{"id":4394,"date":"2020-04-06T21:56:51","date_gmt":"2020-04-06T21:56:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/?p=4394"},"modified":"2020-04-06T21:56:52","modified_gmt":"2020-04-06T21:56:52","slug":"warum-der-islam","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/warum-der-islam\/","title":{"rendered":"Warum der Islam?"},"content":{"rendered":"\n<p>Dass ein aus dem Westen stammender Mensch sich in jungen Jahren in dieser Zeit dem Islam zuwendet, jener Religion, die heute vielen als unheimlich und bedrohlich erscheint, verdient wohl genauere Betrachtung. In einer Zeit, in der Religion entgegen ihres eigenen Anspruchs vordergr\u00fcndig nur noch als kulturelles Erbe und weniger als Frage von objektiver Wahrheit betrachtet wird, erscheint ein Religionswechsel als Kuriosum.<\/p>\n<p>Die Annahme einer Religion ist im Idealfall einer ehrlichen \u00dcberzeugung geschuldet. Meine pers\u00f6nliche Sicht auf die Lehren des Islams war die eines Christen katholischer Konfession, der urspr\u00fcnglich bem\u00fcht war, eben diese \u00dcberzeugung zu festigen. Doch war ich nie im Stande, die f\u00fcr das Christentum fundamentale Lehre der Dreieinigkeit zu verinnerlichen. Diese Schwierigkeit ergab sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass das Alte Testament, dem ich mich auf gewisse Weise immer sehr verbunden f\u00fchlte, keinen einigerma\u00dfen eindeutigen Hinweis auf ein solches Konzept liefert, sondern vielmehr an einem Gottesbild sich orientiert, welches \u2013 wie ich bald feststellen sollte \u2013 dem des Islam weitestgehend gleichkommt. Auch dem Judentum ist ein solches Konzept fremd. Weder im Alten Testament noch in den Aussagen Jesu Christi vermochte ich, eindeutige Belege f\u00fcr diese Lehre zu finden. Es ist zudem bekannt, dass diese Vorstellung unter den fr\u00fchen Christen alles andere als ein Konsens war und sich erst in den folgenden Jahrhunderten durchzusetzen vermochte. Auch die Lehre der Ur- oder Erbs\u00fcnde, wonach der S\u00fcndenfall Adams und Evas die Menschheit als Ganzes von der g\u00f6ttlichen Gnade entfernt habe und einzig der Glaube an den Opfertod Jesu Christi den Menschen ihr wieder zuf\u00fchren k\u00f6nne, schien weder durch das Alte Testament noch durch die Rede Jesu Christi selbst untermauert. Gesetzt, dass diese Vorstellungen richtig w\u00e4ren und dass Gott uns den Weg zum Heil leicht machen will, \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0m\u00fcssten sich jedoch klare Aussagen diesbez\u00fcglich in der Bibel finden lassen.<\/p>\n<p>Ausgehend von diesen Problemstellungen war ich nun an einer Position angelangt, an der einerseits mein Widerspruch zur klassischen Lehre des Christentums offenkundig war, ich mich andererseits jedoch weiterhin dem abrahamitischen Monotheismus verbunden f\u00fchlte. Eine Ann\u00e4herung an das Judentum w\u00e4re prinzipiell m\u00f6glich gewesen, h\u00e4tte mich jedoch gezwungen, den Bezug zur mir nach wie vor wichtigen Person Jesu Christi aufzugeben. In dieser Phase der Unsicherheit erfolgte nun eine intensive Besch\u00e4ftigung mit der Glaubenslehre des Islam. Wichtig war die Erkenntnis, dass der Islam beide Religionen, das Judentum wie das Christentum, als im Ursprung von Gott stammend betrachtet, auch wenn gem\u00e4\u00df koranischer Aussagen die Schriften dieser beiden im Laufe der Zeit gewissen Ver\u00e4nderungen anheimfielen, die die urspr\u00fcngliche Lehre verfremdeten. Der Islam ordnet sowohl Jesus Christus als auch die Propheten des Alten Testaments in ein Narrativ ein, demzufolge Gott in allen V\u00f6lkern einen Propheten erweckte, welcher immer dazu aufrief, Gott alleine zu dienen. Der letzte in dieser Reihe ist Mohammed ibn Abdallah \u2013 Friede und Segen seien seine ewigen Begleiter. Er unterscheidet sich von den vorangegangenen Propheten dadurch, dass er nicht nur an ein einziges Volk entsandt ist, sondern seine Botschaft, der Koran und seine prophetische Tradition, an die Gesamtheit der nachfahren Adams gerichtet ist und bis zum Vergehen dieser Welt G\u00fcltigkeit haben wird. Der Islam ist darum nach eigenem Verst\u00e4ndnis keine neue Religion, die erst im siebten Jahrhundert ihren Anfang nimmt, sondern vielmehr die Ur-Religion aller Propheten. So bedeutet \u00bbIslam\u00ab letztlich nichts anderes als die Unterwerfung in den Willen des einen Gottes als Sch\u00f6pfer, Erhalter und Versorger. In dieser Lehre liegt