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Nehmt euch nicht selbst als Maßstab

von Yahya ibn Rainer

Zu Beginn ist jeder still und reuig, weil er unwissend ist. Dann beginnt er den Islam zu praktizieren. Immer, wenn er nun etwas Neues lernt, fühlt er sich besser und sieht sich in der Lage, den anderen, die dieses Wissen noch nicht erlangten, ihre Unwissenheit zum Vorwurf zu machen. Dies geht immer und immer weiter so, bis man Werke von Gelehrten gelesen und Hadithe gelernt hat.

Ich denke, hier steckt ein gewaltiges Problem im Verständnis eines gottgefälligen Muslimlebens. Niemand hat von den Awwam (normalen Muslimen) zu erwarten, dass sie Hadithbücher auswendig lernen oder anderweitig Wissende in den diversen Wissenschaften der Religion werden.

Diese Auffassung einiger Brüder ist nicht selten der Ausdruck einer maßlosen Selbstgerechtigkeit, die den Muslim dazu verleitet, immer wieder sich selbst zum Maßstab zu machen.

So lange man es selbst nicht erlernt hat, ist man natürlich still, aber beherrscht man es (oder glaubt es zumindest), macht man allen anderen ihre Unwissenheit zum Vorwurf. Dieses Denken ist ein Hauptgrund für den Salafi-Burnout vieler junger Muslime, die den hohen Ansprüchen einiger Selbstdarsteller nicht mehr gerecht werden können.

Die Religion wurde kompliziert und schwer gemacht, weil sich die Awwam anmaßen, in wissenschaftlichen Kategorien denken und die religiöse Praxis der Asketen verbindlich machen zu müssen.

Aber die Religion Allahs ist leicht und wir machen die Güte eines Muslims nicht daran fest, wie viel er auswendig kann oder über den Pflichtteil hinaus öffentlich praktiziert. Wer durch solche Aussagen, wie «Lern du erstmal dies-und-das, bevor du dies-und-das sagst/tust!» besticht, sollte sich ernsthaft Gedanken über seinen Ikhlas – seine Aufrichtigkeit – machen, denn man macht nicht nur sich und seinen eigenen Zustand zum allgemeinen Maßstab, sondern man offenbart ihn auch in einer Weise, die man auch als Augendienerei (riya) oder kleiner Shirk (kleiner Götzendienst) bezeichnen könnte.

Mit solchen Personen, egal wie groß ihr religiöses Wissen ist, wird Allah der Hocherhabene das Höllenfeuer anfachen, denn sie lernten ihr Wissen nicht nur um es zu praktizieren und anderen beizubringen, sondern auch um es zur Schau zu stellen.

Diese Dunya verlangt von uns Arbeitsteilung, auch in religiösen Angelegenheiten. Einige wenige erlangen das spezifische religiöse Wissen und sind uns durch ihre Askese ein Vorbild, die anderen, die Awwam (einfachen Leute) sorgen für die Bestellung der Äcker, das Handwerk, reichhaltige Märkte, technischen Fortschritt, medizinische Versorgung usw. usf.

Die Muslime sollen die Schahada verinnerlichen, die 5 Gebete verrichten, die Almosenabgabe zahlen, im Ramadan fasten und die Hajj vollziehen. Es steht niemandem zu, ihnen einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie ihre Zeit dafür aufbringen ihre Rizq (Versorgung) zu verdienen und (im Rahmen der Scharia) allzu große religiöse Belastung zu meiden.

Das Nachlassen in der Religion gehört genauso dazu, wie das Sich-verbessern. Wer sich übernimmt und sich zu schnell zu viel aufbürdet, muss es sich eingestehen und die Konsequenzen daraus ziehen. Er muss nachlassen, um sich und seinen Iman nicht zu gefährden, denn eine Überlastung führt zu einem Burnout, und dieser kann sich im schlimmsten Fall auch als endgültiger Vernichter des Imans herausstellen.

