Ibn Taymiyyahs Konzept des Marktmechanismus (Teil 3)

Preisbildung aus der Sicht anderer muslimischer Denker

Die früheste mir bekannte Aufzeichnung zu Produktionssteigerungen und ‑rückgängen in Bezug auf Preisänderungen findet sich bei Abu Yusuf (731–798 n. Chr./113–182 n. H.). Doch statt eine theoretische Darstellung von Angebot und Nachfrage und deren Auswirkungen auf die Preise zu liefern, stellt er fest:

„Es lässt sich keine bestimmte Grenze von Billigkeit und Teuerung feststellen. Es ist eine Frage, über die vom Himmel aus bestimmt wird, ohne dass wir wissen, wie. Billigkeit kommt nicht dadurch zustande, dass Nahrung reichlich vorhanden ist, und Teuerung kommt nicht durch Knappheit zustande. Sie unterliegen den Befehlen und Entscheidungen Allahs. Manchmal sind reichlich Lebensmittel verfügbar, und dennoch sind sie teuer, und manchmal gibt es zu wenig, aber trotzdem sind sie billig“ (Abu Yusuf, S. 48)

In der zitierten Passage negiert Abu Yusuf die verbreitete Meinung, dass Angebot und Preis in einem negativen Verhältnis zueinander stehen. Es trifft zu, dass der Preis nicht nur vom Angebot abhängt. Genauso wichtig ist die Stärke der Nachfrage. Insofern hängen Preissteigerungen oder –senkungen nicht notwendigerweise mit steigender oder sinkender Produktion zusammen. Abu Yusuf verfolgt diesen Punkt weiter und schreibt, dass es weitere Gründe gibt, die er jedoch „der Kürze halber“ nicht erwähnt (Abu Yusuf, S. 48). Welche Faktoren sind dies? Woran dachte er dabei? Veränderungen in der Nachfrage, Veränderungen der Geldmenge des jeweiligen Landes, das Horten und Verstecken von Ware oder alles zusammen? Es bleibt zu untersuchen, ob er oder seine Zeitgenossen auf diese Punkte eingingen.

Siddiqis Ansicht nach machte der Kontext, in dem Abu Yusuf über Preise schrieb – nämlich dass proportionale Landwirtschaftssteuern (nizam al-muqasamah) besser und gerechtfertigter seien als feste Landsteuern (nizam al-misahah) – keine explizite und detaillierte Beschreibung aller beteiligten Faktoren notwendig (Siddiqi, 1964, S. 79 f. und S. 85–87).

Auch Ibn Khaldun (1332–1404 n. Chr./732–806 n. H.) äußert sich in seinen Schriften zum Thema Angebot und Nachfrage mit Blick auf Preissteigerungen und ‑senkungen. In seinem berühmten Werk al-Muqqadimah unterscheidet er unter der Überschrift „Die Preise in Städten“ zwischen notwenigen und Luxusgütern. Wenn eine Stadt sich ausdehnt und ihre Bevölkerung zunimmt, sinken Ibn Khaldun zufolge die Preise notwendiger Dinge, während die Preise von Luxusgütern steigen. Als Grund dafür gibt er an, dass jedermann sein Hauptaugenmerk auf Lebensmittel und andere lebensnotwendige Güter richtet, so dass das Angebot an diesen Dingen zunimmt und die Preise sinken. Auf der anderen Seite interessiert sich nicht jeder für die Produktion von Luxus- und Komfortartikeln, während die Nachfrage hiernach entsprechend von Veränderungen im Lebensstil steigt und die Preise demzufolge ebenfalls steigen. Ibn Khalduns Darstellung von Angebot und Nachfrage und deren Auswirkungen auf die Preise ist durchaus sinnvoll und vernünftig. Außerdem erwähnt er die Rolle des Wettbewerbs zwischen den Nachfragenden und eine Kostensteigerung beim Angebot aufgrund von Besteuerung und anderer Verpflichtungen in der Stadt (Ibn Khaldun, S. 288 f.).

An anderer Stelle beschreibt Ibn Khaldun die Auswirkungen von steigender oder sinkender Nachfrage auf die Preise. Er schreibt:

„[…] Wenn es von Waren (die von auswärts herbeigeschafft werden) nur wenig gibt und sie selten sind, steigt ihr Preis. Wenn das Land jedoch nah ist und die Straßen sicher sind, wird es viele geben, die Waren transportieren. So werden diese Waren in größerer Menge verfügbar sein und ihr Preis sinken“ (Ibn Khaldun, S. 314).

Die angeführten Zitate zeigen, dass Ibn Khaldun ebenso wie Ibn Taymiyyah sowohl das Angebot als auch die Nachfrage für ausschlaggebend bei der Festlegung von Preisen erachtet. Im weiteren Verlauf führt Ibn Khaldun aus, dass ein moderater Profit den Handel fördert, wohingegen sehr niedrige Profite Händler und Handwerker entmutigen und sehr hohe Profite zu einer sinkenden Nachfrage führen (Ibn Khaldun, S. 315 f.).

Ibn Khaldun geht sogar noch weiter als Ibn Taymiyyah, indem er die Wettbewerbselemente und die unterschiedlichen Lieferkosten klar benennt, über die sich Ibn Taymiyyah nicht sehr explizit äußert. Nach seiner Aussage zu Angebot und Nachfrage führt Ibn Khaldun Beispiele für verschiedene Waren und die Versorgung damit in verschiedenen Ländern sowie deren hohen oder niedrigen Preis, entsprechend der Verfügbarkeit, an. Er stellt lediglich Beobachtungen an, ohne irgendeine Art von Preiskontrolle vorzuschlagen. Anscheinend beschäftigt er sich vor allem mit den Fakten, während Ibn Taymiyyah eher an Regeln interessiert ist. Ibn Taymiyyah beschränkt seine Analyse nicht auf eine Diskussion der Auswirkungen eines Anstiegs oder Sinkens von Angebot und Nachfrage auf die Preise, sondern spricht sich auch gegen jegliche Preisfixierung aus, solange die Marktkräfte normal funktionieren. Im Fall von Marktschwächen oder Ungerechtigkeit auf Seiten der Versorger empfiehlt er eine Preiskontrolle (Ibn Taymiyyah, 1976, S. 25–51, Islahi, S. 79–90, Kahf und Mubarak, S. 107–125).

An einer Stelle in der Muqaddimah untersucht Ibn Khaldun die preisdrückende Wirkung von staatlichem Handel auf Güter, die von privaten Wettbewerbern und Versorgern verkauft werden (Ibn Khaldun, S. 223 f.), doch dies hat nichts mit einer Politik der Preiskontrolle zu tun.

