Die gefährliche Egozentrik sozial engagierter Muslime

von Yahya ibn Rainer

Es gibt, Allah sei es gedankt, unter uns viele aktive Geschwister, die gemeinnützige, wohltätige und mildtätige Projekte planen, gestalten und aus der Traufe heben. Allein im Bereich der spendenbasierten Wohl- & Mildtätigkeit haben sich in den letzten Jahren dutzende kleine und größere Vereine und Organisationen gebildet.

Es gibt Brunnenbauprojekte, Armenspeisungsprojekte, Infrastrukturprojekte, Waisenhausprojekte, Schulprojekte, Gefangenenhilfeprojekte, Halal-Partnervermittlungsprojekte uvm.

Natürlich hält jeder Initiator/Mitarbeiter sein eigenes Projekt für besonders wichtig, sonst würde er dafür nicht seine kostbare Zeit investieren. Aber leider bedeutet eine immer weitere Zunahme von Projekten, dass auch der Pool an Spenden- und Hilfsbereitschaft pro Projekt kleiner wird, weil mit der Zunahme der Projekte nicht automatisch auch die Zahl der Muslime steigt, die diese unterstützen können/wollen.

Solche Projekte stehen also in einem gewissen Wettbewerb miteinander. Um in diesem Wettbewerb zu bestehen, setzen viele muslimische Projekte auf die Mithilfe von Gelehrten und Predigern. Die Beteiligung solcher Persönlichkeiten verschafft dem Projekt eine gewisse Seriosität und Vertrauenswürdigkeit. Aus diesem Grunde bekommen Gelehrte und Prediger nicht wenige Anfragen von gemeinnützigen, wohltätigen, mildtätigen, aber auch zahlreichen kommerziellen Unternehmungen.

Leider ist die Seriosität und Vertrauenswürdigkeit einer solchen Unternehmung im vornherein nicht klar zu beurteilen. Auch wenn die Beteiligten an sich nicht zu tadeln sind, können Projekte durch andere Einflüsse zu einem Reinfall werden oder gar Verbotenes bewirken. Aus diesem Grund sind viele Gelehrte, Prediger und andere öffentliche Persönlichkeiten vorsichtig geworden. Besonders wenn man sich bereits für 1 oder 2 Projekte engagiert, möchte man ungern in zahlreiche andere involviert sein, um nicht den Überblick zu verlieren, denn schnell kann die Glaubwürdigkeit in der Dawa verloren gehen, wenn man mit gescheiterten Projekten in Verbindung gebracht wird, auch wenn man selbst am Scheitern keinen Anteil hatte.

Für Initiatoren und Mitarbeiter an solchen Projekten ist diese Situation sicherlich nicht leicht. Sein eigenes Projekt (in das man Herzblut gesteckt hat und das man natürlich persönlich als besonders wichtig erachtet) scheitern zu sehen, weil es nicht von ausreichend Spendern oder den gewünschten Persönlichkeiten unterstützt wird, ist kein schönes Erlebnis.

Leider reagieren nicht wenige Menschen sehr emotional auf diese Erfahrung und beginnen den Muslimen allgemein oder bestimmten Persönlichkeiten die Schuld für das Scheitern zu geben. Schnell hantiert man mit der moralischen Keule und bemerkt im Eifer des Gefechtes gar nicht, dass man den Muslimen allgemein oder bestimmten Personen damit Unrecht tut.

Man muss bei der Betrachtung eigener Projekte unbedingt aus der egozentrischen Betrachtungsweise ausscheren und dem Gesamtkontext mehr Beachtung schenken.

Man befindet sich …

  1.  … in einem umkämpften Markt, mit vielen anderen, ähnlichen und gleichen Ideen.
  2. … in einem Wettbewerb der guten Taten. Hier gilt in erster Linie die aufrichtige Absicht und nicht der Erfolg (zumindest wenn man die Belohnung bei Allah beabsichtigt).
  3.  … in einem Bereich der freien individuellen Entscheidungskraft. Als Initiator sucht man sich nach eigenem Gutdünken die geeignetsten Partner aus, muss diesen aber die gleiche freie Entscheidungskraft zusprechen; was im Resultat auch eine Absage sein darf.

Bitte beachtet das, wenn ihr aktiv seid oder werden wollt. So wie ihr euch freiwillig für euer Projekt engagiert (und dafür andere Projekte vernachlässigt oder komplett ignoriert), müsst ihr selbiges auch für eure anderen Geschwister zugutehalten. Jeder hat das Recht EUER Projekt zugunsten anderer Projekte zu ignorieren.

Örtliches Brauchtum als Orientierungspunkt für den eigenen Kleidungsstil

von Yahya ibn Rainer

Themen wie Brauchtum, Sitte, Namensgebung, Ernährung und auch Kleidungsstil, sind besonders für Konvertiten, aber auch für in der Diaspora lebende Muslime ein wichtiges Thema mit teils großen Wissensdefiziten oder Vorurteilen.

Was ist erlaubt, anempfohlen oder sogar eine Pflicht? Und was ist verpönt oder verboten? Muss ich meine Kultur ablegen, mein Brauchtum und meine Sitte, wenn ich Muslim werde? Und inwiefern und inwieweit muss man sich von den Nichtmuslimen unterscheiden, wenn man unter ihnen als religiöse Minderheit lebt?

Bereits im April 2014 publizierte ich zu diesem Thema einen Beitrag mit dem Namen „Arabischer Name, arabisches Essen und arabische Kleidung – Ist das Islam?“; hier auf diesem Blog erschien er unter dem Titel „Ist die Namensänderung bei Islamkonvertiten eine Unsitte?“.

Nun möchte ich noch einige kurze Gelehrtenaussprüche zum Gegenstand kredenzen, die mir freundlicherweise von den Brüdern Behzad Zibari, Ibn Jalil und Taariq ibn Lahsan zur Verfügung gestellt bzw. übersetzt wurden.

Der Hanbali-Gelehrte Imam Mansur Ibn Yunus al Buhuti [Gest. 1015 n.H.] schrieb:

«Es ist verpönt, sich entgegen dem Brauch der Leute eines Landes oder in etwas zu kleiden, worüber sich lustig gemacht wird, da dies eine Art der Zurschaustellung ist.»

Entnommen aus [كشاف القناع عن متن الإقناع]

Der Hanbali-Gelehrte Imam Abu al Wafa‘ Ibn ‚Aqil al Hanbali [Gest. 513 n.H.] schrieb:

«Es ziemt sich nicht, den Bräuchen der Menschen zuwider zu handeln, aus Rücksichtnahme ihnen gegenüber und für die Vereinigung ihrer Herzen, außer hinsichtlich verbotenen Handlungen, deren Umsetzung zu einem Brauch geworden ist […]»

Entnommen aus [مطالب أولي النهى]

Und Imam Ibn Hajar al ‚Asqalani [Gest. 852 n.H.] schrieb:

«Die Rücksichtnahme auf den Kleidungsbrauch einer Zeit gehört zur Ritterlichkeit, solange es sich nicht um etwas Sündhaftes handelt. Das Zuwiderhandeln gegen den Kleidungsbrauch ist eine Art der Zurschaustellung [الشهرة].»

Entnommen aus Fath Al Bari

Imam Ibn Taymiyyah sagte über die Gefährten:

«Als sie die Länder erobert hatten, verzehrte jeder von ihnen die Nahrung seiner Heimat und trug die Kleidung seiner Heimat, ohne jedoch die Nahrung und Kleidung von Medinah zu meinen.»