gewisserma\u00dfen die Aufhebung der im Voraus geschilderten Unklarheiten. Der Islam bedeutete also die M\u00f6glichkeiten eines klar monotheistischen Bekenntnisses einerseits und andererseits das Festhalten an der Person Jesu Christi als einem Propheten Gottes. Die Entscheidung f\u00fcr den Islam wurde endg\u00fcltig durch die Lekt\u00fcre des Koran. Bis zum heutigen Tage vermochte ich keiner religi\u00f6sen Schrift ansichtig zu werden, die eine \u00e4hnlich eindrucksvolle Beschreibung Gottes enthielt. Die jeden Zweifel strafende Apodiktik, die Darstellungen der Angelegenheiten des Jenseits, die die Verhei\u00dfung des Lohns und die Androhung der Strafe immer und immer wieder in das Bewusstsein des Lesers rufen \u2013 solcherlei Aspekte des koranischen Textes machten mich unf\u00e4hig zu glauben, dass jenes Buch irdischen Ursprungs, also dass Werk eines Menschen sein k\u00f6nnte. Von hier an waren es nur noch einige wenige Monate innerer Abw\u00e4gung, bis ich den endg\u00fcltigen Schritt zur Aussprache des Glaubensbekenntnisses tat.<\/p>\n<p>Mit der Annahme des Islam war eine Phase der religi\u00f6sen Unsicherheit zu Ende gegangen. Nat\u00fcrlich war ich mir bewusst, dass die Hinwendung zum Islam bedeuten w\u00fcrde, zu dem Gro\u00dfteil dessen, was den heutigen Zeitgeist ausmacht, in Opposition zu treten. Doch hatte dies etwas ungemein Befreiendes. Welche Weltsicht ist verabscheuungsw\u00fcrdiger als die heute uns pr\u00e4gende der menschlichen Selbstinthronisierung, der wissenschaftlichen Arroganz und des abgekl\u00e4rten Materialismus? Der Kern dieser Moderne liegt in der Abkehr von der Transzendenz. Hierin gr\u00fcndet jenes Absterben der formgebenden Kraft, jener f\u00fcr diese Zeit sinnbildliche Zerfall von Kultur, Sitte und Moral. Der Fehler des abendl\u00e4ndischen Konservatismus besteht darin, aus der unentrinnbaren Erkenntnis dieses Zusammenhangs keine konkreten politischen Schl\u00fcsse zu ziehen, sondern vielmehr dem uferlosen Kommerz als eine der letzten St\u00fctzen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft das Wort zu reden. Darum ist er trotz seines nominellen Bekenntnisses zu traditionellen Werten au\u00dfer Stande, ihrem Zerfall entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Der Verlust f\u00fcr den Bezug zum Tradierten pr\u00e4gt also den modernen Okzident und, da die Globalisierung von hier ihre anf\u00e4nglichen Impulse erfuhr, unweigerlich die gesamte Welt. Der Orient hingegen erlebt parallel zu dieser Entwicklung seit \u00fcber einem Jahrhundert die Heraufkunft verschiedener Kr\u00e4fte, die sich der Revitalisierung der muslimischen Religiosit\u00e4t verschrieben haben. Solche Ans\u00e4tze haben bis heute ebenso verschiedene Ergebnisse gezeitigt. F\u00fchrten einige in einen religi\u00f6sen Relativismus, der in \u00e4u\u00dferster Konsequenz auch die Grundlagen der islamischen Religion angreift, m\u00fcndeten andere in \u00a0Fanatismus und terroristischen Exzessen. Insbesondere Letzteres tr\u00e4gt heute zur emotionalen Disassoziation vieler Muslime von der eigenen Religion bei und ist zweifelsfrei als einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr heutige Ablehnung ihr gegen\u00fcber zu sehen. Jener Fanatismus und jene Gewalt bilden heute einen Aspekt der niederschmetternden Realit\u00e4t der muslimischen Welt.<\/p>\n<p>Den Grund f\u00fcr eben diese Realit\u00e4t einzig in der zur\u00fcckliegende Kolonisation und den heutigen milit\u00e4rischen Interventionen fremder M\u00e4chte zu suchen, w\u00e4re ganz und gar t\u00f6richt und irref\u00fchrend. Es wird kaum m\u00f6glich sein, die sicherlich vielschichtigen Gr\u00fcnde f\u00fcr den zivilisatorischen R\u00fcckschritt des Gro\u00dfteils der muslimischen Welt in dieser kurzen Ausf\u00fchrung angemessen darzulegen. Sicher liegt er aber auch in der Abkehr vom Denken zugunsten eines starren Traditionalismus begr\u00fcndet, der den Begriff des Wissens auf das Auswendiglernen von durch gegenw\u00e4rtige Umst\u00e4nde l\u00e4ngst \u00fcberkommenen Texten und Ideen begrenzt. Dass der Koran als Rede Gottes und die prophetische Sunnah als g\u00f6ttliche Rechtleitung begriffen werden, sollte keinesfalls den Blick auf die Tatsache vernebeln, dass wir beides letztlich immer durch die Brille jener sich in ihrem Schatten gebildeten Tradition erblicken. Die Tradition bewegt sich dabei jedoch nie in luftleerem Raum, sondern korreliert mit den jeweiligen