{"id":4421,"date":"2020-06-17T12:16:42","date_gmt":"2020-06-17T12:16:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/?p=4421"},"modified":"2022-09-23T07:40:52","modified_gmt":"2022-09-23T07:40:52","slug":"bertrand-de-jouvenel-ist-das-nicht-faschismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/bertrand-de-jouvenel-ist-das-nicht-faschismus\/","title":{"rendered":"Bertrand de Jouvenel &#8211; \u00bbIst das nicht Faschismus?\u00ab"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich vor etwa 8 Jahren erstmals die deutschsprachige \u00dcbersetzung des Buches <em>Du Pouvoir. Histoire naturelle de sa croissance<\/em> (1945)\u00b9 las, war das f\u00fcr mich ein Moment, der mich bis heute politisch pr\u00e4gen sollte. Unter dem Eindruck des gerade beendeten zweiten Weltkrieges brachte der franz\u00f6sische Journalist, Politologe und Wirtschaftswissenschaftler <em>Bertrand de Jouvenel<\/em> (gest. 1987) eine unglaublich messerscharfe Analyse der Umst\u00e4nde zu Papier, die seiner Ansicht nach zu dieser gr\u00f6\u00dften Katastrophe der Moderne f\u00fchren konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ich erst einige Jahre sp\u00e4ter erfuhr: <em>Jouvenel<\/em> war bis kurz vor Ende des Krieges selbst dem Faschismus recht zugeneigt. Als Journalist schrieb er unkritisch und teils bewundernd \u00fcber den Faschismus in Italien, Portugal, Spanien und auch \u00fcber den Nationalsozialismus in Deutschland. Im Jahr 1936 f\u00fchrte er sogar ein pers\u00f6nliches Interview mit <em>Adolf Hitler<\/em>, in dessen Verlauf <em>Hitler<\/em> ihm zu seiner <em>&#8222;fabelhaften Rasse&#8220;<\/em> begl\u00fcckw\u00fcnschte; ein Fauxpas, den Hitler bereits im Jahr darauf bereuen sollte, denn da erfuhr er: <em>Jouvenel<\/em> hatte eine j\u00fcdische Mutter, war also praktisch Jude, oder gem\u00e4\u00df der Ideologie der Nazis ein &#8222;j\u00fcdischer Mischling ersten Grades&#8220; (sprich: &#8222;Halbjude&#8220;).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es mag aus heutiger Sicht vielleicht irritieren, dass zur damaligen Zeit nicht alle Juden rundweg Antifaschisten waren, gerade auch wegen des offensichtlichen Antisemitismus der Nazis, aber man muss den Faschismus hier historisch betrachten und unterscheiden zwischen dem Faschismus vor und nach dem Holocaust, denn die Schoah ist heute untrennbar mit ihm verbunden, ein\u00a0 Schandmal, das dieser jungen politischen Bewegung zuvor noch nicht anhaftete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fakt ist, dass <em>Jouvenel<\/em> bei weitem nicht der einzige europ\u00e4ische Jude war, der in der Vorkriegszeit mit dem (auch deutschen) Faschismus lieb\u00e4ugelte. Interessant ist in dieser Hinsicht auch die Biografie <em>Preussisch, konservativ, j\u00fcdisch. Hans-Joachim Schoeps\u2019 Leben und Werk.<\/em> (B\u00f6hlau-Verlag, K\u00f6ln 2019) von <em>Micha Brumlik<\/em> (<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/micha-brumlik-legt-eine-biografie-von-hans-joachim-schoeps-vor-ld.1519119\">interessanter NZZ-Artikel zum Buch<\/a>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Fr\u00fchjahr 1939 bereiste <em>Jouvenel<\/em> als Journalist die T\u00fcrkei, den Libanon, Syrien und Pal\u00e4stina und schrieb dort vielbeachtete Artikel f\u00fcr die rechten Wochenzeitungen <span class=\"fontstyle0\"><em>Candide<\/em> u<\/span><span class=\"fontstyle2\">nd <\/span><em><span class=\"fontstyle0\">Gringoire<\/span><\/em><span class=\"fontstyle0\">. Die T\u00fcrkei befand sich zu diesem Zeitpunkt in der zweiten Phase des sogenannten Kemalismus. Mustafa Kemal Atat\u00fcrk hatte 16 Jahre zuvor die Republik ausgerufen und bis zu seinem Ableben 1938 tiefgreifende Reformen durchgesetzt. Nun war der enge Weggef\u00e4hrte Atat\u00fcrks, <\/span>\u0130smet \u0130n\u00f6n\u00fc, an der Macht und f\u00fchrte das politische Programm seines Vorg\u00e4ngers weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"fontstyle0\">Der Historiker Dr. <\/span><em>Dani\u00ebl Knegt<\/em> schrieb 2017 in seiner Dissertation <em><span class=\"fontstyle0\">Fascism, Liberalism