{"id":2120,"date":"2015-12-17T14:23:50","date_gmt":"2015-12-17T14:23:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/?p=2120"},"modified":"2016-02-12T09:21:00","modified_gmt":"2016-02-12T09:21:00","slug":"buchbesprechung-lust-gunst-sex-und-erotik-bei-den-muslimischen-gelehrten-von-ali-ghandour","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/buchbesprechung-lust-gunst-sex-und-erotik-bei-den-muslimischen-gelehrten-von-ali-ghandour\/","title":{"rendered":"Buchbesprechung: \u00abLust &#038; Gunst &#8211; Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten\u00bb von Ali Ghandour"},"content":{"rendered":"<pre>Dieser Beitrag erschien zuerst auf <a href=\"http:\/\/www.ahlu-sunnah.com\/blog\/?p=1074\" target=\"_blank\">ahlu-sunnah.com<\/a>.<\/pre>\n<p><em>von Yahya ibn Rainer<\/em><\/p>\n<p><strong>Titel: <\/strong>Lust &amp; Gunst \/ Band 1<br \/>\n<strong>Subtitel:<\/strong> Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten<strong><br \/>\n<\/strong><strong>Autor:<\/strong> Ali Ghandour<strong><br \/>\nVerlag:<\/strong> Editio Gryphus, Hamburg \u00a9 2015<strong><br \/>\nUmfang:<\/strong> Taschenuch, 103 Seiten<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab zwei haupts\u00e4chliche Gr\u00fcnde, mir dieses Buch anzuschaffen. Der erste Grund war nat\u00fcrlich das Thema, welches m. E. sehr wichtig ist und leider (h\u00e4ufig aus falscher Scham und Pr\u00fcderie) viel zu selten aufgegriffen wird. Der zweite Grund jedoch war der Autor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der geb\u00fcrtige Marokkaner <em>Ali Ghandour<\/em> ist einigen Muslimen in Deutschland sicherlich ein Begriff, vor allem unter seiner Kunya <em>Abu Bilal al-Maliki<\/em>. Schon seit einigen Jahren macht er sich einen Ruf als K\u00e4mpfer gegen muslimische Str\u00f6mungen, die hierzulande unter den Namen &#8222;<em>Wahhabismus<\/em>&#8220; und &#8222;<em>Salafismus<\/em>&#8220; bekannt sind. Er selbst folgt nach eigenen Aussagen der malikitischen Rechtsschule, ist Anh\u00e4nger der ascharitischen Glaubenlehre und ein gl\u00fchender Verteidiger des <em>Tasawwuf<\/em> (Sufismus) und seiner teils speziellen Konzepte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->Ich wurde etwa 2008 auf ihn aufmerksam, als er noch kleinere und gr\u00f6\u00dfere Debatten in Internetforen mit Kritikern des Sufismus, des Taqlid (blinden Folgens) und der Aschari-&#8218;Aqidah absolvierte. Nebenbei betrieb er Blogs mit Namen wie &#8222;Wahabi Watch&#8220; oder &#8222;Sunnanet&#8220;, um die Glaubenslehre und -methodologie der sogenannten &#8222;Salafisten\/Wahhabiten&#8220; zu widerlegen und diverse Praktiken und Lehren des Sufismus zu verteidigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab 2011 wurden die direkten Konfrontationen und Debatten im Internet immer weniger. Stattdessen hatte <em>A. Ghandour<\/em> scheinbar die wahre Schwachstelle seiner Kontrahenten gefunden. Anstatt sich weiterhin in langen und sicherlich auch erm\u00fcdenden Diskussionen zu ergehen, die zudem nicht selten auch zu seinen Ungunsten ausgingen, beschr\u00e4nkte er sich nun auf die Provokation. Indem er sich \u00fcber sie lustig machte (z.B. mit <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/user\/Museltoonz\/videos\" target=\"_blank\"><em>Museltoonz<\/em><\/a>) und sein Auftreten im Netz besonders grenzwertig gestaltete (durch Sondermeinungen, gewagte Outfits und elektronische Musikproduktionen), schaffte er es, die Gem\u00fcter einiger Jungsalafiten