türkische Pilgerkarawane sonst brachte, doch in großer Furcht vor der Macht und Wachsamkeit Sauds; und sie wagten sich nicht zu regen, solange die Türken keinen entschiedenen Vorteil erlangt hatten, aus welchem sie Hoffnung für das Gelingen der Unternehmung schöpfen konnten, im Falle dass sie sich ihnen anschlössen. Die Einnahme von Yembo war für die Verfolgung dieses Krieges eben nicht von großer Wichtigkeit, obschon es den Türken äußerst nützlich war, einen sichern Ankerplatz für ihre Schiffe und ein Depot für ihre Vorräte zu haben.

Zur Zeit, als die türkische Expedition anlangte, lag in Yembo keine Garnison der Wahaby, aber der Scherif Ghaleb hatte in dieser Stadt einen Gouverneur und ungefähr 100 Soldaten. Diese hatten einigen Widerstand zu leisten versucht, aber die Einwohner nötigten sie, sich zurückzuziehen, weil sie befürchteten, die Stadt einer Erstürmung wilder Truppen auszusetzen, und es der Klugheit gemäß hielten, zu kapitulieren. Der Scherif blieb ruhiger Zuschauer dieses beginnenden Krieges. Er entschuldigte sich schriftlich bei Tusun Bey mit seiner geringen Macht und seiner Furcht vor den Wahaby deshalb, dass er sich noch nicht angeschlossen habe, erklärte aber feierlich, dass er die Maske abnehmen und die Wahaby offen angreifen wolle, sobald die Türken einen wichtigen Vorteil errungen hätten, womit zugleich alle Beduinenstämme in Hedschaz auf ihre Seite treten würden. Unterdessen warf er eine starke Garnison nach Dschidda und Mekka, und als ihn Saud dringend aufforderte, sich mit ihm gegen die Türken zu vereinigen, entschuldigte er sich damit, dass er einen plötzlichem Überfall von Dschidda von der Wasserseite her befürchtete, was auch die Einnahme des entfernter gelegenen Mekka zur Folge haben könne.

Es war offenbar die Absicht des Scherifs, die Zeit abzuwarten und über denjenigen Teil herzufallen, der die erste bedeutende Niederlage erfahren würde, oder auch zu warten, bis beide Teile durch den Krieg geschwächt sein würden, und sie dann beide aus seinen Gebiete zu vertreiben. Die einzigen Beduinen in Hedschaz, welche Tusun Bey den Wahaby abwendig machen konnte, waren einige Zweige von dem großen Stamme der Dscheheyne, die in der Nachbarschaft von Yembo wohnten, wogegen aber der größere Teil dieses Stammes, wie auch alle Teile des Stammes Harb, der an das Gebiet der Dscheheyne grenzte, gegen alle Anerbietungen des Tusun Bey unempfindlich blieben.

Es machte sich indessen notwendig, den Feldzug zu eröffnen, damit nicht die Bewohner von Hedschaz, wie auch der Feind diese Untätigkeit als Furcht und die Unterhandlung als einen Beweis der Schwäche auslegen möchten. Eine Bewegung gegen Mekka, oder Dschidda würde den Scherif Ghaleb, welcher diese Städte besetzt hatte, mit einem Male genötigt haben, sich für die eine, oder die andere Partei zu erklären; aber eine solche Erklärung hatte Tusun Bey mehr zu fürchten, als es bei den Wahaby der Fall war. Sehr klug richtete er deshalb seine Blicke auf Medinah, welches sechs Tagereisen von Yembo liegt. Medinah galt immer für die am besten befestigte Stadt in Hedschaz, für das Bollwerk dieser Provinz gegen Nedschid und für die Festung der Wahaby. Der Besitz dieser Stadt konnte deshalb der syrischen Pilgerkarawane ihren Weg öffnen, oder verschließen. Die Einnahme von Medinah musste eine Menge Beduinen bewegen, sich der türkischen Armee anzuschließen; und der Scherif Ghaleb versprach förmlich, als er diese Absicht der Türken erfuhr, sich gegen Saud zu erklären, sobald diese Stadt genommen sein würde.

