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Buchauszug: Ibn Khaldun – Das Knechtische an der Landwirtschaft sind die Abgaben

«Als Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – eine Pflugschar in einem der Häuser seiner Anhänger (in Medina) sah, sprach er:

„Nie kam ein solches Gerät in jemandes Haus, ohne dass mit ihm (zugleich) Unterwürfigkeit einzog.“

Al-Bukhari bezog dies auf eine übertriebene Landwirtschaft und überschrieb dementsprechend das Kapitel mit „Warnungen vor den Folgen bei der (übertriebenen) Betätigung landwirtschaftlicher Gerätschaften bzw. der Überschreitung der vorgeschriebenen Grenzen“.

Der Grund – Allah weiß es am besten – ist wohl der, dass hieraus (der Landwirtschaft) Abgaben (an den Herrscher) resultieren, die (wiederum) dazu führen, dass man beherrscht wird und sich in der Gewalt (anderer) befindet. Derjenige, der Abgaben leisten muss, ist unterwürfig und in elender Lage, da er sich der Gewalt und Macht (eines anderen) beugen muss.

Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – sprach:

„Die (letzte) Stunde (der Welt) kommt nicht eher, bevor die Almosensteuer (Zakah) zu einer (willkürlichen) Abgabe geworden ist.“

Damit wies er auf einen (möglichen) tyrannischen Herrscher hin, der Gewalt gegen die Leute anwendet, der beherrschend und ungerecht ist, der die Rechte Allahs, des Erhabenen, die dieser gegenüber erworbenen Geldmengen besitzt, vergisst und der (schließlich) der Ansicht ist, dass alle (religiösen) Verpflichtungen (auch) Abgaben an die Herrscher und ihren Staat mit einschließen.»

(Ibn Khaldun / gest. 808 n.H., in al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Übersetzung leicht redigiert)

Buchauszug: Ibn Khaldun – Sind die Schwarzen die verfluchten Nachkommen von Ham ibn Nuh (alayhi salam)

«Einige Genealogen, die keine Ahnung von der Natur (solcher) Dinge haben, meinten, dass die Schwarzen die Kinder von Ham, dem Sohn von Noah, seien, die infolge der Verfluchung Hams durch Noah mit schwarzer Hautfarbe gezeichnet worden wären. Sie wähnten ferner, dass dieser Fluch dann in Hams Hautfarbe sowie darin, dass Allah dessen Nachkommen zu Sklaven werden ließ, sichtbar geworden wäre.

Was sie hierüber berichten, gehört zu den Phantastereien von Geschichtenerzählern. Die Flüche Noahs gegen seinen Sohn Ham sind in der Thora festgehalten, und es findet sich in ihr keinerlei Hinweis auf schwarze Hautfarbe. Noah verfluchte ihn, auf dass Hams Kinder zu Sklaven seiner Brüder, aber niemandes sonst würden. In der These über die Abstammung der Schwarzen von Ham spiegelt sich das Nichtwissen um die Natur von Wärme und Kälte sowie um deren Einflüsse auf die Luft und die Lebewesen, die diese Umgebung hervorbringt.»

(Ibn Khaldun / gest. 808 n.H., in al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Übersetzung leicht redigiert)

Ibn Khaldun über schiitische Einflüsse im späten Sufismus

«Die frühen Sufis kümmerten sich nicht um solcherei Ideen (z.B. über den Mahdi). Alles was sie diskutierten, waren ihre mystischen Aktivitäten und Anstrengungen und die daraus resultierenden ekstatischen Erfahrungen und Zustände. Es waren (zuerst) die Imamiten und die anderen extremen Schiiten, die den bevorzugten Status Alis diskutierten, die Sache seines Imamats, die Behauptung, dass er das Imamat durch den letzten Willen (des Propheten) empfangen haben soll, und die Ablehnung der beiden Sheikhs (Abu Bakr und Umar), wie wir im Zusammenhang mit der schiitischen Dogmatik bereits erwähnt haben. Danach entstand unter ihnen das Dogma des unfehlbaren Imams. Vieles wurde über diese Dogmatik (der Schiiten) bereits geschrieben.