Jedoch wird ein solches Nachlassen leider nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern von den oben bereits beschriebenen Selbstdarstellern auch entsprechend kommentiert. Das Nachlassen wird vom direkten Umfeld als Vorwurf formuliert, anstatt es verständnisvoll zu begleiten.

Besonders in isolierten Gruppen kann sich ein solch „hochreligiöses“ Umfeld als zerstörerisch erweisen, weil Gruppenzwang und -dynamik einen Druck aufbauen, der in letzter Konsequenz nur noch durch einen kompletten „Ausstieg“ abgelassen werden kann.

So entstehen sogenannte „Aussteiger“, die sich vollends abspalten und häufig sogar eine Art Feindschaft zu denen entwickeln, die die Religion strenger auslegen und praktizieren können. Es wird ein Band zerrissen, das hätte erhalten bleiben müssen. Die einen werden jetzt als „die Radikalen“ bezeichnet und die anderen als „die Nachlassenden“, obwohl beide ihre Berechtigung haben.

Besonders die Konvertiten und Revertiten müssen sich dessen bewusst sein. So hoch deine Ambitionen auch sein mögen, du gehörst zu den Awwam, zu den ganz normalen Muslimen, zu deren Prüfung es in dieser Dunya gehört, finanziell unabhängig zu werden, um für sich selbst und den Unterhalt der Familie sorgen zu können. Nicht jeder muss ein Gelehrter werden, man kann auch durch ganz normale wirtschaftliche Tätigkeiten ein äußerst wichtiger und tragender Bestandteil der Ummah  sein.

Haltet Maß und zeigt Verständnis. Verachtet weder die Mit-sich-Strengen (Radikalen) noch die Mit-sich-Milden und macht dem jeweils Anderen nicht eure Praxis verbindlich.

Wa Allahu 3alem

Die Schmach von Köln und ihre Täter

Dieser Beitrag erschien zuerst auf ahlu-sunnah.com.

von Yahya ibn Rainer

Um sich selbst geschmeidig aus der Affäre ziehen zu können, behaupten Muslime hierzulande gerne, dass „Salafisten“ keine klassischen Sunniten seien. Auf diese Weise können sie den schwarzen Peter ungeniert weiterreichen, der im Angesicht des muslimischen Terrorismus in Europa und andernorts (teils zu Recht) an die muslimische Gemeinschaft ausgeteilt wird.

Aus dieser privilegierten Position heraus scheut man dann auch nicht davor zurück, solch kellermäßige Phrasen wie (verkürzt) „Nicht jeder Salafist ist eine Terrorist, aber jeder Terrorist ein Salafist“ zu wiederholen.

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Muslime, die ihre Zeit vor allem damit verbringen, sich mit den Fehlern und Nachlässigkeiten anderer Muslime zu beschäftigen

von Yahya ibn Rainer

Muslime, die ihre Zeit vor allem damit verbringen, sich mit den Fehlern und Nachlässigkeiten anderer Muslime zu beschäftigen, sind meist selbst von inneren Zweifeln geplagt und versuchen sich auf diese Weise Selbstachtung und Bestätigung zu verschaffen. Aber die daraus resultierende gefühlte Überlegenheit und Sicherheit ist eine Fassade, sie hebt die Selbstzweifel nicht auf, sondern betäubt sie nur, wie ein Rauschmittel. Wie ein Rauschmittel macht es aber auch abhängig. So verschließt man sich dem einzigen Mittel, mit welchem Selbstzweifel beseitigt werden können, nämlich durch eine intensive Beschäftigung mit sich selbst.

Die Tatsache, dass die Religion allgemeinhin nur noch von wenigen Menschen aufrichtig und sichtbar praktiziert wird, lässt den Neuerweckten – also den anfangs hochmotivierten Konvertiten oder Revertiten – recht schnell einen Zustand erreichen, in dem er (zumindest rein äußerlich) aus der Masse der Muslime heraus sticht. Nicht jede Nafs kann diesen Umstand richtig einordnen.

