{"id":1590,"date":"2015-04-12T16:32:47","date_gmt":"2015-04-12T16:32:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/?p=1590"},"modified":"2018-11-15T09:50:47","modified_gmt":"2018-11-15T09:50:47","slug":"bertrand-de-jouvenel-gerechtigkeit-goettlich-oder-spielball-der-neigungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/bertrand-de-jouvenel-gerechtigkeit-goettlich-oder-spielball-der-neigungen\/","title":{"rendered":"Bertrand de Jouvenel \u2013 Gerechtigkeit, g\u00f6ttlich oder Spielball der Neigungen?"},"content":{"rendered":"<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Viele Autoren haben gemeint, jede \u00abmetajuridische\u00bb Suche nach dem Gerechten sei m\u00fc\u00dfig. Gerecht, sagten sie, sei das, was der bekannten Regel entspricht, ungerecht, was ihr widerspricht. Die Regel sei der Ma\u00dfstab des Gerechten und des Ungerechten, und man kenne kein Mittel, woran der Ma\u00dfstab selbst sich messen lie\u00dfe; es sei unm\u00f6glich, zu sagen, eine Regel sei gerecht oder ungerecht; denn womit k\u00f6nne man sie vergleichen, um hier entscheiden zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese rein verstandesm\u00e4\u00dfige Einstellung f\u00fchrt zu sehr verschiedenen Konsequenzen, je nachdem, ob sie von Theologen und Gl\u00e4ubigen oder von ungl\u00e4ubigen Philosophen und Juristen vertreten wird. Untersuchen wir beide F\u00e4lle nacheinander. Alle Theologen werden einhellig sagen: \u00abGerecht ist, was den g\u00f6ttlichen Geboten entspricht, ungerecht, was ihnen widerspricht\u00bb. Aber die einen meinen, gerecht sei etwas, weil Gott es so gewollt habe, die anderen hingegen, da\u00df Gott es gebiete, weil es gerecht ist. F\u00fcr diese existiert das Gerechte vor jedem Gebote, sogar vor den Geboten Gottes; f\u00fcr jene erh\u00e4lt das Gerechte erst durch den Willen Gottes einen Sinn. Seine Gebote beschr\u00e4nken sich nicht darauf, uns wissen zu lassen, was gut und was b\u00f6se ist, sondern sie bestimmen, was von der Erlassung der Gebote an gut und b\u00f6se sein wird. Da diese Gebote in v\u00f6lliger Freiheit gegeben wurden, h\u00e4tten sie uns ebensogut etwas gebieten k\u00f6nnen, was jetzt verboten ist, und verbieten k\u00f6nnen, was jetzt geboten ist. Er gibt in den vom Allm\u00e4chtigen gesetzten Vorschriften keinerlei Notwendigkeit; nichts kann Ihn zu etwas bestimmen; Er bestimmt alles. So l\u00e4\u00dft die Theologie zwei Gesichtspunkte zu, deren Gegensatz von Leibnitz klar formuliert worden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jedem Falle gebietet Gott, was gerecht ist, es wurde aber entweder geboten, weil es gerecht ist, oder es ist gerecht , weil es geboten wurde. Beide Standpunkte wurden von christlichen Kirchenlehrern vertreten, aber im Christentum \u00fcberwiegt entschieden der erste Gesichtspunkt, wogegen im Islam der zweite vorherrscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer gl\u00e4ubigen und tief religi\u00f6sen Gesellschaft wird der Gedanke, da\u00df die Gerechtigkeit der gesetzten Norm entspricht, notwendig und unmi\u00dfverst\u00e4ndlich die von den g\u00f6ttlichen Geboten abgeleiteten positiven Gesetze bestimmen, denen eine abgeleitete Achtung zu Teil werden wird. Der gleiche Gedanke wird jedoch in einer ungl\u00e4ubigen, zutiefst verweltlichten Gesellschaft ganz andere Folgen zeitigen. Da die Gerechtigkeit nichts anderes ist als die Befolgung von Normen, wird man in einer solchen Gesellschaftsordnung keine Mittel haben, um die Gerechtigkeit der Normen zu beurteilen. Ebenso, wie eine religi\u00f6se Gesellschaft die Moral als den Gehorsam gegen\u00fcber den vom Allm\u00e4chtigen in der vollen Freiheit seiner Macht gesetzten Normen aufgefa\u00dft hatte, m\u00fc\u00dfte man jetzt die Moral als den Gehorsam gegen\u00fcber den vom F\u00fcrsten dieser Welt in der vollen Freiheit seiner Souver\u00e4nit\u00e4t gesetzten Normen auffassen. Aber dann w\u00e4re das Gerechte, je nach den vom Souver\u00e4n veranla\u00dften Ver\u00e4nderungen, wechselnd statt unver\u00e4nderlich zu sein und genau bekannt infolge der \u00fcber die g\u00f6ttlichen Gebote betriebenen Kasuistik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese These wird von Hobbes vertreten und von Leibniz bek\u00e4mpft. Es ist hier nicht der Ort, sich \u00fcber diesen gro\u00dfen Gegenstand, der nicht der unsere ist, zu verbreiten; es sei denn, um hervorzuheben, da\u00df man sich auf starke Gew\u00e4hrsm\u00e4nner berufen kann, wenn man jegliche Behauptung in der Form: \u00abdiese oder jene Norm ist ungerecht\u00bb f\u00fcr sinnvoll erkl\u00e4rt, weil es keinen anderen Ma\u00dfstab der Gerechtigkeit gebe als eben die Norm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist jedoch eine feststellbare Tatsache, da\u00df die Menschen geltende Normen immer wieder mit der Begr\u00fcndung angreifen, sie seien ungerecht. Darauf antworten dann unsere Zeitgenossen, da\u00df die Menschen die Normen, die ihnen mi\u00dffallen, als ungerecht bezeichnen, und da\u00df das, was sie gerecht nennen, blo\u00df das ist, was sie wollen; \u00abgerecht\u00bb sei blo\u00df der Ehrenname, den sie ihren eigenen W\u00fcnschen verleihen, und ihre Vorstellungen vom Gerechten seien ebenso verschieden wie ihre Neigungen. Woraus man schlie\u00dft, da\u00df es sich nur um die Verfolgung eines Wahngebildes handelt, weil ein jeder das \u00abgerecht\u00bb nennt, was ihm zusagt.