Dann erschienen die ismailitischen Schiiten. Sie lehrten die Göttlichkeit des Imams durch Inkarnation. Andere behaupteten, dass die (toten) Imame entweder durch Metempsychose (Reinkarnation/Seelenwanderung) oder (in ihrer wahren Form) zurückkehren. Wieder andere erwarteten das Kommen von Imamen, die ihnen durch den Tod wieder entrissen würden. Andere erwarteten schließlich, dass die Familie von Muhammad an die Macht zurückkehren würde. Dies haben sie aus bereits erwähnten Überlieferungen über den Mahdi abgeleitet, und aus anderen Überlieferungen.

Unter den späteren Sufis wurde auch über kashf (die Beseitigung des Schleiers) diskutiert und über die Dinge, die hinter dem Schleier der sinnlichen Wahrnehmung verborgen sind. Sehr viele Sufis begannen über Inkarnation und die Einheit (allen Seins mit Allah) zu sprechen. Dies führte zu einigen Übereinstimmungen mit den Imamiten und den anderen extremen Schiiten, welche an die Göttlichkeit der Imame und an die Inkarnation der Göttlichkeit in ihnen glaubten. Die Sufis begannen fortan auch an einen „Pol“ (qutb) und spezielle „Heilige“ (abdal) zu glauben. Dieser (Glaube) wirkte geradezu wie eine Nachahmung der Meinung der extremen Schiiten über ihren Imam und die alidischen Führer (an-Nugabd‚ / sing, nagib = edel).

Auf diese Weise wurden die Sufis mit schiitischen Theorien geradezu gesättigt. (Schiitische) Theorien drangen so tief in ihre religiösen Vorstellungen ein, dass sie ihre Praxis – einen Umhang (khirgah) zu benutzen – auf die (angebliche) Tatsache fußen ließen, dass Ali selbst (den Tabi’i) al-Hasan al-Basri in solch einen Umhang kleidete, und ihn veranlasste feierlich zu erklären, dass er sich dem mystischen Pfad verpflichten würden. (Diese von Ali eingeführte Tradition) wurde, so berichten diese Sufis, durch al-Junayd, einem Sufi-Sheikh, fortgeführt.

Wie auch immer, es ist nicht authentisch überliefert, dass Ali so etwas jemals getan hat. Der (mystische) Pfad war nicht allein Ali vorbehalten, sondern alle Männer die Muhammad (direkt) umgaben (und begleiteten) waren Vorbilder der (verschiedenen) Pfade der Religion. Die Tatsache, dass (diese Sufis den Vorrang der Mystik) auf Ali beschränken, klingt sehr stark nach pro-schiitischen Meinungen. Diese und andere (u.a. oben) erwähnte Sufi-Ideen zeigen, dass diese Sufis pro-schiitische Sentimentalitäten angenommen haben und sich in sie verstrickt haben.»

[Aus der englischsprachigen (Rosenthal-)Übersetzung der Muqaddima, übertragen in die Deutsche Sprache von Yahya ibn Rainer]

Buchauszug: Der Meinungsunterschied bezüglich Gold und Silber als Zahlungsmittel

«Al-Ghazali, Ibn Khaldun und viele andere muslimische Gelehrte waren der Ansicht, dass Edelmetalle geschaffen wurden um als Geld zu dienen, was ursprünglich eine griechische Idee war. Ibn Taymiyya jedoch sieht es als eine Frage der gesellschaftlichen Konvention (Tradition/Sitte/Abkommen) an. Er sagt:

„Gold- und Silbermünzen haben weder eine natürliche, noch eine schariarechtliche Spezifikation. (Ob sie als Zahlungsmittel benutzt werden) hängt also von den Menschen ab, von ihren Gewohnheiten (Brauchtum) und gesellschaftlicher Übereinkunft,“¹

… so dass schlussendlich jedwede Ware als Geld dienen könnte.