(Quelle: Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Journal of Research in Islamic Economics, Vol. 2, No. 2 / übertragen in die deutsche Sprache für al-adala.de von korrekturlesen-hh, leicht redigiert)

Abu Yusuf: Kitab al-Kharai. Beirut: Dar al-Ma’rifah, 1979
Gordon, B.: Economic Analysis Before Adam Smith. London: Lewes Reprint Ltd., 1979.
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Ibn Taymiyyah: Majmu’ Fatawa Shaikh al-Islam Ahmad b. Taymiyyah. Riyadh: Al-Riyadh Press, Bd. 8, 1381, Bd. 29, 1383.
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Kahf, Monzer: „Economic Views of Ibn Taymeyah“, in: Universal Message, Karachi, Ausg. 4, Nr. 2, Juli 1982; Ausg. 4, Nr. 3, erstmals veröffentlicht in al-Itthihad, Plainfield, Indiana, 1977.
al-Maqrizi, Taqiuddin, Ahmad b. Ali: Kitab al-Sulak li Ma’rifat al Duwal Wal Muluk. Ed. Ziadeh, M. M., Kairo: Lajnah, al-Ta’lif Wa’l-Tarjamah, 1956.
al-Mubarak, Muhammad: Ara’ Ibn Taymiyah fi’l Dawlah wa mada Tadakhkhulliha fi’l Majal al-Iqtisadi. Beirut: Dar al-Fikr, 1970.
al-Qalaqshandi, Abul Abbas Ahmad b. Ali: Subh al-A’sha. Kairo: Dar al-Kutub al-Khudaiwiyah, 1913.
Schumpeter, J. A.: History of Economic Analysis. London: George Allen and Unwin Ltd., 1972.
Siddiqi, M. N.: „Abu Yusuf ka Ma’ashi Fikr“ (Urdu), in: Fikr-o-Nazar, Aligarh, Ausg. 5, Nr. 1, Januar 1964, S. 79 f. und 85–87.
Speigel, H. W.: The Growth of Economic Thought. New Jersey: Prentice Hall Inc., 1971.

Kurz gesagt: Das beschädigte Ansehen frommer Muslime innerhalb der muslimischen Gemeinde Deutschlands

Das Ansehen der Muslime, die äußerlich Merkmale religiöser Frömmigkeit aufweisen, hat innerhalb der muslimischen Gemeinde Deutschlands in den letzten 10-15 Jahren drastisch Schaden genommen.

Während (auch wenig religiöse) Muslime vor 15 Jahren noch großen Respekt vor dem Mann mit Vollbart, akkurat gekürzter Pluderhose und religiöser Kopfbedeckung hatten und sich vertrauensvoll in Fragen der Religion an einen solchen Muslim wandten, schaut man heute vielerorts eher misstrauisch und mitunter auch ablehnend auf solche Muslime.

Der Grund?

Früher waren die meisten Frommen nicht nur äußerlich tadellos, sondern auch innerlich wirkte der Islam, so dass sie einen vorzüglichen Charakter an den Tag legten, wenn sich ein weniger frommer Muslim an sie wandte.

Heute lassen sich die größten Rüpel den Vollbart wachsen und kleiden sich in fromme Tracht, aber die Umgangsformen sind die der Straße geblieben und ihr Umgang mit (äußerlich) weniger Frommen ist geprägt von unverhüllter Erhabenheit und selbstzufriedenem Hochmut.

Ich erinnere mich noch, dass mich 2007/2008 irgendwann ein türkischer Bruder mit zu sich nach Hause nahm. Ich war nicht einmal ein Jahr Muslim, aber hatte schon einen recht beeindruckenden Vollbart erlangt (da ich bereits vor der Konversion begann ihn wachsen zu lassen), und natürlich hatte ich ein akkurat gekürztes und weites Beinkleid sowie eine religiöse Kopfbedeckung auf.

Als er mich dann seinem Vater vorstellte (der vom Alter her auch mein Vater hätte sein können), nannte dieser mich tatsächlich „Yahya Effendi“ und senkte sein Haupt ein wenig, als er meine Hand schüttelte.

Mir wurde von diesem Muslim eine Art von Respekterweisung zuteil, die mir geradezu peinlich war, und das nur, weil ich für ihn den Anschein machte, ein sehr frommer Muslim zu sein.

Heute ernte ich (auch bei mir im Stadtteil mit sehr vielen Muslimen) häufig sehr vorsichtige Blicke und bekomme teils auch Gesten der Abneigung zu spüren.

Liebe Geschwister, was sich in den letzten 10 Jahren in Deutschland als eine neue frömmelnde Bewegung etabliert hat, diese Resultate der massenhaften Laien-Dawa auf den Straßen der Republik, hat dem Ansehen des Islams und der praktizierenden Muslimen (in Teilen) mehr geschadet als mancher von uns Salafis es wahrhaben möchte.

Es braucht mehr Selbstreflexion bei Predigern und Anhängern, und wir müssen selbstkritisch die letzten 10-15 Jahre Revue passieren lassen. Wir haben eine Verantwortung.

Die Dawa der letzten 10 Jahre hat die Gemeinschaft in strenge und moderate/moderne Muslime gespalten. Diese Spaltung jedoch ist tragisch.

Wir können nur wie ein Körper sein, wenn wir uns gegenseitig Ermahnen lassen, so dass wir wieder die Mitte finden. Nicht die Spaltung in Sekten ist das Problem, sondern dass sich die Schwachen gegen die Frommen verbunden und andersherum.

Das nur als kurzes Wort zum Freitag.

Die Geschichte des mekkanischen Zuhälters

Der bekannte hanbalitische Gelehrte Ibn al-Jawzi (gest. 597 n. H.) schrieb in seiner Zusammenfassung Ahbar an-Nisa (Erzählungen über die Frauen) folgendes:

«Berichte über Kuppler [Zuhälter – Anm. d. Verf.] hat der Historiker al-Mada’ini [gest. 225 n. H. – Anm. d. Verf.] mitgeteilt. Er überlieferte beispielsweise folgende Geschichte:

In Mekka lebte vor einiger Zeit ein schamloser Kerl von niederer Gesinnung, der skrupellos und auf die unverschämteste Weise Frauen an Männer verkuppelte. Er gehörte zum Stamm Quraish, sein Name soll nicht erwähnt werden. Die Einwohner von Mekka beklagten sich bald über das Treiben dieses Mannes bei ihrem Statthalter, der ihn daraufhin … »

Hier stoppen wir vorerst die Erzählung und fragen uns: Was hat der Statthalter zu Mekka wohl mit diesem Zuhälter, seinen Dirnen und den Freiern machen lassen, die nahe der heiligsten Stätte des Islams gewerbsmäßig Unzucht bewerkstelligten und betrieben? Wie geht diese Geschichte wohl weiter?

