{"id":770,"date":"2013-09-11T09:52:00","date_gmt":"2013-09-11T09:52:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/?p=770"},"modified":"2015-12-18T19:12:03","modified_gmt":"2015-12-18T19:12:03","slug":"buchauszug-bertrand-de-jouvenel-die-entwicklung-der-gesetzgebenden-gewalt-und-die-rationalistische-krise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/buchauszug-bertrand-de-jouvenel-die-entwicklung-der-gesetzgebenden-gewalt-und-die-rationalistische-krise\/","title":{"rendered":"Buchauszug : Bertrand de Jouvenel &#8211; Die Entwicklung der gesetzgebenden Gewalt und die rationalistische Krise"},"content":{"rendered":"<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die Entwicklung der gesetzgebenden Gewalt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es leuchtet ein, da\u00df die Staatsgewalt eine ganz andere Rolle in der Gesellschaft spielt, je nachdem, ob sie Gesetze machen kann oder nicht, ob sie Verhaltensnormen diktiert oder sich damit begn\u00fcgt, ihnen Respekt zu verschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sobald wir in einem bestimmten Zeitpunkt ihrer historischen Entwicklung feststellen, da\u00df die Staatsgewalt unter Partizipation des Volkes oder einer gesetzgebenden Versammlung Gesetze macht und sie nur auf Grund dieser Partizipation zu machen imstande ist, interpretieren wir f\u00fcr gew\u00f6hnlich diese Rechte des Volkes oder der Versammlung als Restriktionen der Staatsgewalt, als Schw\u00e4chung eines urspr\u00fcnglichen Absolutismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->Aber dieser urspr\u00fcngliche Absolutismus ist reine Legende. Die Ansicht, man habe einen Zustand verlassen, in dem die Magistrate, der Monarchie Verhaltensnormen aus eigener Machtvollkommenheit diktiert h\u00e4tten, ist falsch. Richtig ist, da\u00df sie dieses Recht oder besser gesagt, diese Macht, niemals besa\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur eine irrige Vorstellung von der Fr\u00fchzeit der Gesellschaften kann zu der Annahme verleiten, ein Mann oder mehrere M\u00e4nner h\u00e4tten es als Inhaber einer faktischen Autorit\u00e4t vermocht, den Untertanen Verhaltensweisen zu oktroieren, die einen Bruch mit dem System von Glaubenshaltungen und Einstellungen bedeutet haben w\u00fcrden. Sie sind im Gegenteil selbst Gefangene dieses Systems gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Partizipation des Volkes oder der Volksversammlung erlaubt im Gegenteil erstmals der Regierung, ihre Aktivit\u00e4t zu erweitern. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gesetzgebungskompetenz ist nicht ein der Staatsgewalt durch Institutionalisierung einer Volksversammlung oder einer Volksbefragung entrissenes Attribut, sie ist eine Bereicherung der Staatsgewalt, so neu, da\u00df sie nur durch eine solche Institutionalisierung m\u00f6glich wurde. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gedanke, der gesetzgeberische Wille k\u00f6nne jeden Augenblick die Rechte und mit ihnen die Verhaltensmodelle der Bev\u00f6lkerung in Frage stellen, ist nicht auf die Laune eines legend\u00e4ren Despoten, sondern auf die Institutionen der repr\u00e4sentativen oder direkten Demokratie zur\u00fcckzuf\u00fchren. Um dahin zu gelangen, mu\u00dfte gegen\u00fcber der g\u00f6ttlichen Autorit\u00e4t, die dieses Recht urspr\u00fcnglich diktiert hatte, die gesellschaftliche Autorit\u00e4t entstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gedanke, die Gesellschaft solle die f\u00fcr alle verbindlichen Verhaltensregeln selbst erarbeiten, kann um so fr\u00fcher wirksam werden, je geringer der von der g\u00f6ttlichen Autorit\u00e4t gest\u00fctzte Anteil am Recht ist, und erst in der rationalistischen Krise, die sich in der Geschichte jeder Zivilisation findet, vermag er sich voll durchsetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die rationalistische Krise und die politischen Folgen des Protagorismus<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede Zivilisation f\u00fcrchtet in ihrer Jugend die \u00fcbernat\u00fcrlichen M\u00e4chte, verehrt die Ahnen und bleibt ihren Br\u00e4uchen treu. Tr\u00e4umt sie von einer besseren Welt, dann liegt diese stets in der Vergangenheit, und das sicherste Anzeichen f\u00fcr ihre Weiterentwicklung ist die Angst vor Degeneration.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es kommt ein Zeitpunkt, in dem sich die Zivilisation im Vertrauen auf ihre Aufkl\u00e4rung vornimmt, ihr Verhalten selbst zu regeln, um ein Maximum an Nutzen hervorzubringen, und nicht einen Augenblick daran zweifelt, auf diese Weise das goldene Zeitalter zu erreichen, das sie jetzt in die Zukunft projizieren. Ganz mit dem Fortschritt besch\u00e4ftigt, verschwendet sie keine Sorge mehr darauf, das Erworbene zu bewahren, und zuweilen verliert sie sich an \u00fcbertriebene Hoffnungen. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Korrelation oder Koinzidenz, die abstrakte Intelligenz beginnt in diesem Stadium ihr altes Werk zu zerst\u00f6ren. Zun\u00e4chst hatte sie es als ihre Aufgabe angesehen, den Begriff der nat\u00fcrlichen Ordnung zu pr\u00e4zisieren, die Rationalit\u00e4t im Seienden zu begreifen, und aufzuzeigen, was der Mensch &#8211; material wie moralisch &#8211; gewinnen kann, wenn er sich unter gute Gesetze beugt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt macht sie eine Wende und stellt in Frage, was sie vorher behauptet hat. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die rationalistische Krise, so haben wir behauptet, stelle sich in jeder Gesellschaft ein, die ein bestimmtes Entwicklungsstadium erreicht hat. Ihre historische Bedeutung wird allgemein erkannt, ihre Wirkung h\u00e4ufig aber falsch interpretiert, weil sich die Analyse auf die unmittelbaren Folgen beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird die Auffassung vertreten, der Aberglaube sei eine St\u00fctze des Thrones gewesen; der rationalistische Angriff habe aber die Staatsgewalt ersch\u00fcttern k\u00f6nnen, da er ihr die St\u00fctzen wegzog, die ihr dieser Glaube verlieh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So einfach liegen die Dinge jedoch nicht.Die Gemeinsamkeit im Glauben war ein m\u00e4chtiger Faktor gesellschaftlichen Zusammenhalts, der den Institutionen und den Verhaltensweisen Festigkeit verlieh. Er gew\u00e4hrleistete eine Sozialordnung, die ihrerseits Gegengewicht und St\u00fctze der politischen Ordnung war, deren Existenz, in der Autonomie und Unantastbarkeit des Rechts manifest, die Staatsgewalt von einem Teil ihrer ungeheuren Verantwortung entlastete und ihr un\u00fcberwindbare Schranken setzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollte das Zusammentreffen von Glaubenskrise und Entstehen absoluter Monarchien im 16., 17. und 18. Jahrhundert nur zuf\u00e4llig sein? H\u00e4tten sie ohne diese Krise entstehen k\u00f6nnen? Das gro\u00dfe Jahrhundert des Rationalismus ist gleichzeitig dasjenige der aufgekl\u00e4rten Despoten, die ungl\u00e4ubig und \u00fcberzeugt vom blo\u00df konventionalen Charakter der Institutionen meinen, sie d\u00fcrften und m\u00fc\u00dften die Rechtsordnung ihrer V\u00f6lker nach den Grunds\u00e4tzen der Vernunft neu gestalten, und die Verwaltung und Polizei ausbauen, um dieses Ziel zu erreichen und den Widerstand dagegen zu brechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herrscherwille glaubte sich f\u00e4hig, alles neu zu ordnen, die gesetzgebende Gewalt dehnte sich aus, das &#8222;alte und gute Recht&#8220; bestimmte nicht l\u00e4nger die staatlichen Vorschriften, deren Summe man in Zukunft als Recht bezeichnen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Ereignis in der Geschichte war der Ausdehnung der Staatsgewalt f\u00f6rderlicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">[&#8230;] nachdem der Mensch einmal &#8222;zum Ma\u00df aller Dinge&#8220; geworden war, gab es das &#8222;Wahre&#8220;, das &#8222;Gute&#8220;, das &#8222;Gerechte&#8220; nicht mehr, es gab nur noch gleichwertige Meinungen, deren Konflikt durch politische oder milit\u00e4rische St\u00e4rke entschieden werden mu\u00dfte; jede siegreiche Partei wird ihre eigene Vorstellung vom &#8222;Wahren&#8220;, &#8222;Guten&#8220;, &#8222;Gerechten&#8220; inthronisieren, die sich nur so lange halten vermag wie sie selbst.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Bertrand de Jouvenel, \u00dcber die Staatsgewalt &#8211; Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Seite 248-253)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p id=\"pvc_stats_770\" class=\"pvc_stats all  \" data-element-id=\"770\" style=\"\"><i class=\"pvc-stats-icon medium\" aria-hidden=\"true\"><svg aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\" data-prefix=\"far\" data-icon=\"chart-bar\" role=\"img\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 512 512\" class=\"svg-inline--fa fa-chart-bar fa-w-16 fa-2x\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M396.8 352h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V108.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v230.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm-192 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V140.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v198.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm96 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V204.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v134.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zM496 400H48V80c0-8.84-7.16-16-16-16H16C7.16 64 0 71.16 0 80v336c0 17.67 14.33 32 32 32h464c8.84 0 16-7.16 16-16v-16c0-8.84-7.16-16-16-16zm-387.2-48h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8v-70.4c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v70.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8z\" class=\"\"><\/path><\/svg><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"16\" height=\"16\" alt=\"Loading\" src=\"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/wp-content\/plugins\/page-views-count\/ajax-loader-2x.gif\" border=0 \/><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Entwicklung der gesetzgebenden Gewalt Es leuchtet ein, da\u00df die Staatsgewalt eine ganz andere Rolle in der Gesellschaft spielt, je nachdem, ob sie Gesetze machen kann oder nicht, ob sie Verhaltensnormen diktiert oder sich damit begn\u00fcgt, ihnen Respekt zu verschaffen. 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