Entnommen aus [غذاء الألباب في شرح منظومة الآداب]

 und des Weiteren schrieb Imam Ibn Taymiyyah:

«Wenn der Muslim sich in einem Kriegsgebiet befindet oder in einem anderen Land des Unglaubens, das kein Kriegsgebiet ist, wird ihm nicht anbefohlen, sich vom äußerem Erscheinungsbild (der dortigen Bevölkerung) zu unterscheiden, wegen den Nachteilen, die sich daraus ergeben könnten. Vielmehr könnte es [sogar] für eine Person empfohlen oder eine Pflicht sein, sich ihrem äußerlichen Erscheinungsbild anzugleichen, falls darin ein religiöser Vorteil liegt, wie z.B. die Einladung zum Glauben.»

Ein herzlicher Dank - für Übersetzung und Unterstützung - geht raus an die Brüder der avantgardistischen Telegram-Gruppe "Denkfabrik RÖG" (Religion, Ökonomie & Gesellschaft).

At-Tibi: Zeit und Timing sind wie das Kapital eines Geschäftsmannes

Der Universal-Gelehrte Sharaf ad-Din at-Tibi (auch: at-Tayyibi / gest. 743 n.H.) sagte:

«Zeit und Timing sind wie das Kapital eines Geschäftsmannes: Je mehr Kapital er hat, umso höher kann der Profit werden. Wenn also jemand seine Lebenszeit nutzt um seine Taten zu verbessern, wird er Erfolg haben. Wenn er allerdings sein Kapital vergeudet, wird er nie irgendeinen Profit erzielen.»

(Quelle: Facebookseite von Sheikh Muhammad Al-Munajjid, übersetzt von Yahya ibn Rainer)

Yahya ibn Mu´adh: In der Sprache der Ökonomie, aber mit Bezug zum Jenseits

Yahya ibn Mu´adh (gest. 258 n.H.) sagte:

«Anbetung ist wie ein Gewerbe; sein Geschäft befindet sich in der Abgeschiedenheit (der Anbetung), sein Kapital liegt im Bestreben die Sunnah zu erfüllen und der Profit liegt in der Erlangung des Paradieses.»

(Quelle: Facebookseite von Sheikh Muhammad Al-Munajjid, übersetzt von Yahya Ibn Rainer)

Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Der Mensch ohne Gott, ohne Vorfahren, ohne Glaubenshaltungen und ohne Bräuche (V)

Es gibt keinen anderen nichtmuslimischen Autor, dessen Werke ich ausgiebiger und mit solcher Hingabe studierte, wie diejenigen des Wissenschaftlers und Philosophen Prof. Bertrand de Jouvenel. Sicherlich könnte ich nun versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination für diesen großen Denker ausmacht. Viel besser jedoch als ich, kann dies die Eminenz des klassischen Liberalismus in Deutschland, Prof. Dr. Gerd Habermann, der für seine de Jouvenel-Publikation „Die Ethik der Umverteilung“ (2012) eine umfassende Würdigung de Jouvenels verfasste. Das Folgende ist ein Auszug aus dieser Würdigung:

VIII. Die totalitäre Demokratie

Unter den Voraussetzungen einer faktisch nicht mehr beschränkten Volkssouveränität in der Form des Mehrheitswillens, wird de Jouvenels Bewertung moderner Demokratie als einer „totalitären“ verständlich. Dies gilt auch und gerade für die repräsentative Demokratie, die eher eine Herrschaft über das Volk als des Volkes darstelle und dies umso mehr, als sie sich auf die „Nabelschnur der allgemeinen Wahlen“ berufen könne (1972, S. 315). Parteien und Interessengruppen böten keinen Schutz gegen diese totalitäre Ausweitung. Sie bestimmen nur – im Kampf miteinander – die Richtung, in welche diese voranschreitet.

Der Staat werde zur „permanenten Revolution“ in der Verteilung oder Umverteilung von Rechten und in dem Streben nach einer „bestmöglichen Sozialordnung“. De Jouvenel spricht vom „Vampirismus“ der modernen Staatsgewalt.

Aber liegt nicht in der verfassungsmäßig verbürgten Gewaltenteilung eine Garantie der Freiheit? Nun, bei Montesquieu, auf den moderne Politikwissenschaftler oft ohne nähere Kenntnis seines Werkes beriefen, konnte eine Gewalt die andere in Schranken halten, weil jede der Institutionen das Organ einer in der Gesellschaft existierenden sozialen und politischen Macht war.

In modernen Demokratien beziehen aber zum Beispiel der Präsident (oder die Regierung, Gerd Habermann) und das Parlament dieselbe Art Legitimität durch das Volk, sodass diese nur formelle Gewaltenteilung „lediglich den Disput zwischen zwei Männern (oder Organen, Gerd Habermann) institutionalisiert, die ihre Macht aus derselben Quelle beziehen“ (1972, S. 354).

Dagegen vertrat das englische Oberhaus bis ins 19. Jahrhundert (und die Monarchie im Jahrhundert davor, Gerd Habermann) eine echte soziale Gegenmacht, „teilte“ nicht nur, sondern beschränkte die politische Macht.

Die Verteidigung der spontanen oder „natürlichen“ Rechtsordnung und Moral gegen das Vordringen der „gemachten“ Ordnung des Gesetzgebers sei immer schwächer geworden. Nur noch offene Gewalt motiviere die Bürger zu Widerstand, „während diese Ordnung der stillen und täglichen Unterwanderung gegenüber weder reagiert noch reagieren kann“ (1972, S. 367).

„Der Mensch ohne Gott, ohne Vorfahren, ohne Glaubenshaltungen und ohne Bräuche, der moderne Mensch, ist völlig waffenlos, wenn man ihn auf die Leistungen aufmerksam macht – erreichter Lebensstandard und realisierter Nutzen -, die mithilfe einer Gesetzgebung erreicht wurden, die ein obsoletes Recht nur deshalb verletzt, weil sie ein besseres an ihrer Seite hat“

(1972, S. 367)

So vollzieht sich im Namen der „Souveränität“ nach de Jouvenel die Zerstörung der weltoffenen „Grande Societé“ (1941b, S. 437) – jener „Welt von gestern“ der festgefügten bürgerlich-agrarisch-aristokratischen Ordnungen, als deren wortgewaltiger, aber auch etwas nostalgischer Anwalt de Jouvenel – wie sein Bruder im Geist: Friedrich August von Hayek – erscheint.

Der Nationalismus zerriss das internationale Netz, oligarchische Interessengruppen machten das „Gemeinwohl“ zur Farce, Rechtspositivismus und Volkssouveränität fegten die Herrschaft des Rechts, also den alten liberalen Rechtsstaat hinweg, eine atomistisch missverstandene Marktwirtschaft löste soziale Beziehungen auf und eine ignorante Politikerschicht, „deren Mittelmäßigkeit sie allein schon vor unserem Zorn bewahrt“ (1941a, S. 27) sah diesem Vorgang hilflos, wo nicht fördernd zu. De Jouvenel ist wie Wilhelm Röpke in seiner „Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart“ (1942/1979) ein Analytiker der Auflösung der liberal-marktwirtschaftlichen, bürgerlich geprägten Ordnung zwischen den beiden Kriegen.

Literatur:

Jouvenel, Bertrand de (1941a), La Décomposition de L´Europe Liberale, Paris
Jouvenel, Bertrand de (1941b), Nach der Niederlage, Berlin
Jouvenel, Bertrand de (1972), Über die Staatsgewalt - Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Freiburg

Ein musl. Bericht über Geldentwertung & Inflation aus dem 8. Jh. (n. H.)

«Einen recht detaillierten Bericht über Geldentwertung und Inflation finden wir bei al-Maqrizi. Während er darlegt, dass seinerzeit durch eine unbeschränkte Versorgung mit (minderwertigen) Währungsmünzen die Gold- und Silbermünzen verdrängt/ersetzt wurden, weiß er es wie folgt zu begründen:

„Während der Herrschaft von al-Zahir Barquq (784-801 n.H / 1382-1399 n.Chr.), war der Lehrmeister Muhammad bin Ali mit der Aufsicht des königlichen Schatzes betraut. Er war gierig nach Profiten und der Vermehrung von Reichtum.