and Europeanism in the Political Thought of Bertrand de Jouvenel and Alfred Fabre-Luce\u00a0<\/span><\/em><span class=\"fontstyle0\">folgendes zu <em>Jouvenels<\/em> Aufenthalt in der kemalistischen Republik (aus dem Englischen):<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00bbIn der T\u00fcrkei stellte Jouvenel seine Beobachtungen des hedonistischen und dekadenten Konstantinopel &#8211; &#8222;eine Art kranker Jahrmarkt, auf dem sich das ganze Fett der Nation versammelt&#8220; &#8211; der neuen Hauptstadt Ankara gegen\u00fcber, in der ein raues Klima die Menschen hart arbeiten lie\u00df. Die militaristische Atmosph\u00e4re Ankaras erinnerte ihn an Preu\u00dfen unter dem &#8222;Soldatenk\u00f6nig&#8220; Friedrich Wilhelm I. (1688-1740).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jouvenel war \u00fcberrascht, dass die T\u00fcrkei sich diplomatisch mit den &#8222;zufriedenen Nationen&#8220; Frankreich und Gro\u00dfbritannien verb\u00fcndet hatte, w\u00e4hrend ihre politische Struktur, wie er meinte, eher dem Faschismus \u00e4hnelte:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;Ein Mann befiehlt, eine einzige Partei erzieht die Nation und verbreitet \u00fcberall die Anweisungen des F\u00fchrers. Die Rolle des Parlaments besteht darin, die W\u00fcnsche des Diktators zu registrieren, w\u00e4hrend die Presse sie erkl\u00e4ren muss. Ist das nicht Faschismus?\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Aber die T\u00fcrken versicherten ihm, dass dies nicht der Fall sei, denn die kemalistische Ideologie sei &#8222;fortschrittlich, nicht reaktion\u00e4r&#8220;. Jouvenel schloss mit einem Zitat von Hippolyte Taine und verband die kemalistische, die mussolinische und die hitlerische Variante einer autorit\u00e4ren Regierung mit Taines Beschreibung des &#8222;Jakobinismus&#8220; ab.\u00ab<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens mit seinem eingangs erw\u00e4hnten <em>Du Pouvoir<\/em> jedoch wandte sich <em>Jouvenel<\/em> endg\u00fcltig von seiner unkritischen Haltung dem Faschismus gegen\u00fcber ab und bem\u00fchte sich um eine tiefgehende Analyse des Schreckens, den der deutsche Faschismus und seine Verb\u00fcndeten \u00fcber die V\u00f6lker brachten. Hierbei analysierte er allerdings nicht die politische Ideologie der T\u00e4ter, wie es viele Philosophen und Politologen in der Nachkriegszeit taten, sondern nahm sich die m\u00e4chtigste und notwendigste Waffe aller autorit\u00e4rer Regime vor, n\u00e4mlich den Staat, und er legte dar, wie seine Gewalten &#8211; besonders in Republiken &#8211; ganz nat\u00fcrlich expandieren, weil sich die B\u00fcrger mit dem Staat identifizieren und ihm somit immer mehr Befugnisse zugestehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dieser nat\u00fcrlichen Expansion der Staatsgewalt wird\u00a0 nicht nur der m\u00e4chtige Apparat erschaffen, den der aufstrebende Tyrann nur noch \u00fcbernehmen muss, sondern dieser expandierende Staat besteht auch auf sein absolutes Gewaltmonopol, sein Ziel <em>ist somit &#8222;die Zerst\u00f6rung jeder Befehlsgewalt au\u00dferhalb des Staates. Es bedeutet v\u00f6llige Unabh\u00e4ngigkeit eines jeden von famili\u00e4ren und sozialen Autorit\u00e4ten; aber sie mu\u00df mit vollst\u00e4ndiger Unterwerfung unter den Staat bezahlt werden. Es bedeutet die v\u00f6llige Gleichheit aller B\u00fcrger um den Preis einer vollst\u00e4ndigen Nivellierung vor der staatlichen Macht. Es bedeutet das Verschwinden aller Kr\u00e4fte, die ihren Ursprung nicht im Staat haben, die Verneinung <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Intermedi%C3%A4res_System\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">intermedi\u00e4rer<\/a> Herrschaft. Es bedeutet in einem Wort die Atomisierung der Gesellschaft, die Zerschneidung aller besonderen gesellschaftlichen Bindungen zwischen den Menschen, deren einzige jetzt darin besteht, gemeinsam dem Staat zu dienen. Es bedeutet gleicherma\u00dfen extremen Individualismus und extreme Vergesellschaftung.