„Auch die sich derzeit im Umlauf befindlichen Münzen (deren Tauschwert höher angesetzt war als ihr tatsächlicher Warenwert) dienen also, genauso wie Edelmetalle, zur Bemessung des Wertes von Waren.“²»

(Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Contributions of Muslim Scholars to Economic Thought and Analysis, Seite 76 / übertragen in die deutsche Sprache von Yahya ibn Rainer)

Fußnoten:

¹ Ibn Taymiyyah, Majmu` Fatawa Shaykh al-Islam Ahmad Ibn Taymiyyah, 1963, edited by al-Najdi, Abd al-Rahman b. Muhammad, Al-Riyad, Matabi` al-Riyad, , Vol. 19, pp. 250, 251, 248-249
² ibid., Vol. 29, p. 469

Dr. Selim Cafer Karatas: Ibn Khalduns wirtschaftliches Rezept für eine zivilisierte Gesellschaft

Ibn Khalduns wirtschaftliches Rezept für eine zivilisierte Gesellschaft, aus seiner Muqaddima, extrahiert von Dr. Selim Cafer Karataş (ehem. Geschäftsführer der Islamic Development Bank in Jeddah/Saudi Arabien), in seiner Publikation Economic Theory of Ibn Khaldun.

Um politische Stabilität und Solidarität zu erlangen, welche für den Aufstieg der Nationen von Nöten ist, braucht man …

1) Eine feste Garantie der privaten Eigentumsrechte und der Freiheit des Unternehmertums

2) Herrschaft des Rechts (Rechtsstaatlichkeit) und Zuverlässlichkeit des Gerichtswesens, für die Herstellung von Gerechtigkeit

3) Die Sicherung des Friedens und die Sicherung der Handelswege

4) Wenige und niedrige Steuern, um die Beschäftigung, die Produktion und die Einnahmen zu steigern, […]

5) Weniger Bürokratie und eine kleine aber effiziente Armee

6) Keine staatliche Beteiligung am Handel, an der Produktion und am Gewerbe generell.

7) Keine Festsetzung von Preisen durch die Regierung

8) Eine herrschaftliche Regelung, die niemandem im Markt eine Monopolmacht verschafft.

9) Stabile Geldpolitik: Also eine unabhängige Währungsbehörde die nicht mit dem Wert des Geldes spielt.

10) Eine größere Bevölkerung und ein größerer Markt für größere Spezialisierung.

11) Ein kreatives Bildungssystem, für unabhängiges Denken und Handeln.

12) Eine kollektive (bürgerliche) Verantwortung und innere Sensibilität zur Errichtung eines gerechten Systems, in welchem gute Taten gefördert und schlechte verhindert werden.

Buchauszug: Ibn Khaldun – Weshalb es ein rangmäßig niedereres Dienertum als den Staatsdienst gibt

«Der (einzige) Grund dafür, dass es ein rangmäßig niedereres Dienertum (als den Staatsdienst) gibt, liegt darin, dass die Mehrzahl derer, die im Luxus leben, zu stolz sind, selbst für ihre Bedürfnisse zu sorgen, oder dazu nicht in der Lage sind, da man sie im Geist des Wohllebens und des Luxus groß werden ließ.
Deshalb stellen sie Leute in ihren Dienst, die dies für sie übernehmen, und weisen ihnen aus ihrer Kasse hierfür Löhne zu.
Dieser Zustand ist vom Standpunkt der Mannhaftigkeit, die dem Menschen natürlich ist, nicht gerade rühmlich, denn das Selbstvertrauen eines jeden leidet dabei. Des Weiteren lässt dieser Zustand die Aufgaben und (damit auch die) Ausgaben anwachsen und deutet auf Schwäche und weibisches Wesen hin, die man beide aus Mannhaftigkeit vermeiden sollte.»
(Ibn Khaldun / gest. 808 n.H., in al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Übersetzung leicht redigiert)
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Kurz gesagt: Natürliche und widernatürliche Formen des Lebensunterhaltes

Ibn Khaldun unterteilt in seiner Muqaddima die verschiedenen Arten (des Erwerbs) des Lebensunterhaltes in natürliche und widernatürliche Formen.