Nachdem Tusun Bey eine Garnison zu Yembo zurückgelassen hatte, marschierte er mit seinen Truppen im Januar 1812 auf Medinah los. Nach einem geringen Kampfe rückte er in Beder, einer kleinen Stadt, zwei Tagereisen von Yembo gelegen und vom Stamme Harb bewohnt, ein. Beder liegt am Fuße der Gebirge, über welche der Weg nach Medinah unvermeidlich führt. Von den Beni Harb, welche alle Pässe in diesen Gebirgen besetzt haben, war einiger Widerstand zu erwarten, aber von anwesenden Truppen der Wahaby war nichts bekannt. Tusun ließ eine kleine Garnison zu Beder und marschierte mit seiner Armee nach Szafra. einem Marktplatz des Stammes Harb, acht Stunden von Beder. Hier ergriff nach kurzem Gefecht eine Abteilung dieses Stammes die Flucht. Vier Stunden von Szafra führt der Weg durch einen engen Pass, vierzig bis sechzig Ellen breit, zwischen steilen und schroffen Gebirgen hin. Am Eingange dieses Passes liegt das Dorf Dschedeyde, in einem Haine von Palmenbäumen. Dieses ist die Hauptniederlassung von Beni Harb, denen in früheren Zeiten die syrische Pilgerkarawane oft beträchtliche Summen zahlen musste, um freien Durchgang zu erhalten. In diesem Defilé[3], welches l 1/2 Stunden lang ist, wurde die türkische Armee auf einmal von der ganzen Macht des Stammes Harb angegriffen. Als die Türken nach einigen Scharmützeln die Oberhand zu behalten glaubten, ließen sie sich verleiten, die Araber bis in die Mitte dieses Passes zu verfolgen, aber mit einem Male waren die Berge auf beiden Seiten dick mit den Truppen der Wahaby bedeckt, die den Tag zuvor aus Nedschid angelangt waren, und wovon die Türken nicht das Geringste erfahren hatten. Die Wahaby wurden von Abdallah und Faysal, den Söhnen Sauds, angeführt, und ihre Armee bestand aus zwanzigtausend Mann Infanterie und Kamelreitern, und sechs bis achthundert Mann zu Pferde. Hätten sich die Türken in das Dorf Dschedeyde zurückgezogen und daselbst befestigt, so hätten sie den Angriff aushalten können und eine ehrenvolle Kapitulation erlangt, da es bei der Menge der Feinde unmöglich war, sich lange auf diesem Punkte zu halten.

Bei dem ersten Kriegsgeschrei begann aber die türkische Infanterie zu fliehen und die Kavallerie, welche den Rückzug decken sollte, ergriff bald ebenfalls die Flucht, während ihre schnellfüßigen Feinde sie von hinten drängten, sie von beiden Bergseiten her überholten und unaufhörliche Salven auf sie gaben. Selbst in dieser verzweifelten Lage verlor Tusun Pascha nicht den Ruhm der Tapferkeit und benahm sich, wie es einem Anführer nur Ehre macht. Nachdem er sich vergebens Mühe gegeben hatte, seine Truppen zu sammeln, eilte er, nur von zwei Reitern seines Gefolges begleitet, zur Nachhut und stürzte sich auf den Feind, um ihn von der Verfolgung abzuhalten.

Augenzeugen haben mir die Versicherung gegeben, dass Tusun mit Tränen in den Augen den fliehenden Türken zugerufen habe: „Will denn keiner bei mir bleiben?’” Etwa zwanzig Reiter sammelten sich um ihn, und glücklicher Weise waren die Wahaby auf kurze Zeit damit beschäftigt, sich des Gepäcks der Armee zu bemächtigen, und ließen deshalb in der Verfolgung nach. Als endlich die Türken das freie Feld vor dem Defilé erreicht hatten, sammelte sich ihre Reiterei wieder und beschützte einigermaßen die anderen. Hätten die Wahaby sich eiligst über die Berge begeben, so würden sie die ganze türkische Armee eingeschlossen und vernichtet haben. Sie begnügten sich indessen mit Eroberung der ganzen Bagage [Gepäck], vier Feldstücke, fast aller Kamele und vieler Beute, die sie in den Gürteln der Arnauten fanden, welche sich in Ägypten durch Plünderung der Mammelucken bereichert hatten. Gegen zwölfhundert wurden an diesem Tage erschlagen. Tusun Bey zog sich nach Beder zurück, verbrannte hier das Lager, da ihm alle Transportmittel fehlten, ließ auch aus demselben Grunde seine Kriegskasse zurück und eilte von Beder an die Meeresküste, wo mehrere seiner Schiffe in einer Bai, namens Bereyka, vor Anker lagen. Hier schiffte er sich mit sehr wenigen Begleitern ein und ging nach Yembo. Der Rest seiner Truppen langte einige Tage später in großem Elende an. Zum Glücke für die Türken glaubten die Wahaby, dass ein starkes Korps derselben zu Beder sich verschanzt habe, und verfolgten nicht unmittelbar ihren Sieg. Wer also nur einigermaßen noch bei Kräften war, erreichte endlich Yembo.

