Kurz gesagt: Keine oder zu wenige Muslime auf Friedens- und Anti-Terror-Demonstrationen

Es gibt hierzulande den weit verbreiteten Vorwurf gegen uns Muslime, dass wir uns nie oder nur selten (und dann mit geringer Beteiligung) an hiesigen Friedens- und Anti-Terror-Demonstrationen beteiligen würden.

Nun ja, bei mir ist es so: Bevor ich zum Islam konvertierte, war ich Mitglied in der DKP und nahm treu ergeben alljährlich am 1-Mai-Demontrationszug teil, für den Kommunismus.

Gott sei Dank, muss ich heute sagen, hat meine Teilnahme an diesen Demonstrationen der Sache keinerlei Erfolg beschert.

Das ist nun auch der Grund, warum ich nicht mehr an Demonstrationen teilnehme.

Weder bringen sie Frieden, noch besiegen sie den Terrorismus.

Zitat: Ali Pasha Mubarak über den Trickle-Down-Effekt

«Denn so wie die Reichen sich sehr anstrengen um viel Gewinn zu erzielen, so haben auch die Armen ihre Manieren ihr Brot zu verdienen und ihren Vergnügungen nachzugehen, je nach ihrer Situation.

Die Armen entsprechen in jeder Stadt ja immer den Reichen. Je größer die Stadt wird und je reicher die Reichen, nehmen auch die Existenzmöglichkeiten der Armen zu, denn indem sie überall Stellen haben und Dienste leisten, können sie mehrere Sachen zu gleicher Zeit verfolgen, was man nur sieht wenn man gut darauf acht gibt.»

– Ali Pasha Mubarak (gest. 1310 n.H.),
in seinem Buch ‚Alam ad-Dīn

Quelle: https://lesewerkarabisch.wordpress.com/2017/12/14/ali-mubarak-und-das-trickle-down-effekt

Zitat: Prof. Dr. Gustav Kafka über die negative Auswirkung einer finanziellen Arbeitslosenunterstützung (1949)

„Es ist hier natürlich nicht der Ort, konkrete Vorschläge zur Arbeitsbeschaffung zu machen; nur darauf muß hingewiesen werden, daß Arbeitslosenunterstützung ein sehr mangelhafter Ersatz für Arbeitsbeschaffung ist, weil sie in dem Unterstützungsempfänger eine geistige Einstellung erzeugt, die sich zum Bezug von Geld oder Gütern ohne eigene Gegenleistung für berechtigt hält.

Mit bedenklichen Folgen dieser Einstellung auf die Arbeitsmoral sind durch die Erfahrungen aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zur Genüge bestätigt worden.“

(Gustav Kafka, Freiheit und Anarchie, ©1949, Seite 35)

Zitat: Murad Wilfried Hofmann – Islamische Emanzipation der Frau

«Es trifft zu, daß islamische Kleidung ihren Trägerinnen eine Würde verleihen kann, wie man sie im Westen mit langem Abendkleid verbindet. Dies – und die starke Position der Muslima in der Familie – bedeutet jedoch noch nicht, daß die Frau in muslimischen Ländern die Rolle einnimmt, die Koran und Sunna für sie vorgesehen haben. Man müßte blind sein zu übersehen, daß viele Frauen in der muslimischen Welt ihre islamische Emanzipation noch vor sich haben. Diese Welt ist mehr als ihr guttut Männerwelt geblieben.»

– Murad Wilfried Hofmann (geb. 1931),
ehemaliger Informationsdirektor der NATO und ehemaliger Deutscher Botschafter in Algerien und Marokko, Muslim seit 1980

Buchauszug: Wael B. Hallaq – Die Unabhängigkeit der Justiz in einer schariarechtlichen Ordnung

Ich habe vor einiger Zeit einen weiteren Auszug aus dem Buch „The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament“ von Prof. Dr. Wael B. Hallaq übersetzen lassen. Dieser Auszug war eigentlich für einen Artikel gedacht, den ich aber aus Zeitmangel bis heute nicht verfassen konnte.

