Rezension: Uns hat keiner gefragt. Geschichten über Kopftuch, Schleier und Zwang

Vor gut zwei Monaten habe ich mit großem Interesse das Buch „Uns hat keiner gefragt“ vom „Darul Kitab Verlagshaus“ gelesen und hatte damals schon die Absicht gefasst, eine Buchbesprechung zu verfassen. Nachdem ich das Buch innerhalb von ein paar Tagen durchgelesen hatte, machte es eine kleine Odyssee zu verschiedenen Personen, die dieses Buch ebenfalls studieren wollten. Nun, mitten im Spätsommer, nach einigen anderen Rezensionen und schriftlichen Arbeiten, erscheint meine persönliche Beurteilung des für das „Darul Kitab Verlagshaus“ ungewöhnlich anmutenden Buches, deren bisherigen Veröffentlichungen eine klare Fokussierung auf die ʿAqīda (Glaubenslehre) oder den Fiqh (islamische Normenlehre) hatten.

Häufig wird in der westlichen bzw. deutschen Öffentlichkeit über die „Verhüllung“ und die „Rolle der Frau“ im Islam debattiert, ohne aber die Regeln eines aufgeklärten Diskurses zu beachten: Es müssen alle Parteien zu Worte kommen dürfen! Gefühlt jede Woche erscheint nämlich mindestens ein Zeitungsartikel des vulgären Boulevardjournalismus, ein Fernsehbericht bar jeglicher Kenntnis der Religion, oder ein fiktiv-autobiografischer Roman einer „mutigen“, mittlerweile emanzipierten Frau, die ihren Leidensweg aus der Barbarei der „islamischen Ideologie“ gefunden hat und im Schlaraffenland des „freiheitlichen“ Westens angekommen ist.

Doch eine Stimme kommt generell immer zu kurz: Die Frauen die sich verhüllen, sich als praktizierende Muslimas verstehen, oder gar den Gesichtsschleier tragen. Vielmehr wird über diese Frauen gesprochen – selbst in anspruchsvolleren Medien – und zwar auf eine Art und Weise die eigentlich oftmals den Muslimen und ihrem sogenannten „Frauenbild“ vorgeworfen wird: Die Frau wird zum Objekt degradiert. Diesmal allerdings als Objekt der dogmatischen Aufklärung. Hier will das Buch „Uns hat keiner gefragt“ eine längst überfällige Lanze brechen, eine Kehre schlagen und lässt neun Muslimas zu Wort kommen und wie sie den öffentlichen, aber leider auch vorkommenden innerfamiliären Druck, wegen ihres Kopftuches, wahrnehmen.

Die neun Erlebnisberichte sind divers und behandeln grundsätzlich immer den Hidschāb oder den Niqāb, wie auch der Titel des vorliegenden Buches verspricht. Dennoch hat jede Schwester ihre individuelle Erzählweise und nähert sich dem Thema von unterschiedlichen Blickwinkeln aus. Den Leser erwarten Geschichten von „zurückgekehrten“ Muslimas, von den sogenannten „Konvertitinnen“, mit jeweils unterschiedlichen Alter und ermöglichen dadurch einen vielschichtigen Einblick in die Erfahrungswelten der Glaubensschwestern. Dieses stellt eine der vielen Stärken dieses Buch dar und der geneigte Leser wird bald hin und her gerissen sein zwischen Trauer, berechtigtem Zorn auf die geschilderten Erlebnisse, aber auch manchmal sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen können. Dass Beispielsweise ein muslimisches Ehepaar – zumal in diesem Fall auch eine Niqābi eine Rolle spielt – auch Freude in der Öffentlichkeit zeigen kann, ist scheinbar für viele, sich als westlich definierende und durch mediale Schauergeschichten gefütterte Mitbürger, eher unverständlich:

„An eine Situation mit meinem Mann erinnere ich mich ganz genau: Wir waren spazieren mit unserem Sohn und haben herumgealbert. Wir gingen durch eine viel bevölkerte Einkaufspassage, als ich meinem Mann in die Seite kniff. Eine Frau blieb stehen und schaute mich verdutzt an. Wir gingen dann an ihr vorbei und ich merkte aus dem Augenwinkel heraus, dass sie sich nach uns umdrehte und den Kopf schüttelte.“ (S.143)

Besonders hat mich allerdings der Leidensweg von der Schwester „Yasemin“ im Kapitel „Und alles nur, weil ich anders bin“ berührt. Ihr Fall zeigt im besonderen Maße auf, wenn auf allen Ebenen nur noch Probleme wegen einer gelebten Religiosität auftreten können. So wurde „Yasemin“ nicht nur gesellschaftlich und beruflich stark geprüft, sondern auch in ihrer „muslimischen“ Familie einer größeren Prüfung unterzogen. Sie schreibt über ihren Familienbesuch während des Ramadans zum Fastenbrechen folgendes:

„Bei meiner Familie angekommen, ging ich gleich in die Küche, wo alle Frauen waren. Alle taten so, als ob nichts wäre, ich war sehr erleichtert. Nur eine Tante fing plötzlich an, mich fertig zu machen, dass es hässlich aussähe und dass ich doch so jung sei. Ich könne es auch tragen, wenn ich heiraten würde und dass es doch nicht sein müsse. Ich ignorierte sie, denn ich hatte es satt, mich immer rechtfertigen zu müssen. Ich hatte es satt, mich zu entschuldigen für das, was ich bin. Ich hatte es satt, mir alles anzuhören. Also bat ich sie darum, mich einfach nur in Ruhe zu lassen. Plötzlich spürte ich nur noch, wie sie an meinem Kopftuch zog. Auf einmal zog sie es ganz von meinem Kopf herunter und schmiss es aus dem Fenster. Ich sah sie schockiert an. Alle fanden es lustig. Anscheinend war es auch nur ‚Spaß‘, diesen konnte ich aber nicht verstehen. Als ob das nicht schon genug wäre, musste ich selbst hinunter gehen und mein Kopftuch suchen. Ich musste weinen. Es war auch noch Ramadan, ich fastete. Ich war schon sehr hungrig und dann noch so ein ‚Spaß‘. Ich war wütend, doch ich versuchte, so zu tun, als wäre nichts gewesen, denn ich wollte keinen Streit.“ (S.90)

Dem Verlag ist ein schönes Buch gelungen. Die Formatierung und auch die haptische Komponente, des im Softcover-Format erschienenen Textes, sind einwandfrei. Aufgelockert wird „Uns hat keiner gefragt“ durch galante Zeichnungen einer begabten Schwester, deren Fähigkeiten hier anhand zweier Beispiele illustriert werden. Natürlich darf der potentielle Käufer keine weltliterarischen Standards erwarten. Dieses war aber sicherlich auch nicht die Intention bei der Konzeption des Werkes. Vielmehr soll sekundär ein unkomplizierter, authentischer Einblick in Erfahrungswerte gegeben und Schwestern, die ebenso tagtäglich Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt sind, Mut gemacht werden. Grundlegend liegt aber auch ein gewisses Dilemma, was mich innerlich umgetrieben hat, vor: Die Erlebnisberichte der Schwestern sind primär für Nichtmuslime gedacht. Sie sollen für Verständnis und Toleranz in der Mehrheitsgesellschaft werben. Denn aus „Uns hat keiner gefragt“ soll doch „Uns hat jemand gefragt“ werden! Doch wie soll dieses lesenswerte Buch jemals den Otto-Normal-Verbraucher in Deutschland erreichen, wenn es in einem kleinen islamischen Verlag publiziert wird? Was kann gegen die widerliche Bücherschwemme mit Titeln wie „Nur ein schlechter Muslim ist ein guter Muslim“, „Die verschleierte Gefahr – Die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn der Deutschen“, oder „Der Schleier der Angst“ unternommen werden? In Zeiten der extremen gesellschaftlichen Polarisierungen, müssen sich die Muslime vermehrt diesen immer dringlicher werdenden Fragen stellen. So bleibt mir nur zu sagen: Besorgt euch dieses Buch, verteilt es beispielsweise an nichtmuslimische Arbeitskollegen, euren Klassenlehrern oder in eurem Bekanntenkreis. Damit immer öfter der folgende Wunsch von der Schwester aus dem Kapitel „Was, wenn wir morgen sterben?“ Wirklichkeit wird:

„Wenn Sie das nächste Mal eine verschleierte Frau sehen, dann fragen Sie sie doch einfach, warum sie sich bedeckt und schenken Sie ihren Worten Glauben. Auch wenn Sie die Antwort und die Beweggründe nicht verstehen können, Toleranz und Akzeptanz sind schon große Schritte für ein friedliches Zusammenleben.“ (S.68)

Hier könnt ihr bei Interesse das Buch bestellen.

Uns hat keiner gefragt. Geschichten über Kopftuch, Schleier und Zwang, Darulkitab Verlagshaus, Heidelberg 2014, 220 Seiten, 12,50 Euro.

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Über Nando-Dragan Nuruddin Augener

Nuruddin, Jahrgang 1989, machte 2010 sein Abitur und lebt in Hamburg. Studium der Erziehungswissenschaft und der Soziologie an der Universität Hamburg (2011-2014). Muslim seit September 2016. Kontakt: nd.augener@web.de

2 Gedanken zu „Rezension: Uns hat keiner gefragt. Geschichten über Kopftuch, Schleier und Zwang

    1. Wa alaykum salam wa rahmatullahi wa barakatuh, danke für dein Kommentar. Es freut mich, dass dir die Rezension gefällt. 🙂

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