Als die Wahaby erfuhren, dass ihre Feinde sich nach Yembo zurückgezogen hatten, sendeten sie Streitparteien aus, welche bis an die Mauern dieser Stadt schwärmten. Sobald der Scherif erfuhr, dass die Unternehmung der Türken verunglückt sei, begab er sich persönlich nach Beder zu den Wahaby. Es wurde zuerst vorgeschlagen, Yembo zu stürmen, aber man gab endlich den Vorschlag auf, weil man befürchtete, dass die arabischen Bewohner der Stadt, die sich den Türken aufrichtig angeschlossen hatten, mit wahrer Verzweiflung fechten würden. Die Wahaby fanden es unnötig, die Stadt länger zu belagern, und zogen sich ins Innere zurück, bereit, sich augenblicklich wieder zu versammeln, sobald es die Türken wagen sollten, zum zweiten Mal eine Armee ins freie Feld zu führen. Bei diesem Rückzug gaben sie dem Stamme Harb den Auftrag, die Türken zu beunruhigen und der Stadt alle Zufuhr abzuschneiden.

In Bezug auf die gefährliche Lage, in welcher sich Tusun Pascha befand, als ihn alle seine Leute bis auf zwei Reiter verlassen hatten, muss ich hier eine Anekdote von einem dieser braven Soldaten erzählen. Er hieß Ibrahim Aga und war Anführer von Tusuns Mammelucken (Anakder Agassy). Er war ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren, in Edinburg geboren und hieß Thomas Keith. Bei der letzten englischen Expedition gegen Ägypten war er, nebst mehreren anderen Soldaten vom zwei und siebzigsten Regiment der Hochländer (Highlander), in welchem er Büchsenschmied war, zum Gefangenen gemacht worden. Er ging zum Muselmännischen Glauben über und wurde von dem Soldaten, der ihn gefangen genommen hatte, an den obenerwähnten Ahmed Bonaparte verkauft. Als ein sizilianischer Mammeluck, der Liebling seines Herrn, einst den jungen Schotten beleidigt hatte, so folgten Schläge; die Schwerter wurden gezogen, und der Sizilianer fiel. Ibrahim Aga entging dem Zorn des Ahmed Bonaparte und flehte die Gemahlin des Mohammed Aly um ihren Schutz an, die ihn begünstigte und ihren Sohn Tusun Bey bewog, ihn in seine Dienste zu nehmen.

Tusun gab in einem Anfalle von übler Laune, die sich bei den türkischen Despoten so oft einzustellen pflegt, den Befehl, dass der junge Schotte, wegen einer geringfügigen Vernachlässigung seiner Pflicht, getötet werden solle, aber der brave Bursche verteidigte den Eingang seiner Stube mit seinem Schwerte gegen mehrere Angreifer über eine halbe Stunde lang, entsprang dann durch das Fenster und flüchtete sich wieder zu seiner gütigen Beschützerin, die ihn bald wieder mit seinem Herrn aussöhnte. Tusun Bey lernte endlich den Wert Ibrahims, als eines tapferen Soldaten, kennen, machte ihn zum Anführer seiner Mamelucken und beförderte ihn endlich nach seinem tapferen Benehmen bei Dschedeyde zur Stelle eines Schatzmeisters, dem Rang nach der zweite Posten am Hof eines Paschas. Er focht wieder tapfer bei Medinah und bei Taraba, wie später erzählt werden soll, wurde im Jahr 1815 Gouverneur von Medinah und zwei Monate später, als er dem Tusun Bey, der in der Provinz Kasym lagerte, mit zweihundert und fünfzig Reitern zur Hilfe eilen wollte, wurde er von einer überlegenen Zahl Wahaby angegriffen und teilte das Los seiner Truppen, die alle bei diesem Treffen umkamen. Bei dieser Gelegenheit erlegte der tapfere Schotte vier Wahaby mit eigener Hand; und Abdallah Ibn Saud bekannte, dass Tusun Bey und sein treuer Schatzmeister die beiden tapfersten Männer im Heere seien.

