Über die Ambiguität in der islamischen Welt

„Die Juristen der klassischen Zeit, also etwa bis in die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts, waren ebenso der Überzeugung, dass Gottes Gesetz (die Scharia) nicht eindeutig erkennbar ist. Deshalb hat man sich im Strafrecht (das im islamischen Recht überhaupt eines der am wenigsten ausgearbeiteten Rechtsgebiete ist) auch bemüht, drastische Leibstrafen zu vermeiden. In über 1000 Jahren vor dem späten 20.Jahrhundert gab es so gut wie keine Steinigung von Ehebrechern und schon gar keine Hinrichtungen wegen einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen. Wenn Taliban, al-Qaʾida und IS heute solche Hinrichtungen geradezu zu ihrem Markenzeichen machen, ist das kein »Zurück ins Mittelalter«, sondern umgekehrt die Neuerfindung einer modernen, totalitären Islamideologie.

Was wir heute erleben, lässt sich, um einen Ausdruck des Kunsthistorikers Hans Sedlmeyer zu gebrauchen, als Verlust der Mitte bezeichnen, und dies ist schlicht das Resultat eines drastischen Verlusts an Ambiguitätstoleranz. Dieser Prozess setzt im Islam während des 19.Jahrhunderts ein, als islamische Gesellschaften mit dem wirtschaftlich und militärisch überlegenen Westen konfrontiert und dadurch in die Enge getrieben wurden. Fühlt man sich aber in die Enge getrieben, sucht man nach einfachen und klaren Antworten, und so wird auch die Luft für Ambiguitätstoleranz dünn. Diese Konfrontation zwischen dem Westen und islamischen Gesellschaften geschah gerade zu einem Zeitpunkt, an dem die Ambiguitätstoleranz im Westen einen ihrer Tiefpunkte erreicht hatte. Die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts brachte all jene vollständig ambiguitätsintoleranten Ideologien hervor, die schließlich das 20.Jahrhundert zum blutigsten der Weltgeschichte werden ließen.“

-Prof. Dr. Thomas Bauer (Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, S.37)

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Über Nando-Dragan Nuruddin Augener

Nuruddin, Jahrgang 1989, machte 2010 sein Abitur und lebt in Hamburg. Studium der Erziehungswissenschaft und der Soziologie an der Universität Hamburg (2011-2014). Muslim seit September 2016. Kontakt: nd.augener@web.de

4 Gedanken zu „Über die Ambiguität in der islamischen Welt

  1. Es dreht sich nicht darum,dass die Scharia(Gesetz) nicht eindeutig zu erkennen ist,sondern dass es in manchen Dingen Freiraum für Ischtihad. gibt,und was die Anwendung der Hudud(Kapital ,drakonische Strafen),betrifft,so müssen bestimmte gesellschaftliche Vorraussetzungen gegeben sein.-In der Zeit von Omar bin alChattaab,einer der rechtgeleiteten Kalifen,wurde wegen einer Hungersnot die Strafe Der Abtrennung der Hand für Diebstahl zeitweise
    Das islamische Strafrecht ist sehr wohl ausgearbeitet,aber dazu sollte man qualifizierte Gelehrte als Fachleute zu Worte kommen lassen.Leider hat es immer wieder Bemühungen gegeben,bis heutzutage,das Bild des Islam von bestimmten Strömungen,darunter auch von den Orientalisten und Islamwissenschaftlern zu verzerren-einerseits was die westliche Welt angeht,in der islamischen Welt wurden die Leute auf Grund ihrer Unwissenheit in religiösen Dingen von gewissenlosen Individuen mit Fanatismus geimpft und instrumentalisiert,wie das leider sooft der Fall in Glaubensdingen ist.
    Der Islam an sich ist frei von Ambiguität,wie der Quran es zum Beispiel in
    Sura Fussilat sagt,die sich damit beschäftigt,s.auch Aya 44-
    Danke für den anregenden Artikel.