Zu den natürlichen Formen zählt er, in der Reihenfolge ihrer Natürlichkeit bzw. Ursprünglichkeit (1. = am natürlichsten) …

  1.  Landwirtschaft
  2. Handwerk/Gewerbe
  3. Handel

Zu den widernatürlichen Formen zählt er, in der Reihenfolge ihrer Widernatur bzw. niedrigen Rangstufe (3. = am widernatürlichsten) …

  1. Politische Herrschaft (Enteignung, Steuererhebung)
  2. Staatsdienst (Soldaten, Polizisten, Sekretäre)
  3. Dienerschaft/Knechtschaft im Haushalt

Buchauszug: Ibn Khaldun – Bei der Beseitigung ungerechter Herrscher ist die Asabiya wichtiger als religiöser Eifer

«In dieses Kapitel gehören die Fälle von Rebellen aus dem gemeinen Volk und von den Rechtsgelehrten, die sich erhoben, um dem Übel zu begegnen. Denn viele religiöse Menschen, die sich dem Dienst an Allah widmen und auf den Pfaden der Religion wandeln, schicken sich an, sich gegen ungerechte Emire zu erheben und rufen in der Hoffnung auf Allahs Belohnung dazu auf, dem Übel zu begegnen, ihm zu entsagen und Gutes zu tun.

Zahlreich sind (gewöhnlich) ihre Gefolgsleute und Anhänger aus der breiten Masse, die dabei ihr Leben aufs Spiel setzen – und die meisten von ihnen kommen auf diese Weise unbelohnt und als Sünder um. Denn Allah, gepriesen sei er, hat sie hierzu nicht bestimmt! Er bewegt nur etwas, wo (ausreichend) Macht vorhanden ist.

Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – sagte:

«Wer von euch Übel erblicket, der soll ihm mit seiner Hand begegnen. Vermag er dies nicht, so tue er es mit seiner Zunge. Vermag er (auch) dieses nicht, so tue er es mit seinem Herzen.»

Herrscher und Staaten sind fest und stark gegründet. Ihre Grundlage kann nur durch starken Druck, der die Asabiya (Solidarität) von Stämmen und Sippen hinter sich weiß, erschüttert und zerstört werden, so wie wir es oben angeführt haben.

Auch die Propheten – Segen und Heil sei über sie – bedurften, wenn sie zu Allah aufriefen, der Sippen und Gruppen, wo sie doch (eigentlich) diejenigen sind, die die Unterstützung Allahs mit allem, was es gibt, hätten erhalten können, sofern Er gewollt hätte. Doch Er ließ vielmehr (selbst bei ihnen) die Dinge ihren üblichen Verlauf nehmen. Allah ist weise und allwissend.

Schlägt nun ein Mensch einen solchen Weg ein und folgt dabei der (religiösen) Wahrheit, lässt ihn die Isolierung von der Asabiya (selbst) dabei fehlgehen, und er kommt um.

Benutzt ein solcher Mensch (außerdem noch) die Religion, um die Führerschaft zu erlangen, geschieht es zu Recht, dass er daran gehindert wird und ihn der Untergang ereilt. Denn ein solches Unterfangen ist eine Sache Allahs, die nur mit Seinem Wohlgefallen und Seinem Beistand sowie durch aufrichtige Ergebenheit gegenüber Ihm und Wohlwollen gegenüber den Muslimen Erfolg hat. Kein Muslim wird Zweifel, kein Mensch mit Einsicht wird Argwohn daran hegen.»

(Ibn Khaldun / gest. 808 n.H., Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Seite 114-115, Übersetzung leicht redigiert)

Zitat: Ibn Khaldun – Das Streben nach Versorgung ist in der arab. Grammatik der Ort des Lebens

اعلم أن المعاش هو عبارة عن ابتغاء الرزق والسعي في تحصيله، وهو مفعل من العيش. كأنه لما كان العيش الذي هو الحياة لا يحصل إلا بهذه، جعلت موضعاً له على طريق المبالغة

«Wisse, dass [der Begriff] Ma’asch ein Ausdruck für das Streben nach der Versorgung ist und der Mühe sie zu erlangen. Es ist die Maf’al-Form¹  von `Aisch (Leben). Ganz als ob das Leben nur durch ihn möglich wird, wurde er übersteigert zu dessen Ort gemacht.»