zu erhitzen und die daraus resultierenden Kommentare f\u00fcr sich sprechen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch dieses Buch, da war ich mir sicher, sollte solch eine Provokation darstellen und das gew\u00e4hlte Thema passte dazu wie Faust auf Auge. Doch <em>A. Ghandour<\/em> ist heute kein normaler Internetaktivist und Hobbydebattant mehr, sondern promoviert mittlerweile am <em>ZIT M\u00fcnster<\/em> im Fach Islamische Theologie. Und da man als angehender Doktor und Wissenschaftler einen gewissen akademischen Ruf hat und einem wissenschaftlichen Ethos unterliegt, erhoffte ich mir aus der Lekt\u00fcre durchaus mehr, als nur eine provokante Kampfpostille.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon der erste Satz des Buches &#8211; ein Zitat aus<em> Al-Wisah fi-Fawa&#8217;id an-Nikah<\/em> von <em>Imam as-Suyuti<\/em> &#8211; hat mich derma\u00dfen vom Hocker gehauen, dass ich mich geradezu gen\u00f6tigt sah dieses auf Twitter kundzutun. Das Zitat selbst allerdings wagte ich nicht zu twittern. So erging es mir auch im weiteren Verlauf der Lekt\u00fcre, obwohl ich auf Blog, Facebook und Twitter f\u00fcr gew\u00f6hnlich recht oft aus den B\u00fcchern zitiere die ich gerade lese.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ich also ein \u00f6ffentliches Posting des Zitats nicht wagte, bot ich f\u00fcr meine (m\u00e4nnlichen) Freunde auf Facebook an, diesen ersten Satz des Buches als PN zu verschicken, an jeden, der mich darum bittet. Im Nachhinein w\u00fcnschte ich, dieses Angebot niemals gemacht zu haben, denn ich verbrachte Stunden damit den massenhaften Anfragen gerecht zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses gewaltige Interesse an einem einzigen Satz aus Gelehrtenmund, und das nur, weil er inhaltlich die sexuellen Attribute der Frau thematisiert, war eindrucksvoll und best\u00e4tigte in gewisser Weise meine Meinung, es hier mit einem \u00e4u\u00dferst wichtigen Thema zu tun zu haben. Gekr\u00f6nt wurde dieser Eindruck zus\u00e4tzlich noch von einem amtlichen Facebook-Shitstorm, der vonseiten junger muslimischer Frauen auf mich und mein (nur an M\u00e4nner gerichtetes) Unterfangen hereinprasselte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Buch von <em>A. Ghandour<\/em> soll nicht nur ein Buch \u00fcber <em>Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten<\/em> sein, sondern auch <em>&#8222;ein Spiegel, welcher uns den drastischen Wandel des Religionsverst\u00e4ndnisses in den letzten 200 Jahren<\/em> <em>aufzeigt&#8220;<\/em>. Somit ist es auch ein muslimisch-gesellschaftliches Buch, und so sehr man den Autor wegen seiner religi\u00f6sen Ansichten oder gezielten Provokationen auch ablehnen mag, wer dieses Buch objektiv und mit Bedacht liest, wird nicht umhin kommen, den Nutzen der Lekt\u00fcre einzugestehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Sex<\/em> ist nicht nur ein (von Allah) nat\u00fcrlich in uns angelegtes dringendes Bed\u00fcrfnis, sondern auch eine unbedingte Notwendigkeit zur Fortpflanzung und (somit) zum Erhalt der Spezies Mensch. Dass <em>er<\/em> im Islam zus\u00e4tzlich noch als Gottesdienst gilt, wenn er im rechtlich erlaubten Rahmen und mit passender Absicht vollzogen wird, macht <em>ihn<\/em> zus\u00e4tzlich zu etwas sehr vorz\u00fcglichem.