{"id":1115,"date":"2014-07-02T14:15:34","date_gmt":"2014-07-02T14:15:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/?p=1115"},"modified":"2019-10-01T10:30:18","modified_gmt":"2019-10-01T10:30:18","slug":"auszuege-aus-harmlose-skizzen-aus-konstantinopel-von-helene-boehlau-1888","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/auszuege-aus-harmlose-skizzen-aus-konstantinopel-von-helene-boehlau-1888\/","title":{"rendered":"Ausz\u00fcge aus \u201eHarmlose Skizzen aus Konstantinopel\u201c von Helene B\u00f6hlau (1888)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Helene B\u00f6hlau (gest. 1940) &#8222;geh\u00f6rte zu ihrer Zeit zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen. Sie erhielt den Preis der Deutschen Schiller-Stiftung. Max Lesser nannte sie 1901 gemeinsam mit Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal und Peter Altenberg die bedeutendste deutschsprachige Schriftstellerin der Gegenwart.&#8220; (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Helene_B%C3%B6hlau#Leistungen\">Wikipedia<\/a>) Im Jahre 1886 heiratete sie in Istanbul den Publizisten\u00a0<em>Friedrich Arnd,<\/em> der zuvor vom Judentum zum Islam konvertierte und sich fortan <i>Omar al Raschid Bey <\/i>nannte. Angeblich vollzog ihr Mann lediglich die Konversion, um Helene B\u00f6hlau als Zweitfrau ehelichen zu k\u00f6nnen. Allerdings lie\u00df er sich alsbald von seiner ersten Ehefrau scheiden und zog mit H. B\u00f6hlau nach M\u00fcnchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihren etwa 1-j\u00e4hrigen Aufenthalt in Istanbul dokumentierte sie unter dem Titel \u201eHarmlose Skizzen aus Konstantinopel\u201c, die sie 1888 in einem Magazin publizierte. Hier einige sehr eindr\u00fcckliche Ausz\u00fcge aus diesen Skizzen:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch habe beobachtet, auch auf dem Dampfschiff, mit dem ich oftmals den Bosporus entlang fuhr, dass die Begr\u00fcssung zwischen Erwachsenen und Kindern etwas ganz besonders Herzliches an sich tr\u00e4gt, von Seiten der Kinder zutunlich-ehrfurchtsvoll und von seiten der Erwachsenen liebensw\u00fcrdig-besorglich. Haupts\u00e4chlich liebensw\u00fcrdig sind die M\u00e4nner zu den Kindern. Da sieht man allerliebste Szenen und Gruppen. Beinahe t\u00e4glich begegne ich unter den alten Zypressen vor der Asmali-Mesdjid einem stattlichen T\u00fcrken in weitem Kaftan, wei\u00dfem Turban, mit schwarzen blitzenden Augen, Adlernase und schwarzem langem Bart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Mensch, der aussieht, als stecke sein Kopf voll aufr\u00fchrerischer Ideen, und als w\u00e4re bei ihm alles auf Gewalt und Kampf gerichtet, tr\u00e4gt immer in z\u00e4rtlicher und r\u00fchrender Weise, wenn ich ihm begegne, an sein Ohr gedr\u00fcckt ein winzig kleines Kindchen, ein wahres Wachspr\u00e4par\u00e4tchen von einem Kind, weiss, durchsichtig, fast nicht gr\u00f6sser als der braune dunkle Kopf, an den es angeschmiegt ist. Und der T\u00fcrke tr\u00e4gt es so w\u00fcrdig, so hingebend und so unbeschreiblich behutsam. Aber nie habe ich ihn anders gesehen als mit dem Kind an der b\u00e4rtigen Wange. Der Anblick wird mir unvergesslich sein. Dies \u00dcbermass von Kraft, Vorsicht und r\u00fchrender Z\u00e4rtlichkeit ! [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der ersten Klasse auf dem Dampfschiffe sieht man oftmals w\u00fcrdige V\u00e4ter mit ganz kleinen Kindern auf dem Arme. Sie finden ihre Bekannten, und augenblicklich ist das Kindchen dem Vater