Da ich aber gutes Geld für die Übersetzung ausgegeben habe und nicht weiß, wann ich mit den Artikel fertig werde, publiziere ich den Auszug hier einfach mal außerhalb den Kontextes. Vielleicht interessiert es jemanden.

Es geht um die Unabhängigkeit der Justiz (Judikative) in einer muslimischen Ordnung. Diese Unabhängigkeit ist anders gelagert als im modernen Staatsmodell, da ein Richter zwar auch von der Obrigkeit ernannt wird, jedoch nicht als Beamter (auf Lebenszeit), womit er sich auch nicht in eine finanzielle Abhängigkeit von der Obrigkeit begibt.

«Schließlich könnte das Konzept der Delegierung (des Richters durch die Obrigkeit) auch für die Kontrolle der Judikative durch die Exekutive herangezogen werden, da moderne Beobachter eine Amtsenthebung in der Regel als Unterminierung der juristischen Unabhängigkeit und so der Gewaltenteilung ansehen. Dies ist in modernen Rechtssystemen sicherlich der Fall, jedoch nicht in deren islamischem Gegenstück.

Die heutige, arbeitsplatzbasierte Wirtschaft und das Konzept der Fachkompetenz haben offensichtlich zu der Vorstellung geführt, dass eine sichere Karriere bzw. ein sicherer Arbeitsplatz für die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen unabdingbar sind. Ist der Job in Gefahr, ist es unweigerlich auch die eigene Unabhängigkeit. Diese Auffassung gab es vor dem neunzehnten Jahrhundert jedoch noch nicht, weder in der islamischen Welt noch anderswo.

So waren muslimische Juristen nicht spezialisiert in diesem Tätigkeitsfeld, da sie regelmäßig auch andere Aufgaben wahrnahmen, so dass das Einkommen aus ihrer Tätigkeit als qāḍī nur eine von mehreren Einnahmequellen war.

In den ersten Jahrhunderten des Islams hatten qāḍīs und andere Juristen noch weitere Berufe, hauptsächlich im handwerklichen Bereich. Später nahmen sie zahlreiche Aufgaben im Erziehungs- und Bildungsbereich wahr. So lehrten sie, gaben Privatunterricht oder schrieben Manuskripte ab – Tätigkeiten, die stets florierten. Manche arbeiteten als Schreiber, Sekretäre oder Protokollanten, während andere Kleinhändler und einige wenige sogar Großhändler waren.

Anders ausgedrückt: Der muslimische Richter war nicht nur von seinem Einkommen her von dieser Tätigkeit (als Richter) unabhängig, ja, sie war nicht einmal sehr bedeutend für ihn.

Doch damit ist noch nicht alles gesagt. In der Regel betrug die Amtszeit eines Richters zwei oder drei Jahre, oft wurde sie nach einer Pause erneuert. Amtsenthebungen gehörten zum Leben und waren etwas Selbstverständliches. Sie wurden erwartet und so oft durchgeführt, dass sie für niemanden eine Bedrohung darstellten.

Tatsächlich war es gerade diese Häufigkeit und deren Normalität – von der selbstverständlichen Bindung an die šarīʿa ganz zu schweigen –, die juristische Unabhängigkeit nicht nur möglich machte, sondern sie auch bestärkte.»

(Prof. Dr. Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament, übersetzt von Korrekturlesen-HH im Auftrag von Al-Adala.de)

Zitat: Wael B. Hallaq – Maßstab für Besteuerung unter schariarechtlicher Ordnung

«Gleichwohl wissen wir, dass der Maßstab für Besteuerung schariarechtlich vorgeschrieben und allgemein als außerordentlich niedrig anerkannt war, besonders im Vergleich mit moderne Standards. Mit anderen Worten, die Besteuerung konnte durch festgesetzte und objektive Kriterien bestimmt werden, und somit war eine zu hohe Besteuerung relativ einfach zu erkennen und vor einem Scharia-Gericht zu beklagen.

