{"id":59,"date":"2014-12-10T10:17:28","date_gmt":"2014-12-10T10:17:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/?p=59"},"modified":"2015-02-03T18:09:52","modified_gmt":"2015-02-03T18:09:52","slug":"salafismus-aussenwahrnehmung-anspruch-und-realitaet-eine-nuechterne-annaehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.al-adala.de\/Neu\/salafismus-aussenwahrnehmung-anspruch-und-realitaet-eine-nuechterne-annaehrung\/","title":{"rendered":"Salafismus: Au\u00dfenwahrnehmung, Anspruch und Realit\u00e4t \u2013 Eine n\u00fcchterne Ann\u00e4hrung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der folgende Beitrag erschien zuerst in der <a href=\"http:\/\/ef-magazin.de\/archiv\/ef\/148\/inhalt.html\" target=\"_blank\">Dezember-Printausgabe (Nr.148)<\/a> des Magazins <strong>eigent\u00fcmlich frei<\/strong>. Ein recht herzlicher Dank geht an dieser Stelle raus an Herausgeber und Chefredakteur dieses freien und mutigen Blattes.<\/em><\/p>\n<h4><strong>Eine n\u00fcchterne Ann\u00e4herung<\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->Eine allgemeing\u00fcltige Definition des Begriffes \u201eSalafismus\u201c gibt es nicht. Wollte man ihn schematisch darstellen, m\u00fcsste man im Groben mit vier verschiedenen Hauptdefinitionen beginnen. Der erste Salafismus-Begriff resultiert aus der Definitionshoheit der staatlichen Agenturen, und diese Definition wird dann zumeist auch von den geneigten Hauptstrommedien kritiklos \u00fcbernommen und publiziert. Der zweite Salafismus-Begriff findet seine Definition in der gesellschaftlichen Interaktion, n\u00e4mlich immer dann, wenn sogenannte Salafisten im normalen Leben auf Mitmenschen treffen oder sich gezielt dem Dialog stellen. Der dritte Salafismus-Begriff sucht seine Bestimmung im tats\u00e4chlichen Anspruch, den diese Muslime an sich selbst stellen und welcher sich aus ihren religi\u00f6sen Quellen ableitet. Und zu guter Letzt gibt es noch den vierten Salafismus-Begriff, der weniger eine Definition ist als eine Darstellung des tats\u00e4chlichen Zustandes aller derjenigen, die f\u00fcr sich zwar diesen Anspruch geltend machen, aber durch ihr fehlerbehaftetes Menschsein und ihre famili\u00e4re und gesellschaftliche Pr\u00e4gung Neigungen besitzen, die sie umtreiben und zum Teil auch lenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum ersten Salafismus-Begriff muss eigentlich nicht viel geschrieben werden, denn wir konnten es in den letzten Wochen, Monaten und Jahren selbst in den diversen Berichten und Publikationen der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden, aus den Verlautbarungen besorgter Innenminister und den Brosch\u00fcren staatlich alimentierter K\u00f6rperschaften lesen: Salafisten repr\u00e4sentieren einen radikalen Steinzeit-Islam, und sie wollen die freiheitlich demokratische Grundordnung st\u00fcrzen und sie durch einen Gottesstaat ersetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr braucht es eigentlich nicht f\u00fcr eine Rechtfertigung von staatlicher Beobachtung und Repression, vielmehr ist es allein diese Anschuldigung, die eine umfassende Aktivit\u00e4t des staatlichen Innengeheimdienstes erst erm\u00f6glicht. Inwieweit dieser Vorwurf den Tatsachen entspricht und auf welchen Personenkreis er angewandt werden kann, das wiederum liegt ebenfalls in der Definitionshoheit des Staates und seiner Agenturen, also nach dem Motto: \u201eIch bestimme, wer Salafist ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die Haupstrommedien diese Definitionshoheit des Staates \u00fcber weite Teile anerkennen und die meisten Verlautbarungen aus diesem Dunstkreis zumeist kritiklos \u00fcbernehmen, ist ein allgemeines Ph\u00e4nomen der zeitgen\u00f6ssischen Presselandschaft und bezieht sich nicht nur auf den \u201eStaatsfeind Salafismus\u201c. In Zeiten von Medienkonzentration, Outsourcing, Arbeitsverdichtung und Honorardumping in den Redaktionen der Mainstreammedien ist man f\u00fcr vorrecherchierte und -formulierte Sachverhalte dankbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau kontr\u00e4r zur Darstellung des Staates steht zumeist die Definition, die aus dem direkten