Walī ad-Dīn ʿAbd ar-Rahmān Ibn Khaldūn (gest. 808 n.H.), in seiner Muqaddima

Fußnote:
¹ Ma'fal: Eine Form der arabischen Grammatik, die einen Ort nach seiner sinngebenden Eigenschaft benennt. Beispiele: Masjid (Moschee) = Ort von sajada (niederwerfen), Madrasah (Schule) = Ort von darasa (lernen), Maktabah (Bücherei) = Ort von kataba (Bücher).
Ein herzlicher Dank - für Übersetzung und Unterstützung - geht raus an die Brüder der avantgardistischen Telegram-Gruppe "Ökonomie und Gesellschaft".

Buchauszug: Ibn Khaldun – Über Rizq/Versorgung, Einkommen und Kapital/Vermögen

«Die erworbenen Dinge machen, wenn sie dem Umfang des (für den Menschen zum Leben) notwendigen Maßes und Bedarfes entsprechen, seinen Lebensunterhalt aus. Sie sind Vermögen und Kapital, wenn sie darüber hinausgehen. Wenn dann der Nutzen dieser erworbenen und erzielten Summe auf einen Menschen zurückfällt und er sie für eigene Interessen und Bedürfnisse ausgeben kann, so nennt man das Rizq (Versorgung). […]

Wenn der Mensch die (erzielte Summe) nicht für seine Interessen und Bedürfnisse nutzen kann, spricht man hinsichtlich des Eigentümers nicht von Rizq. Der Teil des Eigentums, den der Mensch durch seine Mühen und Fähigkeiten erlangt hat, wird Einkommen genannt.

So wird die Erbschaft in Bezug auf den Verstorbenen als Einkommen und nicht als Rizq bezeichnet, da der Verstorbene daraus keinen Nutzen mehr zu ziehen vermag. Im Hinblick auf die Erben wiederum wird es Rizq genannt, sofern diese daraus Nutzen ziehen.

Das ist es, was bei der Ahl as-Sunnah (den Sunniten) unter Rizq verstanden wird. Die Mutazila machte bei der Bezeichnung «Rizq» noch zur Bedingung, dass das Eigentum auf rechte Weise erworben sein müsse. Solch ein Besitzanspruch, der nicht rechtens sei, verdiene nach ihrer Auffassung nicht die Bezeichnung Rizq. Alles widerrechtlich Erworbene und Verbotene fiel bei ihnen nicht unter die Kategorie Rizq.

Allah der Erhabene jedoch versorgt in seiner Gnade sowohl denjenigen, der sich widerrechtlich etwas aneignet, als auch den, der Unrecht tut, ferner den Rechtgläubigen wie den Ungläubigen und führt, wen immer er will, auf den rechten Pfad. Die Mutaziliten haben für ihre Auffassung Argumente, für deren Darlegung hier jedoch nicht der Ort ist.

Wisse ferner, dass das Einkommen aus dem Streben, (bestimmte Dinge) anzuschaffen, und der Absicht, (diese) zu erlangen, resultiert. Auch für das Rizq sind Mühen und Arbeit unverzichtbar, selbst wenn man es auf die für seine charakteristische Art und Weise erlangt und erstrebt. Der Erhabene sprach:

«… Sucht darum bei Allah die Versorgung (rizq) …» Quran 29.:17

Die Mühen, das Rizq zu erlangen, hängen von der Vorherbestimmung Allahs, des Erhabenen, und Seiner Inspiration ab, denn alles rührt von Allah her. Menschliche Arbeit ist für alles Erworbene und jegliches Kapital unabdingbar. Handelt es sich dabei um Arbeit an sich, wie beispielsweise die menschlichen (praktischen) Fertigkeiten, so ist dies offensichtlich. Aber auch wenn das Rizq (aus der Arbeit) von Tieren, Pflanzen und Mineralien herrührt, ist die menschliche Arbeit dabei unverzichtbar, wie man sehen kann. Ohne sie wird nichts erreicht und lässt sich nichts nutzbar machen.

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Seite 210-211, leicht redigiert)

Buchauszug: Ibn Khaldun – Regierungsgesetze sind ungerecht und eine Hinterlist des habgierigen Herrschers

«Wenn der sesshafte Mensch ein großes Vermögen besitzt, viel Grund und Boden erworben hat, der Reichste in der Stadt geworden ist und man ihn als solchen ansieht, wenn er im Luxus lebt und sich dessen Gepflogenheiten hingibt, dann kann er mit den Emiren und Herrschern konkurrieren. Sie bedrängen ihn deshalb, denn die Feindseligkeit, die in der menschlichen Natur liegt, lässt sie nach seinem Besitz streben.