Sogar im staatsähnlichsten aller islamischen Imperien, dem Osmanischen Reich, war der Wirkungsbereich des Sultans zu jeder Zeit in den Rahmen eines [Scharia-]Gerechtigkeitsbegriffs beschränkt, der die Rechte der Eigentümer (an ihrem Eigentum) gewährleistete.»

(Prof. Dr. Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament“, übersetzt von Jens Ranft)

Buchauszug: Prof. Dr. Gustav Kafka – Der Zusammenhang zwischen musikalischer Rhythmik und Faulheit

Als amtlich indoktrinierter Salafist wurde ich natürlich sorgfältig darauf geimpft, dass Musik verboten sei und dass hierin keine anerkannte Meinungsverschiedenheit unter den Gelehrten der Ahlus Sunnah wal Jama’a besteht.

Heute denke ich da ein wenig anders: Ich erkenne den Meinungsunterschied an, der aufgrund der Urteile einiger Gelehrter zustande kam, auch wenn es nur wenige unter den großen Autoritäten (wie Ibn Hazm & al-Ghazali) waren.

Trotz alledem bin ich noch immer der festen Überzeugung, dass der absichtliche Konsum von Musik (vor allem zum Zeitvertreib) verboten und schädlich ist. Mir hat der freiwillige Verzicht auf Musik – die bis zu meiner Konversion zum Islam ein überaus wichtiger und prägender Teil meines Lebens war – sehr dabei geholfen, mich dem Studium der Bücher zu widmen. Während ich als Musikkonsument nicht einmal ein Bücherregal besaß, kann ich heute, nach etwa 10 Jahren, eine beachtliche Bibliothek mein Eigen nennen.

Dies ist – und davon bin ich felsenfest überzeugt – vor allem auch meiner rhythmischen Abstinenz zu verdanken. Ich hatte das Gefühl, dass Musik nicht nur ablenkt, sondern auch Wesenszustände erzeugt, die einerseits animalisch anmuten, andererseits aber auch eine intellektuelle Faulheit förderten. Dieses Gefühl fand vor einigen Jahren eine überraschende Bestätigung, nämlich als ich das Buch „Freiheit und Anarchie“ (1949) des Psychologen Prof. Dr. Gustav Kafka las.

Hier der Auszug zum Gegenstand:

«Aber da der Mensch nun einmal kein rein vegetatives Dasein führt, verliert das far niente [das Nichtstun] für ihn sehr bald seine dolcezza [Süße] und er beginnt sich zu langweilen, nicht bloß, wenn er keinen Schmerz empfindet – wie Schopenhauer gelegentlich übertreibt -, sondern schon, wenn er wirklich „nichts zu tun hat“.

Was ist nun einer der einfachsten Kunstgriffe, die der Mensch anwendet, um sich die Langeweile zu vertreiben, wenn ihm kein anderes Mittel dafür zur Verfügung steht? Er beginnt mit den Fingern rhythmisch auf einer Unterlage zu trommeln und erreicht damit ein Doppeltes: einmal drückt er damit das biologische Niveau seiner Lebensäußerung herab, denn Rhythmik der Bewegung ist nicht nur ein Kennzeichen der niederen Organismen, sondern auch derjenigen Organe, die nicht unter der unmittelbaren Kontrolle des Zentralnervensystems stehen (wie etwa Herz und Darm), zum anderen gleicht er die körperliche Untätigkeit durch eine geistige, wenn auch sehr tiefstehende geistige Tätigkeit aus, nämlich durch die Formung des Zeitablaufes zu rhythmischen Gestalten.

Zu nichts anderem als zur Ausfüllung einer Tätigkeitspause dienen aber sämtliche Veranstaltungen, die als „Unterhaltung“ bezeichnet werden und die nur jenes Mindestmaß geistiger Tätigkeit voraussetzen, dessen es bedarf, um die durch völlige Untätigkeit erzeugte Langeweile zu bannen.»