Manch einer beginnt (mit Blick auf sein Umfeld) mit sich zufrieden zu sein und setzt das ihm Mögliche an äußerlicher religiöser Praxis gewissermaßen als allgemein machbar voraus, macht sich also quasi selbst zum Maßstab. Man beginnt diejenigen als geringer zu erachten, die weniger in der Lage sind zu praktizieren, die nachlässiger sind oder Fehler begehen die man selbst (noch?) nicht begeht … und man spricht darüber.

Dies aber ist die große Gefahr für die Neuen im Islam. Sie bleiben nämlich dadurch in ihrer eigenen Entwicklung stehen. Und wenn sie meinen, in ihrer äußerlichen Praxis einen (mit anderen) vergleichsweise guten Zustand erreicht zu haben, dann stürzt sie eben diese Sichtweise (zumeist ohne dass sie es selbst merken) in eine innerliche Krise.

Besonders wenn man als Neuer anfangs viel gelobt wurde, weil man mit seiner sichtbaren Praxis so außerordentlich vorbildlich schien, reicht schon ein kleines Glaubenstief aus – das jeden von uns einmal ereilt – und man sieht sich gezwungen einen Teil seiner Handlungen zu heucheln. Denn wer will schon das Lob missen, den Lobenden enttäuschen und dem zuvor geschmähten religiösen „Schwächling“ die nun eigene Nachlässig- und Fehlerhaftigkeit eingestehen.

Für manche Konvertiten und Revertiten bedeutet diese erste Krise manchmal sogar schon das Ende des religiösen Lebens oder zumindest eine große Relativierung, für andere jedoch öffnet dieser innere Zweifel erst die Tür zum wahren Extremismus, nämlich dann, wenn er Gleichgesinnte findet, die ebenfalls dem Rausch verfallen sind, durch die Geringschätzung der Anderen die eigenen Zweifel zu betäuben.

Gastbeitrag: Saad muss mal was loswerden

Der folgende Text stammt von einem mir persönlich bekannten Bruder namens Saad. Er entfleuchte ihm spontan im Rahmen einer Auseinandersetzung zum Thema Diskriminierung in einer kleinen gemeinsamen WhatsApp-Gruppe. Mit seiner Erlaubnis publiziere ich ihn hier in leicht berichtigter Form.

«Ich muss jetzt mal etwas loswerden.

Ich finde es mittlerweile unerträglich, wie Muslime in der heutigen Zeit beleidigt durch die Straßen laufen und „Ausschau“ nach „Diskriminierungen“ halten, an Paranoia grenzend jeden schiefen Blick als „islamfeindlich“ und diskriminierend empfinden, sich (tief in Innern vielleicht sogar freuend) dann empört im Internet/ bei anderen „akhis“ ausweinen, dass diese Zeit ja sooo schlimm ist und man es als Muslim sooo schwer hat.

Ich kann das nicht mehr hören! Wir müssen den Muslimen in Deutschland/Europa von der Minbar aus auch mal ein bisschen Stolz und Würde einbläuen und sie ermahnen endlich diese Opferrolle zu verlassen, die sie – zwar niemals zugebend, aber scheinbar – genussvoll eingenommen haben!

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Zitat: ʿAmr ibn Bahr al-Jāhiz – Anschläge? Das gab es wohl auch mal andersherum.

«Wir sind aber anderer Meinung , was den Unterschied zwischen den beiden Unglauben und den beiden Religionsgemeinschaften (der Juden und Christen) angeht, und zwar auf Grund der Heftigkeit des Widerstandes und der Hartnäckigkeit, mit der die Christen uns bekämpfen, und auf Grund der ständigen Bereitschaft, trotz ihrer niederen Herkunft und ihrer unedlen Abstammung den Muslimen mit Anschlägen aufzulauern.»