zwischenmenschlichen Kontakt mit Salafisten resultiert, womit wir zum zweiten Salafismus-Begriff kommen. Dieser Kontakt kommt zumeist recht harmlos daher, denn Salafisten leben nicht in entlegenen Bergh\u00f6hlen oder einsamen Waldverschl\u00e4gen, wie man es sich bei Steinzeit-Islamisten denken k\u00f6nnte, sondern inmitten der hiesigen Zivilgesellschaft und sind somit auch Gesch\u00e4ftspartner, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Vereinskameraden, Kunden und Nachbarn. Zudem suchen sie explizit den Kontakt zu muslimischen und nichtmuslimischen Mitmenschen, da sie den Islam als missionarisch verstehen. Das Rufen (Dawa) zum Islam sehen deshalb viele als eine religi\u00f6se Pflicht an und so findet man in fast jeder gr\u00f6\u00dferen Stadt sogenannte Koran- oder Infost\u00e4nde, an denen sie kostenlos B\u00fccher und Brosch\u00fcren feilbieten und sich den Fragen und Kritiken der Passanten stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da die wenigsten Salafisten ein Schild um den Hals tragen und optisch nur selten dem vorherrschenden Ressentiment (langer Kaftan und Rauschebart) gerecht werden, fallen die Resultate vieler innergesellschaftlicher Interaktionen zwischen Salafisten und Nichtsalafisten leider unter den Teppich, da sie ja nicht explizit mit dem Salafismus in Verbindung gebracht werden k\u00f6nnen. So bleiben also leider nur die Erfahrungen mit der Missionst\u00e4tigkeit, die vom gemeinen Passanten zumeist von vornherein schon als l\u00e4stig empfunden wird. Au\u00dferdem haben wir es bei missionarisch aktiven Menschen recht oft mit Personen zu tun, die sich bei ihrer T\u00e4tigkeit gro\u00dfe M\u00fche geben und bewusst versuchen, durch Freundlichkeit und Geduld den Passanten f\u00fcr ihre Botschaft zu erweichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es scheint also, als w\u00e4re man auf verlorenem Posten, wenn man eine objektive Sicht auf dieses scheinbar neue religi\u00f6se Ph\u00e4nomen werfen wollte. Der Staat wird sich nicht die Bl\u00f6\u00dfe geben und den einzigen Vorbehalt aufgeben oder abschw\u00e4chen, der ihn dazu bem\u00e4chtigt, volle Befugnis zur Beschattung und Repression zu erhalten. Und die Missionare auf den Stra\u00dfen werden sich ebenfalls keine Bl\u00f6\u00dfe geben und alles tun, um sich und ihre Botschaft im besten Lichte darzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier m\u00f6chte ich gern den dritten Salafismus-Begriff bem\u00fchen. Gehen wir doch zur Wurzel des Ph\u00e4nomens und stellen uns die Frage, welche Bedeutung der Begriff tats\u00e4chlich hat und mit welchem Anspruch diese Muslime ausgestattet sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allgemeiner Konsens besteht dar\u00fcber, dass die Bezeichnung \u201eSalafismus\u201c neu und eine abendl\u00e4ndische Wortsch\u00f6pfung ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang unter anderem die Korrespondenz eines altgedienten und anerkannten Islamwissenschaftlers mit dem Herausgeber und Autor des Buches \u201eSalafismus in Deutschland\u201c, das erst k\u00fcrzlich publiziert wurde. In der Einleitung des Werkes wird dieser Korrespondenz Rechnung getragen und bei der Frage nach Herkunft und Bedeutung des Wortes \u201eSalafisten\u201c ist sie durchaus hilfreich:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer gro\u00dfe deutsche Islamwissenschaftler Josef van Ess ist verstimmt. Der T\u00fcbinger Emeritus, dessen fundierte Kenntnisse des klassischen arabisch-islamischen Schriftkorpus wohl tiefgr\u00fcndiger sind als die der meisten anderen Islamwissenschaftler, \u00e4rgert sich \u00fcber das pl\u00f6tzliche Auftauchen der \u201aSalafisten (mit s)\u2018. In einer Korrespondenz r\u00e4umt er freim\u00fctig ein, er k\u00f6nne mit dem Terminus nichts anfangen: \u201aBisher kannte ich nur Salafiten (ohne s); den Begriff gab es (als Eindeutschung von ahl as-salaf [Anh\u00e4nger der Altvorderen]) schon in meiner Jugend. Aber er war positiv besetzt und ist nun sang- und klanglos aus dem Verkehr gezogen worden.\u2018 Sp\u00f6ttisch fragt er: \u201aWer hat \u00a0sich denn diesen Begriff nun wieder ausgedacht? Und wer bestimmt, wie man ihn definiert?