Nicht wenige werden auf Anhieb wohl Vermutungen dahingehend anstellen, dass im damaligen (vermutlich umayyadischen) Kalifat die Dirnen und Freier erst einmal samt und sonders der schariarechtlichen Haddstrafe ausgeliefert und somit entweder der Auspeitschung oder Steinigung anheimfallen würden. Dem gewerbsmäßigen Zuhälter dürfte es wohl nicht viel besser ergehen.

Ahbar an nisa allerdings ist kein normatives Werk, dient also nicht dazu die Normen einer muslimischen Ordnung darzulegen, sondern es gibt in seinen historischen Berichten und Anekdoten vielmehr die Diskrepanz zwischen dem normativen Ideal und den tatsächlichen Realitäten wieder.

Während also zeitgenössische Romantiker „das Kalifat“ als scharia-perfekten Law-and-Order-Staat träumen, können wir in historischen Schilderungen und Anekdoten zahlreicher Historiker und Gelehrter nachlesen, wie ganz anders es im Kalifat sein konnte.

Nur ein kleines Beispiel ist hier der Ausgang dieser historischen Schilderung von al-Mada’ini, die Ibn al-Jawzi in seinem Werk zum Besten gibt. Ihr dürft euch wundern.

«Die Einwohner von Mekka beklagten sich bald  über das Treiben dieses Mannes bei ihrem Statthalter, der ihn daraufhin nach Arafat verbannte. In Arafat nahm sich der Kuppler eine Wohnung. Nach Mekka wagte er sich jedoch nur noch verkleidet, um seine zahlreichen Kunden – Männer und Frauen – zu treffen.

Bei solchen Treffen sagte er zu ihnen: „Warum kommt ihr nicht mehr zu mir, was hält euch fern?“ Sie antworteten: „Die weite Entfernung! Was nützt es uns denn, wenn du weit weg in Arafat wohnst?“ Er entgegnete darauf: „Nehmt euch doch für zwei Dirham einen Esel! Keinem Menschen kommt das verdächtig vor, ihr könnt euch ganz sicher fühlen! Macht euch einen schönen Spaziergang! Ihr erhaltet von mir die Gelegenheit zu einem Treffen und kommt so zu eurem Vergnügen!“ Da sprachen die Leute: „Das ist ein guter Gedanke! Wir müssen wahrlich bekennen, daß du da völlig im Recht ist!“

Bald zogen die Leute in Scharen hinaus nach Arafat. Der Zustrom der Menschen dorthin nahm bald überhand. Der schlechte Einfluß auf die Einwohner von Mekka, insbesondere auf die Jugendlichen, wurde immer sichtbarer, und erregte die moralischen Bedenken der ehrenhaften Bürger.

Aber auch die anderen Kuppler und gemeine Leute in Mekka sahen die Abwanderung ihrer Kunden nach Arafat mit dem größten Unbehagen. Sie führten deshalb erneut Klage bei ihrem Statthalter, der diesmal den Kuppler steckbrieflich suchen ließ. Sehr bald konnte man seiner habhaft werden.

Er wurde zum Statthalter gebracht, der ihn zur Rede stellte: „Du Feind Allahs! Da habe ich dich aus der Stadt Allahs – groß und erhaben ist Er! – ausgestoßen und dich bestraft. Trotzdem unterstehst du dich, an der erhabensten Kultstätte dein verruchtes Gewerbe weiter zu betreiben, ja es in noch größerem Ausmaß auszuüben! Ohne Scham und ohne ein mahnendes Gewissen machst du dir ein Geschäft, die Leute miteinander zu verkuppeln!“

Der Kuppler erwiderte darauf: „Allah möge dem Statthalter Glück verleihen! Aber die Leute, die mich beschuldigen, lügen und sagen überhaupt nicht die Wahrheit, weil sie mir nicht gut gesinnt sind und mich beneiden!“

Voller Empörung wiesen das die Mekkaner zurück und sprachen zum Statthalter: „Es ist ganz und gar deine Angelegenheit, wem du mehr Glauben schenkst: dem Kuppler oder uns ehrbaren Bürgern. Aber erlaube uns, daß wir einen Beweis für die Richtigkeit unserer Klage erbringen. Gestatte uns, daß wir eine Dirne auf einen Esel der Gauner und Spitzbuben setzen und ihn in Richtung Arafat in Trab bringen. Wenn dieser Esel, wie er es gewohnt ist, diese Dirne in das Haus des Kupplers in Arafat bringt, dann soll das der Beweis für die Richtigkeit unserer Aussagen sein! Wenn der Esel sich aber anders verhält, so soll der Kuppler sein Recht haben!“

„Sehr gut“, sagte der Statthalter, „darin liegt der Schlüssel der Wahrheit“

Ohne zu zögern befahl er, daß ihm ein Spitzbubenesel gebracht würde. Er ließ eine Dirne aufsitzen und brachte den Esel Richtung Arafat in Trab. Tatsächlich verhielt sich der Esel so, wie es die ehrbaren Mekkaner gesagt hatten, und lief direkt zum Haus des Kupplers.

Damit war der Beweis für die Berechtigung der Beschwerde gegen den Kuppler erbracht. Der Statthalter befahl, den Kuppler auf der Stelle auspeitschen zu lassen. Als dieser dann dem Auspeitscher übergeben wurde und ihm gegenüberstand, begann er laut zu weinen.

Da fragte ihn der Statthalter verwundert: „Was bringt dich denn, du Feind Allahs, zum Weinen?“ Da gab der Kuppler die folgende Antwort: „Bei Allah! Allah schenke dem Statthalter Glück! Ich habe überhaupt keine Angst vor den Schlägen. Angst habe ich nur davor, daß die Leute im Irak über uns lachen und spotten werden. Sie werden nämlich sagen, daß die Mekkaner dem Zeugnis eines Esels Glauben schenken und es als beweiskräftig ansahen!“

Da lachte der Statthalter und erließ dem gerissenen Kuppler die Strafe.»

(Ibn al-Jawzi, Über die Frauen / Ahbar an-Nisa, übersetzt von Dieter Bellmann, Verlag C.H. Beck, Seite 292ff.)

Ibn Taymiyyahs Konzept des Marktmechanismus (Teil 2)

In den vorangegangenen Abschnitten hat Ibn Taymiyyah unterschieden zwischen einem Preisanstieg aufgrund von Kräften des Marktes und einem durch menschliche Ungerechtigkeit (zulm) – z. B. Horten – verursachten Preisanstieg, eine Unterscheidung, die der Ordnungsmacht eine Grundlage für Preisregulierungen gibt. Ibn Taymiyyah war ein großer Befürworter von Preiskontrollen bei Marktschwächen, doch er war gegen solche Kontrollen, wenn Preiserhöhungen durch die Marktkräfte von Angebot und Nachfrage zustande kamen (Islahi, S. 79–90, Kahf und al-Mubarak, S. 107–125).

