Gastbeitrag: Eine letzte Nasiha …

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Der folgende Beitrag stammt von Abdullah Al-Maghrebi, einem Mitarbeiter des scheidenden muslimischen Nachrichtenblogs Dawa-News. Es handelt sich um seinen letzten Eintrag auf der dortigen Plattform und ich teile diesen nur allzu gern.

Eine letzte Nasiha ...

Bevor die Seite endgültig schließt, möchte ich noch den muslimischen Geschwister, speziell den Schabab, einen letzten, inschallah guten Ratschlag mitgeben. Ich will niemanden hier angreifen, nein, vielmehr geht diese Nasiha zu allererst an mich selbst. Nun,

Was ist eine Nasiha?

Nasiha ist ein guter Ratschlag und vom Gesandten Allahs - Sein Frieden und Segen seien auf ihm - wird überliefert: "Ad-Din An-Nasiha", sprich: Die Religion ist Nasiha. Jemandem in dieser Dunja einen guten Ratschlag mit auf den Weg zu geben ist also eine wertvolle Tat im Islam (mehr hierzu), und dies versuche ich inschallah mal zu tun.

Der Luftballon-Effekt

Wir alle haben noch den Höhenflug vor Augen: Es war die Zeit, in der wir die Religion Allahs gerade kennengelernt haben, gerade eben haben wir auf Youtube einen seltsamen aussehenden, bärtigen Mann über den Islam sprechen gehört, und das auf deutsch!! Wir lernten gerade die Gebetswaschung und waren voller Aufregung, die ersten deutschsprachigen Bücher wurden gekauft und täglich sah man sich im Internet Vorträge über den Islam an, die immer mehr zunahmen. Doch was ist geschehen? Mit der Zeit flachte die Euphorie ab und man sah alles als selbstverständlich an. Es ist tatsächlich ein Problem, das viele sowohl konvertierte Geschwister, als auch geborene Muslime, die den Islam erst später angefangen haben richtig zu praktizieren, erleben: Anfangs schwebte man wie ein Luftballon durch die Lüfte, doch wie der Luftballon langsam sinkt, so sinkt auch langsam die Euphorie und man steigt langsam von der Wolke sieben hinunter. Was ist geschehen? Am Luftballon ist das physikalisch schnell zu erklären, aber mit dem Muslim...?

Hängengeblieben

Das Problem lautet: Die fehlende Weiterentwicklung. Viele von uns haben ein Level erreicht, und haben irgendwann aufgehört sich weiterzuentwickeln. Ich kann mich noch gut an meine Zeit vor 4-5 Jahren erinnern: Ich bestellte mir im Web nah zu jede Woche ein oder mehrere Bücher aus der islamischen Bibliothek in Düsseldorf, suchte wissbegierig täglich die Bücherregale meiner Schwestern nach neuen Büchern auf und lernte fast täglich einen neuen Vers aus dem edlen Quran auswendig. Doch wie es im edlen Quran auch steht, so ist auch die Realität: "Gewiss, der Satan ist dem Menschen ein deutlicher Feind." (Sure 12:5) Irgendwann überkommt einen die Faulheit bzw. die Gemütlichkeit, man denkt sich, man habe einen gewissen Status erreicht. Man denkt, jetzt habe man genug gelernt und man müsste jetzt andere Wege einschlagen, z.B. den beliebten Beruf des Besserwissers, den leider viele genussvoll ausüben. Doch es ist ein alt bekannter Spruch, der diesen Status definiert: "Wer denkt etwas zu sein, der hört auf etwas zu werden!". Welch wahrer Satz! Nochmals zur Erinnerung: Diese Nasiha soll niemanden angreifen! Sie ist in allererst an mich selbst gerichtet und wenn jemand diese Nasiha annimmt, so würde es mich sehr freuen.

Es ist leider die Realität: Viele Geschwister praktizieren seit Jahren schon, doch vergleicht man ihren damaligen Zustand mit dem heutigen, so sieht man kaum eine Veränderung, in schlimmen Fällen sieht man sogar eher eine Verschlechterung. Und ein großes Manko ist zweifellos die arabische Sprache. Die Sprache des Quran, der Schlüssel zum Wissen im Islam, die Sprache, die die Sahaba gesprochen haben. Nach jahrelangem praktizieren kann man vielleicht noch nicht mal zwei Sätze mit einer arabisch sprechenden Person austauschen oder gar den Quran lesen und verstehen. Es ist eine Aufgabe die wir uns nun alle widmen sollten, nein, müssen!

