{"id":3181,"date":"2017-08-08T10:39:00","date_gmt":"2017-08-08T10:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/?p=3181"},"modified":"2020-01-23T10:08:15","modified_gmt":"2020-01-23T10:08:15","slug":"salafismus-und-die-politik-der-religion-des-freien-marktes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/salafismus-und-die-politik-der-religion-des-freien-marktes\/","title":{"rendered":"Salafismus und die Politik der Religion des freien Marktes"},"content":{"rendered":"<p><em>von Joe Bradford<\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00abDen meisten Argumenten gegen den freien Markt liegt ein mangelnder Glaube an die Freiheit an sich zugrunde.\u00bb<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8211; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Milton_Friedman\">Milton Friedman<\/a> (gest. 2006)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn \u201eIslamismus\u201d bereits ein schlechtes Wort ist, so ist \u201eSalafismus\u201c ein abwertender Begriff. W\u00e4hrend die Urspr\u00fcnge beider Begriffe sicherlich flie\u00dfend und relational sind<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, wird der Salafismus oft d\u00e4monisiert, besonders im Westen. Trotzdem ist er in der islamischen Welt seit mindestens siebzig Jahren in seinem Streben, Praktiken zu reformieren, die angeblich von der Praxis des Propheten abweichen, eine bedeutende gesellschaftliche Macht.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend viele moderne islamische Bewegungen durch eine ideologische Linse betrachtet und entweder als Reformkraft oder \u201emoderne Neuerung\u201c gesehen werden<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, lohnt es sich, das Ph\u00e4nomen des Salafismus durch eine wirtschaftliche Linse zu betrachten \u2013 ohne dar\u00fcber zu debattieren, ob die religi\u00f6se Interpretationsweise der Bewegung \u201eg\u00fcltig\u201c ist oder nicht \u2013, um zu verstehen, warum sie so einflussreich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00d6konomien sind im weitesten Sinne regulierte oder nicht regulierte freie M\u00e4rkte. Regulierte \u00d6konomien werden von oben nach unten durch Regierungen oder Staaten geregelt, wobei Entscheidungen zentral getroffen werden. Der Staat reguliert Preisgestaltung und Marktzugang f\u00fcr Wettbewerber und \u00fcbernimmt in vielen F\u00e4llen auch die Produktion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagegen sind freie Marktwirtschaften genau das: \u00d6konomien mit einem freien Markt. Die Bedingungen auf dem freien Markt werden von Produzenten und Konsumenten diktiert, Angebot und Nachfrage werden nicht durch Interventionen, Preisgestaltung oder Monopole von au\u00dfen behindert. Vereinfacht ausgedr\u00fcckt ist der freie Markt frei von jeglicher politischer Einmischung.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen den Bef\u00fcrworten einer regulierten und denen einer unregulierten Wirtschaft gibt es offenkundige Spannungen. Repr\u00e4sentativ f\u00fcr jene, die gegen einen freien Markt sind, ist Karl Polanyis Aussage, dass \u201ezuzulassen, dass das Schicksal der Menschen und ihrer nat\u00fcrlichen Umgebung nur durch Marktmechanismen bestimmt wird [\u2026] zu einer Zerst\u00f6rung der Gesellschaft f\u00fchren w\u00fcrde\u201c.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Zur Verhinderung dieser \u201eZerst\u00f6rung der Gesellschaft\u201c, zu der ein ungez\u00fcgelter Markt f\u00fchren w\u00fcrde, erlegt die Regierung Kontrollen und Beschr\u00e4nkungen auf, um Marktaussch\u00f6pfung, Instabilit\u00e4t und Leid zu verhindern. Dies f\u00fchrt unweigerlich zu einer gewissen G\u00e4ngelung der Menschen und beschr\u00e4nkt ihre M\u00f6glichkeiten, Handel zu treiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bilden Handel und Wettbewerb zwischen verschiedenen religi\u00f6sen Bewegungen einen Markt? K\u00f6nnen Religionen als M\u00e4rkte betrachtet werden? Wenn wir Ideologien als wirtschaftliche Kr\u00e4fte betrachten, k\u00f6nnen wir Religionen \u00e4hnlich wie kommerzielle \u00d6konomien analysieren. \u00c4hnlich wie wirtschaftliche Kr\u00e4fte k\u00f6nnen manche Ideologien am besten als unterschiedliche Herangehensweisen an den Markt der Religion erkl\u00e4rt werden. Wendet man diesen Gedanken auf den Salafismus an, erkennt man, dass dieser eine marktwirtschaftliche \u201eGlaubens\u00f6konomie\u201c f\u00f6rdert. Der Salafismus strebt danach, das Monopol der Staatsreligion \u00fcber die muslimische Identit\u00e4t, die Analyse von Texten und das t\u00e4gliche religi\u00f6se Leben zu brechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was ist Salafismus?