(Gustav Kafka, Freiheit und Anarchie, ©1949, Seite 51)

Zitat: Ludwig Ferdinand Clauß – Ein Beamter mit einem selbständigen Gewissen ist so etwas wie ein rundes Viereck

«In den Staat gehören Leute, die nicht nur wissen, was gespielt wird, sondern demgemäß das Spiel auch rechtzeitig Mitmachen. Ein Beamter mit einem selbständigen Gewissen ist, von hier aus gesehen, so etwas wie ein rundes Viereck.»

– Ludwig Ferdinand Clauß (gest. 1974 / rahimahuAllah)

Buchauszug: Prof. Kenneth Minogue – Nur einer der Gründe, warum wir Immigranten aus allen Teilen der Welt anziehen

«Unser Reichtum ist […] nur einer der Gründe, warum wir Immigranten aus allen Teilen der Welt anziehen.

Aus der Perspektive traditioneller Gesellschaften in anderen Teilen der Welt betrachtet, scheinen wir bewundernswert frei zu sein. Richtet man sein Augenmerk auf die Besonderheiten unseres gegenwärtigen Zustands, so wird es einem unwahrscheinlich vorkommen, daß wir uns auf dem abschüssigen Pfad zur ‚Sklavenmentalität‘ befinden, wie ich es nenne.

Die Gesellschaft der Gegenwart hat uns zweifellos von vielen der Entbehrungen und Konventionen früherer Zeiten befreit. Sie fördert entschieden die Impulsivität, und wir erfreuen uns der ’negativen Freiheiten‘ gegenüber einer Vielzahl von zuvor eingeschränkten Aktivitäten.

Die Kehrseite dieses bewundernswerten Standes der Dinge ist jedoch der Anstieg der Kriminalität, des Drogenkonsums, unsozialen Verhaltens und die zunehmende Zerrüttung des Familienlebens.

Als demokratisch verfaßt reagiert die moderne Welt positiv auf das, was wir wollen, und was wir wollen, ist nicht immer gut für uns.»

(Kenneth Minogue, Die demokratische SklavenmentalitätWie der Überstaat die Alltagsmoral zerstört)

Kurz gesagt: #Islam und #Aufklärung

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der große deutsche Geschichtsphilosoph und Kulturhistoriker Oswald Spengler (gest. 1936) in seinem opus magnum „Der Untergang des Abendlandes – Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte“ (1918) die Sendung des Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – („622“ n. chr. Zeitr.) in den geistesgeschichtlichen „Sommer“ der „arabischen Kultur seit Chr.“ einordnete.

Die darauf folgende geistesgeschichtliche Epoche des „Herbstes“ beginnt mit der Aufklärung. Hier verortet Spengler die arabisch-muslimische Kultur bereits etwa 200 Jahre später, und zwar parallel mit dem Auftreten der „Mutazilisten“ und des „Sufismus“, sowie der Gelehrten an-Nazzâm und Alkindi.

Die abendländische Aufklärung hingegen findet laut Spengler erst mit dem Auftreten von Locke (gest. 1704), Voltaire (gest. 1778) und Rousseau (gest. 1778) statt.

Letztendlich bedeutet dies, dass die muslimische Aufklärung bereits 200 Jahre nach der Sendung des „Religionsstifters“ ihren Beginn nahm, während die christlich-abendländische Aufklärung nach der Sendung ihres „Religionsstifters“ über 1700 Jahre dafür brauchte.

Zitat: Wael B. Hallaq – Es gab nie einen islamischen Staat …

«Es gab nie einen islamischen Staat. Der Staat ist modern und mit modern meine ich nicht eine besondere zeitliche Einheit an irgendeinen Punkt auf der Chronik der Menschheitsgeschichte. Das Moderne ist eine spezifische Struktur von Beziehungen, welche sich als ein einzigartiges Phänomen auszeichnet. Sie stellt eine besondere Qualität dar.

