Gastbeitrag: Ein Blick in den "Tafsir Ibn Kathir" des Al-Tamhid-Verlags

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Gastbeitrag / Rezension von Tariq
zum Buch: Tafsir ibn Kathir - Qur´anexegese

Tafsir Ibn Kathir - Qur'anexegese
1. Auflage, übersetzt von Mohamed Benhsain, erschienen im Al-Tamhid-Verlag 2011.

Klicken Sie auf die Grafik für eine größere Ansicht    Name:	book.jpg  Hits:	24  Größe:	9,9 KB  ID:	2820Die Übersetzung dieses Werkes hätte ohne Zweifel einen Meilenstein in der Entwicklung der deutschsprachigen Islamliteratur darstellen können, wäre es doch die wohl erste größere Übersetzung eines klassischen islamwissenschaftlichen Werkes ins Deutsche gewesen. Welch eine Bereicherung und welch ein Vorbild hätte dieses Werk auf einem Markt darstellen können, welcher von durch Laien verfasste und zusammengestellte, oder aus dem Englischen übersetzte Titel beherrscht wird! Doch die Anforderungen an jene, die sich an ein solches Projekt wagen sind hoch. Besitzen sie die Fähigkeit zum präzisen und wissenschaftlichen Arbeiten und haben sie das handwerkliche Rüstzeug, um mit diesem Vertrauensgut verantwortungsvoll umzugehen? Das ist die Frage die sich stellt, denn wenn dies nicht der Fall ist, so wird das Produkt der Bezeichnung „Übersetzung“ niemals gerecht werden können, vielmehr wird es eine halbgare Zusammenfassung, Wiedergabe oder Ableitung sein, und genau das ist leider die vorliegende Übersetzung von Mohamed Benhsain geworden.

 


Schon beim Lesen des Klappentextes kommen erste Zweifel an der Professionalität dieser Übersetzung auf. So lesen wir: „Imam Ibn Kathir hat in seinem Tafsir eine einzigartige Methode bevorzugt, [...], indem er die beste Methode beschritten hat“. Die einzigartige Methode des Beschreitens der besten Methode also? Wenn derart verunglückte Sätze unbemerkt an solch prominenter Stelle verbleiben fragt man sich bereits, wie sorgfältig wohl der restliche Text des Buches gegengelesen wurde.

Weiter geht es mit dem vierseitigen Vorwort des Übersetzers. Wer hier einen Einblick in die Methodik und den Ablauf der Übersetzung, die Unwegbarkeiten während der Arbeit und die gefunden Lösungen sucht, der wird enttäuscht. Der Autor spricht lediglich über seine Motivation und seine Erfahrungen, schneidet kurz die Methodik von Ibn Kathīr an und dankt schließlich noch den Freunden und der Familien, um dann unmittelbar mit dem Text fortzufahren. Welche arabische Ausgabe diente als Vorlage? Wer war der Korrektor (Muḥaqiq) dieser Ausgabe? Wie ist man mit schwachen Überlieferungen umgegangen? Hat man sie gekennzeichnet? Welches System für die Lautumschrift für arabische Worte wurde benutzt und wie ist man mit Gedichten und Erläuterungen zur arabischen Grammatik umgegangen? Das alles sind Fragen, zu denen das Vorwort keine Antwort zu bieten vermag.

Auch von einer Kürzung ist weder in der Produktbeschreibung des Verlages, noch auf dem Umschlag des Buches, noch in seinem Vorwort die Rede. Lediglich ein versteckter Hinweis lässt sich im Vorwort finden: „Veranlasst zu dieser von mir zusammengefassten Übersetzung des Tafsirs (der Qur'anexegese) von Ibn Kathir wurde ich im Laufe von gut zwanzig Jahren [...]“. Tatsächlich wurde der Originaltext für diese Übersetzung massiv gekürzt und das Buch ohne einen klaren Hinweis darauf zu verkaufen grenzt in meinen Augen bereits an Betrug.

Hier die ersten vier Seiten des Tafsīrs von Surat al-Burūj im arabischen Original. In Rot das, was in der Übersetzung entfernt wurde.


Es handelt sich bei den Kürzungen keinesfalls ausschließlich um die Entfernung schwacher Überlieferungen, stellenweise ist jedoch immerhin nachvollziehbar, warum gekürzt wurde. So wurden offenbar sämtliche Überlieferungsketten ebenso wie längere, redundante Ausführungen zu einander ähnlichen Berichten entfernt. Viele Kürzungen sind jedoch auch völlig unverständlich. So fiel die Erwähnung, ob eine Sure mekkanisch oder medinesisch ist ebenso dem Rotstift zum Opfer, wie die Darstellung einiger abweichender Meinungen und viele andere Dinge mehr.

Zu den Merkwürdigkeiten dieser Übersetzung zählt auch, dass hier nicht nur Dinge entfernt, sondern auch hinzugefügt wurden. So findet man die Preisformel „subhanahu wa ta'ala" sowie die Fürbitte „radiy Allah 'anh" an zahllosen Stellen, wo sie im arabischen Text nicht vorhanden sind, ja selbst in die Worte des Propheten wurden sie nachträglich eingefügt! Und während Ibn Kathīr den Tafsīr zu Surat al-Naba' mit den einfachen Worten „Ende des Tafsīrs von Surat ʿamma" abschließt, besserte der Übersetzer nach und machte daraus „Mit dem Lob und dem Erfolg durch Allah ist dies das Ende der Erklärung von Surah Naba'. Und alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten".

Ein weiteres großes Ärgernis ist die Transliteration arabischer Worte, welche auf keinerlei Sonderzeichen zurückgreift, weswegen es unmöglich ist emphatische von nichtemphatischen Konsonanten oder lange von kurzen Vokalen zu unterscheiden und so weiter. Damit sind die arabischen Wörter de facto nur für jene lesbar, welche die arabische Sprache bereits hinreichend gut beherrschen, wohingegen den Lernenden diese Tür verschlossen bleibt.

Fazit

Die Übersetzung genügt keinen wissenschaftlichen Ansprüchen. Die Arbeit Ibn Kathīrs wurde verfälscht und ohne Kenntlichmachung oder Erwähnung der Änderungen verstümmelt und beschnitten. Die Übersetzung selbst ist teilweise ungenau und teilweise in Hinblick auf die deutsche Sprache mangelhaft. Es handelt sich also um alles andere als ein Meisterstück, und dennoch mag ich nicht vom Kauf abraten, denn das was im Buch enthalten ist, ist trotz aller handwerklichen Mängel ohne Zweifel noch wertvoll und lehrreich...