Die Verluste, welche sie bis jetzt gehabt hatten, machten die Truppen völlig mutlos. Saleh Aga und Omar Aga, die beiden Anführer der Infanterie, erklärten jetzt, dass sie nicht länger in Hedschaz fechten könnten. Tusun Bey beschloss deshalb, sie nach Hause zu schicken. Sie kehrten nach Cosseir zurück, und auf dem Wege nach Kairo rekrutierten sie ihr Korps mit einer Menge von Subjekten, die mit dem Pascha unzufrieden waren. Nachdem sie sich dieser Stadt genähert hatten, nahmen sie eine so imposante Stellung an, dass Mohammed Aly alle Kunst anzuwenden hatte, sie durch Drohungen und Geschenke dahin zu bringen, dass sie Ägypten verließen. Beide hatten in früherer Zeit die reichsten Distrikte in Oberägypten geplündert und schifften sich in Alexandrien mit bedeutenden Schätzen ein.

Die Truppen des Tusun Bey hatten schon durch die ermüdende Landreise bis nach Yembo viele Pferde verloren und wurden von der meisten Beduinen-Reiterei verlassen, die sie bis jetzt begleitet hatte. Gegen zweihundert Pferde waren bei Dschedeyde getötet worden; und als die Armee Yembo erreichte, konnte sie nicht über zweihundert Pferde mehr aufstellen. Auch Mangel an Futter nötigte die Besitzer, diese übriggebliebenen Pferde zu verkaufen, und die Mannschaft wurde nach Kairo geschickt, um sich frisch equipieren[4] zu lassen. Sobald der Pascha den unglücklichen Ausgang der Unternehmung seines Sohnes erfahren hatte, suchte er auf alle mögliche Weise den Verlust zu ersetzen und Anstalten zu einer neuen Expedition zu machen. Mohammed sendete seinem Sohne große Geldsummen, um sie unter die benachbarten Beduinen-Scheikhs zu verteilen, in der Hoffnung, sie dadurch dem Interesse der Wahaby abwendig zu machen. Der ganze Frühling und Sommer des Jahres 1812 wurde zu diesen Unternehmungen verwendet, und es langten täglich Truppenverstärkungen und Kriegsvorräte zu Yembo an. Dem Mahruky gelang es endlich, durch sein Gold eine beträchtliche Zahl der Beni Harb zu gewinnen, hauptsächlich aber die stärksten Zweige dieses Stammes, die Beni Salem und die Beni Sobh, welche den Pass von Szafra und Dschedeyde besetzt hielten. Selbst Scherif Ghaleb, als er überzeugt war, dass Mohammed Aly sich entschlossen hatte, den Kampf zu verlängern, kehrte wieder zu seinem alten Systeme der Politik zurück und versicherte dem Tusun Bey, dass er bloß aus Furcht sich zu Beder mit den Wahaby vereinigt habe, erneuerte auch sein Versprechen, den türkischen Truppen die Tore von Dschidda und Mekka zu öffnen, sobald sie Medinah genommen haben würden.

Im Oktober 1812 hielt sich Tusun für hinlänglich mächtig, um einen zweiten Versuch auf Medinah zu machen. Die Beduinen an dieser Straße waren seine Freunde geworden; viele Individuen der Dscheheyne hatten sich ihm angeschlossen; und die Nachricht, dass die Wahaby ganz untätig in Nedschid waren, bestärkte seine Hoffnung eines günstigen Erfolges. Er verlegte sein Hauptquartier nach Beder, und Ahmed Bonaparte übernahm die Anführung der Truppen, die durch denselben Pass, den Schauplatz ihrer vorigen Niederlage, jetzt nach Medinah vorrückten. Sie kamen ungehindert durch, ließen eine starke Besatzung zu Dschedeyde und erreichten ohne Schwertstreich die Mauern von Medinah.

Eine Garnison der Wahaby hatte Stadt und Kastell seit vorigem Jahre besetzt, und beide waren auf eine lange Belagerung gut mit Vorräten versehen. Das Oberhaupt der Wahaby war indessen auf eine ganz unerklärliche Weise in Hedschaz untätig geblieben; aber der Sieg zu Dschedeyde hatte seine Autorität über alle nördlichen Araber verbreitet, und im Jahr 1812 sammelte er von den Beduinen in der unmittelbaren Nähe von Bagdad, Aleppo und Damaskus den Tribut ein. Nachdem zu Mekka die zu Dschedeyde gemachte Beute verkauft worden war, kehrte er nach Derayeh zurück, und seine Soldaten waren so stolz durch ihren Sieg geworden und verachteten die Türken wegen ihres feigen Benehmens bei Dschedeyde dermaßen, dass sie der Meinung waren, es stehe jederzeit in ihrer Gewalt, sie wiederum zu schlagen. Saud erwartete wahrscheinlich, dass Medinah lange Zeit Widerstand leisten würde und dass die Türken endlich aus Mangel an Lebensmitteln zur Rückkehr gezwungen sein würden. In diesem Falle sah er vorher, dass die Beni Harb ihre fremden Alliierten verlassen würden, die dann abermals leicht vernichtet werden könnten.