Aus diesem Grund stellt der Gebrauch des Begriffs “ Islamischer Staat“ – im Sinne einer Entität, die in der Geschichte bereits existierte – nicht nur ein Frönen in anachronistischem Denken dar, sondern verkennt auch die strukturellen und qualitativen Unterschiede zwischen dem modernen Staat und seinen „Vorgängern“, insbesondere im Vergleich mit dem, was ich als „islamische Herrschaftsform“ bezeichne.»

(Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament, Seite 48)

Buchauszug: John Gray – Der Humanismus ist eine Religion

«Der liberale Humanismus verfügt heute über eine so weitreichende Macht wie einst die Offenbarungsreligionen. Humanisten bilden sich gern ein, ihre Sicht der Welt sei rational. Doch ihre Grundüberzeugung, die Geschichte der Menschheit sei eine Fortschrittsgeschichte, beruht auf einem Aberglauben und ist weiter von der Wahrheit entfernt als jede Religion. […]

Der Humanismus ist keine Wissenschaft. Der Humanismus ist eine Religion. Er ist ein postchristlicher Glaube daran, dass wir eine Welt aufbauen können, die besser ist als jede, in der Menschen bislang gelebt haben. Im vorchristlichen Europa ging man ganz selbstverständlich davon aus, die Zukunft werde wie die Vergangenheit sein. Es mochte zwar neue Erkenntnisse und Erfindungen geben, aber an den Grundlagen ethischen Handelns würde sich im Wesentlichen nichts ändern. Die Geschichte des Menschen betrachtete man als eine Abfolge von Zyklen, der kein allumfassender Sinn innewohnt.

Die Christen dagegen fassten die Menschheitsgeschichte im Sinne einer Erzählung von Sünde und Erlösung auf. Der Humanismus überführt diese christliche Erlösungsdoktrin in das Projekt, die gesamte Menschheit zu emanzipieren. Die Idee des Fortschritts ist der ins Säkulare gewendete christliche Glaube an die Vorsehung.»

(John Gray, Von Menschen und anderen Tieren – Abschied vom Humanismus, Klett-Cotta Verlag)

Buchauszug: Erik von Kuehnelt-Leddihn – Demokratisches Verantwortungsgefühl

Wenn wir uns das politische Treiben in den Demokratien betrachten, fällt uns ein Mangel sofort auf: der Mangel an Verantwortlichkeit. Es ist dabei nicht uninteressant, sich zu erinnern, daß der Mangel an Verantwortlichkeit und an Verantwortungsgefühl die Hauptanklage gegen die Monarchen war, die sich »lediglich« Gott gegenüber als verantwortlich betrachtet hatte.

Auch religiös eingestellte Könige vernachlässigten oft ihre Pflichten oder wurden wirkliche Tyrannen. Doch gab es da immer noch eine »Sprache«, die sie selbst auf ihren Abwegen verstanden. Bossuet griff Ludwig XIV. in seinen Predigten in des Königs Privatkapelle an, und dies im Beisein des ganzen Hofes. Und ein Ludwig XV. starb voller Angst über das kommende göttliche Gericht.

Doch hat der Aufstieg der Demokratie das Element der Verantwortlichkeit kaum gestärkt, da das moderne demokratische Regime eine derartige Verteilung der Verantwortung angestrebt hat, so daß sie zwar einerseits überall in beschränktem Maße aufscheint, aber zum Schluß – dank dieser Atomisierung – nirgends mehr recht vorhanden ist.