An dieser Stelle ist anzumerken, dass Ibn Taymiyyah die Auswirkungen von Schwankungen bei Angebot und Nachfrage analysiert, aber nicht auf den Effekt eingeht, den hohe oder niedrige Preise auf die angebotene und nachgefragte Menge haben (d. h., eine Bewegung auf der gleichen Kurve, von einem Punkt zu einem anderen). In al-Hisbah erwähnt er die Ansicht eines früheren Juristen – Abu-l-Walid (1013–1081 n. Chr./403–474 n. H.), dass …

„ … die Vorgabe von zu niedrigen Preisen durch die Ordnungsmacht, die keinen Profit übrig lassen, zu einer Verfälschung der Preise führt sowie dazu, dass (Verkäufer) ihre Ware verstecken, und dazu, dass das Vermögen der Leute ruiniert wird“.

Ibn Taymiyyah stimmt dieser Ansicht zu (Ibn Taymiyyah 1976, S. 41). Durch dieses Bewusstsein, dass das Angebot zurückgeht, wenn der Preis zu stark fällt, ist Ibn Taymiyyah nahe dran, auf eine direkte Beziehung zwischen der angebotenen Menge und dem Preis zu schließen.

In seinen Fatawa nennt er einige Faktoren, die die Nachfrage und somit auch die Preise beeinflussen. Er schreibt (Ibn Taymiyyah, 1383, Bd. 29, S. 523–525):

(a) „Die Wünsche der Menschen (ar-raghabah) sind unterschiedlich und verändern sich ständig. Sie verändern sich entsprechend dem reichlichen Vorhandensein oder der Knappheit der nachgefragten Ware (al-matlub). Wenn es nur wenig von einer bestimmten Ware gibt, wird sie stärker nachgefragt, als wenn sie reichlich verfügbar ist.“

(b) „Die Wünsche verändern sich auch in Abhängigkeit von der Zahl derjenigen, die das Produkt nachfragen (tullab). Wenn viele Personen das Produkt nachfragen, steigt dessen Preis. Im Gegensatz dazu sinkt er, wenn die Zahl der Nachfragenden gering ist.“

(c) „Auch die Stärke oder Schwäche des Bedürfnisses nach dem Produkt und das Ausmaß des Bedürfnisses beeinflussen die Wünsche – je nachdem, wie stark oder schwach das Verlangen danach ist. Wenn das Bedürfnis ausgeprägt und stark ist, wird der Preis stärker ansteigen, als wenn es gering ausgeprägt und schwach ist.“

(d) „(Der Preis unterscheidet sich auch) entsprechend (dem Kunden), mit dem der Handel getätigt wird (al-mu’awid). Wenn er reich und vertrauenswürdig hinsichtlich des Begleichens von Schulden ist, ist (für den Verkäufer) ein niedrigerer Preis akzeptabel als bei jemandem, der für Zahlungsunfähigkeit, verspätete Zahlungen oder Leugnung fälliger Zahlungen bekannt ist.“

(e) „Außerdem (wird der Preis beeinflusst) durch die Währung, in der er gezahlt wird. Wenn es eine gängige Währung ist (naqd ra’ij), sinkt der Preis, was bei einer weniger bekannten Währung nicht der Fall ist, wie es sich heutzutage in Damaskus mit Dirham und Dinar verhält, wobei es gängige Praxis ist, in Dirham zu zahlen.

(f) „Dies ist so, weil der Zweck des Vertrages (reziproker) Besitz beider Vertragsparteien ist. Wenn der Zahler in der Lage ist zu zahlen und man von ihm erwarten kann, dass er seine Zusage einhält, wird der Gegenstand des Vertrages mit ihm umgesetzt, anders als wenn er nicht vollkommen fähig oder nicht vollkommen vertrauenswürdig ist. Das Maß an Fähigkeit und Vertrauenswürdigkeit ist unterschiedlich. Dies gilt für Käufer und Verkäufer, Mieter und Vermieter, Braut und Bräutigam. Manchmal ist das Objekt des Verkaufes (physisch) verfügbar, manchmal nicht. Der Preis für etwas Verfügbares ist niedriger als der für etwas, das nicht (physisch verfügbar) ist. Das Gleiche gilt für den Käufer, der bisweilen in der Lage ist, auf einmal zu zahlen, weil er Geld hat, doch manchmal hat er kein (Bargeld) und möchte sich etwas leihen (um zahlen zu können) oder Waren verkaufen (um die Zahlung tätigen zu können). In ersterem Fall ist der Preis niedriger.

(g) „Das Gleiche gilt für jemanden, der (ein Objekt) vermieten möchte. Vielleicht ist er in der Lage, die Leistungen, die der Vertrag beinhaltet, in einer Weise zur Verfügung zu stellen, dass der Mieter ohne (weitere) Kosten davon Gebrauch machen kann. Es kann jedoch auch vorkommen, dass der Mieter die Leistungen nicht ohne (zusätzliche) Kosten in Anspruch nehmen kann. Dies kann zum Beispiel der Fall sein in Dörfern, die von tyrannischen Machthabern oder von Räubern heimgesucht werden, oder in Orten, an denen es Raubtiere gibt. Der (Miet-)Preis für solches Land entspricht natürlich nicht dem Nennwert von Land, in dem diese (zusätzlichen Kosten) nicht aufzubringen sind.

Wie wir bereits gesehen haben, verwendet Ibn Taymiyyah den Begriff ‚Wunsch‘ im Sinne von ‚Nachfrage‘. Später benutzt er al-matlub und at-talibun für die nachgefragten Güter beziehungsweise die Nachfragenden. In seiner Analyse von steigenden und fallenden Preisen werden ökonomische und nicht-ökonomische Faktoren sowie individuelle und kollektive Handlungen gleichzeitig erwähnt.

Davon auszugehen, dass ein knappes Gut deutlich stärker nachgefragt wird als eines, das zur Genüge vorhanden ist, bedeutet, dass man sich Angebot und Nachfrage als voneinander abhängig vorstellt. Dies ist jedoch im Allgemeinen nicht der Fall. Ibn Taymiyyah verzeichnet dies als von ihm beobachteten psychologischen Fakt: Manche Menschen fragen ein Gut umso stärker nach, wenn es nur in geringer Menge vorhanden ist, weil sie davon ausgehen, dass es künftig noch knapper werden wird.