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">(Prof. Bertrand de Jouvenel, \u00dcber Souver\u00e4nit\u00e4t \u2013 Auf der Suche nach dem Gemeinwohl, Seite 177-179)<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p id=\"pvc_stats_1590\" class=\"pvc_stats all  \" data-element-id=\"1590\" style=\"\"><i class=\"pvc-stats-icon medium\" aria-hidden=\"true\"><svg aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\" data-prefix=\"far\" data-icon=\"chart-bar\" role=\"img\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 512 512\" class=\"svg-inline--fa fa-chart-bar fa-w-16 fa-2x\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M396.8 352h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V108.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v230.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm-192 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V140.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v198.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm96 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V204.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v134.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zM496 400H48V80c0-8.84-7.16-16-16-16H16C7.16 64 0 71.16 0 80v336c0 17.67 14.33 32 32 32h464c8.84 0 16-7.16 16-16v-16c0-8.84-7.16-16-16-16zm-387.2-48h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8v-70.4c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v70.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8z\" class=\"\"><\/path><\/svg><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"16\" height=\"16\" alt=\"Loading\" src=\"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-content\/plugins\/page-views-count\/ajax-loader-2x.gif\" border=0 \/><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Viele Autoren haben gemeint, jede \u00abmetajuridische\u00bb Suche nach dem Gerechten sei m\u00fc\u00dfig. Gerecht, sagten sie, sei das, was der bekannten Regel entspricht, ungerecht, was ihr widerspricht. Die Regel sei der Ma\u00dfstab des Gerechten und des Ungerechten, und man kenne kein Mittel, woran der Ma\u00dfstab selbst sich messen lie\u00dfe; es sei unm\u00f6glich, zu sagen, eine Regel &hellip; <a href=\"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/bertrand-de-jouvenel-gerechtigkeit-goettlich-oder-spielball-der-neigungen\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Bertrand de Jouvenel \u2013 Gerechtigkeit, g\u00f6ttlich oder Spielball der Neigungen?<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p id=\"pvc_stats_1590\" class=\"pvc_stats all  \" data-element-id=\"1590\" style=\"\"><i class=\"pvc-stats-icon medium\" aria-hidden=\"true\"><svg aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\" data-prefix=\"far\" data-icon=\"chart-bar\" role=\"img\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 512 512\" class=\"svg-inline--fa fa-chart-bar fa-w-16 fa-2x\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M396.8 352h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V108.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v230.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm-192 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V140.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v198.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm96 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V204.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v134.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zM496 400H48V80c0-8.84-7.16-16-16-16H16C7.16 64 0 71.16 0 80v336c0 17.67 14.33 32 32 32h464c8.84 0 16-7.16 16-16v-16c0-8.84-7.16-16-16-16zm-387.2-48h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8v-70.4c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v70.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8z\" class=\"\"><\/path><\/svg><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"16\" height=\"16\" alt=\"Loading\" src=\"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-content\/plugins\/page-views-count\/ajax-loader-2x.gif\" border=0 \/><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3640,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[44,352,96,27,585,584],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1590"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1590"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1590\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3825,"href":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1590\/revisions\/3825"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3640"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1590"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1590"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}