`Amr ibn Bahr al-Jāhiz (776-869 n. chr. Zeitr. / 159-255 n. H.)

Muslimische Scham-Granaten: Selbstgefälliges Trollen im Netz

Ein interessantes Phänomen auf Facebook & Co, kennt ihr es?

Ihr teilt gerade ein Freizeiterlebnis oder führt eine freundschaftliche Unterhaltung, und auf einmal kommt dieser Beitrag/Kommentar:

»Überall auf der Welt werden unsere Brüder abgeschlachtet und unsere Schwestern vergewaltigt, und du …

… redest hier über Schokoladentorte,
… machst Fotos von Eisbechern,
… guckst Fussball
… usw usw usw.«

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Basisbewegung zur Etablierung eines ehrlichen und aufrechten Islamverbandes in Deutschland

Mich bewegt schon seit einigen Monaten der Gedanke, eine Basisbewegung zu initialisieren, die im Ergebnis einen breit aufgestellten und stabilen Bundesverband für Muslime etablieren soll. Ein Verband, der explizit auch sogenannte „Salafisten“ und andere „Islamisten“ in seiner Mitte akzeptiert und ihre Interessen zu vertreten in der Lage ist.

Ich habe inhaltlich schon sehr konkrete Ideen, zaudere bloß mit der Realisierung. Ein besonderes Augenmerk verdient m.E. der Umstand, dass viele Muslime hierzulande die Mitgliedschaft in einem ehrlichen und aufrechten Islamverband mit der Begründung ablehnen könnten, dass sie staatliche, mediale oder gesellschaftliche Repressalien fürchten (z.B. Muslime ohne deutsche Staatsangehörigkeit oder gar mit schwachem Aufenthaltstitel könnten zu Recht Befürchtungen hegen oder andere um ihren Arbeitsplatz fürchten).

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Video: Podiumsdiskussion mit Oliver Janich & Andreas Rieger – Islam & Kapitalismus, Freunde oder Feinde?

Es wird zwar nicht richtig diskutiert, aber trotzdem ist dieses Podiumsgeplauder hörenswert. Was Herr Rieger in Minute 58:44 bis 59:35 sagt, ist sehr verkürzt genau das, was ich auch immer wieder gewillt bin meinen muslimischen Geschwistern zu vermitteln.

https://www.youtube.com/watch?v=BC6fJcALrMg

[Von der im Video geradezu unwidersprochen gebliebenen Kritik am islamischen Zinsverbot distanziere ich mich natürlich ausdrücklich. Janich ist und bleibt ein aufgeklärter Atheist, dem damit sämtliches Verständnis für göttliche Dogmen abgeht. Das jedoch ist nicht Usus im liberalen/libertären Milieu. Roland Baader schrieb z.B. in seinem Buch "Das Kapital am Pranger" folgendes über den Agnostiker v. Hayek:
"In unzähligen Schriften hat er dargelegt, daß die persönliche Freiheit nur in einer Gesellschaft bewahrt werden kann, in welcher die wichtigsten Werte [...] fraglos gelten. Der Schlüssel hierbei ist das Wort fraglos. Nur wenn die Prinzipien des rechten und gerechten Verhaltens, die «man tut …» und «man tut nicht …»-Regeln in einer Gesellschaft in Form von religiösen Glaubensinhalten oder als tradierte Tabus gelten – und somit nicht rational “hinterfragt” werden, können sie bei einer hinreichend großen Zahl von Bürgern verbindliche Leitlinien für das persönliche Verhalten bleiben. Sobald nur noch solche moralischen Werte und Verhaltensregeln anerkannt werden, die sich rational (“vernünftig”) erklären und rechtfertigen lassen, gehen diese Werte verloren, weil die wenigsten von ihnen einer rationalen Begründung zugänglich sind. Sobald man hinter die Zehn Gebote der Bibel ein Warum? setzt, ist ihre – das menschliche Zusammenleben stabilisierende – Kraft dahin. Sie müssen dann durch den strafbewehrten Befehl ersetzt werden.”]