Die Wähler , die ihre Stimme in unterschriftslosen Briefumschlägen abgegeben hatten, können ihre Missetat, ohne mit einer Wimper zu zucken, ableugnen, und die Abgeordneten, die nach einem anfänglichen Mißerfolg nicht wiedererwählt wurden, können sich darauf berufen, daß ihr Turnus nicht genügte, um ihre Pläne zu einem glücklicheren Abschluß zu bringen. […]

Und da außerdem der Richter und Zensor des Politikers (anscheinend) nicht mehr Gott ist, sondern eine Wählerschaft von Laien, deren Meinung zwar großen praktischen, aber wenig moralischen, geschichtlichen, wirtschaftlichen oder verwaltungstechnischen Wert besitzt, wird der Sinn für wahre Verantwortlichkeit beim Politiker in der Demokratie abgestumpft.

(Erik R. von Kuehnelt-Leddihn, Gleichheit oder Freiheit? / Demokratie – ein babylonischer Turmbau?, Seite 167f)

Ein Blick auf die Konzepte von Staat und Daula

von Prof. Dr. Tamim Al-Barghouti

Dieser Artikel befasst sich mit dem Konzept der daula, was meist als „Staat“ übersetzt wird – eine ebenso irreführende Übersetzung wie die des Wortes ʾumma als „Nation“.

Der Begriff „Staat“ leitet sich vom lateinischen stare ‚stehen‘ ab. Das Wort beinhaltet hauptsächlich die Bedeutung der Festigkeit und Beständigkeit. «Der Duden definiert den Staat als „Gesamtheit der Institutionen, deren Zusammenleben das dauerhafte und geordnete Zusammenleben der in einem bestimmten abgegrenzten Territorium lebenden Menschen gewährleisten soll“.»¹ Dieser „statische Zustand des Staates“ ist einer der Hauptunterschiede zwischen dem Staat und dem Konzept der daula, in dessen Bedeutung hauptsächlich Dinge wie zeitlich begrenzte Dauer, Wandel und Rotation mitschwingen.

[¹ Im englischsprachigen Originaltext wird an dieser Stelle das Oxford English Dictionary  zitiert]

Daula bedeutet wörtlich so viel wie ‚Ablösung‘, ‚Wechsel‘, ‚Umschwung‘. Der Begriff leitet sich ab von dem Verb dāla, das sowohl in Bezug auf seine Buchstaben als auch in Bezug auf seine Bedeutung zwischen den Verben dāra (rotieren) und zāla (verschwinden/aufhören) anzusiedeln ist. Zeitliche Begrenzung und Sukzession sind somit wesentliche Nebenbedeutungen von daula. Alles, was von einem zum anderen weitergegeben wird, ist eine daula; auch der Begriff tadāwul ‚Geldumlauf‘ stammt von der gleichen Wortwurzel ab. Anders als beim europäischen Konzept des Staates, dessen Hauptmerkmal seine Beständigkeit ist, sind die zeitliche Begrenztheit und der Mangel an Beständigkeit die wesentlichen Kennzeichen der daula.

Die daula ist nichtterritorial; sie hängt in erster Linie zusammen mit der herrschenden Klasse, nicht so sehr mit dem Land, über das diese herrscht. Während es zwar eine umayyadische und eine abbasidische daula gab – deren Name sich auf das jeweilige Herrscherhaus bezog –, gab es im vorkolonialen arabischen Sprachgebrauch keine Begriffe wie Daulat aš-Šām (Staat Großsyrien) oder Daulat Miṣr (Staat Ägypten). Bis ins späte neunzehnte und frühe zwanzigste Jahrhundert war die wichtigste daula im Nahen Osten ad-Daula al-ʿUṯmāniya, also das Osmanische Reich.

Des Weiteren war die daula nicht notwendigerweise der Souverän. Jeder Statthalter, der über relativ große Autonomie gegenüber der Zentralregierung des Kalifats verfügte, konnte für sich beanspruchen, eine daula zu leiten. So gab es zum Beispiel innerhalb des abbasidischen und des osmanischen Reiches, die ihrerseits jeweils als daula bezeichnet werden, kleinere, nichtsouveräne politische Einheiten, wie etwa ad-Daula al-Ḥamdāniya – die Fürstentümer der Nachkommen Ḥamdāns in Aleppo und Mossul – oder die Daula aṭ-Ṭūlūniya, womit die Fürstentümer der Nachkommen von ʾAḥmad ibn Ṭūlūn in Ägypten gemeint waren.