&#8220;<\/em>\u00a0 (<a href=\"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/buchauszug-bertrand-de-jouvenel-das-ziel-der-expandierenden-staatsgewalt\/\">&gt;&gt;nachzulesen hier&lt;&lt;<\/a>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der deutsche Wirtschaftsphilosoph Prof. Dr. <em>Gerd Habermann<\/em> kommentierte diese Analyse Jouvenels in seinem Buch <em>Die Ethik der Umverteilung<\/em> (2012) mit folgenden Worten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00bbNichts anderes habe die kommunistischen und faschistischen Parteien zum Siege gef\u00fchrt als die M\u00f6glichkeit, den modernen Menschen aus dieser Vereinsamung wieder hervortreten zu lassen (1941a, S. 184). Der moderne Mensch vermisse die alte Geborgenheit der Kleingemeinschaften der Familie oder des Stammes und dieser Mangel versetze ihn in eine Art Heimweh, die zur Quelle totalit\u00e4rer Utopien und der Macht kollektivistischer Parteien werde.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eine anonyme \u201eGesellschaft\u201c k\u00f6nne jedoch nicht Quelle der Geborgenheit werden; gegenseitige Liebe und Gemeinschaftsgeist lie\u00dfe sich nicht durch Verwaltung organisieren; \u201edie Gesellschaft\u201c sei nur die Summe aller unserer Beziehungen \u201enach Abzug derjenigen, die uns erfreuen\u201c (1963, S. 167).\u00ab<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/buchauszug-habermann-de-jouvenel-kleingruppenideal-und-grossgesellschaft-iii\/\">&gt;&gt;nachzulesen hier&lt;&lt;<\/a>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Somit schaffe der expandierende Staat nicht den notwendigen Apparat f\u00fcr das autorit\u00e4re Regime, sondern schafft auch die Sehnsucht des unabh\u00e4ngigen (sprich: atomisierten) Staatsb\u00fcrgers nach der Geborgenheit der Gemeinschaft, die ihm nur noch Nationalgef\u00fchle und staatspolitische Utopien zu erf\u00fcllen m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Wer mehr von und zu Bertrand de Jouvenel lesen m\u00f6chte, der st\u00f6bere gern in diesem Blog, es gibt zahlreiche Buchausz\u00fcge (<a href=\"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/tag\/de-jouvenel\/\">&gt;&gt;siehe hier&lt;&lt;<\/a>).<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><i>\u00b9 <\/i>\u00dcber die Staatsgewalt. Die Naturgeschichte ihres Wachstums. Rombach, Freiburg im Breisgau, 1972<\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div><p id=\"pvc_stats_4421\" class=\"pvc_stats all  \" data-element-id=\"4421\" style=\"\"><i class=\"pvc-stats-icon medium\" aria-hidden=\"true\"><svg aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\" data-prefix=\"far\" data-icon=\"chart-bar\" role=\"img\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 512 512\" class=\"svg-inline--fa fa-chart-bar fa-w-16 fa-2x\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M396.8 352h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V108.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v230.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm-192 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V140.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v198.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm96 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V204.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v134.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zM496 400H48V80c0-8.84-7.16-16-16-16H16C7.16 64 0 71.16 0 80v336c0 17.67 14.33 32 32 32h464c8.84 0 16-7.16 16-16v-16c0-8.84-7.16-16-16-16zm-387.2-48h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8v-70.4c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v70.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8z\" class=\"\"><\/path><\/svg><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"16\" height=\"16\" alt=\"Loading\" src=\"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-content\/plugins\/page-views-count\/ajax-loader-2x.gif\" border=0 \/><\/p><div class=\"pvc_clear\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich vor etwa 8 Jahren erstmals die deutschsprachige \u00dcbersetzung des Buches Du Pouvoir. 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