Kurz gesagt: Juhuuu, mein Mörder war demokratisch legitimiert

Dass Muslime ihre Kriegshandlungen angeblich immer mit dem Quran rechtfertigen, wird von Nichtmuslimen grundsätzlich negativ konnotiert. Aber womit rechtfertigen sie denn ihre Kriegshandlungen?

Mit Parlamentsbeschlüssen?

Und? Macht das die Opfer jetzt glücklicher?

„Juhuuu, mein Mörder war demokratisch legitimiert. Da fühle ich mich doch gleich viel heimeliger, hier, so in meinen eigenen dampfenden Gedärmen liegend … die parlamentarisch gerechtfertigte Drohne noch am Himmel hörend.“

Jede konstituierte muslimische Gruppierung, die sich um staatliche Macht bewirbt, lehne ich kategorisch ab

von Yahya ibn Rainer

Jede konstituierte muslimische Gruppierung, die sich um staatliche Macht bewirbt – ob kriegerisch oder demokratisch – lehne ich kategorisch ab.

Den Muslimen ist das Wissen um die Entstehung natürlicher Autoritäten abhanden gekommen und es fehlt ihnen nicht selten auch die nötige Bescheidenheit um solche Autoritäten anzuerkennen.

Familien, Sippen, Stämme und ihre Oberhäupter wurden durch Vereine, Verbände, Parteien und ihre politischen Strategen ersetzt.

Die Moderne infiziert die muslimische Gemeinde vor allem mit ihren Krankheiten. Während die Muslime auf den Gebieten der Wissenschaften und Technologien hinterherhinken (gelinde ausgedrückt), kopieren sie jedoch allzu gern und erfolgreich die Resultate der modernen Wohlstandsgesellschaft.

Die Atomisierung der Gemeinschaft, die Herauslösung des Individuums aus seinen natürlichen Abhängigkeiten, die Überführung dieser Abhängigkeiten an den modernen Überstaat und die gleichzeitige Aufrechterhaltung der Illusion von Selbstbestimmung und Freiheit sind Phänomene, die den Muslim lähmen und ihn in das Denkkorsett des demokratischen Wohlfahrtsstaates zwingen.

Dass man sich in Form von Gruppierungen und Parteien um staatliche Macht bewirbt, ist eine dieser kranken Ideen der Moderne. Allein im Wort „Partei“ ist schon der Frevel eingebaut, der in dieser Idee steckt, denn es handelt sich lediglich um einen „Part“ (Teil) der Gesamtheit, der unabhängig und in sich eigene Hierarchien und Autoritäten erzeugt.

Der personelle Aufstieg in solch geschlossenen Konstrukten funktioniert komplett anders als in natürlichen Gesellschaftsformen. Wer es in einer Partei oder Gruppierung zur Führungspersönlichkeit bringt, muss dazu im gesamtgesellschaftlichen Kontext längst nicht in der Lage sein. Das jedoch ist eine Voraussetzung für anerkannte Autorität. Denn nur eine allgemein anerkannte Autorität, die gesamtgesellschaftlich in der Lage war aufzusteigen, kann sich an der Spitze mit anderem beschäftigen, als mit der Aufrechterhaltung der eigenen Machtposition.

Nicht Führerschaft und Staat sollte der Muslim im Guten fokussieren und anpeilen, sondern die Zivilgesellschaft, denn sie allein legitimiert das Oberhaupt und führt seinem Staat das Personal zu. Nicht Herrscher und Staat erziehen das Volk, sondern das Volk erzieht die Obrigkeit.

