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Zitat: Murad Wilfried Hofmann – Islamische Emanzipation der Frau

«Es trifft zu, daß islamische Kleidung ihren Trägerinnen eine Würde verleihen kann, wie man sie im Westen mit langem Abendkleid verbindet. Dies – und die starke Position der Muslima in der Familie – bedeutet jedoch noch nicht, daß die Frau in muslimischen Ländern die Rolle einnimmt, die Koran und Sunna für sie vorgesehen haben. Man müßte blind sein zu übersehen, daß viele Frauen in der muslimischen Welt ihre islamische Emanzipation noch vor sich haben. Diese Welt ist mehr als ihr guttut Männerwelt geblieben.»

– Murad Wilfried Hofmann (geb. 1931),
ehemaliger Informationsdirektor der NATO und ehemaliger Deutscher Botschafter in Algerien und Marokko, Muslim seit 1980

Buchauszug: Murad Wilfried Hofmann – Der Untergang des Morgenlands war Grund und nicht Resultat der Kolonisierung

«Die meisten Muslime glauben noch immer, ihre heutige materielle Unterentwicklung sei eine Folge der Kolonisierung im Zeitalter des westlichen Imperialismus. Es ist umgekehrt: Die islamische Welt wurde kolonisiert, weil sie wegen ihres Prinzips der blinden Nachfolge und Akzeptanz von Autorität (taqlid) schon zuvor dekadent geworden war.

Es schont natürlich das Selbstbewußtsein, wenn man anderen und anderem eigenes Versagen anlasten kann.

Dies ist ein überall wirksamer psychologischer Entlastungsmechanismus, der mit der häßlichen Wirklichkeit versöhnen hilft. In der muslimischen Welt ist dieses eher harmlose Phänomen jedoch bei manchen in einen Verfolgungswahn mit Verschwörungsphantasien ausgeartet. Von der Kolonisierung angefangen über die heutige wirtschaftlich-soziale Malaise und die politische Lage in den muslimischen Ländern bis hin zur Technik-»Offensive« des westlichen »kulturellen Imperialismus« wird alles und jedes gerne auf westliche Verschwörungen gegen den Islam zurückgeführt.

Die CIA, der Mossad, zionistische Organisationen und Freimaurer und sogar die NATO spielen in der großen conspiracy theory von Muslimen eine erstaunliche Rolle. Man vermutet allen Ernstes, daß es irgendwo einen master plan für die Unterminierung und Zerstörung des Islam gebe, und ordnet alles dafür Dienliche in sein Weltbild ein. Das westliche Versagen während der ersten drei blutigen Jahre des Bosnien-Konflikts, die amerikanische Nibelungentreue gegenüber Israel und die Prominenz jüdischer Mitarbeiter in der Clinton-Administration haben dem Verschwörungsdenken neue Nahrung (und keine schlechten Argumente) gegeben. Dabei wäre es doch viel einfacher zu verstehen, daß Staaten Interessenpolitik betreiben und daß Erfindungen wie die eines Bill Gates die Welt zwangsläufig überfluten: weil eben Spitzentechnologie wie Wasser von oben nach unten fließt.

Diese psychischen Verwerfungen sind im muslimischen Fall nicht harmlos, weil sie die Diagnose des Selbstversagens hemmen und Eigeninitiative lähmen, sich letztlich also fatalistisch auswirken.»

(Murad Wilfried Hofmann. Der Islam im 3. Jahrtausend Eine Religion im Aufbruch, Seite 51-52 )

Zitat: Murad Wilfried Hofmann – Die natürliche „Pflichtversicherung“

«In der Tat: In der muslimischen Welt – ob reich oder arm – ist die Familie noch das soziale Netz, das sie im Okzident einmal gewesen war, bevor der Staat sie dieser Funktion durch Kranken-, Arbeitslosen-, Unfall-, Renten- und Pflegeversicherung praktisch enthob. In der muslimischen Familie wird weiterhin gemeinsam gelebt, gegessen, gebetet, gefeiert, getrauert und gestorben – und das ohne kollektivistische Unterdrückung von Individualität. Bunte Vögel haben ihre Familiennische, und der muslimische Familienverband fördert gezielt individuelle Begabungen, zum Beispiel durch Finanzierung von Studien im Ausland.»