Ein Anstieg der Zahl der Nachfragenden, der einen Preisanstieg verursacht, ist ein ökonomisches Phänomen und ein Fall von einer Veränderung der Funktionen der Marktnachfrage. Die geringe oder starke Ausprägung eines Bedürfnisses kann – anders als seine Intensität – auf dessen Position im Gesamtbetrag des Warenkorbs, der vom Verbraucher benötigt wird, hinweisen. Falls diese Interpretation korrekt ist, so assoziiert Ibn Taymiyyah die Stärke eines Bedürfnisses, verbunden mit seinem relativ großen Ausmaß, als Anteil der Gesamtheit seiner Konsumausgaben, mit hohen Preisen. Im Gegensatz dazu ist ein weniger intensiv empfundenes Bedürfnis nach einer Ware, die im Verhältnis zur Gesamtheit der Bedürfnisse nur in geringen Mengen benötigt wird, eine Ursache für niedrige Preise.

Der nächste Punkt (d) bezieht sich auf Kreditverkäufe. Er behandelt einen speziellen Fall, der nicht sehr relevant ist für eine Analyse der Marktpreise, außer wenn dies zum Normalfall wird, so dass Verkäufer die Unsicherheit hinsichtlich der Bezahlung mit berücksichtigen müssen.

Dass die Preise niedriger sind, wenn in Silbermünzen bezahlt wird (Punkt e) ist eine Anspielung auf die eigentümliche monetäre Lage im Damaskus jener Zeit. Der Grund hierfür war möglicherweise ein Anstieg von Legierungen bei den Goldmünzen oder die häufigen unvorteilhaften Veränderungen im Verhältnis von Dinar zu Dirham, wie aus der Geschichte jener Zeit hervorgeht (Qalaqshandi, Bd. 3, S. 438; Maqrizi, Bd. 1, S. 899). Anzumerken ist, dass Nasir Muhammad ibn Qalawun – der Sultan, der zu Ibn Taymiyyahs Zeit regierte – den Leuten verbot, Gold zu verkaufen oder anzukaufen. Alle waren gezwungen, ihr Gold der Münzprägeanstalt zu übergeben und Dirham dafür entgegenzunehmen (Maqrizi, Bd. 2, S. 393). Dies mag ein weiterer Grund für die – relativ gesehen – höheren Preise in Dinar gewesen sein.

Der spezielle Fall, dass für eine sofort verfügbare Ware ein niedrigerer Preis verlangt wird als für eine Ware, die zum entsprechenden Zeitpunkt nicht auf dem Markt verfügbar ist (Punkt f) kann als eine zusätzliche Zahlung betrachtet werden, die für die Beschaffung eines schwer erhältlichen Produktes geleistet wird. Ibn Taymiyyah erwähnt diesen Fall gemeinsam mit dem Fall, dass der Preis für eine Ware günstiger ist, wenn sofort gezahlt wird, als wenn die Zahlung zunächst gestundet wird. Dies hat er bereits angemerkt (unter Punkt d).

Das unter Punkt g angeführte Beispiel zielt darauf ab zu zeigen, dass sämtliche Kosten, die der Käufer übernehmen muss, um das gemietete Objekt nutzen zu können, vom Vermieter des Objektes berücksichtigt werden müssen. Ibn Taymiyyah zeigt auf, was die Punkte d, e, f und g gemeinsam haben: Unsicherheiten oder anfallende Kosten bewirken, dass der Preis anders ausfällt als er es ohne diese Faktoren getan hätte. Dies allein ist ein bedeutender Beitrag zur ökonomischen Analyse. Dem kann sein Bewusstsein für die Auswirkungen von Veränderungen in Bezug auf Angebot und Nachfrage hinzugefügt werden. Insofern ist es interessant, seine Gedanken hierzu mit denen anderer islamischer Denker und westlicher Autoren zu vergleichen, die vor dem Aufkommen der Ökonomie in der Mitte des 18. Jahrhunderts wirkten.

(Quelle: Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Journal of Research in Islamic Economics, Vol. 2, No. 2 / übertragen in die deutsche Sprache für al-adala.de von korrekturlesen-hh, leicht redigiert)

 

Abu Yusuf: Kitab al-Kharai. Beirut: Dar al-Ma’rifah, 1979
Gordon, B.: Economic Analysis Before Adam Smith. London: Lewes Reprint Ltd., 1979.
Ibn Khaldun: Al-Muqaddimah. Beirut: Dar al-Fikr, o. J.
Ibn Taymiyyah: Majmu’ Fatawa Shaikh al-Islam Ahmad b. Taymiyyah. Riyadh: Al-Riyadh Press, Bd. 8, 1381, Bd. 29, 1383.
Al-Hisbah fi’l Islam, Ed. Azzam, S., Kairo: Dar al-Sha’b, 1976.
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Kahf, Monzer: „Economic Views of Ibn Taymeyah“, in: Universal Message, Karachi, Ausg. 4, Nr. 2, Juli 1982; Ausg. 4, Nr. 3, erstmals veröffentlicht in al-Itthihad, Plainfield, Indiana, 1977.
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al-Mubarak, Muhammad: Ara’ Ibn Taymiyah fi’l Dawlah wa mada Tadakhkhulliha fi’l Majal al-Iqtisadi. Beirut: Dar al-Fikr, 1970.
al-Qalaqshandi, Abul Abbas Ahmad b. Ali: Subh al-A’sha. Kairo: Dar al-Kutub al-Khudaiwiyah, 1913.
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Speigel, H. W.: The Growth of Economic Thought. New Jersey: Prentice Hall Inc., 1971.

Kurz gesagt: Positive und negative Herzensbrecher

Es gehört zu meiner persönlichen Eigenheit, dass ich – auch für einen Deutschen – emotional recht kühl veranlagt bin.

Diese Eigenart kommt mir zugute, weil ich mich dadurch in die Lage versetzt sehe, meine negativen Emotionen im Zaum zu halten.

Bedauerlicherweise wirkt sich diese emotionale Kühle leider auch auf das Empfinden und Zeigen positiver Gefühle aus. Das ausgelassene und ausgiebige (Mit-)Freuen, Beglückwünschen, Begrüßen und Zuneigungzeigen liegt mir also nicht so sehr.

Was mich seit 2 Jahren überraschenderweise merkbar wärmer und emotionaler werden lässt, ist die Geburt und Gegenwart meiner kleinen Tochter (2).

Ich bin geradezu entsetzt davon, wie sehr dieses kleine Wesen – von meinem eigenen Fleisch und Blute – meine innersten Emotionen weckt und gedeihen lässt. Wenn ich sie auf den Schoß setze und meine Nase in ihre kleine weiche Haarpracht halte, nur um minutenlang ihren ganz eigenen Duft einzuatmen, dann zerspringt mir geradezu das Herz. Und wenn sie dann auch noch mit ihren kleinen Fingerchen meine Hand streichelt und am Nagelbett meines Daumens pult, dann bin ich nahe dran in Tränen auszubrechen und werde von unglaublichen Verlustängsten gepeinigt.