Und vor allem muss uns wieder klar werden, dass der Staat – die Dawla – weder Selbstzweck noch Pflichtteil im Islam ist. Der Staat, wie er heute von fast allen Muslimen gedacht wird, ist den primären Quellen des Islams vollkommen fremd. Er hat sich in der langen Staatsgeschichte vielmehr als ein Instrument erwiesen, welches den Status des reinen Nutzens schnell verliert und sich zum Mittel für Despotie und Ausbeutung wandelt.

Deshalb verdient der Staat keinerlei Preisung und besonderes Vertrauen, wie es durch zahlreiche muslimische Gruppen und Parteien heute geschieht, sondern er braucht eine aufmerksame und kritische Kontrolle durch zivilgesellschaftliche Autoritäten und die wahre islamisch legitimiert Obrigkeit, nämlich den Amir.

„Salafisten“ – Die träge Masse …

von Yahya ibn Rainer

Für die Schlagzeile der Woche, zumindest für viele Muslime hierzulande, sorgte eine Initiative der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Mit ihrer kompetenten Hilfe (finanziell als auch organisatorisch) wurde das sogenannte Muslimische Forum Deutschland aus der Traufe gehoben, als Gegenentwurf zu den „konservativen Verbänden“, die nicht nur zahlreich sind, sondern untereinander auch ordentlich zerstritten.

Der demokratische Staat braucht für seine Gesellschaftsklempnerei nun einmal Mehrheiten und diese kann er mit den zumeist national und sektiererisch ausgerichteten Islamverbänden und -räten nicht erlangen. Der Ansprechpartner muss eine Mehrheit repräsentieren und in der Politik sieht man diese Mehrheit anscheinend bei denjenigen, die es mit der Religion Islam nicht ganz so ernst nehmen.

Was in unseren Kreisen eher als Kultur-, Namens- und Discomuslime bezeichnet wird, nennt man in der Politik „liberale Muslime“. Dabei ist der Begriff liberal im politischen Zusammenhang natürlich irreführend. Das Milieu, aus dem sich liberale Muslime rekrutieren ist politisch zumeist links, reformmarxistisch und auch nationalistisch geprägt.

Interessant ist, dass man sich zur Schaffung dieser Vertretungsmehrheit auch eines miesen Tricks bedient. Da die Wortschöpfung „liberale Muslime“ – ebenso wie der Kampfbegriff „Salafisten“ – keine muslimische Definition erlaubt, sondern sich ganz allein aus der staatlich-politischen Deutungshoheit ergibt, hat man kurzerhand auch sämtliche Aleviten, Jesiden und sogar orientalistische Christen in diesen liberalen Topf geworfen.

Nun ja, eines wird ihnen damit wohl sicher sein, eine geflissentlich staatshörige Mehrheit, politisch dem linken Mainstream genehm und ohne große religiöse Ambitionen.

Keine Schlagzeilen, aber zumindest eine kleine Verbreitung auf Facebook, erreichte diese Woche eine kleine Grafik, die ich spontan am Arbeitsplatz kreierte. Immer noch deutlich ergriffen vom Zahlenverständnis des fabulierenden KZ-Schiiten (ich berichtete davon am 18. April) nahm ich mir die Abonnentenzahl einiger Facebookseiten vor, die von „Salafisten“ oder „salafistischen Organisationen“ betrieben werden und verglich diese mit den Abonnentenzahlen solcher Facebookseiten, die von (nach eigener Aussage) nicht- oder anti-salafistischen Personen und Organisationen betrieben werden. Zudem fügte ich noch einige nichtmuslimische Facebookseiten als Referenz hinzu.

salafisten

Sinn und Zweck dieser spontanen Grafik kann man ja aus der Überschrift erahnen. „Salafisten“ sind nur eine kleine religiöse Randgruppe in Deutschland. Das hört und liest man andauernd. Der Bundesverfassungsschutz deckte diese Behauptung, als er im Oktober 2014 darüber aufklärte, dass es in ganz Deutschland gerade einmal 6.300 Salafisten gäbe.