Sie streiten mit ihm um den Besitz und bedienen sich dabei aller möglichen Mittel, bis sie ihn in den Fallstricken des königlichen Gesetzeswerkes gefangen haben und einen Anlass finden, ihn zu bestrafen und ihm auf diese Weise das Vermögen zu entreißen. Die Mehrzahl der (weltlichen) Regierungsgesetze ist in den meisten Fällen ungerecht, denn die reine Gerechtigkeit gab es nur im legitimen Kalifat, das aber nur von kurzer Dauer war.

Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – sprach:

«Nach mir wird das Kalifat noch dreißig Jahre währen und dann wieder zu gemeiner königlicher Herrschaft werden.»

Deshalb braucht derjenige, der Geld und beträchtlichen Reichtum, von dem die Bevölkerung weiß, sein eigen nennt, unbedingt jemanden, der ihm Schutz bietet, und einen gesellschaftlichen Rang, der ihn abschirmt. Dies zu gewährleisten vermag jemand aus der Verwandtschaft bzw. der Umgang des Thrones oder auch eine asabiya (Solidarität eines Stammes), vor der sich der Herrscher in acht nehmen muss. So findet der Vermögende hinter ihrem Rücken Schutz und kann vor Feindseligkeiten sicher sein. Hat er diesen Schutz nicht, wird er zum Opfer aller erdenklichen Hinterlist und gesetzlichen Vorwände.

«Allah entscheidet. Und es gibt niemand, der seine Entscheidung revidieren könnte.» [Koran 13. 41]

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Seite 191-192)

Buchauszug: Ibn Khaldun – Darlegung der Arbeitsteilung als Grundlage für allgemeinen Reichtum

Bereits im August 2015 wies ich an dieser Stelle auf die Muqaddima von Ibn Khaldun hin, Bezug nehmend auf seine Darlegung der Arbeitsteilung, welche vieles von dem voraus nahm, was etwa 400 Jahre später Adam Smith publizierte und ihm den Titel eines Aufklärers und des Begründers der klassischen Nationalökonomie und der Freien Marktwirtschaft einbrachte. Hier nun ein weiterer Auszug aus Ibn Khalduns Muqaddima, diesmal Bezug nehmend auf die Wichtigkeit der Arbeitsteilung für die Erwirtschaftung eines Überschusses, was als Grundlage für einen prosperierenden Handel und allgemeinen Wohlstand und Reichtum betrachtet wird.

«Je nach Größe ihrer Bevölkerung unterscheiden sich die Städte und Ortschaften in· der Vermögenslage ihrer Bewohner sowie in der Prosperität ihrer Märkte.

Die Ursache hierfür liegt darin, dass, wie bekannt und erwiesen ist, der einzelne Mensch allein die Bedürfnisse seines Lebensunterhaltes nicht decken kann und dass die Menschen zu diesem Zweck in ihrer Zivilisation zusammenarbeiten.

Doch was mehrere Menschen durch ihr Zusammenwirken erreichen können, beträgt ein Vielfaches des (zum Leben) Notwendigen für eine viel größere Anzahl von Menschen. So kann z. B. der einzelne seinen Bedarf an Weizen, den er als Nahrung benötigt, nicht allein erzeugen.

Doch wenn sich nun sechs oder zehn Leute daran beteiligen – ein Schmied und ein Zimmermann für die Werkzeuge, jemand, der die Rinder aufzieht, andere, die die Erde pflügen, Ähren abernten und alle anderen Mühen der Landwirtschaft meistern – und wenn sie diese Arbeiten untereinander verteilen oder gemeinsam ausführen, dann schaffen sie durch ihr Wirken so viel an Nahrung, dass diese Nahrung für eine vielfache Menge von ihnen selbst ausreicht.