Eine seiner verachtenswerten Taten bestand darin, dass es (unter seiner Aufsicht) zu einer starken Mengenzunahme von fulus (Kupfermünzen) kam. Er schickte seine Männer nach Europa um Kupfer zu importieren und sicherte sich (das alleinige Recht für) die Prägung, um (diese Münzen) dann gegen (das sich im Umlauf befindliche) Geld zu tauschen.

Unter seiner Verwaltung wurden die fulus in der Kairoer Münzanstalt geprägt. Zusätzlich eröffnete er auch in Alexandria eine Münzanstalt, nur zum Zwecke der fulus-Prägung. Extrem große Mengen an fulus kamen in die Hände der Menschen und diese brachten sie dermaßen weitreichend in Umlauf, dass sie die vorherrschende Währung des Landes wurden. […] Dies führte zu einer Katastrophe, da das Geld unbrauchbar wurde und die Lebensmittel knapp wurden. […]“

(Muhammad Ali al-Maqrizi, Ighathat al-Ummah, übersetzt und editiert von Adel Allouche, publiziert als Mamluk Economics, Salt Lake City, University of Utah Press, 1994, S. 71-72, 77-79)

Eine ähnliche Beschreibung finden wir auch bei seinem Zeitgenossen al-Asadi (in: Muhammad bin Muhammad bin Khalil al-Asadi, al-Taysir wa’l-I`tibar wa’l-Tahrir wa’l-Ikhtibar fima Yajibu min Husn al-Tadbir wa’l-Tasarruf wa’l-Ihtikar, editiert von Abd al-Qadir al-Tulaymat, Cairo, Dar al-Fikr al-Arabi, 1967, S.134-135)

[Muhammad bin Khalil al-Asadi lebte im 9. Jahrhundert nach Hijra (15. Jahrhundert n. Chr.). Über sein Leben ist nichts bekannt, außer dass er in Syrien geboren wurde und dort auch starb. Er beendete sein Werk ‘al-Taysir wa’l-I’tibar wa’l-Tahrir wa’l-Ikhtibar fima yajib min Husn al-Tadbir wa’l-Tasarruf wa’l-Ikhtiyar im Jahre 855 nach Hijra. Das Buch wurde 1967 von Abd al-Qadir Tulaymat in Kairo/Ägypten editiert und neu publiziert.]»

(Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Contributions of Muslim Scholars to Economic Thought and Analysis, Seite 76 / übertragen in die deutsche Sprache und editiert von Yahya ibn Rainer)

Muslime in ernsthaften Glaubenskrisen

von Yahya ibn Rainer

Mich erreichen in letzter Zeit leider vermehrt Berichte und Nachrichten von Muslimen die sich in ernsthaften Glaubenskrisen befinden. Ausgelöst werden diese u.a. durch plötzliche/drastische Imantiefs, hartnäckige Zweifel und auch durch schlechte Erfahrungen im persönlichen Umgang mit äußerlich rechtschaffend wirkenden Glaubensgeschwistern.

Imantiefs gehören zum Glauben eines jeden Muslims. Der Iman steigt und sinkt,  der Muslim merkt das und muss lernen damit umzugehen. Ebenfalls sind Zweifel an allgemein anerkannten und sogar fundamentalen Lehren des Islams keine Seltenheit, auch und speziell bei Gelehrten und Intellektuellen.

Was jedoch besonders schlimm dieser Tage scheint, ist das erbärmliche Benehmen vieler Muslime, die äußerlich die Zeichen einer vorbildlichen muslimischen Lebensführung darbieten.

Egal ob es sich um Muslime in den sozialen Netzwerken handelt, die durch Profilbilder und religiös motivierte Postings einen gewissen Anschein pflegen, oder Geschwister, die möglichst streng und tadellos das äußere Erscheinungsbild gestalten; beide Gattungen bergen heutzutage leider einen erschreckend hohen Anteil an äußerst fragwürdigen Charakterzügen in sich.

Ein häufiger Fehler, den (scheinbar besonders fromme) Muslime hierzulande gern begehen, ist das ständige öffentliche Beschweren über diejenigen Glaubensgeschwister, die anscheinend nicht dermaßen vorbildlich und tadellos den Islam praktizieren können wie sie, und das ruppige Zurechtweisen selbiger.

Meine Erfahrung in den letzten fast 10 Jahren als Muslim ist, dass es speziell für diese „ruppigen Frommen“ eine geradezu existentielle Prüfung wird, wenn der Iman einmal sinkt oder gewisse Zweifel den Verstand herausfordern. Denn den eigenen hohen Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden, wegen denen man zuvor zahlreiche Muslime tadelte, ist wie ein zusätzliches schweres Gewicht am Fuß, wenn man hinabsteigt in die Sphären der Schwäche und Zweifel.

Manche können sich noch in die Heuchelei retten, das äußere Bild wahren, aber gerade diese Form der Lebenspraxis ist alles andere als förderlich für eine Wiederzunahme des Glaubens und eine Ausräumung der Zweifel. Vielmehr setzt sich der Wesenszug der Heuchelei im Charakter fest und wird Teil der eigenen Persönlichkeit. Dies merken einige und sehen teilweise keinen anderen Ausweg mehr als die Abtrünnigkeit.

Ich habe so viele Muslime (Revertiten und Konvertiten) kommen und gehen sehen. Die längsten Bärte, die größten Hijaabs, die strengsten Auffassungen … und einige Wochen, Monate oder Jahre später komplett raus aus der Religion.

Fürchtet Allah, meine lieben Geschwister, seid gutmütig zu denen, die sich nicht in der Lage sehen den Islam dermaßen streng auszulegen wie ihr es derzeit könnt, denn nur Allah weiß, ob Er euch mit dem Islam bis zu eurem Lebensende ehren wird, oder ob Er euch von eurem hohen Ross stößt.

Und an diejenigen gerichtet, die gerade ein Glaubenstief plagt oder ein großer Zweifel: Lasst euch nicht von oben herab, von irgendwelchen scheinbar Frommen, die Religion schwer machen. Die Sünde und der Zweifel gehören zur Ummah und Allah ist barmherzig und vergebend.

„Er liebt eine Sünde, die dich vor Ihm demütig werden lässt, mehr als ein Gottesdienst, der dich vor Ihm selbstgefällig werden lässt. Es ist besser für dich, dass du die Nacht schlafend verbringst, und den Morgen bereuend erreichst, als dass du die Nacht betend verbringst, und den Morgen selbstbewundernd erreichst, denn die Taten eines jemanden, der sich selbst bewundert, steigen nicht empor. Es ist besser für dich, dass du lachst, während du [deine Sünden] erkennst, als dass du weinst, während du selbstgefällig bist.

Das Ächzen eines Sünders ist besser als der Gesang eines selbstgefälligen Lobpreisenden. Es mag sein, dass Allah ihn mittels dieser Sünde eine Heilung kosten lässt, mit der eine verheerende Krankheit in ihm geheilt wird, von der du auch heimgesucht bist, ohne es zu wissen.“

— Imam Ibn al Qayyim [Gest. 751 n.d.A] رحمه الله.
(Besten Dank an Bruder Behzad Zibari)

Bitte verliert niemals die Hoffnung.

Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Die Befehlsgewalt außerhalb des Staates (IV)

Es gibt keinen anderen nichtmuslimischen Autor, dessen Werke ich ausgiebiger und mit solcher Hingabe studierte, wie diejenigen des Wissenschaftlers und Philosophen Prof. Bertrand de Jouvenel. Sicherlich könnte ich nun versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination für diesen großen Denker ausmacht. Viel besser jedoch als ich, kann dies die Eminenz des klassischen Liberalismus in Deutschland, Prof. Dr. Gerd Habermann, der für seine de Jouvenel-Publikation „Die Ethik der Umverteilung“ (2012) eine umfassende Würdigung de Jouvenels verfasste. Das Folgende ist ein Auszug aus dieser Würdigung:

VII. Die fatale Annahme politischer „Souveränität“

Moderner Despotismus sei auch eine Folge der Vorstellung von monopolitischer „Souveränität“ – jener Annahme (mit einer aufwendigen Theorie im Hintergrund), dass irgendein Menschenwille, eine Regierung, die unumschränkte Macht zustehen solle, „Beziehungen zwischen den Untertanen abzuändern und deren Handlungen anzuordnen“ (1963, S. 200).

Dieser Souveränitätsvorstellung widmet de Jouvenel ein besonders wichtiges seiner Bücher. Eine solche Vorstellung von Souveränität verleihe eine absolute Gestaltungsmacht über die „soziale Ordnung“. Es werden damit gerade jene spontanen Ordnungen zerstört, die Voraussetzungen des harmonischen Funktionierens einer „Großordnung“ sind. Wie er an einer eindrucksvollen Stelle seines Buches über die Staatsgewalt schreibt:

„Das Ziel ist die Zerstörung jeder Befehlsgewalt außerhalb des Staates. Es bedeutet völlige Unabhängigkeit eines jeden von familiären und sozialen Autoritäten; aber sie muss mit vollständiger Unterwerfung unter den Staat bezahlt werden.“

(1972, S. 204)

Selbst im Zeitalter des monarchischen Absolutismus war der Herrscher niemals absolut im Sinne dieser modernen Souveränität, geschweige denn in den Zeiten davor, in denen das Recht nicht als „gemacht“ vorgestellt, sondern als vorgefunden betrachtet und nur „gewahrt“ werden musste. Im Mittelalter hatte es auch kein staatliches „Gewaltmonopol“ gegeben, sondern eine ganze Stufenleiter der Befehlsgewalten, eine quantitative Aufteilung der Macht mit einer entsprechenden Vielfalt von Hierarchien. „Auch der absoluteste König wäre nicht imstande gewesen, sich den modernen Absolutismus (der sich aus der Vorstellung einer „Volkssouveränität“ herleitet, Gerd Habermann) auch nur vorzustellen“ (1963, S. 115).  Es gab damals eigentlich gar keine Gesetzgebung im modernen Sinn.

Faktisch sicherte in früheren Zeiten bereits die Unvollkommenheit der Verkehrs- und politischen Kontrollmittel eine gewisse Autonomie lokaler Zentren. Entscheidend für die Einschränkung der Souveränität der Zentrale waren Vorstellungen von „göttlichen Gesetzen“, oder von „natürlicher“ Gerechtigkeit als Wahrung gegebener Eigentumsrechte und Gewohnheiten, später die Doktrin des liberalen Naturrechts, schließlich die traditionellen Grundgesetze des Staates.

Souverän war nicht der Herrscher, selbst wenn er „absolut“ war, sondern das überlieferte Recht. Erst der Atheismus und der skeptische Rechtspositivismus, gestützt auf die moderne Volkssouveränität, habe alle Schranken des Gesetzgebers hinweggefegt. Während frühere Regenten in Fürstenspiegeln und dergleichen einer detaillierten Pflichtenerziehung unterworfen wurden, die die Grenzen seiner Macht und die Imperative seiner Verantwortlichkeiten aufzeigten – der Herrscher hatte nur die Freiheit, das „Rechte“ zu tun -, schienen solche Lehren und Schranken entbehrlich, als das Volk selber die Souveränität erlangte. „Ist das Volk selbst souverän geworden, dann ist die Vorstellung, dass es sich selbst bindet, widersinnig“ (1963, S. 217)

So konnte erst im Gefolge der Französischen Revolution die allgemeine Wehrpflicht durchgesetzt werden; ein „totaler“ Krieg war noch im 18. Jahrhundert und davor unvorstellbar  (vgl. zum Thema Krieg und Staatsgewalt besonders de Jouvenel, 1941a, 1972). Er ist Ausdruck unbeschränkter Souveränität der Regierungen über alle natürlichen und menschlichen Ressourcen einer Gesellschaft.

Das Besteuerungsrecht kenne heute keine grundsätzlichen Grenzen mehr. Der Fortschritt der Verwaltung ging vielmehr einher mit einer Verfügungsmacht über Privateigentum, mit der ständigen Ausdehnung des Besteuerungsrechtes und dem Recht der Regierungen, die Vertragsfreiheit der Individuen einzuschränken (de Jouvenel, 1972).

Die steigende Flut moderner Gesetze schaffe kein „Recht“ mehr; diese seien nur „Übersetzungen von Interessen, Stimmungen, Meinungen und insofern antisozial, da sie auf einer falschen und unheilvollen Gesellschaftsauffassung beruhten“. Sie seien in sich unstimmig, wenn sie das Werk einer immer ausgedehnteren, aber durch den Parteienstreit auch zerrissenen Staatsgewalt sind. Sie seien in ihrer ungerechten Systematik hassenswert, wenn sie Ausfluss einer brutalen Zentralgewalt seien (1972, S. 365).  […]

Literatur:

Jouvenel, Bertrand de (1941a), La Décomposition de L´Europe Liberale, Paris
Jouvenel, Bertrand de (1963), Über Souveränität, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1972), Über die Staatsgewalt - Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Freiburg

Buchauszug: Der Meinungsunterschied bezüglich Gold und Silber als Zahlungsmittel

«Al-Ghazali, Ibn Khaldun und viele andere muslimische Gelehrte waren der Ansicht, dass Edelmetalle geschaffen wurden um als Geld zu dienen, was ursprünglich eine griechische Idee war. Ibn Taymiyya jedoch sieht es als eine Frage der gesellschaftlichen Konvention (Tradition/Sitte/Abkommen) an. Er sagt:

„Gold- und Silbermünzen haben weder eine natürliche, noch eine schariarechtliche Spezifikation. (Ob sie als Zahlungsmittel benutzt werden) hängt also von den Menschen ab, von ihren Gewohnheiten (Brauchtum) und gesellschaftlicher Übereinkunft,“¹

… so dass schlussendlich jedwede Ware als Geld dienen könnte.

„Auch die sich derzeit im Umlauf befindlichen Münzen (deren Tauschwert höher angesetzt war als ihr tatsächlicher Warenwert) dienen also, genauso wie Edelmetalle, zur Bemessung des Wertes von Waren.“²»

(Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Contributions of Muslim Scholars to Economic Thought and Analysis, Seite 76 / übertragen in die deutsche Sprache von Yahya ibn Rainer)

Fußnoten:

¹ Ibn Taymiyyah, Majmu` Fatawa Shaykh al-Islam Ahmad Ibn Taymiyyah, 1963, edited by al-Najdi, Abd al-Rahman b. Muhammad, Al-Riyad, Matabi` al-Riyad, , Vol. 19, pp. 250, 251, 248-249
² ibid., Vol. 29, p. 469

Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Kleingruppenideal und Großgesellschaft (III)

Es gibt keinen anderen nichtmuslimischen Autor, dessen Werke ich ausgiebiger und mit solcher Hingabe studierte, wie diejenigen des Wissenschaftlers und Philosophen Prof. Bertrand de Jouvenel. Sicherlich könnte ich nun versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination für diesen großen Denker ausmacht. Viel besser jedoch als ich, kann dies die Eminenz des klassischen Liberalismus in Deutschland, Prof. Dr. Gerd Habermann, der für seine de Jouvenel-Publikation „Die Ethik der Umverteilung“ (2012) eine umfassende Würdigung de Jouvenels verfasste. Das Folgende ist ein Auszug aus dieser Würdigung:

VI. Kleingruppenideal und Großgesellschaft

Der fortgeschrittene Sozialzustand – die Ausdehnung der sozialen Verknüpfungen über immer weitere Regionen, die immer weitergehende Arbeitsteilung – entlässt, so führt de Jouvenel an anderer Stelle aus, den Menschen immer mehr aus den Bindungen der kleinen Gruppe, der „sozialen Wärme“ der Face-to-face-Beziehungen. Diese Tendenz werde noch durch die Lehren der atomistisch-hedonistischen Mainstream-Ökonomie verstärkt (1941a, S. 180). Die Individuen sähen sich so mehr und mehr „vereinsamt“. Diese moderne Tendenz – wir würden heute von „Individualisierung“ sprechen – war auch eines der Leitthemen von Benjamin Constant und Toqueville.