Ich kenne persönlich recht viele „Salafisten“ die kein Facebook-Profil haben. Schätzen wir mal, dass von den 6.300 „Salafisten“ ganze 5.000 ein Facebook-Profil haben und jeder einzelne von ihnen hat die Facebookseite von Pierre Vogel abonniert. Wer sind dann die über 100.000 anderen Abonnenten? Wenn nur jeder 10. diese Seite abonnierte, weil er Pierre Vogel gut findet, dann sind das immer noch 10.000.

Wir müssen uns nicht lange mit diesen Zahlenspielen abmühen. Jeder sogenannte „Salafist“ kennt die Realität. Wir sind bedeutend mehr, als sich so einige liberale und Nichtmuslime in ihren kühnsten Träumen überhaupt vorstellen könnten. Aber wir sind nun einmal mehrheitlich nicht das, was Staatsknechte, Islamverbände und unqualifizierte Journalisten aus uns machen wollen, nämlich gefährliche Kriminelle und Terroristen.

Doch was bringt uns Quantität, wenn die Qualität zu wünschen übrig lässt. Denn noch viel mehr, als wir sogenannte Ungläubige, Neuerungsträger und Kollaborateure verabscheuen, verabscheuen wir uns gegenseitig.

Da wir schon beim Thema Facebook sind, können wir gern diese Plattform als Messlatte für unseren Zustand nehmen. Das Kommentar- und Diskussionsniveau unter Salafisten unterscheidet sich nicht großartig vom Niveau auf den Seiten von PEGIDA & Co. Die meisten Schimpfwörter, die „Salafisten“ kennen, beziehen sich auf andere Muslime und größtenteils ebenfalls auf sogenannte „Salafisten“.

Genau diese „Salafisten“ sind es, die den zahlreichen Predigern und Organisationen auf Facebook solch gewaltige Verbreitung verschaffen, aber in der realen Welt nichts erwähnenswertes auf die Beine stellen können.

Der Zentralrat der Muslime, der im Internet die Domain www.islam.de belegt und mit Aiman Mazyek an der Spitze von Politik und Medien als Vertreter der Muslime in Deutschland gefeiert wird, hat gerade einmal um die 10.000 Mitglieder.

Es bräuchte nur ein wenig Engagement, ein wenig Herzblut und ein wenig Abkehr vom Internetislam, und wir „Salafisten“ könnten mit anderen „Islamisten“ und „Fundamentalisten“ einen Rat aus der Traufe heben, der zahlenmäßig den anderen Räten und Verbänden zumindest ebenbürtig sein würde.

Gerade jetzt, wo Staat und Politik versuchen „muslimische“ Mehrheiten jenseits des Islams zu mobilisieren, könnte ein frischer radikaler Wind durchaus für Gleichgewicht sorgen.

Aber dazu sind wir „Salafisten“ zu egoistisch, zu selbstverliebt, über weite Teile auch viel zu ungebildet und vor allem auch zu geizig. Ohne es zu merken, hat die angeblich so rückständige Steinzeitideologie der Salafi-Bewegung in Deutschland die Errungenschaften der abendländischen Aufklärung in sich aufgenommen und die Geldbörse hat sich an den hiesigen Wohlfahrtsstaat gewöhnt. Niemand lässt sich was sagen, jeder weiß es besser, Hierarchien haben keine Chance und das Geld klebt geradezu am eigenen Körper.

Ein großer Rat der orthodoxen Muslime ist schnell gegründet, wenn man in der Lage ist die eigene (oft unwichtige) Meinung zurückzustellen und regelmäßig einen gewissen finanziellen Beitrag abdrückt. Aber wir bezahlen lieber auf Facebook mit Likes, die sind kostenlos, und glänzen im anonymen Netz mit gegoogeltem Wissen und geheuchelten Bekenntnissen.