Gemeinschaftliche Arbeit geht somit über die Bedürfnisse der Arbeitenden und das für sie (zum Leben) notwendige Maß hinaus. Wenn alle Arbeiten der Bewohner einer Ortschaft oder Stadt entsprechend den notwendigen Dingen und Bedürfnissen verteilt werden, genügt ein Minimum jener Arbeiten. Das Arbeitsvermögen kann folglich mehr als das Lebensnotwendige erbringen. Diese überschüssige Kraft wird für luxuriöse Lebensverhältnisse und die damit verbundenen Gepflogenheiten sowie für jene Dinge, die die Bewohner anderer großer Städte brauchen, aufgewendet. Deren Bewohner beschaffen sich die Dinge von ihnen durch Tausch oder Kauf mit Bargeld. Hierdurch gelangen sie zu einem gewissen Reichtum.»

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Seite 183-184)

Buchauszug: Ibn Khaldun – Eine Kultur, ohne individuelles Streben nach Profit, eigenem Interesse und Vorteil, geht unter

«Wisse, daß Übergriffe auf das Vermögen der Menschen ihnen die Hoffnung nehmen, dieses zu erwerben und zu gewinnen. Denn die Leute gelangen dann zu der Ansicht, daß der Erwerb von Vermögen damit endet, daß es ihnen (wieder) entrissen wird. Und wenn ihre Hoffnungen, Vermögen erwerben und gewinnen zu können, dahin sind, bemühen sie sich auch nicht mehr darum.

In dem Maße, wie sich die Übergriffe häufen und ausweiten, lassen die Menschen in ihrem Streben, Vermögen zu erlangen, nach. Denn wenn so etwas häufig geschieht und alle Bereiche des Lebensunterhaltes betrifft, läßt man den Vermögenserwerb ganz und gar sein, da es keinerlei Hoffnung (auf Gewinn) mehr gibt. […]

Die menschliche Kultur, ihr Reichtum und das Gedeihen ihrer Märkte hängen nämlich von der fortwährenden Tätigkeit und dem ständigen Streben der Menschen für ihre eigenen Interessen und Vorteile ab.

Und wenn sich die Menschen nicht mehr um die Erwirtschaftung des Lebensunterhaltes kümmern und nichts mehr unternehmen, um Gewinne zu erzielen, florieren die Märkte nicht mehr, verschlechtern sich die Lebensverhältnisse und gehen die Menschen außer Landes, um ihren Lebensunterhalt anderenorts zu erwerben. Die Einwohnerzahl der Region geht zurück, ihre Wohnstätten veröden und ihre Städte verfallen.

Mit der Beeinträchtigung der menschlichen Kultur nehmen auch die Dynastie und der Herrscher Schaden, denn die Dynastie bildet die Form der menschlichen Kultur, die mit Notwendigkeit bei der Zerstörung ihrer Substanz ebenfalls zugrunde geht.»

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung / al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Reclam-Verlag Leipzig ©1992, Seite 158)

Buchauszug: Ibn Khaldun – Die Besteuerung und Ursachen ihrer unterschiedlichen Höhe

In diesem kurzen »VIDEO« hört man, wie Ronald Reagan - der 40. Präsident der USA (von 1981-1989) - den großen muslimischen Gelehrten Ibn Khaldun zitiert. Folgend könnt ihr nun den gesamten Abschnitt in deutscher Übersetzung lesen, der auf diese kurze Phrase in der Muqaddima folgt.

«Wisse, daß die Besteuerung am Beginn der Dynastie aus wenigen Anteilen große Einnahmen erbringt. Am Ende der Dynastie bringen viele Anteile nur geringe Einnahmen.

Die Ursache hierfür ist darin zu suchen, daß die Dynastie, wenn sie sich an die Religion hält, nur die im religiösen Gesetz festgelegten Zahlungen erhebt, d. h. die Armensteuer, die Grund- und die Kopfsteuer. Dies sind nur wenige Steueranteile, denn der Anteil der Armensteuer, bezogen auf das Vermögen, ist bekanntlich gering. Ebenso verhält es sich bei der Armensteuer auf Getreide und Vieh, desgleichen bei der Kopf- und Grundsteuer und allen anderen vom religiösen Gesetz festgelegten Zahlungsverpflichtungen. Sie sind Festwerte, die nicht überschritten werden können.

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