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Begriffe \u201eSalafist\u201c und \u201eSalafismus\u201c sind aufgeladen und dehnbar \u2013 sie werden in den Medien, Anti-Terror-Anweisungen, Bildungsprogrammen und allen m\u00f6glichen anderen Bereichen verwendet, um gewisse muslimische und islamische Praktiken zu beschreiben. \u00dcbertroffen wird der Begriff nur noch vom Terminus \u201eIslamismus\u201c. \u201eSalafismus\u201c wird meist geringsch\u00e4tzig im Zusammenhang mit Einzelpersonen und Bewegungen benutzt, die nicht in das Narrativ einer Ergebung in den Quietismus, die Macht des Staates und staatlich festgesetzte religi\u00f6se Autorit\u00e4t passen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Anthropologe Martijn de Koning hat den Unterschied zwischen Salafismus und Islamismus klar herausgearbeitet:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00abDie salafistische Bewegung wird oft als kulturelle Bewegung ohne klares politisches Programm gesehen, die die Teilnahme an der politischen Auseinandersetzung scheut, wohingegen f\u00fcr Islamisten Politik der Kern ihrer Bewegung ist und sie danach streben, die Gesellschaft in eine \u201ewahrhaft islamische\u201c Gesellschaft umzuwandeln. Die salafistische Bewegung reklamiert f\u00fcr sich, nicht in politische Verhandlungen mit Staaten involviert zu sein und engagiert sich nicht \u00f6ffentlich f\u00fcr die Verteidigung muslimischer Interessen, geschweige denn f\u00fcr den Versuch, einen islamischen Staat zu errichten.\u00bb<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Islamwissenschaftler Alexander Thurston zufolge ist der Salafismus \u201eim Kern eine Bildungsbewegung, die sich der Verbreitung der (religi\u00f6sen) Regeln als Grundlage f\u00fcr Identit\u00e4t, Deutung und Handeln widmet\u201c.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Bis vor sehr kurzer Zeit war der Salafismus formal nicht in die Politik involviert. Er unterschied sich erheblich von gr\u00f6\u00dferen islamistischen Organisationen wie der Muslimbruderschaft, der Hizb ut-Tahrir und anderen. Der Salafismus steht den Gesellschaften, in denen er agiert, jedoch nicht agnostisch gegen\u00fcber; viele Salafisten engagieren sich in der Sozialp\u00e4dagogik und in der Missionsarbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Konzept existiert der Salafismus in zwei Formen: dem rituellen Salafismus und dem erkenntnistheoretischen Salafismus, wobei Ersterer dominanter ist als Letzterer. Diese von dem Georgetowner Forscher Muhammad Bushra<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> gepr\u00e4gten Termini legen nahe, dass Letzterer, anders als Ersterer, weniger mit den \u00e4u\u00dferen Zeichen von Ritualen und Konventionen zu tun hat. Der erkenntnistheoretische Salafismus \u00fcberschneidet sich mit dem rituellen Salafismus jedoch intellektuell und ideologisch, wenn es darum geht, religi\u00f6se Wahrheiten zu bestimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso wie sein rituelles Gegenst\u00fcck bietet der erkenntnistheoretische Salafismus eine kritische Lesart von Kultur und Tradition, ohne sie zu operationalisieren. Er ist am Islam als intellektueller Unternehmung interessiert, der den Einzelnen und somit die Gesellschaft ver\u00e4ndert, jedoch ohne zu missionieren oder den Status Quo herauszufordern. Dagegen konzentriert sich der rituelle Salafismus auf das t\u00e4gliche Leben seiner Anh\u00e4nger, das anhand der islamischen Werte, die sie in ihrer speziellen Interpretation der islamischen Texte finden, umgestaltet wird.