<\/p>\n<p id=\"firstHeading\" class=\"firstHeading\" lang=\"tr\" style=\"text-align: justify;\">Bei all dieser Dringlich-, Notwendig- und Vorz\u00fcglichkeit w\u00e4re es doch eine feine Sache, wenn <em>er<\/em> obendrein noch Spa\u00df machen w\u00fcrde. Wollen wir <em>ihn<\/em> also \u00fcberdies noch anregend, sinnlich, z\u00e4rtlich und lustig gestalten, dann kommen wir zur <em>Erotik<\/em>. <em>A. Ghandour<\/em> wei\u00df in seinem Buch zu berichten, dass sich in der hoheitlichen und hochoffiziellen osmanischen-kaiserlichen Enzyklop\u00e4die der Wissenschaften (<em>Miftah al-Sa&#8217;ada<\/em>) des <em>Imam Ahmad Ta\u015fk\u00f6pr\u00fcl\u00fczade<\/em> (1494-1561) folgende 3 Eintr\u00e4ge zu Wissenschaftszweigen fanden:<\/p>\n<ol>\n<li class=\"firstHeading\" lang=\"tr\"><i>&#8218;Ilm Adab an-Nikah<\/i> (Die Lehre der ehelichen Ethik)<\/li>\n<li class=\"firstHeading\" lang=\"tr\"><i>&#8218;Ilm al-Bah<\/i> (Die Lehre des Sexes)<\/li>\n<li class=\"firstHeading\" lang=\"tr\"><i>&#8218;Ilm al-Gung<\/i> (Die Lehre der Erotik)<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter dem 1. Eintrag\u00a0<em>(Die Lehre der ehelichen Ethik)<\/em> geht es um die rechtlichen und ethischen Aspekte der Ehe und um das eheliche Zusammenleben, wozu auch der Sex geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum 2. Eintrag<em> (Die Lehre des Sexes)<\/em> zitiert <em>A. Ghandour<\/em> den <span class=\"st\">Enzyklop\u00e4dist<\/span>en &#8230;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist die Lehre, die als Thema die Pr\u00e4parate und Nahrungen hat, die die St\u00e4rkung der sexuellen Kraft f\u00f6rdern, die die Lust steigern, die den Penis vergr\u00f6\u00dfern oder die Vagina verengen. [&#8230;] (Es ist auch eine Lehre), die sich mit den Sexstellungen und den Gepflogenheiten des sexuellen Aktes besch\u00e4ftigt. [&#8230;] Sie (die Autoren in diesem Bereich) erw\u00e4hnen auch erotische Geschichten, die die Lust erregen.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">(Task\u00f6pruzade, Ahmad: Miftah as-Sa&#8217;ada, Beirut: Dar al-Kutub al-&#8218;Ilmiyya 1985, Bd. I: S. 326 f.)<\/p>\n<p>&#8230; ebenso, wie zum 3. Eintrag<em> (Die Lehre der Erotik)<\/em>:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist die Lehre bez\u00fcglich der Art der (verf\u00fchrerischen) Handlungen, die von den jungen Frauen und sch\u00f6nen Damen ausgehen. [&#8230;] Wenn die Sch\u00f6nheit wesentlich ist und die Verspieltheit nat\u00fcrlich ist, dann gilt dies als Perfektion, ist aber die Verspieltheit unnat\u00fcrlich, dann ist dies eine Stufe unter dem ersten Fall, jedoch alles, was von dem Sch\u00f6nen ausgeht, ist sch\u00f6n. [&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Verspieltheit, wenn sie w\u00e4hrend des Aktes und w\u00e4hrend des K\u00fcssens und \u00c4hnlichem stattfindet, f\u00f6rdert die sexuelle Kraft. [&#8230;] Die Verspieltheit ist in der Scharia erlaubt und sie ist an den Frauen in diesem Fall (w\u00e4hrend des sexuellen Akt) gelobt und sie (die Frau) k\u00f6nnte daf\u00fcr (von Gott) im Fall des erlaubten Beischlafs belohnt werden.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">(Task\u00f6pruzade, Ahmad: Miftah as-Sa&#8217;ada, Beirut: Dar al-Kutub al-&#8218;Ilmiyya 1985, Bd. I: S. 377)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich l\u00e4sst es sich <em>A. Ghandour<\/em> nicht nehmen, auch die unangenehmen Seiten der muslimisch-literarischen Freiz\u00fcgigkeit mit seinen Lesern zu teilen. So m\u00fcssen wir lesen, dass nicht nur muslimische Dichter und Literaten, sondern auch anerkannte Gelehrte mitunter Geschichten und Anekdoten niederschrieben, die unz\u00fcchtige, lesbische