Nichts anderes habe die kommunistischen und faschistischen Parteien zum Siege geführt als die Möglichkeit, den modernen Menschen aus dieser Vereinsamung wieder hervortreten zu lassen (1941a, S. 184). Der moderne Mensch vermisse die alte Geborgenheit der Kleingemeinschaften der Familie oder des Stammes und dieser Mangel versetze ihn in eine Art Heimweh, die zur Quelle totalitärer Utopien und der Macht kollektivistischer Parteienwerde.

Eine anonyme „Gesellschaft“ könne jedoch nicht Quelle der Geborgenheit werden; gegenseitige Liebe und Gemeinschaftsgeist ließe sich nicht durch Verwaltung organisieren; „die Gesellschaft“ sei nur die Summe aller unserer Beziehungen „nach Abzug derjenigen, die uns erfreuen“ (1963, S. 167).

Gewiss bleibe die kleinere Gemeinschaft, als der ursprünglichen Heimat des Menschen, für ihn wünschenswert und unentbehrlich. Aber jeder Versuch einer Großgesellschaft einen analogen Handlungs- und Gefühlsrahmen aufzuzwingen, führe unweigerlich in die Tyrannei – stelle sie sich nun in Form einer fiktiven „Großfamilie“ wie beim sentimentalen Sozialismus (Ideal der „City of brotherly love“, 1990, S. 11) oder in Form einer kollektivistischen Arbeitsgemeinschaft wie im positivistischen Sozialismus dar (1963, S. 86). „Primitivismus“ dieser Art sei die „Todeskrankheit“ aller entfalteten Zivilisationen. […]

Dies kann für de Jouvenel nicht bedeuten, dass die kleine Gemeinschaft antiquiert sei – im Gegenteil: nur auf den Verhaltungsregeln und Orientierungen, die in den ursprünglichen kleinen Gemeinschaften vermittelt werden, lässt sich das größere Sozialgebäude aufbauen. Auf den noch intakten Gemeinschaftsgeist der Deutschen führte er (1941a, S. 204-216) die militärische Überlegenheit Deutschlands gegenüber dem „atomisierten“ Frankreich zurück.

Literatur:

Jouvenel, Bertrand de (1941a), La Décomposition de L´Europe Liberale, Paris
Jouvenel, Bertrand de (1963), Über Souveränität, Neuwied
Gray, John (1990), Einführung zu de Jouvenel, S. XI bis XVIII.
Habermann, Gerd (1994), Der Wohlfahrtsstaat. Die Geschichte eines Irrwegs, Berlin

Schrecklich: Das modernistische muslimische Staats- und Schariaverständnis

von Yahya ibn Rainer

Was das moderne muslimische Staatsverständnis so schrecklich macht, ist der idealistische Perfektionsmus. Man möchte sich bei der öffentlichen Zwangsanwendung islamischer Urteile mittlerweile grundsätzlich an den strengsten Meinungen orientieren. Das allerdings führt zu einer Art Uniformierung und oberflächlicher Gleichförmigkeit, besonders was das äußere Erscheinungsbild und die Kleiderordnung angeht. Es wird kein Platz mehr gelassen für den Unterschied. Weder die Sünder, noch die Rechtschaffenden können noch durch Nuancen aus der Masse hervorstechen:

Die Schamlose und Unzüchtige trägt ebenso Niqab und wallenden Umhang wie die Rechtschaffende, und der sittenlose Räubersmann trägt einen großen Bart und tadelloses Beinkleid.

Der zeitgenössische islamische Perfektionist ernennt die Spanne an Rechtschaffenheit, die zwischen seiner eigenen Praxis und der Praxis der besten der Ummah (Sahaba, Salaf) besteht, zum strafbewährten Usus, dabei bilden die uns bekannten Berichte über die Besten der frühen Generationen mittlerweile eine Art Zwangskorsett, während die Berichte über ihre Schwächen und Verfehlungen nur wenig Verbreitung finden oder empört abgewiesen werden.

Dabei gab es unter den Zeitgenossen des Propheten auch solche die sündigten, nachlässig waren oder nicht in der Lage in allen Bereichen beispielhaft zu handeln.

Überlieferungen über diese Menschen haben jedoch keinen großen Nutzen für die Einladung zu einem vorbildlichen Lebenswandel, weshalb wir nur selten von ihnen hören. Aber es gibt sie. Es gereichte unseren Vorfahren zum Vorteil, dass sie auf den Straßen, in den Gassen und auf den Märkten die Menschen unterscheiden konnten.

Es gibt jedoch Muslime, die meinen, dass die Scharia erst etabliert sei, wenn vom Staat die Hadd-Strafen öffentlich vollzogen werden. Diese Sichtweise ist das Resultat einer latent etatistischen Gesinnung, denn sie impliziert, dass die Scharia ausschließlich einer »staatlichen« Etablierung bedarf.

Jedoch muss die Scharia zuallererst in den Köpfen der Menschen etabliert werden. Sie muss sich (unabhängig vom Staat) in den Gliedern der Gesellschaft als das manifestieren, was sie ist, nämlich ein Kompendium an Rechten und Pflichten für den Menschen und nicht ein staatlicher Zwangs- und Strafkatalog.

Wirklich „etabliert“ ist die Scharia also erst, wenn die Hadd-Strafen zwar existent sind, aber quasi keinerlei Anwendung mehr finden. Auf einem Staatsgebiet jedoch, in dem regelmäßig zahlreiche öffentliche Bestrafungen und Hinrichtungen stattfinden, kann irgendetwas nicht in Ordnung sein.

Man könnte vermuten, dass es sich um Gebiete handelt, in denen augenscheinlich nur der Staat „islamisch“ ist und er – samt Anhang – mit diesem Zustand so lange zufrieden ist, wie er die Delinquenten öffentlich entleiben kann.

Islam fängt beim Individuum an, nicht beim Staat

Nicht, dass man mich falsch versteht. Weder leugne ich, dass auch der Amir in all seinen Urteilen und Handlungen an die Scharia gebunden ist, noch dass die Hudud ein (wenn auch äußerst kleiner) Bestandteil dieser Scharia sind.

Ich möchte lediglich dem Gedanken dahingehend Ausdruck verleihen, dass allein der öffentliche Vollzug von Hudud-Strafen nicht als Indiz dafür anerkannt werden darf, dass die Scharia tatsächlich allumfassend etabliert wurde.

Es kann nämlich durchaus sein, dass ein Mensch durch eine Strafe entleibt wird, die im Kanon der islamischen Jurisprudenz eindeutig belegt ist, aber diese Anwendung von Gewalt muss nicht zwingend auf einem rechtmäßig erlangtem Gerichtsurteil beruhen.