Zeitumst\u00e4nden, die auf das Bewusstsein ihrer Stifter einwirken. Die Tradition an sich zu verwerfen, hie\u00dfe uns der Verbindung zu den Quellen der Religion zu berauben und vierzehn Jahrhunderte muslimischer Gelehrsamkeit der Nutzlosigkeit zu bezichtigen. Sie als Absolutes \u00fcber jede Ratio zu stellen garantiert jedoch den geistigen und somit in letzter Konsequenz auch zivilisatorischen Still- und R\u00fcckstand. Es bleibt daher zu hoffen, dass jene sich Geh\u00f6r verschaffen, die nach einem Weg abseits dieser beiden Extreme suchen. Sie erwartet jedoch der sichere Widerstand all derer, die sich im status quo eingerichtet haben, allen voran der der hiesigen Machthaber und des ihnen loyalen Teils der muslimischen Gelehrsamkeit.<\/p>\n<p>Wo steht aber nun jemand, der sich als Kind der abendl\u00e4ndischen Zivilisation mit konservativ bis reaktion\u00e4rer Grundeinstellung ausgerechnet in dieser Zeit der Polarisierung f\u00fcr den Islam als Religion und somit als Grundlage des eigenen Weltverstehens entschieden hat? Seit dem Ende des Kalten Krieges erleben wir eine erneute Fokussierung auf das Narrativ einer Konfrontation zwischen Orient und Okzident. Eine Entwicklung, die von einigen Kr\u00e4ften nach aller Kraft gef\u00f6rdert wird, um dadurch eigene Ziele zu verfolgen. Doch worin genau besteht diese vermeintliche Konfrontation? Sicherlich kaum in einem Kampf zwischen christlicher und muslimischer Religiosit\u00e4t, denn in beiden Sph\u00e4ren befindet sich der Glaube gegen\u00fcber einer durch Globalisierung gekennzeichneten Moderne l\u00e4ngst in der Defensive. Die Front verl\u00e4uft heute nicht zwischen Christentum und Islam. \u00a0Sie verl\u00e4uft zwischen den Vertretern des Ethos der \u00bbeinen Welt\u00ab mit seiner alle volkst\u00fcmlichen und religi\u00f6sen Eigenheiten einebnenden Monokultur einerseits und jenen, die einen Ausweg aus dieser Dynamik suchen und eben diese Eigenheiten erhalten wollen, andererseits.<\/p>\n<p>So stehe ich heute also fest auf dem Grunde meiner religi\u00f6sen \u00dcberzeugung und bin zugleich tief beseelt durch die Liebe zu meiner Heimat, ohne dass ich mich dadurch irgendeinem Widerspruch aussetzen m\u00fcsste. Gerade der deutsche Geist, der Geist Goethes, Schillers, H\u00f6lderlins und Novalis\u2018, ist doch in jedem Winkel gepr\u00e4gt durch die Frage nach dem H\u00f6heren und steht alleine dadurch schon dem g\u00e4hnenden Materialismus entgegen. Welch Gnade ist es f\u00fcr mich, an beidem teilhaben zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div><p id=\"pvc_stats_4394\" class=\"pvc_stats all  \" data-element-id=\"4394\" style=\"\"><i class=\"pvc-stats-icon medium\" aria-hidden=\"true\"><svg aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\" data-prefix=\"far\" data-icon=\"chart-bar\" role=\"img\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 512 512\" class=\"svg-inline--fa fa-chart-bar fa-w-16 fa-2x\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M396.8 352h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V108.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v230.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm-192 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V140.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v198.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm96 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V204.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v134.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zM496 400H48V80c0-8.84-7.16-16-16-16H16C7.16 64 0 71.16 0 80v336c0 17.67 14.33 32 32 32h464c8.84 0 16-7.16 16-16v-16c0-8.84-7.16-16-16-16zm-387.2-48h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8v-70.4c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v70.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8z\" class=\"\"><\/path><\/svg><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"16\" height=\"16\" alt=\"Loading\" src=\"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-content\/plugins\/page-views-count\/ajax-loader-2x.gif\" border=0 \/><\/p><div class=\"pvc_clear\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass ein aus dem Westen stammender Mensch sich in jungen Jahren in dieser Zeit dem Islam zuwendet, jener Religion, die heute vielen als unheimlich und bedrohlich erscheint, verdient wohl genauere Betrachtung. 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