Weihnachten: Mitfeiern oder nicht?

von Jens Ranft

“Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind.” Die sogenannte Weihnachtszeit ist für manche Muslime hierzulande eine Prüfung. Speziell zu dieser Zeit lese ich vermehrt über Meinungsverschiedenheiten in der muslimischen Gemeinde.

Darf man Weihnachten (mit-)feiern? Darf man zu diesem Fest gratulieren oder zumindest den “Frohe Weihnacht”-Wunsch erwidern? Was machen wir Muslime an diesen 3 Weihnachtstagen? usw.

Muslime als Minderheit unter Christen, das war im Laufe der muslimischen Geschichte eher die Ausnahme als die Regel, und so ist es für hier lebende Muslime  – besonders die konservativ und orthodox praktizierenden – eine spezielle Situation. Man sucht also den richtigen Weg zwischen der Ablehnung (andersreligiöser Praktiken) auf der einen Seite und dem Güteerweisen und redlichem Umgang (mit den Schriftbesitzern) auf der anderen Seite, denn beides ist uns im Umgang mit Nichtmuslimen auferlegt.

Im Wissen darum, dass es vor uns Muslimen – hier in Deutschland – bereits ein anderes Schriftvolk gab, das als Minderheit unter den Christen lebte und das Bestandteile der christlichen Lehre ebenso ablehnte wie wir, veranlasste mich dazu, ein wenig zu recherchieren. Und ich bin fündig geworden.

Die Nitl-Nacht

Die Juden, die schon seit etwa 2000 Jahren als Minderheit hier leben und die die Dreifaltigkeit Gottes ebenso entschieden ablehnen wie die Gottessohnschaft und Vergöttlichung des Israeliten Jesus, kennen einen Brauch, den sie speziell zum Zeitpunkt der christlichen “Heiligen Nacht” praktiziert wird.

Sie nennen ihn die Nitl-Nacht (vom lat. natalis “zur Geburt gehörig”), in der sie sich mit Absicht vom Studium ihrer Weisung (der Torah) fernhalten, um sich zu ermahnen wie es wäre, wenn sie der christlichen Lehre folgen würden. Denn ein maßgeblicher Teil der christlichen Lehre ist ja, dass die Verbindlichkeit vieler Gebote und Verbote der Torah durch den Kreuztod Jesu aufgehoben wurde, da er die Sünden auf sich genommen hat.

Zu diesem jüdischen Brauch der Nitl-Nacht möchte ich an dieser Stelle gern aus dem Brief eines bekannten deutschen Rabbiners zitieren, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasst wurde:

Es dämmert … die Weihnachtsglocken tönen durch die christliche Welt. Es sind die einzigen Signale des christlichen Kultus, die auch in jüdische Häuser dringen. Denn in der Nitlnacht ruht das Studium des Gesetzes.

Für ein paar Abendstunden vergegenwärtigt sich das jüdische Volk, wie arm es ohne Thora wäre. Wie bettelarm und hilflos, wenn jene Anschauung im Rechte wäre, die im Christentum die Überwindung der jüdischen Gesetzlehre sieht und nicht die fragmentarische Weltansicht einer tausend-jährigen Übergangszeit, die auf Umwegen – langsam aber sicher – an den Fuß des Moriaberges führt.

Darum – wenn die Weihnachtsglocken tönen – horcht Jissroél nachdenklich auf – legt sein Kostbarstes bei Seite und wartet, bis sie ausgeklungen. Gäbe es Gott, daß sie nicht umsonst über die Erde klingen, und mögen sie mit mächtigem Schall das Gewissen der Völker wecken!

Selig sind, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen gesättigt werden. So heißt es in der Bergpredigt. Das Recht und die Liebe – es ist endlich Zeit, das aus den toten Worten, lebendige Taten werden. Was nützt es, wenn für nichtigen Zweck die nationale Ehre geschützt, die nationale Wehrkraft vermehrt, der nationale Wohlstand gefördert wird – wenn Millionen ungesättigt nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, wenn das Alphabet jeder Menschengesittung, das Recht und die Liebe, noch immer gelehrt – vergeblich gelehrt werden muß. Hat man denn schon vergessen, daß der feierliche Schall der Weihnachtsglocken dem Geburtstag eines jüdischen Kindes gilt! – In der Nitlnacht ruht das Studium der Thora. Ausnahmsweise, nach althergebrachtem Brauch.

Dieser Brauch ist ein sinniger Brauch. Wenn sich die Enthaltsamkeit vom Lernen nur auf die Stunden einer – dieser erstreckt.
Jedoch dieser Brauch verliert jeden vernünftigen Grund, wenn die Enthaltsamkeit vom Lernen, bereits in der vorhergehenden Nacht geübt, in der folgenden Nacht fortgesetzt werden sollte – wenn auch in den übrigen Nächten des Jahres das Studium des Gesetzes ruht.

Zu den Perlen, um die uns die Vernachlässigung der Thora bringt, zählt auch die sinnige Muße der Nitlnacht. Darum klingen die Weihnachtsglocken vorwurfsvoll in so manches jüdisches Haus. O, daß sie auch uns zur Besinnung brächten!

(Rabbiner Dr. Raphael BREUER, Unter seinem Banner, 1908, S.186-187 >>)

Wer diesen Brief aufmerksam liest und zu verstehen versucht, wird die feinsinnige Mahnung erkennen, die der Rabbiner an seine Glaubensgenossen richtet. Eine Mahnung, die so ähnlich auch bei vielen Muslimen heute angebracht sein könnte. Der Aufruf, in der Nitlnacht nicht die Torah zu studieren, ist, bei genauerer Betrachtung, eher eine Ermahnung, es an den anderen Tagen des Jahres (wieder) vermehrt zu tun. Und auch die Kritik an der christlichen Lehre ist höflich verpackt und mit Weisheit geschrieben.

Und vor allen Dingen: Es gibt eine klare Aussage, nämlich dass das Einzige vom “christlichen Ritus”, was “auch in jüdische Häuser” dringt, die Töne der “Weihnachtsglocken” sind.

Und so ist es auch eine Mahnung an uns Muslime, leben doch Juden – im Gegensatz zu uns – bereits seit vielen Jahrhunderten als Minderheit in diesem Land. Sie schufen einen Brauch, der zwar christliche Riten aus den jüdischen Häusern fern hielt, aber trotzdem eine eigene Besinnung und Ermahnung daraus zu ziehen vermochte.

Die muslimische Minderheit in diesem Lande ist gerade einmal 2-3 Generationen – sprich 60 Jahre – hier daheim und verspürt zum Teil schon heute ein unbändiges Bedürfnis am christlichen Ritus, anstatt ihn zum Anlass zu nehmen sich zu besinnen und die eigenen Riten wieder zu beleben.

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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