Zitat: Ali Pasha Mubarak über den Trickle-Down-Effekt

«Denn so wie die Reichen sich sehr anstrengen um viel Gewinn zu erzielen, so haben auch die Armen ihre Manieren ihr Brot zu verdienen und ihren Vergnügungen nachzugehen, je nach ihrer Situation.

Die Armen entsprechen in jeder Stadt ja immer den Reichen. Je größer die Stadt wird und je reicher die Reichen, nehmen auch die Existenzmöglichkeiten der Armen zu, denn indem sie überall Stellen haben und Dienste leisten, können sie mehrere Sachen zu gleicher Zeit verfolgen, was man nur sieht wenn man gut darauf acht gibt.»

– Ali Pasha Mubarak (gest. 1310 n.H.),
in seinem Buch ‚Alam ad-Dīn

Quelle: https://lesewerkarabisch.wordpress.com/2017/12/14/ali-mubarak-und-das-trickle-down-effekt

Zitat: Prof. Dr. Gustav Kafka über die negative Auswirkung einer finanziellen Arbeitslosenunterstützung (1949)

„Es ist hier natürlich nicht der Ort, konkrete Vorschläge zur Arbeitsbeschaffung zu machen; nur darauf muß hingewiesen werden, daß Arbeitslosenunterstützung ein sehr mangelhafter Ersatz für Arbeitsbeschaffung ist, weil sie in dem Unterstützungsempfänger eine geistige Einstellung erzeugt, die sich zum Bezug von Geld oder Gütern ohne eigene Gegenleistung für berechtigt hält.

Mit bedenklichen Folgen dieser Einstellung auf die Arbeitsmoral sind durch die Erfahrungen aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zur Genüge bestätigt worden.“

(Gustav Kafka, Freiheit und Anarchie, ©1949, Seite 35)

Zitat: Murad Wilfried Hofmann – Islamische Emanzipation der Frau

«Es trifft zu, daß islamische Kleidung ihren Trägerinnen eine Würde verleihen kann, wie man sie im Westen mit langem Abendkleid verbindet. Dies – und die starke Position der Muslima in der Familie – bedeutet jedoch noch nicht, daß die Frau in muslimischen Ländern die Rolle einnimmt, die Koran und Sunna für sie vorgesehen haben. Man müßte blind sein zu übersehen, daß viele Frauen in der muslimischen Welt ihre islamische Emanzipation noch vor sich haben. Diese Welt ist mehr als ihr guttut Männerwelt geblieben.»

– Murad Wilfried Hofmann (geb. 1931),
ehemaliger Informationsdirektor der NATO und ehemaliger Deutscher Botschafter in Algerien und Marokko, Muslim seit 1980

Buchauszug: Wael B. Hallaq – Die Unabhängigkeit der Justiz in einer schariarechtlichen Ordnung

Ich habe vor einiger Zeit einen weiteren Auszug aus dem Buch „The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament“ von Prof. Dr. Wael B. Hallaq übersetzen lassen. Dieser Auszug war eigentlich für einen Artikel gedacht, den ich aber aus Zeitmangel bis heute nicht verfassen konnte.

Da ich aber gutes Geld für die Übersetzung ausgegeben habe und nicht weiß, wann ich mit den Artikel fertig werde, publiziere ich den Auszug hier einfach mal außerhalb den Kontextes. Vielleicht interessiert es jemanden.

Es geht um die Unabhängigkeit der Justiz (Judikative) in einer muslimischen Ordnung. Diese Unabhängigkeit ist anders gelagert als im modernen Staatsmodell, da ein Richter zwar auch von der Obrigkeit ernannt wird, jedoch nicht als Beamter (auf Lebenszeit), womit er sich auch nicht in eine finanzielle Abhängigkeit von der Obrigkeit begibt.

«Schließlich könnte das Konzept der Delegierung (des Richters durch die Obrigkeit) auch für die Kontrolle der Judikative durch die Exekutive herangezogen werden, da moderne Beobachter eine Amtsenthebung in der Regel als Unterminierung der juristischen Unabhängigkeit und so der Gewaltenteilung ansehen. Dies ist in modernen Rechtssystemen sicherlich der Fall, jedoch nicht in deren islamischem Gegenstück.

Die heutige, arbeitsplatzbasierte Wirtschaft und das Konzept der Fachkompetenz haben offensichtlich zu der Vorstellung geführt, dass eine sichere Karriere bzw. ein sicherer Arbeitsplatz für die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen unabdingbar sind. Ist der Job in Gefahr, ist es unweigerlich auch die eigene Unabhängigkeit. Diese Auffassung gab es vor dem neunzehnten Jahrhundert jedoch noch nicht, weder in der islamischen Welt noch anderswo.