  2. Unter dem Kalifen Omar bin al Chattab wurde die Strafe (Hadd) wegen einer Hungersnot zeitweise ausser Kraft gesetzt,ansonsten sind bei anderen Vergehen wie Ehebruch z.B.4 Zeugen beizubringen,die dies mit eigenen Augen vollständig vollzogen gesehen haben müssen,was sehr schwierig ist und die Verurteilung fast unmöglich macht.((Ergänzung des fehlenden Satzabschnittes sowie Zusatz zur Verdeutlichung)

  3. Liebe Schwester, die Scharia hat unterschiedliche Bedeutungsebenen. Allgemeinhin stellt sie den geraden Weg, der zur ewigen Glückseligkeit führt, dar. Eine einheitliche Definition für das Wort Scharia gibt es nicht. Mit Scharia drückt man in gewisser Weise die Gesamtheit der göttlichen Botschaft aus. Es handelt sich jedoch nicht um eine reine Sammlung von Gesetzen, und erst recht nicht um ein Synonym für das Strafrecht, wie es heutzutage manchmal fälschlicherweise verstanden wird. Im edlen Koran taucht das Wort Scharia übrigens nur einmal auf (45:18). Der Din ist klar und die Glaubensgrundsätze sind unmissverständlich. Das stimmt. Jedoch sollte man Religion nie ohne den Gedanken der Historie denken. Historie ist menschengemachtes Leben und sehr ambig. Das geht gar nicht anders. Nehmen wir zum Beispiel die Kommunikation unter Individuen. So entsteht eine Interdependenz zwischen Ideal und praktischen, menschlichen Leben. Was mir auch noch wichtig ist: Nicht jeder sogenannter Orientalist ist per se gegen den Islam. Es gibt viele Islamwissenschaftler, die durchaus positives und gewinnbringendes in den innerislamischen Diskurs hinzufügen können.

  4. AsSalaamu alykum, Scharia bedeutet per se Gesetz,nicht unbedingt auf religiöser Basis.Im Islam ist es die Legislative, Regelung für die bürgerliche muslimische Gesellschaft sei es nun in einem Staat,der sich auf Quran und Sunna stützt,oder einem anderen Staatsgebilde,wie die BRD,wo die Muslime auf Grund ihres Vertrages(deutsche Staasbürgerschaft),verpflichtet sind ,dessen Gesetze einzuhalten was ja durchaus möglich ist,denn das Grundgesetz garantiert ja Religionsfreiheit.Fatawas können sich im Laufe der Zeit den örtlichen Gegebenheiten anpassen,aber nur,insofern Ischtihad möglich ist,an festgesetzten Fundamenten in Quran und Sunna darf nicht gerüttelt werden.Dies alles beinhaltet die Scharis Islamiya.Historie ist,wie Sie schon sagten,gelebtes Leben,menschengemacht (obwohl wenn wir nachdenken,alles mit dem Willen Allahs und Seiner Bestimmung geschieht,er überlässt uns den Strang ,an dem wir ziehen-Hablun min an Nas und Hablun minAllah“-ein Strang von den Leuten und ein Strang von Allah.Im Grunde wiederholt sich die Geschichte immer wieder,es ist ein ewiger Kampf zwischen Gut und Böse,dem ein jeder ausgesetzt ist und den er mit sich selbst austragen muss.Ich gebe Ihnen recht,man kann aus der Geschichte lernen,deswegen sollte man sie studieren(im Quran z.B.wird ja immer wieder als Ermahnung das Schicksal früherer Völker erwähnt),und natürlich unterstelle ich nicht allen Islamwischenschaftlern und Orientalisten böswillige Absichten,da haben Sie vollkommen Recht.Am besten hält man sich an die goldene Regel:“An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“.Doch meine ich,im Hinblick auf auf innerislamische Dialoge,dass man auch Vieles zerreden kann-ich bin mehr von der praktischen Seite,so sind die Menschen nun mal verschieden.
    Ich danke Ihnen für Ihren anregenden Beitrag.

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