von dem Arm genommen und irgend ein anderer ehrenwerter Efendi hat es auf dem seinen, wandelt mit ihm auf und nieder, bem\u00fcht sich, es zum L\u00e4cheln zu bringen, liest ihm aus einer Zeitung etwas vor, kauft ihm vom Schekerdschi einen kleinen guten Bissen, schaukelt es, wiegt es und treibt das so lange, bis wieder ein anderer ihn bittet, ihm das Eandchen ein wenig zu geben. Dabei sind diese ernsten M\u00e4nner von solch einer anmutigen Heiterkeit und Liebensw\u00fcrdigkeit und scheinen sich wirklich an dem kleinen Ding von Herzen zu erfreuen. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ein T\u00fcrke seinen Sohn auf der Strasse an der Hand f\u00fchrt, so tut er es mit der gr\u00f6ssten Hingabe, und man sieht seinem Benehmen an, dass er einen \u00e4usserst wertvollen und geliebten Gegenstand zu beaufsichtigen hat. Hier f\u00e4llt mir ein : die milit\u00e4rische Vorbereitungsschule er\u00f6ffnete eben ihre Ferien, eine Unzahl halbwegs europ\u00e4isch gekleideter Kadetten str\u00f6mte heraus, jeder das erlangte Zeugnis in der Hand. Draussen stehen die w\u00fcrdigen V\u00e4ter. Jeder empf\u00e4ngt den erwarteten Liebling mit auffallender R\u00fchrung und Z\u00e4rtlichkeit, l\u00e4sst sich von ihm ehrerbietig begr\u00fcssen, wirft einen Blick in das Zeugnis und ruft freudig erstaunt: \u201eMasch Allah! Masch Allah!&#8220; (\u201eDu hast es brav gemacht, mein Sohn!&#8220;) Dann herzt und k\u00fcsst er sein S\u00f6hnchen, seinen k\u00fcnftigen Pascha, und zieht triumphierend mit ihm ab. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Muhammad hat sein Volk auch reinlich haben wollen; und man sollte sich einmal nach einem schmutzigen T\u00fcrken umsehen! Die Lumpen des armseligsten Bettlers, an dem keine Handbreit ehrlich festes, ungeflicktes Zeug zu finden ist, strahlen von Weisse und Sauberkeit. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Muhammad hat sein Volk erbarmungsvoll, auch erbarmungsvoll gegen die Mitgesch\u00f6pfe, die Tiere, sehen wollen \u2014 und die T\u00fcrken folgen auch hierin ihrem Propheten. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nie wird man ein Tier auf den Strassen Konstantinopels von t\u00fcrkischen H\u00e4nden gequ\u00e4lt sehen. Im Gegenteil findet man \u00fcberall steinerne N\u00e4pfe und Tr\u00f6ge, mit Wasser gef\u00fcllt, f\u00fcr Hunde und V\u00f6gel. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht nur diese bedenken sie mit Wasser und allerlei Wohltat, auch f\u00fcr die Kinder und Armen wird an heissen und kalten Tagen auf der Strasse gesorgt. So stehen z. B. im Winter Kohlenbecken f\u00fcr die Bettler auf der Br\u00fccke. An heissen Tagen schicken die Moscheen M\u00e4nner aus, die, ganz in Leder gekleidet, den grossen Wasserschlauch auf dem R\u00fccken, jedermann unentgeltlich, besonders aber den Kindern, gutes Quellwasser aus metallenen, mit Koraanspr\u00fcchen verzierten Schalen reichen. Wir haben oftmals solch einen alten Wassertr\u00e4ger beobachtet, wie er von kleinen durstigen T\u00fcrklein umgeben war und sie wahrhaft liebevoll bediente. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles geht hier unscheinbar, ohne Prahlerei vor sich, mit wenig Wichtigtun, dass man sich verwundert, wie es ohne unsere vielger\u00fchmte Christenliebe zu st\u00e4nde kommt. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein wunderliches Kapitel geben die Bettler hier ab. Den tief ergreifenden Gesang der blinden Bettler h\u00f6rt man oft auf den Strassen. Und wenn in der Dunkelheit solch ein armer Blinder durch die engen Gassen Peras schleicht und man den klagenden Gesang vom Zimmer aus erst ganz entfernt, dann immer n\u00e4her kommen h\u00f6rt, gehen diese schmerzlichen, wahrhaft ergreifenden T\u00f6ne durch Mark und Bein. Es ist, als schliche das Elend der Menschheit an den Fenstern vor\u00fcber. Anfangs \u00fcberw\u00e4ltigt jedesmal dieser Eindruck, sp\u00e4ter wird man es gew\u00f6hnt und h\u00f6rt kaum mehr darauf. An unseres Herzens H\u00e4rtigkeit ist allein die Gewohnheit schuld. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00e4tselhaft und unbegreif\u00fcch ist es, wie die Blinden in dem ungeheuren Treiben hier sich sicher bewegen. Einem Sehenden wird es schwer, sich hier ungef\u00e4hrdet durchzuwinden. Wie oft aber habe ich gesehen, dass ein Blinder in der Pferdebahn, die durch Stambul f\u00e4hrt, unentgeltlich mitgenommen wurde. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal erlebte ich, dass der Kondukteur so einem Armen, der sich m\u00fchsam die schmale Treppe herauf- und in den Wagen hereingetastet hatte, Geld zu dem Fahrbillet abforderte. Der Blinde sch\u00fcttelte mit dem Kopfe, zum Zeichen, dass er kein Geld habe. Er tat dies einfach und ohne jede Bef\u00fcrchtung, dass man ihn von seinem Platze weisen w\u00fcrde; wie es ungef\u00e4hr bei uns jemand tun w\u00fcrde, der wohlbekannt und reich ist und nur durch Zufall kein Geld bei sich hat, und dem der Kondukteur s\u00fcss l\u00e4chelnd versichert : \u201eSchadet nichts, Herr Baron \u2014 ein andermal.&#8220; \u2014 Wehe aber dem Armen, und wenn es ein Blinder w\u00e4re, der dasselbe bei uns wagen w\u00fcrde, wie er es hier wagen kann! Der Kondukteur, der dem Blinden das Geld abforderte, wurde von einigen Insassen des Wagens geh\u00f6rig angelassen: \u201eNun, was ist denn der? Bist du denn richtig bei Verstand, dass du Geld von ihm nehmen willst? Sch\u00e4mst du dich denn nicht ?&#8220; Ein anderer wieder frug: \u201eBist du denn kein Mensch, \u2014 was bist du denn? Wir werden dich bei deinem Brotherrn verklagen! Wir werden ihm sagen, was f\u00fcr einer du bist! [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe in der Pferdebahn ausserdem auch bemerkt, dass ein armer Schlucker zu seinem Nachbar sagt, wenn dieser die B\u00f6rse zieht, um sein Fahrgeld zu entrichten : \u201eDu, bezahl auch f\u00fcr mich!&#8220; und es geschieht darauf wie etwas Selbstverst\u00e4ndliches, nicht etwa mit der Miene, als gebe der Wohlhabende dem Armen ein Almosen. Es ist der Rede und des Dankes nicht wert, was zwischen den beiden vorgeht. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es liegt hier oft eine grosse Vornehmheit und Liebensw\u00fcrdigkeit im Geben sowohl wie im Verlangen. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sah ich einmal einen in Lumpen geh\u00fcllten pr\u00e4chtigen Alten; der bettelte bei den G\u00e4sten eines Kawedschis, die unter einer jener sch\u00f6nen Plantanen sa\u00dfen und Kaffee tranken; auf jeden, von dem er eine kleine Gabe erhielt, tr\u00e4ufelte er aus einem schlanken, langhalsigen Fl\u00e4schchen als Dank ein paar Tropfen Rosenwasser. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ich hier erz\u00e4hlte, ist einfach und wahr, jedermanns Augen zug\u00e4nglich, das, was man auf Strassen und Gassen sieht. Aber wahrhaftig, danach zu urteilen, muss man sagen, dass die T\u00fcrken das Andenken ihres Propheten ehren und seine Gesetze befolgen. Kein Betrunkener ist zu sehen, keiner, der in Schmutz und Widerw\u00e4rtigkeit anderen zum Ekel einherl\u00e4uft, kein unehrbares, unw\u00fcrdiges Benehmen, kein aufgeputztes, herausforderndes Frauenzimmer, kein emp\u00f6render Anblick, den ein gequ\u00e4ltes Tier veranlasst, alles ruhig, w\u00fcrdig und einfach. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Schluss noch etwas \u00fcber ein sonderbares Rechtsverfahren, das aber einen tiefen Blick in die Verh\u00e4ltnisse dieses Landes tun l\u00e4\u00dft. Es handelt sich darum: Wem wird vor Gericht recht gegeben, dem armen Schuldner oder dem reichen Gl\u00e4ubiger, der sein gutes Recht hat, zu fordern? Die Frage scheint sich selbst zu beantworten: Dem nat\u00fcrlich, dem das Recht geb\u00fchrt. Hier aber ist ihre Beantwortung, f\u00fcr unsere Begriffe, unbedingt eine \u00fcberraschende. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Armen, der nicht zahlen kann, dem geh\u00f6rt hier Schutz und Beistand und g\u00fcnstiger Rechtsspruch. Da hei\u00dft es folgenderma\u00dfen: Der Richter fragt einen Hausbesitzer, welcher seinen Mieter, der Ihm nicht gezahlt, aus dem Hause gewiesen und ihn verklagt hat: \u201eWeshalb hast du ihm verweigert, weiter bei Dir zu wohnen?&#8220; \u2014 \u201eWeil er mir den Mietzins schuldig blieb.&#8220; \u2014 \u201eNun, tat er es aus b\u00f6sem Willen? Ist er ein R\u00e4uber, ein Betr\u00fcger ? Ist er denn einer, der dich betr\u00fcgen und um dein Hab und Gut bringen will? Wenn er das ist, so tatest du recht ; wenn er das aber nicht ist, sondern ein Armer, den Allah dir sendete, so hast du unrecht getan, ihn zu verstossen und zu verklagen; und wenn es sich erweist, dass er wahrhaftig ein Armer ist, wirst du ihn wieder bei dir aufnehmen. Was bist du f\u00fcr einer, dass du gegen die g\u00f6ttlichen Gebote zu handeln wagst!&#8220; Und dem Hausbesitzer bleibt nichts \u00fcbrig, als seinen schlechten Zahler, wenn es sich als gewiss herausstellt, dass er unf\u00e4hig ist, seinen Gl\u00e4ubiger zu befriedigen, wieder bei sich aufzunehmen. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass ein Moslim ausgepf\u00e4ndet wird, so etwas kennt man hier nicht. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und den T\u00fcrken will es gar nicht zu Kopfe, dass das, was bei ihnen nicht geduldet, was als Schmach angesehen wird, wenn ein Wohlhabender gegen einen Armen, der ihm schuldig ist und nicht zahlen kann, klagbar wird, dass dasselbe bei einem anderen Volke vortrefflich und in Ordnung ist und kein Mensch Schlimmes darin sieht. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4re ganz interessant, von dem Standpunkt eines gut unterrichteten Moslim aus unsere europ\u00e4ischen Verh\u00e4ltnisse zu betrachten. Ich glaube, dass diese Betrachtung einigermassen Verwunderung erregen w\u00fcrde. Ich habe hier oft Gelegenheit gehabt, durch t\u00fcrkische Anschauung auf unsere Verh\u00e4ltnisse zu blicken.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">(<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Helene_B%C3%B6hlau\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Helene B\u00f6hlau<\/a>, <em>Harmlose Skizzen aus Konstantinopel <\/em>\/ 1888, Westermann\u2019s illustrirte deutsche Monats-Hefte, Band 63)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helene B\u00f6hlau (gest. 1940) &#8222;geh\u00f6rte zu ihrer Zeit zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen. Sie erhielt den Preis der Deutschen Schiller-Stiftung. 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