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was ist eine Staatsreligion?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer zentralisierten religi\u00f6sen Wirtschaft gibt es nur ein Produkt: die vom Staat sanktionierte Religion. Indem er einen religi\u00f6sen Ansatz vorschreibt, garantiert der Staat Produktionsquellen, stellt eine best\u00e4ndige Markenbildung sicher und reguliert Marktanomalien.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> In einer regulierten Glaubens\u00f6konomie sind die Konsumenten ein interessiertes Publikum. Da der Staat eine Monopolstellung hat, muss er nicht sicherstellen, dass sein Produkt, die Staatsreligion, ad\u00e4quat oder attraktiv f\u00fcr sein Publikum ist. Darunter leidet in der Regel die Qualit\u00e4t dieses Produktes, weshalb in den meisten \u00d6konomien mit einem religi\u00f6sen Monopol B\u00fcrgerbeteiligung nur in geringem Ma\u00dfe stattfindet.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast jedes mehrheitlich muslimische Land hat ein vom Staat anerkanntes religi\u00f6ses System, dass religi\u00f6se \u201eG\u00fcter\u201c f\u00fcr dessen Bev\u00f6lkerung organisiert, billigt und produziert. Daher haben staatlich sanktionierte muslimische Religionsgelehrte und Kleriker (<em>\u02bf<\/em><em>ulam\u0101<\/em><em>\u02be<\/em>) ein Monopol hinsichtlich dessen, wie der Islam dargestellt wird, inne. Ob in Form von Fatwas, Freitagspredigten, religi\u00f6sen Litaneien oder anderem schriftlichen Material \u2013 dieses Monopol \u00fcber die \u201eProduktion von Wissen und die Darstellung der Religion\u201c in der muslimischen Welt hat zu einem R\u00fcckgang der religi\u00f6sen Teilhabe gef\u00fchrt, proportional zum von ihnen kontrollierten Bev\u00f6lkerungsanteil.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist offenkundig in L\u00e4ndern mit zentralisierter religi\u00f6ser Autorit\u00e4t. Die meisten dieser L\u00e4nder berichten \u00fcber einen R\u00fcckgang der Teilnehmerzahl bei von Geistlichen geleiteten Gottesdiensten wie dem Freitagsgebet und ein allgemein geringeres Engagement als in dezentralisierten L\u00e4ndern oder L\u00e4ndern mit multireligi\u00f6ser Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In L\u00e4ndern wie Libyen und Tunesien kontrollierte vor dem Arabischen Fr\u00fchling der Staat nicht nur, wer religi\u00f6ser Experte werden konnte, sondern auch, wann und wie die Menschen ihre Religion praktizierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich werden in vielen muslimischen L\u00e4ndern die Moscheen routinem\u00e4\u00dfig zu einer bestimmten Stunde in der Nacht und zwischen den Gebetszeiten abgeschlossen. W\u00e4hrend sich die Menschen nach mehr direkter religi\u00f6ser Teilhabe sehnen, unterst\u00fctzen die <em>\u02bf<\/em><em>ulam\u0101<\/em><em>\u02be<\/em> auf Gehei\u00df der Regierung vielfach den Status Quo. Dies hat zu einem allgemeinen Unmut gegen\u00fcber den Gelehrten gef\u00fchrt, welche als r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt und obskur angesehen werden.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachten wir zum Beispiel die Bemerkungen von Scheich Ali Gomaa, dem fr\u00fcheren Gro\u00dfmufti von \u00c4gypten, der sich 2014 in einer Rede f\u00fcr eine Staatsreligion stark machte, darauf bestand, dass man trotz Unterdr\u00fcckung den Herrschenden gehorchen m\u00fcsse, das Auslegungsmonopol der staatlichen Institutionen betonte und diejenigen, die sich au\u00dferhalb staatlich sanktionierter religi\u00f6ser Kreise bewegen, als \u201eEmpork\u00f6mmlinge, die nicht in der Lage sind, [die islamischen Texte] zu verstehen, weil sie nicht an der ihnen verhassten Al-Azhar studiert haben und sich als W\u00e4chter \u00fcber uns aufschwingen m\u00f6chten\u201c verunglimpfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesem Kommentar wollte Gomaa seine Autorit\u00e4t (und im weiteren Sinne die der Al-Azhar) bei der Interpretation religi\u00f6ser Texte bekr\u00e4ftigen