{"id":113,"date":"2010-12-20T15:56:03","date_gmt":"2010-12-20T15:56:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/?p=113"},"modified":"2019-04-05T09:25:48","modified_gmt":"2019-04-05T09:25:48","slug":"es-gibt-sie-doch-die-christlich-juedischen-traditionen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/es-gibt-sie-doch-die-christlich-juedischen-traditionen\/","title":{"rendered":"Es gibt sie doch, die christlich-j\u00fcdischen Traditionen"},"content":{"rendered":"<p><em>von Yahya ibn Rainer<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte diesen Tag dazu nutzen, eine Ode auf die viel ger\u00fchmte&nbsp;christlich-j\u00fcdische Tradition des Abendlandes zu verfassen. Der Kulturkampfbegriff der&nbsp;<strong>christlich-j\u00fcdischen Tradition des Abendlandes<\/strong> ist n\u00e4mlich eine Farce. Passende Worte dazu fand dereinst der Journalist und Publizist <em>Heribert Prantl<\/em>:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cBeim Reden von der christlich-j\u00fcdischen Tradition handelt es sich aber um eine gewaltige Heuchelei. Die deutsche Politik dr\u00fcckt die alte, fr\u00fcher stigmatisierte Minderheit der Juden an die Brust, um die neue Minderheit, die Muslime, zu stigmatisieren. Die Juden werden missbraucht, um die Muslime als unvertr\u00e4glich zu kennzeichnen.\u201d<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">(http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/gedenktag-november-der-missbrauch-der-juden-durch-die-politik-1.1021220)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingef\u00fchrt hat diese Unwortkombination wahrscheinlich der Holl\u00e4nder Geert Wilders. In seinen pathetischen Reden betont er geradezu beschw\u00f6rend, dass wir Europ\u00e4er unser <em><strong>christlich-j\u00fcdisches Erbe<\/strong><\/em> vor der Islamisierung verteidigen m\u00fcssten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich vor 4 Jahren ein Interview mit dem israelischen Historiker und Soziologen <em>Moshe Zuckermann<\/em> las (<a class=\"contentpagetitle\" href=\"http:\/\/www.hintergrund.de\/201011251260\/feuilleton\/zeitfragen\/das-boese-der-banalisierung.html\">Das B\u00f6se der Banalisierung &gt;&gt;<\/a>), da konnte ich mir noch nicht richtig vorstellen, was er mit dem <em>\u201cRechtsruck der Antisemitismuskritik \u2013 bis an die Grenze zur Holocaust-Leugnung\u201d<\/em> meinte. Jetzt aber versteh ich es. Ich habe mich n\u00e4mlich auf die Suche nach gemeinsamen christlich-j\u00fcdischen Traditionen gemacht, und ich bin f\u00fcndig geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss zuallererst erw\u00e4hnen, dass es in Europa und Deutschland schon seit vielen Jahrhunderten Juden gibt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cEine erste staatliche Akte betreffs der Juden in Deutschland wurde im Jahre 321 erlassen. Kaiser Konstantin d. Gr. , der in seinem ber\u00fchmten Mail\u00e4nder Edikt (313) das Christentum toleriert hatte, ordnete das Leben der Juden K\u00f6lns (Colonia Agrippina). Vermutlich wurde Israel (also die Juden) noch wesentlich fr\u00fcher auf germanischem Boden ans\u00e4ssig, \u2026\u201d<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">(Judentumskunde \/ Hans-Jochen Gamm \/ S. 57)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Laufe der folgenden knapp 1800 Jahre haben sich so manche Traditionen entwickelt, die man durchaus als&nbsp;christlich-j\u00fcdisch bezeichnen k\u00f6nnte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Der Judeneid<\/strong><\/h4>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cEin besonderer Greuel f\u00fcr Israel (also die Juden) ist immer das Schwein gewesen, [\u2026] Auch der Judeneid (Eid more judaico) enthielt das Schweineattribut. Wurde im Mittelalter ein Jude zur gerichtlichen Eidesleistung gefordert, so verlangte das s\u00e4chsische Recht, da\u00df er dabei auf der abgezogenen Haut einer Sau stehe, die kurz zuvor geworfen hatte. Nach dem Schwabenspiegel mu\u00dfte der schw\u00f6rende Juden zus\u00e4tzlich einen Dornenkranz tragen und dreimal auf seinen Penis spucken (Berufung auf das Beschneidungsmotiv und Appell an den \u201cBund\u201d, d.h. Versuch einer religi\u00f6sen Bannung).\u201d<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">(Judentumskunde \/ Hans-Jochen Gamm \/ S. 112)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00e4ltesten deutschsprachigen Judeneide sind im G\u00f6rlitzer und Erfurter Judeneid aus dem 12. Jahrhundert \u00fcberliefert. Regionale Judeneide sind f\u00fcr weitere deutsche St\u00e4dte \u00fcberliefert, darunter Augsburg, Braunschweig (15. Jahrhundert), Dortmund, Frankfurt am Main, K\u00f6ln (1448), Landshut (14. Jahrhundert), Magdeburg, M\u00fcnchen, N\u00fcrnberg und Worms.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">N\u00e4heres zur christlich-j\u00fcdischen Tradition des Judeneides findet man bei Wikipedia unter <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Judeneid\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Judeneid<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Der Leibzoll<\/strong><\/h4>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cIn ganz Deutschland mu\u00dften Juden beim \u00dcberschreiten der Grenzen der zahllosen Kleinstaaten oder beim Betreten einer Stadt besondere Abgaben leisten, den <em>Leibzoll<\/em>, wie f\u00fcr Vieh. Als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Moses_Mendelssohn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mendelsohn<\/a> 1776 nach Dresden reiste, mu\u00dfte er den Leibzoll nach der f\u00fcr einen polnischen Stier festgelegten Taxe bezahlen.\u201d<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">(Das Judentum in seiner kultur- und religionsgeschichtlichen Bedeutung \/ Eduard Lamparter \/ S. 155)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch hier eine feine christlich-j\u00fcdische Tradition.