In diesem Zusammenhang ist auch die folgende Aussage des Gesandten Allahs zu verstehen, Allah segne ihn und schenke ihm Heil, der sagte:

„Wehrt die Hadd-Strafen von den Muslimen ab, so gut ihr könnt. Wenn ihr für den Muslim einen Ausweg findet, lasst von ihm ab, denn dass sich der Richter bei einem Freispruch irrt, ist besser, als dass er sich hinsichtlich der Bestrafung irrt.“

(Al-Mustadrak ala al-Sahihayn, al-Hakim, sahih / übersetzt von Behzad Zibari und leicht redigiert von Yahya ibn Rainer)

Zudem kann doch kein aufrichtiger und objektiver Muslim einen Zweifel daran hegen, dass die Scharia auch (vor allem) außerhalb des Staatsapparates, also mitten in der Gesellschaft, eine Etablierung erfahren muss und dass diese Etablierung einen viel größeren gesellschaftlichen Nutzen hat, als die regelmäßige und zahlreiche Anwendung staatlicher Gewalt.

Ich bin manchmal erschrocken über die Härte und Gewaltaffinität mancher Muslime, die sich anscheinend freuen, wenn die Zahl öffentlicher Körper- und Todesstrafen steigt und sie womöglich sogar hochauflösend gefilmt werden.

Im Gegensatz dazu war der Gesandte Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – sogar geneigt die zweifache Selbstanzeige eines Unzüchtigen zu ignorieren, um die Hadd-Strafe nicht vollziehen zu müssen. Er – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – fand keinen Gefallen daran, wenn einem Dieb die Hand amputiert wurde, er wurde vielmehr blass und man sah Trauer in seinem Gesicht. Und als ihn die Sahaba fragten, weshalb er dann das Urteil fällte, da gab er zu verstehen, dass er als Richter keine andere Chance hätte das Urteil Allahs in Anwendung zu bringen, aber dass durchaus die Leute die Möglichkeit hätten, solche Vergehen nicht an einen hoheitlichen Richter zu delegieren; auch das ist Scharia.

Und Umar ibn al-Khattab – möge Allah mit ihm zufrieden sein – setzte den Vollzug der Hadd-Strafe für Diebstähle aus, weil er in einer Zeit der Dürre befürchtete, dass den Hungernden in großer Zahl die Hände amputiert werden müssten. Ich bin mir fast sicher, dass nicht wenige junge Hardliner unserer Epoche auf einen solchen weisen Führer umgehend den Takfir aussprechen würden, weil er angeblich nicht die Scharia vollständig implementiert hätte

Dabei gab es zahlreiche Gelehrte die auch solche Führer entschuldigten, die absichtlich (aber in guter Absicht) nicht vollständig mit Allahs Scharia richteten bzw. richten konnten. Wie z.B.  Imam Ibn Taymiyyah, den der ehrenwerte Bruder Behzad kürzlich für uns zitierte:

«Der abessinische König war nicht in der Lage, mit dem Gesetz des Quran zu urteilen, da dessen Volk dies nicht anerkennen und erlauben würde. Öfters möchte eine Person, die zwischen den Muslimen und Tataren als ein Richter oder Führer fungiert, gemäß ihrem Gerechtigkeitsinn handeln, doch sie ist nicht in der Lage, dies zu tun — vielmehr gibt es jemanden, der sie daran hindert.

Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie tragen kann. ‚Umar Ibn ‚Abdulaziz wurde angefeindet und geschmäht aufgrund dem, was er an Gerechtigkeit walten ließ. Ferner wurde gesagt, dass dies der Grund war, warum er vergiftet worden ist.

Der abessinische König und seines Gleichen sind die Glücklichen im Paradies, selbst wenn sie das an Gesetzen des Islams nicht ausführten, wozu sie nicht in der Lage waren. Vielmehr urteilten sie nach den Urteilen, mit denen sie in der Lage waren, zu urteilen.»

— Imam Ibn Taymiyyah [Gest. 728 n.d.A.] رحمه الله.

Ein Scharia-Fetischismus, wie ihm heute (vor allem junge und unerfahrene) Perfektionisten frönen, war unseren weisen Vorfahren in dieser Form nicht bekannt. Sie beteten Allah an und nicht Seine Scharia.

Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Über Pflicht, Schuld und Gesellschaftsvertrag (II)

Es gibt keinen anderen nichtmuslimischen Autor, dessen Werke ich ausgiebiger und mit solcher Hingabe studierte, wie diejenigen des Wissenschaftlers und Philosophen Prof. Bertrand de Jouvenel. Sicherlich könnte ich nun versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination für diesen großen Denker ausmacht. Viel besser jedoch als ich, kann dies die Eminenz des klassischen Liberalismus in Deutschland, Prof. Dr. Gerd Habermann, der für seine de Jouvenel-Publikation „Die Ethik der Umverteilung“ (2012) eine umfassende Würdigung de Jouvenels verfasste. Das Folgende ist ein Auszug aus dieser Würdigung:

IV. Gegen die Metaphysik des sozialen Rationalismus

[…] Es sei eine Torheit unserer Zeit, dem Individuum eher die Forderung vor Augen zu führen, die es gegen die Gesellschaft besitze, als die Schuld, in der es ihr gegenüberstehe. Der bewusste Mensch erkennt sich als Schuldner und seine Handlungen werden ihm von einem tiefen Gefühl der Verpflichtung eingegeben (1963, S. 303). Der Mensch sei nur frei, insoweit er selber Richter über seine Verpflichtungen ist und sich selber zwinge, sie einzuhalten.

«Man ist frei, wenn man sponte sua handelt, in Vollziehung eines in foro interno erlassenen Befehls.»

(ebenda)

Von diesen Überlegungen her kommt de Jouvenel zur Kritik an rationalistischen Theorien vom „Gesellschaftsvertrag“. Diese Theorien verkörpern nach de Jouvenels Ansicht die Meinungen kinderloser Männer, die offenbar ihre eigenen Kindheit vergessen hätten. Ein Gemeinwesen werde nicht wie ein Club gegründet.

«Man kann fragen, wie sich die verwegenen, umherziehenden Erwachsenen dieser Theorie die Vorteile einer zukünftigen Solidarität vorstellen könnten, wenn sie nicht die Wohltaten einer wirklichen Solidarität während ihrer Jugend erfahren hätten, oder wie sie sich durch den bloßen Austausch von Versprechen verpflichtet fühlen könnten, wenn die Existenz der Gruppe nicht in ihnen den Begriff der Verpflichtung geschaffen hätten.»

(1967, S. 65/66)

Der Mensch werde als Abhängiger geboren und handle in einer schon struktuierten Umgebung – diese Sätze besitzen für de Jouvenel die Kraft und den Wert von Axiomen (1967, S. 67)

Der individualistische Freiheitsbegriff im Sinne der Hobbes oder Descartes führe zu einer Störung der sozialen Ordnung: Das Individuum befinde sich unter der Annahme dieser Theorie in einer künstlichen Opposition gegen alles, was ihn erst zum Sozialwesen bändige. Der soziale Rationalismus und „falsche Individualismus“ – um mit von Hayek (1976) zu sprechen – zerstöre die soziale Kohäsion und entfessele den Staat.

Man könne, so meint de Jouvenel, die totalitären Regime nicht verurteilen, ohne mit ihnen auch die „destruktive Metaphysik“ zu verurteilen, die ihr unausweichliches Erscheinen möglich gemacht habe:

«Sie wollen in der Geschichte nur den Staat und das Individuum sehen. Sie verkannte die Rolle moralischer Autoritäten und aller jener intermediären gesellschaftlichen Mächte, die den Menschen einrahmen, beschützen und lenken. Sie hat nicht vorausgesehen, dass die Zerstörung dieser Hindernisse und Bollwerke die Regellosigkeit egoistischer Interessen und blinder Leidenschaften verursachen würde, die eine unheilvolle Tyrannei unvermeidlich erscheinen lassen.»

(1972, S. 447)

An genau diese Überlegungen knüpfen auch die sozialen Integrationslehren von Alexander Rüstow oder Wilhelm Röpke an (vgl. Habermann, 1994, besonders S. 390).