Dieses kleine Wesen hat mein Herz erobert und meine kalte Schale geknackt, allein durch ihre Existenz und ihre natürliche Zuneigung zu ihrem Vater.

Wenn ich daran denke und dann im selben Moment lesen muss, dass es anscheinend Väter gibt, die in der Lage sind ihr eigenes junges Töchterchen mit einem Messer niederzumetzeln, dann bricht für mich eine Welt zusammen.

Das ist so schrecklich. Wie kann man seine eigene 1-jährige Tochter mit einem Messer töten? SubhanAllah, mir liegen Schimpfwörter auf der Zunge, die seit 11 Jahren nicht mehr über selbige gekommen sind.

Ich verstehe die Welt nicht mehr …

 => https://www.focus.de/regional/hamburg/hamburg-mourtala-m-toetete-ex-frau-und-kind-1-das-ist-der-taeter-vom-jungfernstieg_id_8759544.html

Kurz gesagt: Ist das Kopftuch bei Kindern eine Sexualisierung?

Unsere kleine Tochter Jenna Luise ist jetzt 2 Jahre alt und beginnt langsam ihre Eltern in vielen Alltagssituationen zu imitieren. So hat sie bspw. beobachtet, dass wir uns gegenseitig die Schuhe bringen, wenn wir vorhaben gemeinsam raus zu gehen. Sobald sie also das Gefühl bekommt, dass wir uns bereit machen das Haus zu verlassen, stürmt sie sofort los und bringt meiner Frau und mir die Schuhe.

Sie hat jetzt auch einen Puppen-Kinderwagen bekommen, den sie in der Wohnung bereits fleißig spazieren fährt, ebenso wie es ihre Mutter oder ihr Vater mit ihrem Kinderwagen tut.

Und auch das Gebet, welches bis zu 5 mal am Tag in der Wohnung verrichtet wird, möchte sie schon mitmachen. Hierzu reicht es ihr nicht aus, dass wir ihr einen kleinen Gebetsteppich ausbreiten, nein, sie möchte auch (genauso wie Mama) einen Hijab tragen, also ein weites Gewand mit Kopftuch.

Bei uns zu Hause ist das etwas so normales, diesen Wünschen unserer kleinen Tochter nachzukommen, und niemals wären wir auf die Idee gekommen, dass dies einer Sexualisierung unseres kleinen Lieblings gleichkommen würde – wie es kürzlich die Staatssekretärin Serap Güler (CDU) in den Medien behauptete.

Die Verkürzung religiöser Handlungen auf einen zwingenden weltlichen Sinn ist eine oberflächliche Erscheinung. Viele Dinge tun wir Muslime auch einfach nur, weil es ein Gottesdienst ist. Hierzu gehört das rituelle Gebet ebenso wie das Tragen religiöser Kleidung.

Beides (Gebet und Hijab) ist für unsere kleine 2-jährige Jenna Luise keine religiöse Pflicht, das ist aber kein Grund für uns, ihr diese Gottesdienste zu verwehren. Wenn sie uns imitieren und mitbeten möchte, dann sei ihr das erlaubt, und wir freuen uns sogar sehr darüber. Und wenn sie dabei wie ihre Mutter aussehen möchte, nämlich mit Hijab, warum sollten wir ihr das verbieten?

Und sie sieht sooo süß aus mit dem Kopftuch – und dabei denkt keiner von uns an Sex oder ähnliches, Gott bewahre, das ist eine böse Unterstellung.

Buchauszug: Gustave le Bon – Hygiene und Heilmittelkunde bei den Arabern

«Die Bedeutung der Hygiene war den Arabern nicht unbekannt. Sie wußten, daß man durch Hygiene Krankheiten vorzubeugen vermag, welche die Medizin nicht heilen kann. Sehr weise sind die Vorschriften im Koran: häufige Waschungen, Verbot des Weintrinkens, in heißen Ländern Bevorzugung der Pflanzenkost vor der Fleischkost. An den hygienischen Empfehlungen, die dem Propheten zugeschrieben werden, gibt es nichts auszusetzen. […]

Die Heilmittelkunde verdankt den Arabern viele Medikamente, wie Kassia, Sennes, Rhabarber, Tamarinde, Brechnuß, Kampfer, Alkohol u. a.. Sie waren die eigentlichen Begründer der Pharmazeutik, die Erfinder vieler noch heute verwendeter Mittel: Sirup, Pflaster, Tinkturen, Salben, destilliertes Wasser usw.. Sie erfanden sogar Heilmethoden, die später, nachdem sie lange Zeit vergessen waren, als Neuentdeckung hingestellt wurden. Dazu gehört die Methode, Medikamente mit Früchten zu versüßen: Avenzoar kurierte Verstopfungen mit Weintrauben, die mit einem Abführmittelgetränkt waren.»

(Gustave le Bon, La civilisation arabe, 1884 / aus dem Französischen von Peter Aschner, Die mittelalterliche Welt der Araber, F.A. Herbig Verlagsbuchhaltung, München – Berlin ©1974, Seite 93f.)

Buchauszug: Gustave le Bon – Der arabische Chirurg Albukassis, die Quelle aus der alle Chirurgen nach dem 14. Jahrhundert schöpften

«Der berühmteste arabische Chirurg war Albukassis von Cordoba, gestorben 1107. Er hat viele chirurgische Instrumente erfunden, die in seinen Werken abgebildet sind. Im übrigen Europa wurde er erst im fünfzehnten Jahrhundert bekannt, dann aber wurde sein Einfluß überaus groß. Der große Physiologe Haller bemerkt, die Werke Albukassis‘ seien die Quelle gewesen, „aus der alle Chirurgen nach dem vierzehnten Jahrhundert schöpften“.»

(Gustave le Bon, La civilisation arabe, 1884 / aus dem Französischen von Peter Aschner, Die mittelalterliche Welt der Araber, F.A. Herbig Verlagsbuchhaltung, München – Berlin ©1974, Seite 92)

Buchauszug: Gustave le Bon – Die Werke des arabischen Mediziners Avicenna waren 600 J. der Universalkodex der Medizin

«Der berühmteste aller arabischen Mediziner war Avicenna. Mehrere Jahrhunderte lang war sein Einfluß so groß, daß man ihn den Fürsten der Medizin nannte. Er wurde 980 geboren und starb 1037. […] Sein medizinisches Hauptwerk, „Kanon“ genannt, umfaßt Physiologie, Hygiene, Pathologie, Therapeutik und Heilmittelkunde. Die Krankheiten sind darin viel besser beschrieben als je zuvor. Avicennas Werke wurden in die meisten Sprachen der Welt übersetzt und waren sechshundert Jahre lang der Universalkodex der Medizin. Bis zum siebzehnten Jahrhundert wurden sie immer wieder gedruckt.»