So wird das nichts. Leider. Salafisten eben, die träge Masse …

Von „Salafismus“-Aussteigern und blinden Kollaborateuren

von Yahya ibn Rainer

Es kommt wirklich nicht häufig vor, aber wenn, dann wird zumeist eine große Sache daraus gemacht. Sogenannte „Salafismus“-Aussteiger sind ein knappes und daher auch begehrtes und kostbares Gut für Medien und staatsalimentierte Vereine.

Für die Medien hat sich das Thema „Salafismus“ grundsätzlich zu einem erträglichen Geschäft entwickelt, da sie ihn ohne weiteres mit internationalem Krieg und Terrorismus verlinken und somit die fleißig geschürten Ängste in der Gesellschaft bedienen können.

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Tarek Bärliner und seine inzestiöse Assoziationskraft

von Yahya ibn Rainer

Ich kam leider nicht umhin auf diesen Beitrag in der IZ aufmerksam zu werden, wurde er ja von zahlreichen Persönlichkeiten des salafi-kritischen Milieus geradezu gefeiert und somit auch zahlreich in den sozialen Netzwerken geteilt. Dieser ominöse Beitrag namens „Über die Sprache der „Internet-Salafis“ – Bruder sucht Schwester zum Heiraten“ wurde am 03.04.2015 auf der Website der Islamischen Zeitung publiziert und behandelt anscheinend ein äußerst wichtiges Thema, nämlich die in bestimmten Zusammenhängen falsch eingesetzten Possessiva bei den arabischen Worten für Bruder (Akh) und Schwester (Ukht).

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Ich verachte euch dafür …

von Yahya ibn Rainer

Viele Libyer, Syrer, Iraker, Tunesier, Ägypter, Türken, Marokkaner usw. sind in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gekommen, weil die Lage in ihren Heimatländern durch die nationalistischen, sozialistischen und radikallaizistischen Tyrannen für praktizierende Muslime sehr schwer wurde. Zahlreiche Muslime erzählten mir von den Praktiken der Geheimdienste und Staatsagenten in ihren Ländern, die Moscheen überwachten, ihre Besucher (besonders zum Morgengebet) verzeichneten und diese manchmal auch persönlich unter Druck setzten.

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Buchauszug: Bertrand de Jouvenel – Das muselmanische Wassergesetz

„Wenn der Überfluß eines Gutes für seine Unentgeltlichkeit verantwortlich ist, so folgt daraus, daß es unter Umständen sehr wohl in die Kategorie der ökonomischen Güter eintreten kann. Der Satz „Ich verkaufe Ihnen ein Pfund Eis“ würde einen Eskimo zum Lachen bringen – für einen Menschen am Äquator würde er ein akzeptables Anliegen ausdrücken.

Während der Geschichte unserer westlichen Gesellschaften sind die Bäume aus der Klasse der „unentgeltlichen Güter“ in die der „ökonomischen Güter“ übergetreten. Ein Stück Bauholz erhielt einst einen Preis ausschließlich aus der Arbeit, die in es eingegangen war: die Bäume konnten umsonst gefällt werden. Die Gewohnheit, daß Bäume schon verkauft werden, bevor sie geschlagen sind, hat sich nicht ohne Schwierigkeiten durchgesetzt.

Nicht nur die Tatsache, daß ein natürliches Gut im Überfluß vorhanden ist, steht seinem Verkauf entgegen. Es wird auch das Gefühl wirksam, daß es zwar legitim ist, für seine Arbeit und seinen Schweiß eine Belohnung zu erhalten, daß dies aber bei einer „Gabe Gottes“ weniger angebracht sei. Dieses Gefühl tritt deutlich im muselmanischen Wassergesetz zutage, das auch im Falle äußerster Wassernot entsprechend dem Koran den Verkauf von Wasser untersagt.“

(Prof. Bertrand de Jouvenel, Über Souveränität – Auf der Suche nach dem Gemeinwohl, Seite 17-18)