Literatur:

Jouvenel, Bertrand de (1963), Über Souveränität, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1967), Reine Theorie der Politik, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1972), Über die Staatsgewalt - Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Freiburg
Hayek, Friedrich August von (1976), Individualismus und wirtschaftliche Ordnung, 2. Aufl., Salzburg
Habermann, Gerd (1994), Der Wohlfahrtsstaat. Die Geschichte eines Irrwegs, Berlin

Kurz gesagt: #BurkaVerbot #NiqabVerbot #MinarettVerbot

NiqabVerbot

von Yahya ibn Rainer

Was ich mich bei solchen populistischen Ideen wie dem Burka-, Niqab- oder Minarettverbot immer frage, ist: Wie kann man das rechtlich formulieren?

Wenn man den Bau von Minaretten verbietet, sind dann automatisch auch Kirchtürme mit eingeschlossen? Wenn nicht, darf dann eine Moscheegemeinde einen Kirchturm für die eigene Moschee bauen? Wie wird das juristisch unterschieden? Baut man z.B. einen rechteckigen statt einen runden Turm und integriert dann noch eine Turmuhr; ist das dann immernoch ein Minarett? Oder wird ein Turm – wie immer er auch aussehen mag – allein dadurch zu einem Minarett, dass er von Muslimen geplant, finanziert und gebaut wird?

Und wenn man nun die Burka bzw. den Niqab verbietet, gilt das dann nur für muslimische Frauen? Dürfen muslimische Frauen dann auch keine Sturmhauben (für MotoradfahrerInnen) mehr benutzen, sich eine Spider-Man-Maske überziehen oder sich mit einer Darth-Vader-Maske kleiden? Oder sind Sturmhauben sowie Spider-Man- und Darth-Vader-Masken dann etwa auch für nichtmuslimische Frauen verboten … oder gar auch für Männer?

Darf man sich dann im Winter auch nicht mehr den Schal ins Gesicht ziehen wenn man sich zum Islam bekennt und weiblichem Geschlechts ist? Oder verbietet man das dann auch allen anderen Menschen?

Ich finde das ganze wirklich sehr fraglich …

Wirtschaftslehre/Ökonomie: Beziehungen und Einflüsse zwischen den ökonomischen Denkschulen

Wirtschaftslehre/Ökonomie: Beziehungen und Einflüsse zwischen den Ideen muslimischer Gelehrter, der christlichen Scholastik und der griechischen Philosophie

Insgesamt lassen sich verschiedene Beziehungen zwischen den Ideen muslimischer Gelehrter, denen der griechischen Philosophie und der christlichen Scholastik mit Hilfe des folgenden Diagramms erklären.

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Die Kategorien 1, 2 und 3 stehen für die konkreten Vorstellungen jeder Identität, die einander widersprechen.

Die Kategorie 4 zeigt solche Ideen, die Muslime und Griechen gemeinsam haben, die aber dem Christentum fremd oder entgegengesetzt sind.

Die Kategorie 5 zeigt Ideen, welche Muslime mit dem Christentum gemeinsam haben, während Kategorie 6 Vorstellungen aufzeigt, welche das Christentum und die griechische Philosophie gemeinsam haben, die aber der islamischen Tradition fremd sind.

Die Kategorie 7 vereint solche Ideen, die allen 3 Systemen gemeinsam sind.

Im Fall der Kategorien 1, 2 und 3 versuchten muslimische Gelehrte die griechischen Ideen zu interpretieren, um – wo es möglich war – eine Synthese zur muslimischen Lehre herzustellen. Wo eine Synthese nicht möglich war, haben sie die griechischen Ideen einer Kritik unterzogen und sie widerlegt.

Da das Christentum mit den selben Problemen konfrontiert war, bedienten sich die Scholastiker an diesen (muslimischen) Argumenten (wenn es ihnen zum Vorteil gereichte), zumeist jedoch ohne die Quellen zu würdigen. In diesen Bereichen sind allgemeinhin philosophische und metaphysische Ideen vorzufinden. Wenn jedoch die Interpretation eines muslimischen Gelehrten in Konflikt mit dem christlichen Dogma geriet, wurde die Quelle von ihnen genannt und explizit auf den Fehler hingewiesen.

Gleiches ist der Fall in den Kategorien 4 und 6. Die Scholastiker wiesen auf (aus ihrer Sicht) dogmatische Irrtümer hin und muslimische Gelehrte wurden namentlich (dafür) verurteilt.

Ein Beispiel: Im Jahre 1277 n. Chr. publizierte Stephan Tampier, der Bischof von Paris, eine Liste von Ideen des muslimischen Gelehrten Averroës (Abū l-Walīd Muḥammad bin Rušd), die von ihm allesamt verurteilt wurden (Durrant, Will, The Story of Civilization: The Age of Faith, New York: Simon & Schuster, 1950, Vol. 4., pp.57-58). Thomas von Aquins Antrieb, seine Summa Theologiae zu schreiben, lag u.a. darin, die drohende Liquidierung der christlichen Theologie aufzuhalten, die durch die arabischen Interpretationen von Aristoteles drohte. (ibid., p. 913). Tatsächlich trieb Thomas von Aquin also nicht die Liebe zu Aristoteles an, sondern vielmehr die Angst vor dem muslimischen Gelehrten Averroës. (ibid., p. 954) Im Grunde war dies eine Anerkennung, mit einer schlechten Absicht allerdings.

Solcherlei Bezugnahmen sind nicht selten, auch in zeitgenössischen Texten die die Beiträge muslimischer Gelehrter zur Wirtschaftslehre vollkommen außer Acht lassen.

Ein Beispiel: Während er muslimische Beiträge zum Wirtschaftlehre vollständig ignoriert, erwähnt Roll die Muslime lediglich als „Beutekrieger“ (‘….. Moslems who had begun as raiding warriors ….’) (Roll, Eric, A History of Economic Thought, Homewood/Illinois, Richard D. Irwin In., 1974, p. 42). Selbst die kategorische Würdigung der Araber für das individuelle Eigentumsrecht, wird von Ashly als eine „Selbstsucht der Heiden“ dargestellt (Ashly, William J., An Introduction to English Economic History and Theory, New York: G.P. Putnam and Sons, 2 Vols., 1893-1906, p. 128) – eine gängige Anspielung auf die Muslime, die möglicherweise von den Scholastikern entlehnt wurde.

Auch Whittaker machte sich nicht die Mühe die Beiträge muslimischer Gelehrter zur Wirtschaftstheorie zu erwähnen, jedoch vergas er nicht daran zu erinnern, dass „die Machtausbreitung der Mohammedaner nicht nur die Existenz des Ostens oder Byzanz‘ bedrohte, mit Fokus auf Konstantinopel, sondern dass die Mohammedaner nach der Eroberung Nordafrikas sich auch in Spanien und Sizilien ausbreiteten“. (Whittaker, Edmund, Schools and Streams of Economic Thought, London, John Murray, 1960, p. 21) Er sagt weiter: „Der schikanöse und riskante Überland-Handel mit Asien wurde durch einen relativ einfachen Seeweg ersetzt, der bei alledem auch noch frei war von der Bedrohung durch die Mohammedaner“ (ibid., p. 22). Was hier als „Bedrohung“ bezeichnet wird, war übrigens die Handelskonkurrenz, die von solchen Muslimen ausging die selber Händler waren.