Auch die Autorität eines Ministers und seiner Anhänger, die im Dienst eines übergeordneten Sultans oder Kalifen stehen, kann als daula bezeichnet werden, wie es der Fall bei Daulat Banī Barmāk war. Damit ist eine Periode gemeint, während derer die Nachkommen Barmāks, die dem Abbasiden-Kalifen Hārūn ar-Rašīd als Berater und Minister dienten, beträchtliche Autorität innehatten.

In gewisser Weise ist eine daula vor allem ein Mittel zum Zweck. Da die übergeordnete daula üblicherweise vom Imam (womit in diesem Fall der oberste Führer gemeint ist) geleitet wird, der nur dann Imam sein kann, wenn er sich dem Koran und dem darin von der ʾumma gezeichneten Bild unterordnet, bedeutet das Wort ʾumma, wie bereits erwähnt, auch ‚das Ziel‘, ‚der Sinn‘ und ‚der Zweck‘.

Anders als der Nationalstaat, der danach strebt, eine Gruppe von Menschen zu einer Nation zu machen, ist die daula im vorkolonialen arabisch-islamischen Sprachgebrauch eine Einrichtung, deren Legitimität sich daraus ableitet, dass sie der gesamten ʾumma dient.

Jeder, gegenüber dem der Staat rechenschaftspflichtig ist, untersteht der staatlichen Autorität. Dieses Monopol ermöglicht es modernen Staaten, die Souveränität, die ihnen von der Nation gewährt wird, gegen eben diese Nation einzusetzen. Dies soll durch Gewaltenteilung verhindert werden. Der Staatsapparat ist in Exekutive und Legislative aufgeteilt, die jeweils nur einen Teil der gewährten Souveränität innehaben. Bei der daula hingegen ist die Souveränität nicht auf das Staatsgebiet beschränkt. Die daula ist auch verantwortlich für Menschen, die außerhalb ihrer Grenzen leben und kann daher nicht behaupten, dass diese Leute ihr ihre souveränen Rechte überantwortet haben. Theoretisch schuldet die daula ihre Existenz der ʾumma, während die ʾumma der daula nichts schuldet.

Dies zu wissen mag hilfreich sein, um zu verstehen, warum in der arabischen Welt eher der ʾumma Loyalität entgegengebracht wird als den einzelnen Staaten der letzten zwei Jahrhunderte.

Auch lässt sich damit – zumindest teilweise – das Scheitern vieler arabischer Denker und Politiker erklären, einen kohärenten nationalistischen Diskurs zu entwickeln, mit den während des Kolonialismus gegründeten Staaten als Fokus der Loyalität. Solche Diskurse kollidierten stets mit der in der politischen Kultur der Region fest verwurzelten Vorstellung von der ʾumma.

Es bleibt die Frage: Warum wurden nicht mehr Anstrengungen unternommen, um das politische Potenzial solch einer politischen Kultur zu erforschen? Warum die Annahme akzeptieren, dass Verschiedenheit Minderwertigkeit bedeutet und danach streben, zu beweisen, wie ähnlich unsere Konzepte denen des anderen sind? In einer Welt voller Dinosaurier wird es unseren Vögeln nicht gut tun, wenn wir unser Leben damit verbringen, ihnen das Krabbeln beizubringen.

Dieser Artikel wurde erstmals am 27.09.2003 auf der Website TheDailyStar Lebanon in englischer Sprache publiziert. Der Autor ist Prof. Dr. Tamim al-Barghouti, ein palästinensischer Politikwissenschaftler, der vor allem als Kolumnist und arabischer Poet Bekanntheit erlangte.

Die Übersetzung wurde von Al-Adala.de finanziert und erfolgte durch Korrekturlesen-HH.