und homosexuelle Handlungsstr\u00e4nge aufwiesen. Und auch zum Thema Knabenliebe wird man einige Ausz\u00fcge im Buch finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Exkursionen in die sexuellen Sph\u00e4ren der muslimischen Geschichte schockieren teils zu Recht (vor allem beim Thema Knabenliebe), zeigen aber eine Realit\u00e4t, die zu verschweigen einer Leugnung gleich kommen w\u00fcrde. Aber vor allem wird auch deutlich, dass die Themen Sex und Erotik heute unter den meisten Muslimen mit viel mehr Scham aufgefasst werden, als es fr\u00fcher der Fall war. <em>A. Ghandour\u00a0<\/em>vertritt die These, dass diese Auffassung zum Thema <em>Sex<\/em> einen starken Einfluss der &#8222;viktorianischen Pr\u00fcderie&#8220; aufweist, also quasi eine christlich-abendl\u00e4ndischen Hinterlassenschaft ist, die sich die Muslime w\u00e4hrend der Zeit der Kolonisierung zu eigen machten. So schreibt er:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00abSex wurde im Islam &#8211; im Gegensatz zum Christentum &#8211; gerade nicht als etwas s\u00fcndhaftes und Niedriges betrachtet, welches es zu vermeiden gilt.\u00bb<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungewohnt &#8211; zumindest f\u00fcr den gew\u00f6hnlichen muslimischen Leser &#8211; wird auch die Offenheit des Buches sein, Meinungsverschiedenheiten und Sondermeinungen zu sexuellen Handlungen zu liefern, die man zuvor eigentlich als klar verboten erachtet hatte. So erf\u00e4hrt man, dass einige Gelehrte die Selbstbefriedigung der Frau (mit geeigneten Gegenst\u00e4nden) ebenso erlaubten, wie den ehelichen Analverkehr. Speziell letzteres k\u00f6nnte den Leser in Konfusion st\u00fcrzen und im Verein mit der Tatsache, dass muslimische Gelehrte Anekdoten von Prostituierten, Homosexuellen und sonstigen Unz\u00fcchtigen verfassten (und dies auch als erlaubt erachteten), k\u00f6nnte man geneigt sein, das Buch als eine Gefahr darzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich aber ist <em>A. Ghandours<\/em> Untersuchung kein Rechtsbuch oder -ratgeber, sondern will lediglich eine historische Realit\u00e4t darstellen. Bereits in der Einleitung macht der Autor auf diesen Umstand aufmerksam:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00abDie Untersuchungen in der vorliegenden Arbeit haben keinen theologisch-normativen Charakter. Es geht hier also nicht um die Bewertung der unterschiedlichen Praktiken, sondern eher um die Darstellung des Umgangs muslimischer Gelehrter mit dem Thema allgemein.\u00bb<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies muss man sich w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre st\u00e4ndig vergegenw\u00e4rtigen, denn ansonsten k\u00f6nnte man durchaus falsche Resultate aus dem Inhalt des Buches ziehen. Ich zumindest habe das kleine Taschenbuch (103 Seiten) genossen und lange noch meinen Spa\u00df daran gehabt. Und da es sich anscheinend um eine Buchreihe handelt (Band 1), werden wir wohl auch in Zukunft noch so einiges Verruchtes und Verwirrendes aus dieser Richtung vernehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Beitrag erschien zuerst auf ahlu-sunnah.com. von Yahya ibn Rainer Titel: Lust &amp; Gunst \/ Band 1 Subtitel: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten Autor: Ali Ghandour Verlag: Editio Gryphus, Hamburg \u00a9 2015 Umfang: Taschenuch, 103 Seiten Es gab zwei haupts\u00e4chliche Gr\u00fcnde, mir dieses Buch anzuschaffen. 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