und jene kritisieren, die aufgrund mangelnder Deutungshoheit nicht vom Staat sanktioniert werden. Anders gesagt wird die \u201erichtige Religion\u201c vom Staat produziert, und ein ordentlicher Staat muss die \u201ewahre Religion\u201c produzieren. Die Pr\u00e4misse und die Schlussfolgerung sind ein und dieselbe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Denkweise ist eigentlich eine Art von Fundamentalismus. Salafistische Bewegungen verfolgen m\u00f6glicherweise einen Mittelweg zwischen dem Fundamentalismus der staatlichen Kontrolle und totaler anarchistischer Revolte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Aufkommen des Salafismus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn der Staat seine religi\u00f6se Identit\u00e4t auf \u201emonopolistische\u201c Weise definiert und die Parameter der Schriftauslegung durchsetzt, f\u00fchlt sich der Einzelne verpflichtet, sich von \u201eheterodoxen\u201c (d.&nbsp;h., nicht staatlich sanktionierten) Formen des religi\u00f6sen Ausdrucks abzugrenzen, oft aus Furcht vor Repressalien wegen Infragestellung der staatlichen Autorit\u00e4t. Dennoch kommen immer wieder Fragen nach der Qualit\u00e4t des \u201ereligi\u00f6sen Produktes\u201c des Staates auf. Vor diesem Hintergrund hat der Salafismus einen Wettbewerbsvorteil, indem er religi\u00f6se G\u00fcter erzeugt, die f\u00fcr die Konsumenten attraktiver und leichter zug\u00e4nglich sind.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Salafismus fokussiert st\u00e4rker auf individuelle Prinzipien und Ethik. Es reicht nicht aus, dass Staat und Gelehrte den Glauben sch\u00fctzen. Auch der Einzelne muss \u201eden islamischen Staat in seinem Herzen errichten\u201c, was dazu f\u00fchrt, dass \u201eder islamische Staat im jeweiligen Land errichtet wird\u201c. Dem Salafismus zufolge steht der Einzelne \u00fcber einer eher imperialen Auffassung von Loyalit\u00e4t zum Staat und Einsatz f\u00fcr ihn. Der Fokus liegt auf dem individuellen Engagement f\u00fcr ein umfassendes Wertesystem, einschlie\u00dflich Pflichten sich selbst gegen\u00fcber sowie gegen\u00fcber der Familie und den Nachbarn. Kurz gesagt ist der Salafismus eine Art pers\u00f6nlicher Ver\u00e4nderung, die nicht von \u00e4u\u00dferen gesellschaftlichen Gegebenheiten abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich wie bei der protestantischen Reformation ist es dem Salafismus gelungen, eine Religion f\u00fcr die Massen zu individualisieren. Die Leute m\u00fcssen sich nicht mehr sklavisch an Heilige, gepr\u00fcfte Texte, Katechismen, Rituale, Symbole oder von paternalistischen Staaten sanktionierte heilige Tage halten. Um eine Analogie zum Handymarkt herzustellen: Dieses \u201ereligi\u00f6se Produkt\u201c war Bloatware \u2013 unerw\u00fcnschte Anwendungen, die Platz beanspruchen, nie benutzt werden, aber nicht deinstalliert werden k\u00f6nnen. Der Salafismus ist das Rootkit, mit dem sich dieser \u00dcberschuss entfernen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem er das Individuum \u201edirekt\u201c mit Gott verbindet und sich auf dessen Einsatz f\u00fcr seine pers\u00f6nliche Identit\u00e4t konzentriert, f\u00f6rdert der Salafismus einen Sinn f\u00fcr pers\u00f6nliche Verantwortung. Nehmen wir zum Beispiel das folgende Zitat von Ibn al-Qayyim, dem Denker und oft zitierten Vorl\u00e4ufer des salafistischen Denkens aus dem 14. Jahrhundert:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00abWie kann ich mich von Uners\u00e4ttlichkeit und Panik freimachen? Ich antwortete: Durch Gottes Einzigkeit, indem man sich auf Ihn verl\u00e4sst, auf Ihn vertraut und wei\u00df, dass alles Gute nur durch ihn verursacht wird und alles Schlechte nur von Ihm entfernt wird, und [indem man wei\u00df], dass alle Dinge f\u00fcr Gott sind und niemand einen Anteil an etwas hat, was Gott geh\u00f6rt.