Einige Gefechte mit der Besatzung der Wahaby fanden vor Medinah statt, und in Folge derselben drang Ahmed Bonaparte in die Vorstädte und trieb die Wahaby in die innere Stadt, aus welcher sie bei der Annäherung der Türken alle Einwohner vertrieben hatten, die jetzt in den Vorstädten wohnten und lebhaften Anteil an dem ersten Gefechte gegen die überlastigen Wahaby nahmen. Die innere Stadt wurde von einer starken und hohen Mauer und einem befestigten Kastell beschützt, gegen welches die Türken nichts, als leichte Feldstücke richten konnten. Nach einer 14 tägigen Belagerung, binnen welcher Zeit die Wahaby verschiedene Ausfälle gemacht hatten, legten die Türken eine Mine, aber auf eine so offenbare Weise, dass die Wahaby Mittel fanden, entgegen zu arbeiten und ihnen alles zu zerstören. Eine zweite Mine hatte in der Mitte des November 1812 einen bessern Erfolg und sprengte einen Teil der Mauer in die Luft, während die Wahaby bei ihrem Mittagsgebete versammelt waren, worauf die Arnauten in die Stadt eindrangen. Die erschrockenen Wahaby flohen nach dem Kastell; gegen 1000 von ihnen wurden in den Straßen niedergehauen; die ganze Stadt wurde geplündert, und es waren im Ganzen nur fünfzig Türken geblieben. Der obenerwähnte Schotte, Thomas Keith (oder Ibrahim Aga), bewies bei dieser Gelegenheit seine gewöhnliche Unerschrockenheit und war der erste, welcher durch die Bresche eindrang. Gegen 1500 Wahaby flüchteten sich ins Kastell, was die Türken aus Mangel an schwerem Geschütz nicht nehmen konnten; und da das Kastell auf einem massiven Felsen lag, so war eine Mine nicht anzulegen. Als aber nach drei Wochen ihre Vorräte erschöpft waren, kapitulierten die Wahaby unter der Bedingung des sicheren Geleits, welches ihnen Ahmed Bonaparte zugesichert hatte. Er gestand ihnen auch zu, dass sie all ihr Gepäck mitnehmen könnten, und dass Kamele für diejenigen vorhanden sein sollten, welche nach Nedschid zurückzukehren wünschten.

Als die Garnison aus dem Kastell ausrückte, fand sie, statt der versprochenen 300, nur 50 Kamele zu ihrer Disposition. Sie war demnach genötigt, den größten Teil ihres Gepäcks zurückzulassen, und das Wertvollste musste jeder Einzelne auf dem eigenen Rücken fortschaffen. Kaum hatten sie aber das Weichbild [Zentrum] der Stadt verlassen, als die türkischen Soldaten ihnen nachsetzten, sie ausplünderten und so viele von ihnen töteten, als sie nur erreichen konnten. Außer denen, welche mit Kamelen versehen waren, entkamen nur wenige. Diese Araber gehörten meistenteils zum Stamme Asyr, welcher südlich von Mekka wohnt und nach der Zeit dem Mohammed Aly einen so hartnäckigen Widerstand entgegengesetzt hat. Einer der Anführer dieser Wahaby, Saleh Ibn Saleh aus Bagdad, war so glücklich, die Heimat wieder zu erreichen. Masaud el Mebheyan, welchen Saud zum Oberhaupt aller Beni Harb gemacht und ihn auch über mehrere andere Stämme gesetzt hatte, wollte sich nicht in die Stadt einschließen und begab sich deshalb mit seiner Familie und vierzig Mann Bedeckung in ein Gartenhaus, welches er, eine Stunde von Medinah entfernt, in einem Dattelhaine befestigt hatte. Als Medinah genommen war, kapitulierte er unter der Bedingung des sicheren Geleits für sich, seine Familie, seine Leute und sämtliches Gepäck. Es wurde ihm in den Vorstädten ein Haus für seine Familie und sein Eigentum angewiesen. Als aber das Kastell übergegangen war und die Besatzung auf eine so niedrige Weise ermordet wurde, plünderten die Türken sein Haus, töteten seine Söhne und seine Begleitung, legten ihm selbst Fesseln an und sendeten ihn nach Yembo. Als er durch Beder kam, gelang es ihm des Nachts in die Gebirge zu entkommen. Er flüchtete sich zu einigen Beduinen des Stammes Beni Harb, welche nach drei Tagen durch türkisches Geld bewogen wurden, ihn auszuliefern. Er wurde hierauf von Yembo nach Kairo und nachher nach Konstantinopel gesendet, wo ihm der Kopf abgeschlagen wurde. Sein Leidensgefährte bei dieser Gelegenheit war Hassan el Kaladschy, dessen wir schon Erwähnung getan haben und der bekanntlich die Regierung von Medinah usurpierte[5], ehe die Wahaby die Stadt nahmen.