\u2018 Die Islamwissenschaft nach seiner Einsch\u00e4tzung offenbar nicht, was van Ess zu dem Lamento f\u00fchrt, seine Disziplin habe die Deutungshoheit \u00fcber die Moderne offenbar v\u00f6llig verloren.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Soweit also Thorsten Gerald Schneider in \u201eSalafismus in Deutschland&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie es Professor van Ess beschreibt, handelt es sich bei Salafiten, Salafis, Salafiyyun oder ahl al-salaf lediglich um Anh\u00e4nger einer bestimmten Methodik (Manhaj) zur Herleitung von Urteilen in der Glaubenslehre (Aqida). Diese bestimmte Methodik existiert seit Anbeginn der islamischen Gelehrtengeschichte und war bis vor einigen Jahren als Fachterminus neutral oder gar positiv besetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt insgesamt drei anerkannte Aqida-Schulen, die sich dem sunnitischen Islam zurechnen und in nur einigen wenigen Punkten tats\u00e4chlich voneinander abweichen. Diese drei Glaubensschulen hei\u00dfen Ashariyya, Maturidiyya und Athariyya. Die Ashariyya-Schule wurde nach dem Gelehrten Abu al-Hasan al-Ashari benannt und die Maturidiyya-Schule nach dem Gelehrten Abu Mansur al-Maturidi, nur der Name der Athariyya-Schule geht nicht auf einen Gelehrten zur\u00fcck, sondern auf den arabischen Begriff \u201eAthar\u201c, was in diesem Zusammenhang so viel bedeutet wie \u201edem Bericht entsprechend\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Glaubensschulen befassen sich inhaltlich nicht mit der Scharia oder Rechtslehre des Islams, sondern mit den Fundamenten des islamischen Glaubens und wie man sie zu verstehen hat. Die wenigen Meinungsverschiedenheiten innerhalb dieser Schulen drehen sich um Fragen wie: \u201eIst die Hand Allahs, wie sie im Koran genannt wird, tats\u00e4chlich existent oder ist sie metaphorisch zu verstehen?\u201c oder \u201eIst Allah oben, \u00fcber den Himmeln, wie es der Prophetenbericht beschreibt, oder ist das metaphorisch gemeint und Allah ist \u00fcberall?\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle drei Schulen orientierten sich bei der Beantwortung dieser Fragen an den Berichten, die es vom Propheten, seinen Gef\u00e4hrten und den zwei darauffolgenden Generationen (Salaf) gibt. Nur in wenigen F\u00e4llen bevorzugten einige Gelehrte eine metaphorische Beurteilung, zumeist basierend auf logischen R\u00fcckschl\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier legte die Athariyya-Schule einen Riegel vor. F\u00fcr diese Glaubensschule hatte allein der Athar (Bericht) eine Berechtigung, um Glaubensinhalte zu definieren beziehungsweise zu interpretieren; ein Athar, der entweder auf den Propheten oder auf die Salaf zur\u00fcckgeht. Somit hie\u00df diese Schule Athariyya und auf den Personenkreis bezogen Salafiyya.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir also die wahre Bedeutung des Begriffes Salafiyya nehmen, wie ihn wahrscheinlich auch Professor van Ess versteht, dann haben wir es lediglich mit Muslimen zu tun, die sich einer bestimmten Glaubensschule zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, die Bereiche der Scharia beziehungsweise Rechtslehre werden damit aber noch gar nicht ber\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das strenge Auslegen von Kleidungsvorschriften f\u00fcr Frauen (wie Niqab und Burka), das verpflichtende Tragen des Bartes beim Mann und das Fordern und Praktizieren der Scharia ist also kein typisches Merkmal der Muslime salafitischer Schule. Ein gutes Beispiel in dieser Hinsicht ist Afghanistan. Dort wurde unter der Taliban-Regierung die Scharia praktiziert, es gab eine Pflicht zur Vollverschleierung f\u00fcr Frauen in der \u00d6ffentlichkeit und ein Verbot f\u00fcr M\u00e4nner, sich den Bart zu rasieren. Aber die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Muslime in Afghanistan und auch der Taliban-Bewegung waren und sind dogmatische Befolger der Maturidiyya-Schule.