Die Lösung

Ja, richtig. Die Lösung dieses Problems, der Luftballoneffekt, wenn ich es mal so nennen darf, ist das Streben nach Wissen und die Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit. Und mit dem Streben nach Wissen ist vor allem gemeint, die arabische Sprache zu erlernen. Jeder sollte sich dessen im Klaren sein, dass die (bekannten) deutschsprachigen Prediger nicht das Maß aller Dinge sind. Zum Teil sind das selber Geschwister, die es nötig haben, selbst weiterhin nach Wissen zu suchen und niemals diese Suche aufzugeben. Es ist ein großer Antrieb aus der Trägheit hinaus, sich täglich Wissen anzueignen und jede Woche seinen eigenen Wissensstand mit dem, der vergangenen Woche zu vergleichen. Es muss nicht unbedingt die Islamschule Braunschweig sein (die ich übrigens nur empfehlen kann), es kann auch die örtliche Moschee sein, von denen heute viele arabisch-Kurse und sogar Islam-Unterrichte anbieten. Macht euch alle bewusst, liebe Geschwister, dass wir nicht einmal 1% des Volumen der Islamwissenschaft gelernt haben. Das Lernen kennt kein Ende. Sogar über Themen, von denen man denken mag, man habe sie schon verstanden. Erst vor kurzem las ich eine detaillierte Abhandlung über Wudu, die Gebetswaschung, und war überrascht, wie wenig ich doch sogar über eine solche Selbstverständlichkeit eigentlich weiß. Egal ob Fiqh, Aqida, Sira oder ein anderer Bereich: WIR MÜSSEN UNS WISSEN ANEIGNEN UND UNS KONTINUIERLICH WEITERENTWICKELN! Mal im ernst: Unser Zustand ist doch beschämend. Während die englischsprachigen Muslime sich schon lange über Werke wie Sahih Buchary, Tafsir Ibn Kathir, Al-Fathu-l-Bari oder Al-Bidayatu wa-Nihaya auf ihrer Sprache erfreuen können, applaudieren wir deutschsprachigen Muslime euphorisch, weil ein Bruder es geschafft hat, den 30. Teil von Tafsir Ibn Kathir endlich mal zu übersetzen. Cheir inschallah...wie gesagt, diese Nasiha geht zu allererst an mich.

Vom Konsumenten zum Produzenten

Das muss unser Ziel sein. Die bekannten Prediger in Deutschland haben uns viel mitgegeben und uns sehr geholfen, möge Allah von ihnen annehmen und sie reichlich belohnen. Doch unter Weiterentwicklung meine ich auch, dass wir aus der stillen Ecke nun aufstehen und uns selbst auch mal bewegen. Hinterfragen, die Quellbücher in die Hand nehmen (siehe den Absatz über die arab. Sprache), studieren und selbst aktiv werden. Vom passiven Muslim zum aktiven Muslim, der den glühenden Drang in sich verspürt, seine Umgebung und Gesellschaft positiv verändern zu wollen, mit der Hilfe ALLAHS...

Was hast du dir vorgenommen?

Wie lange lebst du noch? Was hast du dir für die restliche Zeit in diesem diesseitigen Leben vorgenommen? YA ACHI! Mach dir bewusst, dass das Internet nicht die reale Welt ist! Wie viel Nutzen steckt darin, den ganzen Tag über seine Zeit in Foren zu verbringen, Islamophoben-Seiten zu besuchen und aufzuschreien "HETZE, HETZE", sinnlose Diskussionen zu halten, die zu nichts führen und zu bestimmte Sachverhalten Kommentare abzugeben, von denen man keine Ahnung hat. Wie willst du deine Zeit verbringen? Ich kann darüber nur schmunzeln, wenn ich in manchen Foren mich umschaue. Beispielsweise: Es geht es um eine ungerechte Behandlung einer Muslima in der Arbeitswelt: Es wird ein Zeitungsbericht genannt und dann erscheinen Kommentare wie "Der Islam wird sowieso siegen!", "Die Juden und die Christen werden nie mit dir zufrieden sein, bis du ihren Weg folgst" oder "Warum will die Schwester überhaupt arbeiten, haram!" Was soll man dazu sagen? Was? Und nochmals: Diese Nasiha geht zu allererst an mich. Ich war eben auch so (oder bin?) und unter anderem deswegen entschloss ich mich auch mein Engagement bei Dawa-News zu beenden. Ich habe gesagt, was ich sagen wollte. Und kritisiert, was ich kritisieren wollte. Und aufgedeckt, was ich aufdecken wollte. Ein schlauer Mensch würde dann weiter gehen und sich den nächsten Aufgaben und Herausforderungen stellen. Stattdessen blieb ich wie ich bin, diskutierte in der virtuellen Welt ständig mit Menschen, deren Köpfe so hart sind, wie Diamanten und widerlegte Artikel, deren Art ich schon zig mal widerlegt habe. Wir müssen aufhören uns im Kreis zu drehen!

Also was hast du dir vorgenommen? Weiterhin die Kreisdenker von PI-News zu beobachten? Weiterhin sich über die wild gewordenen Rentner (genannt auch: Bürgerbewegung)  aus Mönchengladbach aufzuregen? Nutze deine Zeit! Wie wäre es z.B. eine zeitlang nach Ägypten zu ziehen, um die arabische Sprache zu erlernen? Oder mit 20 Jahren jetzt die Hadsch zu verrichten, oder eine Umra zum Hause Allahs? Bewege dich und sei aktiv! Möge Allah uns rechtleiten und uns unser schlechtes Verhalten und unser Irrtum vergeben, unsere Sünden allesamt vergeben und uns festigen und beschützen vor den Versuchungen des diesseitigen Lebens. Allahumma Amin.

Wa salaamu alaikum wa rahmatullahi wa barakatuhu

Euer Bruder

Abdullah, Al-Maghrebi