\u00bb<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vordergrund steht hier die pers\u00f6nliche Verantwortung. Der Einzelne muss sich von Gier, Ma\u00dflosigkeit und Panik freimachen. Alle Arten, \u201eden islamischen Staat im Herzen zu errichten\u201c, werden gef\u00f6rdert. Dazu geh\u00f6rt, dass man sich auf Gott als L\u00f6sung seiner Probleme verl\u00e4sst, seine angeborene F\u00e4higkeit, spirituell und materiell erfolgreich zu sein, nutzt und aufgrund pers\u00f6nlicher Verantwortung danach strebt, sich selbst zu verbessern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf diese Weise hat der Salafismus den Zugang zur Religionsproduktion demokratisiert. Durch die Einf\u00fchrung eines ver\u00e4nderlicheren und organischeren Konzepts von Religion, das auf nostalgische Weise als Verk\u00f6rperung der Einfachheit des Propheten und seiner Gef\u00e4hrten vermarktet wird, bringt er den Menschen den Seelenfrieden, der von ihrer pers\u00f6nlichen Verbindung zum Glauben herr\u00fchrt. Dies hat zu gr\u00f6\u00dferer religi\u00f6ser Partizipation gef\u00fchrt, trotz scheinbar schwieriger politischer Umst\u00e4nde.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dferdem hat der Salafismus die staatlich kontrollierte Religion auf effektive und scharfe Weise als fehlerhaft, unzul\u00e4nglich, falsch oder suboptimal kritisiert. Auch dies hat dem Salafismus geholfen, Marktanteile zu gewinnen und, in vielen F\u00e4llen, eine betr\u00e4chtliche Anzahl an \u201eKonsumenten\u201c zu erobern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als eine der ersten Bewegungen, die staatliche Religionsmonopole herausforderten, hat der Salafismus vielen anderen religi\u00f6sen Bewegungen die T\u00fcr zu ansonsten geschlossenen M\u00e4rkten ge\u00f6ffnet. Au\u00dferdem hat er eine von zwei m\u00f6glichen staatlichen Reaktionen erzwungen: eine Arbeitsbeziehung mit religi\u00f6sen Ans\u00e4tzen au\u00dferhalb der staatlich sanktionierten Religion oder gewaltt\u00e4tige Repressalien gegen jeden Versuch, eine Marktver\u00e4nderung zu erzwingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blicken wir auf Algerien, wo salafistische Bewegungen von den staatlich sanktionierten religi\u00f6sen Institutionen zun\u00e4chst als Parias betrachtet wurden. Salafistische Moscheen wurden immer wieder geschlossen und salafistische Imame ausgeschlossen, um, so das algerische Innenministerium, \u201ekeine unangemessenen ausl\u00e4ndischen Riten zu importieren\u201c. Religi\u00f6se Urteile (Fatwas) wurden in \u00dcbereinstimmung mit dem algerischen Gesetz erteilt. Jahre sp\u00e4ter wurden eben diese salafistischen Bewegungen von den gleichen Regierungsinstitutionen und deren F\u00f6rderern als Gegengewicht zu noch revolution\u00e4reren (und gewaltt\u00e4tigeren) Bewegungen benutzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Regierung zur \u00d6ffnung zwingen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um eine gr\u00f6\u00dfere Diversit\u00e4t bei religi\u00f6sen \u201eProdukten\u201d und Wahlfreiheit f\u00fcr die Kunden auf dem Markt (Pluralismus) zu erreichen, muss Religion privatisiert werden. Dies kann dem Staat sogar n\u00fctzen. Indem er den Salafisten und \u00fcberhaupt allen religi\u00f6sen Str\u00f6mungen religi\u00f6se Autonomie gew\u00e4hrt, kann der Staat zwei Dinge erreichen. Erstens kann er dadurch ein Marktgleichgewicht erreichen und so durch staatliche Beg\u00fcnstigung hervorgerufene religi\u00f6se Konflikte minimieren. Zweitens: Indem religi\u00f6sen Konsumenten erlaubt wird, zu w\u00e4hlen, welche \u201ereligi\u00f6sen Produkte\u201c sie benutzen, lassen sich Versuche, die Religion zu politischen Zwecken zu entfremden (wie es der sogenannte \u201eIslamische Staat\u201c und Al-Qaida tun) wom\u00f6glich untergraben oder zumindest verlangsamen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer von staatlicher Regulierung freien \u201eGlaubens\u00f6konomie\u201c sind mehr religi\u00f6se Teilhabe und m\u00f6glicherweise sogar mehr B\u00fcrgersinn m\u00f6glich. Wenn man den Aufruf des Salafismus, religi\u00f6se Identit\u00e4t, Autorit\u00e4t und Auslegung zu deregulieren, beherzigt, bedeutet dies mehr religi\u00f6se Freiheit f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Fu\u00dfnoten<\/span><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Lauziere, Henri: \u201eThe Constructions of Salafiyya: Reconsidering Salafism from the perspective of conceptual history\u201d, in: Int. J. Middle East Stud. 42 (2010), S. 369.