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weder die Schariatreue noch die genauere oder strengere Auslegung der islamischen Gebote und Verbote sind also besondere Merkmale der Salafiten. So gibt es unter den Muslimen mit salafitischer Aqida ebenso S\u00fcnder und Schwachgl\u00e4ubige wie unter den Muslimen, die einer anderen Glaubensschule angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie kommt es nun dazu, dass vor allem Jugendliche, die anscheinend dieser Glaubenslehre zugeneigt sind, im Fokus der staatlichen Agenturen und Medien stehen und sich durch besondere Radikalit\u00e4t auszeichnen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier kommen wir zum vierten und letzten Salafismus-Begriff, der quasi eine Innenansicht des Milieus darstellt, das gemeinhin als Salafisten-Szene bekannt ist. Hierzu muss man sich einiger Vorurteile entledigen, die sich in der \u00d6ffentlichkeit festgesetzt haben und gern als Erkl\u00e4rungsmuster herhalten m\u00fcssen. Eines dieser Vorurteile unterstellt eine Lenkung und Finanzierung der Salafisten-Szene durch Saudi-Arabien oder andere \u00d6l-Scheicht\u00fcmer des Mittleren Ostens. Dies ist jedoch nicht der Fall. Tats\u00e4chlich handelt es sich bei der sogenannten Salafisten-Szene um einen riesigen Haufen kleinster, teils \u00fcbelst miteinander verfeindeter Gruppen, die nur selten eine umfassend gebildete F\u00fchrung vorweisen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit dem 11. September 2001 befinden sich deutschlandweit alle Moscheen im Fokus der Sicherheits- und Kriminalbeh\u00f6rden, die salafistische Jugendliche in ihren Reihen tolerieren und ihnen islamische Bildung bieten und religi\u00f6se Autorit\u00e4ten nahelegen. Seit diese Moscheen auch aktiv unter Druck gesetzt und sogar staatlich verboten werden, verlieren viele junge Salafisten den Anschluss an die \u00e4lteren Generationen und auch die M\u00f6glichkeit, islamische Bildung von festen Autorit\u00e4ten zu erhalten. Stattdessen suchen und finden sie ihre Gemeinschaft und Bildung in den sozialen Netzwerken, wo sich eine Art freier Markt f\u00fcr Meinungen, Ansichten und Urteile gebildet hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort bestimmt nun nicht mehr der ausgebildete Imam den Bildungsplan f\u00fcr junge gl\u00e4ubige Muslime, sondern jeder kann sich frei entscheiden, welche Denkrichtung genehm ist. In diesem Milieu sprie\u00dfen Laienprediger und -gemeinschaften wie Pilze aus dem Boden. Qualifiziert sind sie nur selten oder unzureichend, daf\u00fcr gl\u00e4nzen sie mit hervorragenden Talenten im Bereich Graphik- und Webdesign und schneiden optisch ansprechende Videos mit emotional geladenen Vortr\u00e4gen und Ges\u00e4ngen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie auf jedem freien Markt sorgt die Konkurrenz f\u00fcr eine Steigerung der Qualit\u00e4t, die sich leider wenig an den oft als unangenehm empfundenen Wahrheiten der Religion orientiert, sondern mehr und mehr die Befriedigung des \u201eKunden\u201c anstrebt, was sich zum Beispiel in \u201eLikes\u201c oder positiven Kommentaren niederschl\u00e4gt. Die Religion jedoch soll eben nicht die Neigungen und Triebe befriedigen, sondern das Herz und den Menschen dazu erziehen, die Neigungen und Triebe zu z\u00fcgeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Resultat dieser Entwicklung schl\u00e4gt sich auch in der Wahrnehmung des allgemeinen Salafisten nieder. \u00c4ltere Salafisten und solche, die sich bewusst nicht in den sozialen Netzwerken (wie Facebook, Twitter, WhatsApp) bewegen, haben oft keine Ahnung davon, was sich im Netz abspielt. Sie f\u00fchlen sich zu Recht verleumdet, wenn Staat und Medien gegen sie aufbegehren und ihnen verfassungsfeindliche Aktivit\u00e4ten unterstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber l\u00e4ngst nicht jeder im Internet aktive Salafist verf\u00e4llt dem Zeitgeist der \u201efreien Radikalen\u201c und auch dem Autor dieser Zeilen st\u00f6\u00dft so manche Entwicklung \u00fcbel auf. So zeigt ein Blick auf die Blockade-Liste seines Facebook-Profils, dass nahezu 100 Prozent der blockierten Personen aus der sogenannten Salafisten-Szene stammen und nur ein verschwindender Anteil aus nervigen PImaten (PI-News-Aktivisten, sogenannten \u201eIslamkritikern\u201c) besteht. Dabei ist die Palette an nervigen Salafisten breit gef\u00e4chert und bedient fast jede politische Spielart. Da gibt es die Saudi-treuen, die den K\u00f6nig von Saudi-Arabien als F\u00fchrer der Muslime sehen und keine Kritik an Staat und Herrscher dulden (auch nicht in Deutschland). Es gibt die \u00dcbertreiber im Takfir (Ausschlie\u00dfen aus dem Islam), f\u00fcr die niemand mehr Muslim ist, au\u00dfer einer kleinen Gruppe Auserw\u00e4hlter. Dann gibt es nat\u00fcrlich noch die Lobhudler, die fanatischen Anh\u00e4nger von bestimmten Laienpredigern, Gelehrten oder Widerstandsgruppen sind und geradezu aus der Haut fahren, wenn man es wagt, keine Zuneigung zu heucheln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die allerwenigsten fallen wirklich negativ auf oder sind gar gef\u00e4hrlich f\u00fcr Land und Leute. Die \u00f6ffentlichen Zahlen sind irref\u00fchrend und taugen eher dazu, der Bev\u00f6lkerung ein Schutzbed\u00fcrfnis abzuringen. Oft reicht schon eine kritische Haltung zur Demokratie, zu Teilen der hiesigen staatlichen Verfassung oder zu politischen Entscheidungen, um als Salafist zum Kreis der Gef\u00e4hrder zu geh\u00f6ren. Der atharischen beziehungsweise salafitischen Glaubensschule geh\u00f6ren weit mehr Muslime an, als der Verfassungsschutz zu z\u00e4hlen in der Lage ist, nur fallen diese mehrheitlich nicht durch kritische T\u00f6ne auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich sagen, dass die Salafiten-Szene in Deutschland sehr gepr\u00e4gt ist vom hiesigen Wohlfahrtsstaat und seiner links-gr\u00fcnen Gesinnung. Der Kapitalismus-Begriff wird weitestgehend marxistisch definiert und ordnungspolitisch neigt man dem Etatismus zu. Islamwissenschaftlich sind diese Neigungen nicht zu begr\u00fcnden, denn der Islam fordert, speziell in seiner wortgetreuen Auslegung, eine freie Marktwirtschaft und sch\u00fctzt das private Eigentum vor Enteignung. So schrieb der US-amerikanische \u00d6konom Jerry Hionis Jr. in einem Essay:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs ist durchaus korrekt zu behaupten, dass die Sunnah des Propheten Muhammad eine fr\u00fchkapitalistische Grundlage darstellte.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lekt\u00fcre klassischer islamischer Gelehrter zu Themen der \u00d6konomie und Staatsf\u00fchrung gibt ihm Recht und spricht in dieser Hinsicht eine klare Sprache gegen willk\u00fcrliche Besteuerung und Gesetzgebung und f\u00fcr einen nomokratischen Minimalstaat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichtsdestotrotz birgt diese dynamische Bewegung besonders unter Jugendlichen ein immenses Potenzial. Einige wenige Projekte feiern gruppen\u00fcbergreifend gro\u00dfe Erfolge und heimsen auch \u00fcber die sogenannte Salafisten-Szene hinaus viel Lob und Unterst\u00fctzung ein. Mit zunehmendem Alter werden die Aktivisten vern\u00fcnftiger, und man schaut \u00fcber den eigenen Tellerrand. Themen wie \u00d6konomie und Ordnungspolitik finden langsam aber stetig Anklang, und Opposition wird zunehmend auch intellektuell verstanden und nicht mehr nur kriegerisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Au\u00dfenstehenden kann ich im Umgang mit Salafisten nur empfehlen, differenziert zu urteilen. Sicherlich wird ein streng religi\u00f6ser Muslim niemals einen identischen Freiheitsbegriff mit einem atheistischen oder agnostischen Libert\u00e4ren teilen, aber er kann durchaus ein Interesse daran haben und konstruktive Kritik zu seiner Entwicklung beitragen. Vorurteile sind eben nicht per se schlecht, k\u00f6nnen aber auch ein Hindernis sein. Oder wie es Nicol\u00e1s G\u00f3mez D\u00e1vila auszudr\u00fccken pflegte:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVorurteile verdummen nur den, der sie f\u00fcr Schlussfolgerungen\u00a0h\u00e4lt.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Beitrag erschien zuerst in der Dezember-Printausgabe (Nr.148) des Magazins eigent\u00fcmlich frei. Ein recht herzlicher Dank geht an dieser Stelle raus an Herausgeber und Chefredakteur dieses freien und mutigen Blattes. 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