{"id":328,"date":"2014-12-22T09:43:17","date_gmt":"2014-12-22T09:43:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/?p=328"},"modified":"2019-12-12T10:55:36","modified_gmt":"2019-12-12T10:55:36","slug":"weihnachten-mitfeiern-oder-nicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/weihnachten-mitfeiern-oder-nicht\/","title":{"rendered":"Weihnachten: Mitfeiern oder nicht?"},"content":{"rendered":"<p><em>von Jens Ranft<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cAlle Jahre wieder, kommt das Christuskind.\u201d Die sogenannte Weihnachtszeit ist f\u00fcr manche Muslime hierzulande eine Pr\u00fcfung. Speziell zu dieser Zeit lese ich vermehrt \u00fcber Meinungsverschiedenheiten in der muslimischen Gemeinde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darf man Weihnachten (mit-)feiern? Darf man zu diesem Fest gratulieren oder zumindest den \u201cFrohe Weihnacht\u201d-Wunsch erwidern? Was machen wir Muslime an diesen 3 Weihnachtstagen? usw.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Muslime als Minderheit unter Christen, das war im Laufe der muslimischen Geschichte eher die Ausnahme als die Regel, und so ist es f\u00fcr hier lebende Muslime\u00a0 &#8211; besonders die konservativ und orthodox praktizierenden &#8211; eine spezielle Situation. Man sucht also den richtigen Weg zwischen der Ablehnung (andersreligi\u00f6ser Praktiken) auf der einen Seite und dem G\u00fcteerweisen und redlichem Umgang (mit den Schriftbesitzern) auf der anderen Seite, denn beides ist uns im Umgang mit Nichtmuslimen auferlegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Wissen darum, dass es vor uns Muslimen \u2013 hier in Deutschland \u2013 bereits ein anderes Schriftvolk gab, das als Minderheit unter den Christen lebte und das Bestandteile der christlichen Lehre ebenso ablehnte wie wir, veranlasste mich dazu, ein wenig zu recherchieren. Und ich bin f\u00fcndig geworden.<\/p>\n<h5>Die Nitl-Nacht<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Juden, die schon seit etwa 2000 Jahren als Minderheit hier leben und die die Dreifaltigkeit Gottes ebenso entschieden ablehnen wie die Gottessohnschaft und Verg\u00f6ttlichung des Israeliten Jesus, kennen einen Brauch, den sie speziell zum Zeitpunkt der christlichen \u201cHeiligen Nacht\u201d praktiziert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nennen ihn die Nitl-Nacht <em>(vom lat. natalis \u201czur Geburt geh\u00f6rig\u201d)<\/em>, in der sie sich mit Absicht vom Studium ihrer Weisung (der Torah) fernhalten, um sich zu ermahnen wie es w\u00e4re, wenn sie der christlichen Lehre folgen w\u00fcrden. Denn ein ma\u00dfgeblicher Teil der christlichen Lehre ist ja, dass die Verbindlichkeit vieler Gebote und Verbote der Torah durch den Kreuztod Jesu aufgehoben wurde, da er die S\u00fcnden auf sich genommen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu diesem j\u00fcdischen Brauch der Nitl-Nacht m\u00f6chte ich an dieser Stelle gern aus dem Brief eines bekannten deutschen Rabbiners zitieren, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasst wurde:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es d\u00e4mmert \u2026 die Weihnachtsglocken t\u00f6nen durch die christliche Welt. Es sind die einzigen Signale des christlichen Kultus, die auch in j\u00fcdische H\u00e4user dringen. Denn in der Nitlnacht ruht das Studium des Gesetzes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr ein paar Abendstunden vergegenw\u00e4rtigt sich das j\u00fcdische Volk, wie arm es ohne Thora w\u00e4re. Wie bettelarm und hilflos, wenn jene Anschauung im Rechte w\u00e4re, die im Christentum die \u00dcberwindung der j\u00fcdischen Gesetzlehre sieht und nicht die fragmentarische Weltansicht einer tausend-j\u00e4hrigen \u00dcbergangszeit, die auf Umwegen \u2013 langsam aber sicher \u2013 an den Fu\u00df des Moriaberges f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum \u2013 wenn die Weihnachtsglocken t\u00f6nen \u2013 horcht Jissro\u00e9l nachdenklich auf \u2013 legt sein Kostbarstes bei Seite und wartet, bis sie ausgeklungen. G\u00e4be es Gott, da\u00df sie nicht umsonst \u00fcber die Erde klingen, und m\u00f6gen sie mit m\u00e4chtigem Schall das Gewissen der V\u00f6lker wecken!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selig sind, die da hungern und d\u00fcrsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen ges\u00e4ttigt werden. So hei\u00dft es in der Bergpredigt. Das Recht und die Liebe \u2013 es ist endlich Zeit, das aus den toten Worten, lebendige Taten werden. Was n\u00fctzt es, wenn f\u00fcr nichtigen Zweck die nationale Ehre gesch\u00fctzt, die nationale Wehrkraft vermehrt, der nationale Wohlstand gef\u00f6rdert wird \u2013 wenn Millionen unges\u00e4ttigt nach der Gerechtigkeit hungern und d\u00fcrsten, wenn das Alphabet jeder Menschengesittung, das Recht und die Liebe, noch immer gelehrt \u2013 vergeblich gelehrt werden mu\u00df. Hat man denn schon vergessen, da\u00df der feierliche Schall der Weihnachtsglocken dem Geburtstag eines j\u00fcdischen Kindes gilt! \u2013 In der Nitlnacht ruht das Studium der Thora. Ausnahmsweise, nach althergebrachtem Brauch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Brauch ist ein sinniger Brauch. Wenn sich die Enthaltsamkeit vom Lernen nur auf die Stunden einer \u2013 dieser erstreckt.