von Jens Ranft
Dass Ibn Khaldun (und seine Muqaddima) heute in Europa und den USA so weit verbreitet und erforscht ist, ist vor allem zwei deutschstämmigen jüdischen Wissenschaftlern zu verdanken, nämlich Walter Joseph Fischel (1902–1973) und Franz Rosenthal (1914-2003).
Beide erforschten Ibn Khaldun wie keiner vor oder nach ihnen. Fischel befasste sich vor allem mit dem Leben, Denken und Wirken Ibn Khalduns, während Rosenthal eine weltweit anerkannte und bis heute unübertroffene akademische Übersetzung der Muqaddima in die englische Sprache anfertigte.
Ich erinnere mich daran, als ich vor Jahren die englischsprachigen Publikationen von Prof. Dr. Abdul Azim Islahi von der King Abdulaziz Universität in Jeddah geradezu verschlang. Mir fiel auf, das Islahi in seinen Texten zahlreiche klassische muslimische Gelehrte zitierte, und dabei fast immer auf die arabischsprachigen Quellen verwies, er übersetzte die Zitate also eigenhändig ins Englische.
Wenn er allerdings Ibn Khaldun zitierte, aus seiner Muqaddima, verwies er als Quelle immer auf die Übersetzung von Rosenthal. Das fiel mir ins Auge und faszinierte mich.
Ibn Khaldun hatte eine besondere Beziehung zu den Juden seiner Zeit und deshalb auch tiefere Kenntnisse über das Judentum. Er vertrat beispielsweise die Ansicht, dass die Torah nicht vefälscht war, weshalb er die Torah als historische Quelle in Betracht zog, und er hatte Empathie für die Lage der Juden, als Volk, das seit seiner Vertreibung aus dem Heiligen Land in weltweiter Zerstreuung leben musste.
Als Ibn Khaldun in seiner Muqaddima auf diese Situation hinweist, kommentierte Fischel das in seinem wissenschaftlichen Aufsatz Ibn Khaldūn: On the Bible, Judaism and the Jews mit folgenden Worten:
“In thus explaining the degradation of the Jewish people in a socio-psychological way, his statement expresses a view which only in the eighteenth century was expounded by those who pleaded for the emancipation of the Jews and for their liberation from political and social discrimination.”
[Übersetzung: „Indem er auf diese Weise die Degradierung des jüdischen Volkes auf sozialpsychologische Weise erklärt, drückt er eine Ansicht aus, die (im Abenland) erst im achtzehnten Jahrhundert von denjenigen (Vertretern der Aufklärung) vertreten wurde, die für die Emanzipation der Juden und für ihre Befreiung von politischer und sozialer Diskriminierung eintraten.“]