(Gustave le Bon, La civilisation arabe, 1884 / aus dem Französischen von Peter Aschner, Die mittelalterliche Welt der Araber, F.A. Herbig Verlagsbuchhaltung, München – Berlin ©1974, Seite 92)

Buchauszug: Gustave le Bon – Der arabische Mediziner Rhazes als Pionier auf dem Gebiet der Kinderkrankheiten

«Einer der berühmtesten arabischen Mediziner war Rhazes, der auch ein hervorragender Chemiker war. Er wurde um 850 geboren und starb 932. Fünzig Jahre lang praktizierte er in Bagdad Medizin. Er schrieb über sehr verschiedene Themen: Philosophie, Geschichte, Chemie, Medizin usw.. Die Werke seiner medizinischen Vorgänger hat er nach seinen Erfahrungen am Krankenbett einer strengen Kritik unterzogen. Seine Abhandlungen über gewisse Krankheiten wie Masern und Blattern, wurden lange Zeit als grundlegend angesehen. Er besaß ein großes anatomisches Wissen. Sein Buch über Kinderkrankheiten war das erste seiner Art. In seinen Werken werden neuartige Heilmittel empfohlen. Rhazes war ein genialer Beobachter, und dabei überaus bescheiden. […]

Die meisten Werke von Rhazes wurden ins Lateinische übersetzt und mehrmals nachgedruckt, vor allem 1509 in Venedig sowie 1528 und 1548 in Paris. Seine Abhandlung über die Windpocken wurde noch 1745 neu aufgelegt. In den Vorlesungen an den medizinischen Fakultäten Europas wurden seine Bücher noch lange behandelt. Bis ins siebzehnte Jahrhundert bildeten sie, zusammen mit den Werken Avicennas, die Lehrgrundlage an der Universität Löwen, wie aus einer Literaturliste aus dem Jahre 1617 ersichtlich ist.»

(Gustave le Bon, La civilisation arabe, 1884 / aus dem Französischen von Peter Aschner, Die mittelalterliche Welt der Araber, F.A. Herbig Verlagsbuchhaltung, München – Berlin ©1974, Seite 90)

Buchauszug: Hermann Vámbéry – Armut und Reichtum im islamischen Asien (1875)

«Nun offen gesprochen, muss ich es zugestehen, dass mir im ganzen islamischen Asien zusammengenommen nicht so viel Elend und Armuth unter die Augen kam als z. B. in Whitechapel in London, und dass das übliche Visum repertum — death by starvation (Hungertod), mit Ausnahme der Zeit einer Hungersnoth, im islamischen Osten zu den unerhörten Dingen gehört, denn die Armuth, obwol allgemein, ist doch nirgends so drückend und so schrecklich wie bei uns.

Auch muss ferner anerkannt werden, dass das tolle Treiben der leider nicht unbedeutenden Anzahl von Dandies und Lebemännern in unsern Grossstädten, deren höchstes Ideal nur Zeit- und Geldverschwendung ist, keinen besonders günstigen Beleg für das hohe Ziel unserer Culturwelt liefert.

Die Civilisation des moslimischen Asiens hat zu keiner Zeit, selbst nicht in ihrem Blütenalter, diese Species der parfumirten Nachkommen des Gorilla aufgezeigt, da man unter Bildung nicht nur den Sinn für geistiges liegen und Streben, sondern auch die Betheiligung an demselben versteht; und zweitens kann der auf Bildung Anspruch habende Muselman schon infolge seiner Religion, Erziehung und schwärmerischen Naturanlagen nicht jener crasse Genussmensch werden, zu welchen gewisse Europäer inmitten unserer vergnügungssüchtigen Hauptstädte sich herausbilden.»

(Hermann Vámbéry, Der Islam im 19. Jahrhundert, Leipzig 1875, Seite 12f.)

Buchauszug: Gustave le Bon – Araber als grundlegende Mitbegründer der Chemie

«Die Chemiekenntnisse, die ihnen die Griechen hinterlassen hatten, waren sehr spärlich. Wichtige Substanzen, wie Alkohol, Schwefelsäure, Salpetersäure, Scheidewasser u .a, die den Griechen völlig unbekannt gewesen waren, wurden bald von den Arabern entdeckt.

Sie entdeckten auch grundlegende chemische Prozesse, wie die Destillation. Wenn in manchen Büchern behauptet wird, die Chemie sei von Lavoisier begründet worden, so wird damit übersehen, daß keine Wissenschaft, die Chemie noch weniger als irgendeine andere, je auf einen Schlag entstanden ist.

Die Araber haben vor tausend Jahren über Laboratorien verfügt und Entdeckungen gemacht, ohne die Lavoisier die seinen nicht hätte machen können.»

(Gustave le Bon, La civilisation arabe, 1884 / aus dem Französischen von Peter Aschner, Die mittelalterliche Welt der Araber, F.A. Herbig Verlagsbuchhaltung, München – Berlin ©1974, Seite 75)

Buchauszug: Gustave le Bon – Arabische Werke der „Ursprung unserer optischen Kenntnisse“

«Die Hauptwerke der Araber über Physik sind verlorengegangen. Wir kennen nur die Titel der wichtigsten, so beispielsweise den des Werkes von Hassan ben Haithem über direkte, reflektierte und gebrochene Lichtstrahlung und über Brennspiegel.

Wir können jedoch aus den wenigen erhalten gebliebenen Arbeiten auf die Bedeutung der anderen schließen. Eine der bemerkenswertesten ist Alhazens Abhandlung über Optik, die ins Lateinische und ins Italienische übersetzt wurde und für Kepler bei seinem Werk über Optik eine große Hilfe war.

Sie enthält äußerst kluge Kapitel über den Brennpunkt von Hohlspiegeln, über den scheinbaren Ort der Spiegelbilder, die Lichtbrechung, die scheinbare Größe der Gegenstände u. a. m..

Namentlich findet sich dort die geometrische Lösung des folgenden Problems, die in einer Gleichung vierten Grades besteht: den Reflexionspunkt auf einem sphärischen Spiegel zu finden, wenn der Ort des Gegenstandes  und der des Auges gegeben sind.

Der Gelehrte Chasles bezeichnet dieses Werk „als den Ursprung unserer optischen Kenntnisse“.»

(Gustave le Bon, La civilisation arabe, 1884 / aus dem Französischen von Peter Aschner, Die mittelalterliche Welt der Araber, F.A. Herbig Verlagsbuchhaltung, München – Berlin ©1974, Seite 75)

Buchauszug: Gustave le Bon – Der beträchtliche Einfluss der Araber auf das Abendland

«Auch auf das Abendland übten die Araber einen beträchtlichen Einfluß aus. Er war nicht geringer als im Orient, aber anderer Art. […] der Einfluß ihrer Wissenschaft, ihre Literatur und ihrer Moral war ungeheuer.