 – Murad Wilfried Hofmann
in Der Islam im 3. Jahrtausend  Eine Religion im Aufbruch

Buchauszug: Murad Wilfried Hofmann – Die tatsächliche westliche Geschichte seit der Aufklärung

«Die tatsächliche westliche Geschichte seit der Aufklärung war mitnichten die Verwirklichung der Vernunft, sondern eine Serie von Unmenschlichkeiten allergrößten Ausmaßes:

Verproletatisierung ganzer Landstriche und Kinderarbeit; Sklavenhaltung und Apartheid; zwei mörderische Weltkriege; Einsatz chemischer und nuklearer Waffen; systematische, ja im Falle von Nazi-Deutschland industrielle Vernichtung von Kulaken, Juden, Roma und Sinti, Homosexuellen und Geistesschwachen; bolschewistischer Staatsterror; faschistischer Chauvinismus; »ethnische Säuberungen« in Mitteleuropa, Kroatien, Bosnien und Serbien.

Für dieses singuläre Scheitern einer großen Idee, der Herrschaft der Vernunft über autonome Individuen, waren die Väter der Aufklärung nicht unmittelbar verantwortlich, etwa David Hume (1711-1776), Immanuel Kant (1727-1804), Frangois Marie Voltaire (1694-1778), Friedrich der Große (1712-1786), Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) oder Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832).

Erst recht ist den Hauptanregern der Aufklärung dieser Vorwurf zu ersparen, einem Michel Montaigne (1533-1592), René Descartes (1596-1650), John Locke (1632-1704) oder Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), denn sie alle waren keine die Existenz einer Gottheit leugnenden Atheisten, sondern Deisten, die an einen einzigen, weit abwesenden Gott (deus absconditus) glaubten, wenngleich nicht an das kirchlich vermittelte Christentum und sein trinitäres Gottesbild.

Ihre eigene Gottesvorstellung beruhte nicht auf Offenbarung, sondern Naturbeobachtung und Nachdenken. Sie wollten nicht Religion als solche abschaffen, wohl aber den erstickenden Dogmatismus der Kirchen und den Obskurantismus des (aus ihrer Sicht) ungebildeten, unduldsamen, herrschsüchtigen und schmarotzenden Klerus.

In der Tat benutzten einzelne Aufklärer den Islam, um auf diesem Umweg die Befreiung von dem als unerträglich empfundenen kirchlichen Joch zu beflügeln.

Lessing tat dies 1779 auf anständige (und daher für ihn riskante) Weise mit Hilfe der Vorbildlichkeit der Muslime in seinem Theaterstück »Nathan der Weise«.2 Voltaire hingegen, dafür von Friedrich dem Großen durch die Blume gerügt, hatte dies zuvor mit seinem Drama von »Mahomet« (1742), dem »Lügenpropheten«, auf weniger anständige (und weniger riskante) Weise getan, wider besseres Wissen und zu Lasten des Islam. Er schlug den Sack (Islam) und meinte den Esel (die römische Kirche).

Schließlich hatten sich auch Kants Kritiken zunächst nicht anti-religiös, sondern nur anti-kirchlich ausgewirkt.

Mit seiner »Kritik der reinen Vernunft« (1781) hatte er nicht etwa die Nichtexistenz Gottes bewiesen (noch beweisen wollen), sondern nur die Unzuverlässigkeit jeder Metaphysik, die über Erkenntniskritik hinausgeht und damit notwendigerweise spekulativ oder – wie Ludwig Wittgenstein gesagt hätte – zum Sprachspiel wird. Ganz im Gegenteil: In seiner folgenden »Kritik der praktischen Vernunft« (1788) arbeitete Kant mit dem (für das Funktionieren der Gesellschaft notwendigen) Postulat Gottes, d.h. mit Gott als nützlicher Arbeitshypothese.

Dennoch führte die von der Aufklärung bewirkte Befreiung des Menschen von kirchlicher Bevormundung zur Marginalisierung der Religion. Das anstelle Gottes zum Maßstab aller Dinge aufsteigende und während der Französischen Revolution inthronisierte »autonome« (!) Individuum wurde in grandioser Selbstüberschätzung zum neuen Idol, da die Autonomie des Menschen als prinzipiell universell und grenzenlos gedacht war.»

(Murad Wilfried Hofmann. Der Islam im 3. Jahrtausend  Eine Religion im Aufbruch, Seite 20-21 )