Das treulose Benehmen der Türken zu Medinah war eine höchst unweise Maßregel, indem sie es mit einem Feinde zu tun hatten, welcher wegen der pünktlichsten Erfüllung seines Versprechens berühmt war und einmal zugestandenes sicheres Geleite niemals verletzte. Alle Beduinen ärgerten sich über ein solches Benehmen, und andere Vorfälle ähnlicher Natur, die ich nachher erwähnen will, schändeten den türkischen Namen durch ganz Hedschaz. Ahmed Bonaparte sammelte, im echten Geschmack eines Vandalen, alle Schädel der in Medinah erschlagenen Wahaby und ließ aus denselben, auf der Straße nach Yembo, eine Art von Turm aufbauen. Er stellte eine Wache dabei; aber dennoch gelang es den Arabern und selbst den Einwohnern von Medinah, nach und nach die meisten dieser grässlichen Denkmäler zu beseitigen; und als ich im Jahr 1815 nach Medinah kam, waren sehr wenige derselben noch übrig.

Nachdem Medinah eingenommen war, rückte eine Expedition von 1000 Reitern und 500 Mann Infanterie, welche über Yembo gegangen waren, gegen Dschidda und Mekka. Sie wurden von Mustafa Bey, dem Schwager Mohammed Alys, angeführt. Gleich dem Ahmed Bonaparte hatte sich dieser Mann ehedem durch seine barbarische Strenge gegen die ägyptischen Rebellen ausgezeichnet, mit welchen Mohammed Aly so häufig zu kämpfen hatte. Als Gouverneur der Provinz Scherkieh rottete er ganze Beduinenlager aus und verbrannte viele Dörfer; und oft pflegte er sich zu rühmen, dass mehr Männer unter den Händen seiner kowas (oder Scharfrichter) gestorben seien, als in die Welt getreten sein würden, wenn jedes seiner Weiber alle Tage im Jahr ein männliches Kind geboren hätte.

Scherif Ghaleb war durch den Fall von Medinah etwas eingeschüchtert worden. Vielleicht wünschte er auch wirklich, das Joch der Wahaby abzuschütteln, und zog es wenigstens jetzt vor, sich zu den Osmanen zu halten. Er sendete Boten dem Mustafa Bey entgegen und ließ ihn in seine Städte einladen. Einige hundert Mann wurden nach Dschidda abgesendet, während die Hauptmacht gegen Mekka rückte, wo el Medhayfe damals die Macht der Wahaby befehligte. Er fand sich indessen nicht stark genug, eine Schlacht anzubieten, und zog sich nach Tayf zurück und zwar einige Stunden vor dem Einzuge des Mustafa Bey im Januar 1813. Das Eigentum der Mekkaner wurde respektiert, wie auch ehedem von den Wahaby. Ghaleb stieß nun zu den Türken mit mehr, als 1000 Arabern und schwarzen Sklaven. Vierzehn Tage nach der Befreiung von Mekka wurde ein Angriff auf Tayf gemacht, welches drei Tagereisen gegen Osten lag. Vor der Stadt fiel ein Gefecht vor; el Medhayfe ergriff die Flucht, und Scherif Ghaleb zog mit Mustafa Bey in die Stadt ein, welche die Wahaby zehn Jahre lang besessen hatten, und die mehr, als irgendeine andere Stadt in Hedschaz gelitten hatte.

____________________________________

[1] Ich besitze einige Originalbriefe, welche das Oberhaupt der Wahaby an ihn gerichtet hatte. In denselben wird er „Ahmed Aga Bonaparte” genannt.

[2] Albaner

[3] Engpass

[4] aufrüsten

[5] widerrechtlich an sich nahm

Ähnliche Beiträge

Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.