Betrachtet man das neunte und zehnte Jahrhundert unserer Zeitrechnung, als die maurische Kultur Spaniens in voller Blüte stand, so findet man im übrigen Europa als einzige Kulturzentren massige Zwingburgen, bewohnt von halbwilden Rittern, die stolz darauf waren, nicht lesen und schreiben zu können. Die gebildetsten Menschen der Christenheit waren arme, unwissende Mönche, die ihre Zeit damit verbrachten, in der Abgeschiedenheit ihrer Klöster Abschriften von Meisterwerken der Antike sorgfältig abzukratzen, um das zum Kopieren frommer Schriften benötigte Pergament zu erhalten.

Europa war lange Zeit zu barbarisch, um sich seiner eigenen Barbarei bewußt zu werden. Erst im elften und vor allem im zwölften Jahrhundert zeigten sich Ansätze wissenschaftlicher Bestrebungen. Als einige etwas hellere Geister das Bedürfnis empfanden, das schwer auf ihnen lastende Leichentuch der Unwissenheit zu zerreißen, wandten sie sich an die Araber, die einzigen Lehrer, die sie damals finden konnten.

Nicht durch die Kreuzzüge, wie man häufig behauptet, sondern über Spanien, Sizilien und Italien gelangte die Wissenschaft in das übrige Europa. 1130 begann in Toledo ein Kollegium von Übersetzern unter dem Patronat des Erzbischofs Raymond die Werke der berühmtesten arabischen Autoren ins Lateinische zu übertragen. Die Wirkung dieser Übersetzungen war groß; dem Westen erschloß sich eine neue Welt. Bis zum vierzehnten Jahrhundert nahm die Flut der Übersetzungen nicht ab.

Nicht nur arabische Autoren, wie Rhazes, Albukassis, Avicenna, Averroes usw. wurden ins Lateinische übertragen, sondern auch griechische, wie Galenus, Hippokrates, Plato, Aristoteles, Euklid, Archimendes, Ptolemäus, die von den Moslems ins Arabische übersetzt worden waren.

Das Mittelalter lernte das griechische Altertum erst über die Sprache der Jünger Mohammeds kennen. […] Einzig den Arabern, nicht den mittelalterlichen Mönchen, verdanken wir die Kenntnis der Antike, und die Welt schuldet ihnen ewige Anerkennung für die Rettung dieses Kulturschatzes. […] Bis zum fünfzehnten Jahrhundert wird man keinen Autoren finden, der anderes getan hätte, als von den Arabern abzuschreiben.

Fünf- bis sechshundert Jahre lang dienten fast ausschließlich Übersetzungen arabischer Werke, vor allem der Naturwissenschaften, als Grundlage für den Unterricht an den Universitäten Europas.»

(Gustave le Bon, La civilisation arabe, 1884 / aus dem Französischen von Peter Aschner, Die mittelalterliche Welt der Araber, F.A. Herbig Verlagsbuchhaltung, München – Berlin ©1974, Seite 139ff)

Der Meinungswandel des Prof. Dr. de Laveleye (gest. 1892) über den Islam und die Muslime

Ich lese derzeit das 2-bändige Reisetagebuch „Die Balkanländer“ (1886) von Prof. Dr. Émile Louis Victor de Laveleye (gest. 1892 n. Chr.), einem äußerst renommierten belgischen Nationalökonomen und Universalgelehrten seiner Zeit.

Einer der Gründe, weshalb ich diese Lektüre auf mich nehme, ist mein erster Eindruck dieser Persönlichkeit, den ich in der Bandreihe (1903) des deutsch-französischen Islamkonvertiten Muhammad Adil Schmitz du Moulin gewinnen konnte.

Prof. Dr. de Laveleye begab sich auf seiner Balkanreise erstmals persönlich in Gefilde, in denen Muslime heimisch waren. Man merkt anfänglich, dass der Professor mit reichlich Vorurteilen im Gepäck sich auf diese Reise begab, Vorurteile, die sich aus zahlreichen abendländischen Pamphleten nährten, die (ähnlich wie heute) die Schuld am damals schon beginnenden Niedergang der muslimischen Zivilisation (Kranker Mann am Bosporus) eindeutig dem Islam (als Religion und Ordnungsprinzip) andichteten.

So schreibt de Laveleye, als er sich allmählich den bosnisch-muslimischen Siedlungsgebieten näherte:

Sind das vielleicht schon die Vorläufer der einstigen türkischen Provinzen, also der Barbarei, während doch der Weg nach Pest und Wien, das heißt nach der Zivilisation hin, in entgegengesetzter Richtung läuft?

Man wird im Verlaufe der weiteren Lektüre jedoch immer deutlicher der Tatsache gewahr, dass de Laveleye anscheinend mit absolut falschen Erwartungen in diese „muslimische Barbarei“ der ehemaligen türkischen Provinzen des Balkans zog. Sehr schnell, nämlich bereits bei Ankunft in der (zwischen Christen und Muslimen durch den Fluss Save) geteilten Grenzstadt Brod, sieht er sich gemüßigt, als bekennender Christ folgendes über den muslimischen Muezzinruf zu Papier zu bringen:

Das bosnische Brod besteht aus einer einzigen großen Straße, deren Häuser zum Schutze gegen die Überschwemmungen der Save auf Pfählen oder Dämmen ruhen.

Die ganz aus Holz erbaute Moschee wird von einigen Pappeln umgeben, und zu dem in roten, gelben und grünen Farbentönen schimmernden Minarett steigt eben der Muezzin oder Ausrufer hinauf, um aufzufordern zum Gebete des »Aksham« oder der Abenddämmerung, dem letzten des Tages.

Der Metallklang seiner Stimme dringt bis in die umliegenden Fluren, und es sind schöne Worte, die man da vernimmt; selbst bei dem Gedanken an Schillers »Glocke« ziehe ich diese Art der Verkündigung dem gleichförmigen Geläute der Glocken vor.

»Gott ist erhaben und allmächtig«, ruft der Muezzin. »Es gibt keinen anderen Gott als ihn und keinen anderen Propheten als Mohammed. Versammelt Euch im Reiche Gottes, an dem Orte der Gerechtigkeit. Kommt in die Wohnung der Glückseligkeit«.

Dies sollte nicht der erste positive Eindruck gewesen sein, den de Laveleye im weiteren Verlauf seines Reisetagebuches über den Islam und die Muslime auf dem Balkan zu Papier brachte.

In schaa Allah werde ich einen umfangreichen Beitrag verfassen, der all diese Äußerungen des Professors in Auszügen zur Verfügung stellt.

Ich freue mich schon.