<br \/>\nJedoch dieser Brauch verliert jeden vern\u00fcnftigen Grund, wenn die Enthaltsamkeit vom Lernen, bereits in der vorhergehenden Nacht ge\u00fcbt, in der folgenden Nacht fortgesetzt werden sollte \u2013 wenn auch in den \u00fcbrigen N\u00e4chten des Jahres das Studium des Gesetzes ruht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Perlen, um die uns die Vernachl\u00e4ssigung der Thora bringt, z\u00e4hlt auch die sinnige Mu\u00dfe der Nitlnacht. Darum klingen die Weihnachtsglocken vorwurfsvoll in so manches j\u00fcdisches Haus. O, da\u00df sie auch uns zur Besinnung br\u00e4chten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Rabbiner Dr. Raphael BREUER, Unter seinem Banner, 1908, S.186-187 <a href=\"http:\/\/www.bloggen.be\/jesjoeroen\/archief.php?ID=122476\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&gt;&gt;<\/a>)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer diesen Brief aufmerksam liest und zu verstehen versucht, wird die feinsinnige Mahnung erkennen, die der Rabbiner an seine Glaubensgenossen richtet. Eine Mahnung, die so \u00e4hnlich auch bei vielen Muslimen heute angebracht sein k\u00f6nnte. Der Aufruf, in der Nitlnacht nicht die Torah zu studieren, ist, bei genauerer Betrachtung, eher eine Ermahnung, es an den anderen Tagen des Jahres (wieder) vermehrt zu tun. Und auch die Kritik an der christlichen Lehre ist h\u00f6flich verpackt und mit Weisheit geschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und vor allen Dingen: Es gibt eine klare Aussage, n\u00e4mlich dass das Einzige vom <strong><em>\u201cchristlichen Ritus\u201d<\/em><\/strong>, was <strong><em>\u201cauch in j\u00fcdische H\u00e4user\u201d<\/em><\/strong> dringt, die T\u00f6ne der <strong><em>\u201cWeihnachtsglocken\u201d<\/em><\/strong> sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so ist es auch eine Mahnung an uns Muslime, leben doch Juden &#8211; im Gegensatz zu uns &#8211; bereits seit vielen Jahrhunderten als Minderheit in diesem Land. Sie schufen einen Brauch, der zwar christliche Riten aus den j\u00fcdischen H\u00e4usern fern hielt, aber trotzdem eine eigene Besinnung und Ermahnung daraus zu ziehen vermochte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die muslimische Minderheit in diesem Lande ist gerade einmal 2-3 Generationen \u2013 sprich 60 Jahre \u2013 hier daheim und versp\u00fcrt zum Teil schon heute ein unb\u00e4ndiges Bed\u00fcrfnis am christlichen Ritus, anstatt ihn zum Anlass zu nehmen sich zu besinnen und die eigenen Riten wieder zu beleben.<\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p id=\"pvc_stats_328\" class=\"pvc_stats all  \" data-element-id=\"328\" style=\"\"><i class=\"pvc-stats-icon medium\" aria-hidden=\"true\"><svg aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\" data-prefix=\"far\" data-icon=\"chart-bar\" role=\"img\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 512 512\" class=\"svg-inline--fa fa-chart-bar fa-w-16 fa-2x\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M396.8 352h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V108.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v230.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm-192 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V140.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v198.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm96 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V204.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v134.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zM496 400H48V80c0-8.84-7.16-16-16-16H16C7.16 64 0 71.16 0 80v336c0 17.67 14.33 32 32 32h464c8.84 0 16-7.16 16-16v-16c0-8.84-7.16-16-16-16zm-387.2-48h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8v-70.4c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v70.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8z\" class=\"\"><\/path><\/svg><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"16\" height=\"16\" alt=\"Loading\" src=\"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-content\/plugins\/page-views-count\/ajax-loader-2x.gif\" border=0 \/><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Jens Ranft \u201cAlle Jahre wieder, kommt das Christuskind.\u201d Die sogenannte Weihnachtszeit ist f\u00fcr manche Muslime hierzulande eine Pr\u00fcfung. 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