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Basyouni, Amru and Salim, Ahmed: <em>Ma ba\u2019da al-Salafiyyah<\/em>, S. 199.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Al-Bouti, Muhammad Said: <em>Al-Lamadhhabiyyah Akhtar Bid\u2019ah tuhaddid al-Shariah al-Islamiyyah<\/em>, S. 15.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Mankiw, Gregory: <em>Macroeconomics<\/em>, S. 413.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Polanyi, Karl: <em>The Great Transformation<\/em>. Boston, Beacon Press, 1944, S. 73 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> De Koning, Martijn: <em>The \u2018Other\u2019 Political Islam. Understanding Salafi Politics<\/em>. C. Hurst and Co. Publishers.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Thurston, Alexander: <em>Salafism in Nigeria<\/em>, S. 10.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Entnommen aus einem k\u00fcrzlich stattgefundenen Gespr\u00e4ch mit M. Bushra \u00fcber seine Einordnung des Themas.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Ya\u015far, Nebahat Tanr\u0131verdi O: <em>Egyptian Salafi Movement in Post-Mobarek Period<\/em>. ORSAM Uzman Yard\u0131mc\u0131s\u0131.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Mankiw, S. 413.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Witham, Larry: <em>Marketplace of the Gods<\/em>. S. 146.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Brown, Jonathan AC: <em>Is Islam Easy to Understand or Not?<\/em>, Oxford University Press on behalf of the Oxford Centre for Islamic Studies, S. 117.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Lauziere, S. 370.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Ibn al-Qayyim: <em>Al-Fawaid<\/em>. S. 116.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Witham, S. 131.<\/p>\n<pre style=\"text-align: justify;\">Dieser Artikel wurde erstmals am 31.07.2017 in englischer Sprache auf <a href=\"https:\/\/muftah.org\/salafism-politics-free-market-religion#.WYQO_FGkKpo\">muftah.org<\/a> publiziert. Der Autor ist <a href=\"https:\/\/www.joebradford.net\/author\/\">Sheikh Joe Bradford<\/a>, er graduierte 2004 mit einem LL.B. (Bachelor of Laws) in Islamischem Recht und Rechtstheorie an der Islamischen Universit\u00e4t von Medina\/Saudi-Arabien (Themen: Finanzrecht, rechtliche Grundlagen und Jurisprudenz der hanbalitischen Rechtsschule). 2005 war er der erste US-Amerikaner, der zum LL.M. (Master of Law)-Studiengang an selbiger Universit\u00e4t zugelassen wurde. Seine Forschungsarbeiten zu jener Zeit: Sterbehilfe, Schiedsgerichtbarkeit innerhalb muslimischen Minderheiten, gewerbliche Gesch\u00e4ftsstrukturen unter islamischem Recht im Mittelalter, die Verwendung schwacher \u00dcberlieferungen in der hanbalitischen Rechtsschule.\n\nBeruflich war er f\u00fcr private und staatliche Einrichtungen in der Rechtspr\u00fcfung t\u00e4tig und arbeitete als Berater im Bereich Islamic Banking, spezialisiert auf die schariarechtliche \u00dcberpr\u00fcfung von Finanzierungs- und Investitionskonzepten. \n\n2009 erhielt er zus\u00e4tzlich seinen LL.M. (Master of Law) in der schafiitischen Rechtswissenschaft, mit einer Abschlussarbeit \u00fcber den Universalgelehrten Badr al-Din al-Zarkashi.\n\nDie \u00dcbersetzung wurde von Mitgliedern der Denkfabrik R\u00d6G finanziert und erfolgte durch <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/pg\/korrekturlesen.hh\/about\/?ref=page_internal\">Korrekturlesen-HH<\/a>.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Joe Bradford \u00abDen meisten Argumenten gegen den freien Markt liegt ein mangelnder Glaube an die Freiheit an sich zugrunde.\u00bb &#8211; Milton Friedman (gest. 2006) Wenn \u201eIslamismus\u201d bereits ein schlechtes Wort ist, so ist \u201eSalafismus\u201c ein abwertender Begriff. 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