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><strong>3. Judenmessen und Zwangstaufen<br \/>\n<\/strong><\/h4>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201c\u201dJudenmessen\u201d (Bekehrungspredigten) wurden, p\u00e4pstlichen Anweisungen zufolge (Bullen von 1279, 1577 und 1584), regelm\u00e4\u00dfig abgehalten und die Juden gezwungen , daran teilzunehmen. Dabei wurde untersucht, ob ihre Ohren etwa mit Watte verstopft w\u00e4ren, und mit St\u00f6cken ausger\u00fcstete W\u00e4chter sorgten daf\u00fcr, da\u00df bei der Predigt niemand einschlief.\u201d<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">(Geschichte der Juden \/ Cecile Roth \/ S. 355)<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cVom 17. Jahrundert an wurden derartige Gewalltakte (gewaltt\u00e4tige Zwangstaufen) immer h\u00e4ufiger, weil sich die abergl\u00e4ubische Vorstellung verbreitete, da\u00df man durch die Bekehrung eines einzigen Juden die ewige Seligkeit erringen k\u00f6nnte . . . Manchmal wurden noch ungeborene Kinder f\u00fcr das Christentum reklamiert, und schwangere Frauen wurden aus ihren H\u00e4usern geschleppt, damit die Kinder das Licht der Welt in unvergifteter Atmosph\u00e4re erblicken. Es kam auch vor, da\u00df Neugeborene den Armen der M\u00fctter entrissen wurden, um sogleich getauft zu werden.\u201d<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">(Geschichte der Juden \/ Cecile Roth \/ S. 354)<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><strong>4. Christlich-j\u00fcdischer Karneval<\/strong><\/h4>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cJedes Jahr w\u00e4hrend des Karnevals mu\u00dften kopulente Juden fast v\u00f6llig entkleidet zur Belustigung des P\u00f6bels zu einem Wettlauf auf dem Corso in Rom antreten. Dieses Privileg teilten sie mit den Prostituierten. Unter den l\u00e4cherlichsten Vorw\u00e4nden wurde das Wettrennen f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt und mu\u00dfte an einem anderen Tage wiederholt werden. Diese schimpflichste Ma\u00dfnahme wurde erst im Jahre 1668 abgeschafft. Noch fast zweihundert Jahre lang mu\u00dfte aber allj\u00e4hrlich unter dem Spott des P\u00f6bels eine Entsch\u00e4digungssumme daf\u00fcr geleistet werden.\u201d<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">(Geschichte der Juden \/ Cecile Roth \/ S. 355)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch zu dieser christlich-j\u00fcdischen Tradition und ihren Begleitumst\u00e4nden kann man bei Wikipedia n\u00e4heres erfahren. <a href=\"http:\/\/wiki.zum.de\/Wanderjahre_in_Italien\/Juden_in_Rom\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(hier&gt;&gt;)<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cAber das ist doch alles Vergangenheit\u201d, wird dann so mancher sagen. Nat\u00fcrlich ist das Vergangenheit, ebenso wie der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Holocaust\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Holocaust<\/a>, der ist ja auch schon knapp 70 Jahre her. Aber was ist \u00fcbrig geblieben von mindestens 1800 Jahren gemeinsamer Koexistenz? Wo sind die j\u00fcdischen Feiertage, wo ist der Judentumsunterricht in der Schule?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sollte mal die Probe aufs Exempel machen und auf der Sta\u00dfe den Durchschnittsdeutschen fragen was z.B. <strong>Sukkot<\/strong> ist, oder <strong>Rosch Haschana<\/strong>, <strong>Pessach<\/strong>, <strong>Jom Kippur<\/strong>, <strong>Purim<\/strong> oder <strong>Chanukka<\/strong>. Wollen wir ehrlich sein? Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit unter den Heranwachsenden, Erwachsenen und Senioren k\u00f6nnen mit diesen Begriffen gar nichts anfangen. Dies sind die gr\u00f6\u00dften Feiertage bei den Juden, die seit 1800 Jahren neben (und nicht mit) uns existieren.<\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p id=\"pvc_stats_113\" class=\"pvc_stats all  \" data-element-id=\"113\" style=\"\"><i class=\"pvc-stats-icon medium\" aria-hidden=\"true\"><svg aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\" data-prefix=\"far\" data-icon=\"chart-bar\" role=\"img\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 512 512\" class=\"svg-inline--fa fa-chart-bar fa-w-16 fa-2x\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M396.8 352h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V108.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v230.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm-192 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V140.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v198.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm96 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V204.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v134.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zM496 400H48V80c0-8.84-7.16-16-16-16H16C7.16 64 0 71.16 0 80v336c0 17.67 14.33 32 32 32h464c8.84 0 16-7.16 16-16v-16c0-8.84-7.16-16-16-16zm-387.2-48h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8v-70.4c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v70.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8z\" class=\"\"><\/path><\/svg><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"16\" height=\"16\" alt=\"Loading\" src=\"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-content\/plugins\/page-views-count\/ajax-loader-2x.gif\" border=0 \/><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Yahya ibn Rainer Ich m\u00f6chte diesen Tag dazu nutzen, eine Ode auf die viel ger\u00fchmte&nbsp;christlich-j\u00fcdische Tradition des Abendlandes zu verfassen. 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