Die Kategorie 5 kennzeichnet dogmatische Harmonien zwischen dem Islam und dem Christentum. Hier bediente man sich vonseiten der Christen im vollen Umfang an den Ideen muslimischer Gelehrter, jedoch auch hier zumeist ohne Würdigung der Quellen. Zum Beispiel der spanische Dominikanermönch Raymond Martini, der sich sehr ausgiebig bei den Ideen von Algazel  (Abū Hāmid Muhammad al-Ghazālī) bediente, welche er aus den Werken Tahafut al-Falasifah, al-Maqasid, al-Munqidh, Mishkat al-Anwar und Ihya Ulum ad-Din entnahm, wiederum ohne Bezug auf die Quelle nehmen. (Sharif, M.M., A History of Muslim Philosophy, Weisbaden: Otto Harrassowitz, 2 Vols., 1966, p. 1361)

Die Kategorie 7 ist als dogmatisch neutral zu bezeichnen. Auch in diesem Bereich, wie oben bereits erwähnt, zögerten die Scholastiker nicht, sich ausgiebig an den Ideen der anderen Denkschulen zu bedienen, wobei sie, sofern sie das Bedürfnis hatten auf die Quelle zu verweisen, sich vornehmlich auf griechische Gelehrte bezogen. In den Worten Daniels (Daniel, Norman, The Culture Barrier: Problems in the Exchange of Ideas, Edinburgh, Edinburgh University Press., 1975, pp. 76-77): „Es gab eine spontane und allgemein anerkannte Übereinstimmung darüber, was annehmbar und was abzulehnen sei; was übernommen wurde, entsprach entweder einer kulturellen Gemeinsamkeit oder war kulturell neutral. Der Großteil d(ies)er wissenschaftlichen Erkenntnis war kulturell neutral. Diese kulturelle Neutralität wurde lediglich in einem gewissen Umfang dadurch absorbiert, dass diese Erkenntnisse ein gemeinsames Erbe der arabischen Welt als auch Europas darstellten.“

Es sei darauf hingewiesen, dass die meisten ökonomischen Ideen zu den Kategorien 6 und 7 gehören, also zu denjenigen, die ohne weitere Würdigung der Quelle von den Scholastikern übernommen wurden. Und auch wenn diese Tatsachen heute geleugnet werden oder einfach in Vergessenheit geraten sind, so ändert dies nichts daran, dass es ein Faktum ist, das zumindest heute einer nachträglichen Anerkennung würdig sein sollte.

[Basierend auf der Arbeit von Prof. Dr. Abdul Azim Islahi in seiner Publikation Contributions of Muslim Scholars to Economic Thought and Analysis]

Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Eine zivilisierte freie Ordnung

Es gibt keinen anderen nichtmuslimischen Autor, dessen Werke ich ausgiebiger und mit solcher Hingabe studierte, wie diejenigen des Wissenschaftlers und Philosophen Prof. Bertrand de Jouvenel. Sicherlich könnte ich nun versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination für diesen großen Denker ausmacht. Viel besser jedoch als ich, kann dies die Eminenz des klassischen Liberalismus in Deutschland, Prof. Dr. Gerd Habermann, der für seine de Jouvenel-Publikation „Die Ethik der Umverteilung“ (2012) eine umfassende Würdigung de Jouvenels verfasste. Das Folgende ist ein Auszug aus dieser Würdigung:

III. La Passion de l’ordre

De Jouvenel ist in erster Linie Ordnungstheoretiker und –politiker. Sein Denken kreist um die Frage, was die Gesellschaft „im innersten zusammenhält“. Für ihn ruht die innere Kohärenz einer Gesellschaft letztendlich darauf, dass „jeder nicht in den Bereich des anderen eindringt …, die geschworene Treue hält …, mit Gegenseitigkeit handelt („Do, ut des“, ausgleichende Gerechtigkeit) und sich ganz allgemein so verhält, wie die anderen es von ihm erwarten“ (de Jouvenel, 1963, S. 72/73). Je mehr die Menschen durch arbeitsteiligen Tausch voneinander abhängig werden, desto unerlässlicher ist für sie diese berechenbare Regelmäßigkeit des Verhaltens ihrer Tauschpartner.

„Der gesamte Tagesablauf eines Kulturmenschen beruht darauf, dass die anderen auf ihrem Posten in der Gesellschaft stehen“

(de Jouvenel, 1963, S. 74, vgl. auch 1967b).

Was ist es nun, was die „soziale Kohärenz“, den sozialen Kitt und Zusammenhalt einer Gesellschaft bildet? Es sind Regelmäßigkeiten des Handelns aufgrund gemeinsamer Verfahrens-, Handlungs- und Denkweisen im Sinne des comme il faut (de Jouvenel, 1971, S. 253), also Sitten, Bräuche. Glaubenshaltungen, moralische Regeln, Vorbilder und allgemein anerkannte Autoritäten. Nur in ihrem Rahmen kann das „soziale Wunder“, die korrekte Berechnung einer  großen Anzahl freiwilliger Handlungen bestehen – nur so ist eine „spontane“ Koordination möglich, auch und gerade in einer komplexen Gesellschaft.

Ebenso beruht der wissenschaftliche Fortschritt nach de Jouvenel darauf, dass im Rahmen der Arbeitsteilung der eine Spezialist auf die Autorität und Gewissenhaftigkeit des anderen vertrauen darf. Er kann nicht alles selber nachprüfen (de Jouvenel, 1967, S. 119).

Ohne die Erwartung einer berechenbaren Umwelt und zwar der natürlichen wie der sozialen sei menschliche Existenz schlechterdings nicht möglich (vgl. besonders 1967b). De Jouvenel wählt ein Beispiel: Wenn alle Straßen von Paris allwöchentlich ihren Namen änderten, würden alle wahnsinnig (1963, S. 74). Interessen, Wertschätzungen und damit auch die Preise im Tauschverkehr bewegen sich innerhalb dieses Rahmens.

Diese nicht „gemachte“ Ordnung ist aller Politik vorgegeben, eine Art „natürliches“ Recht vor allem positiv-gesetzem Recht, nicht als von einem einzelnen ausgedachtes Regelsystem, sondern als spontanes Ergebnis individuellen Zusammenhandelns und individueller Erfahrungen. Es ist jene Art spontanen Naturrechts, das frühere Herrscher vorfanden und nur zu bewahren und auszulegen, aber niemals konstruktivistisch zu „machen“ suchten (vgl. besonders die Betrachtungen über Rex und Dux in: de Jouvenel, 1963, S. 52-57).

„Es ist nicht so, dass die gesamte Gesellschaftsordnung von der Staatsgewalt allein gewährleistet wird. Glaubenshaltungen und Sitten machen ihren besten Teil aus. Und weder die einen noch die anderen dürfen ständig neu infrage gestellt werden, vielmehr ist ihre relative Stabilität eine für das Wohl notwendige Voraussetzung. Die erforderliche Kohäsion in der Gesellschaft kann nicht allein durch die Staatsgewalt geschaffen werden. Vielmehr bedarf der Staat einer fundamentalen Übereinstimmung der Gesellschaft, wie sie in einer unbestrittenen Moral zum Ausdruck kommt und ein unverletzliches Recht stützt. All das muss außerhalb der Reichweite der Staatsgewalt liegen. Sobald sich diese emotionale Übereinstimmung auflöst, sobald das Recht gesetzgeberischer Willkür überlassen ist, kann und muss die Staatsgewalt sich ausdehnen, um durch kontinuierliche und generelle Intervention den gestörten Zusammenhalt wiederherzustellen“

(de Jouvenel, 1972, S. 365)

Von dieser Analyse zur Hayek’schen wissenschaftlich begründeten Kritik des Konstruktivismus ist es nur ein kleiner Schritt, denn in der politischen Ordnung vorgelagerten „sozialen“ Ordnung ist ein Wissen gespeichert, das kein zentraler Planer wissen kann und das zwar Ergebnis individuellen Tuns, aber nicht Ergebnis eines individuellen Entwurfs ist.

Literatur:

Jouvenel, Bertrand de (1963), Über Souveränität, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1967), Reine Theorie der Politik, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1967b), Die Kunst der Vorausschau, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1971), Jenseits der Leistungsgesellschaft, Elemente sozialer Vorausschau und Planung, Freiburg
Jouvenel, Bertrand de (1972), Über die Staatsgewalt - Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Freiburg