So waren muslimische Juristen nicht spezialisiert in diesem Tätigkeitsfeld, da sie regelmäßig auch andere Aufgaben wahrnahmen, so dass das Einkommen aus ihrer Tätigkeit als qāḍī nur eine von mehreren Einnahmequellen war.

In den ersten Jahrhunderten des Islams hatten qāḍīs und andere Juristen noch weitere Berufe, hauptsächlich im handwerklichen Bereich. Später nahmen sie zahlreiche Aufgaben im Erziehungs- und Bildungsbereich wahr. So lehrten sie, gaben Privatunterricht oder schrieben Manuskripte ab – Tätigkeiten, die stets florierten. Manche arbeiteten als Schreiber, Sekretäre oder Protokollanten, während andere Kleinhändler und einige wenige sogar Großhändler waren.

Anders ausgedrückt: Der muslimische Richter war nicht nur von seinem Einkommen her von dieser Tätigkeit (als Richter) unabhängig, ja, sie war nicht einmal sehr bedeutend für ihn.

Doch damit ist noch nicht alles gesagt. In der Regel betrug die Amtszeit eines Richters zwei oder drei Jahre, oft wurde sie nach einer Pause erneuert. Amtsenthebungen gehörten zum Leben und waren etwas Selbstverständliches. Sie wurden erwartet und so oft durchgeführt, dass sie für niemanden eine Bedrohung darstellten.

Tatsächlich war es gerade diese Häufigkeit und deren Normalität – von der selbstverständlichen Bindung an die šarīʿa ganz zu schweigen –, die juristische Unabhängigkeit nicht nur möglich machte, sondern sie auch bestärkte.»

(Prof. Dr. Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament, übersetzt von Korrekturlesen-HH im Auftrag von Al-Adala.de)

Zitat: Wael B. Hallaq – Maßstab für Besteuerung unter schariarechtlicher Ordnung

«Gleichwohl wissen wir, dass der Maßstab für Besteuerung schariarechtlich vorgeschrieben und allgemein als außerordentlich niedrig anerkannt war, besonders im Vergleich mit moderne Standards. Mit anderen Worten, die Besteuerung konnte durch festgesetzte und objektive Kriterien bestimmt werden, und somit war eine zu hohe Besteuerung relativ einfach zu erkennen und vor einem Scharia-Gericht zu beklagen.

Sogar im staatsähnlichsten aller islamischen Imperien, dem Osmanischen Reich, war der Wirkungsbereich des Sultans zu jeder Zeit in den Rahmen eines [Scharia-]Gerechtigkeitsbegriffs beschränkt, der die Rechte der Eigentümer (an ihrem Eigentum) gewährleistete.»

(Prof. Dr. Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament“, übersetzt von Jens Ranft)

Buchauszug: Prof. Dr. Gustav Kafka – Der Zusammenhang zwischen musikalischer Rhythmik und Faulheit

Als amtlich indoktrinierter Salafist wurde ich natürlich sorgfältig darauf geimpft, dass Musik verboten sei und dass hierin keine anerkannte Meinungsverschiedenheit unter den Gelehrten der Ahlus Sunnah wal Jama’a besteht.

Heute denke ich da ein wenig anders: Ich erkenne den Meinungsunterschied an, der aufgrund der Urteile einiger Gelehrter zustande kam, auch wenn es nur wenige unter den großen Autoritäten (wie Ibn Hazm & al-Ghazali) waren.

Trotz alledem bin ich noch immer der festen Überzeugung, dass der absichtliche Konsum von Musik (vor allem zum Zeitvertreib) verboten und schädlich ist. Mir hat der freiwillige Verzicht auf Musik – die bis zu meiner Konversion zum Islam ein überaus wichtiger und prägender Teil meines Lebens war – sehr dabei geholfen, mich dem Studium der Bücher zu widmen. Während ich als Musikkonsument nicht einmal ein Bücherregal besaß, kann ich heute, nach etwa 10 Jahren, eine beachtliche Bibliothek mein Eigen nennen.

Dies ist – und davon bin ich felsenfest überzeugt – vor allem auch meiner rhythmischen Abstinenz zu verdanken. Ich hatte das Gefühl, dass Musik nicht nur ablenkt, sondern auch Wesenszustände erzeugt, die einerseits animalisch anmuten, andererseits aber auch eine intellektuelle Faulheit förderten. Dieses Gefühl fand vor einigen Jahren eine überraschende Bestätigung, nämlich als ich das Buch „Freiheit und Anarchie“ (1949) des Psychologen Prof. Dr. Gustav Kafka las.

Hier der Auszug zum Gegenstand:

«Aber da der Mensch nun einmal kein rein vegetatives Dasein führt, verliert das far niente [das Nichtstun] für ihn sehr bald seine dolcezza [Süße] und er beginnt sich zu langweilen, nicht bloß, wenn er keinen Schmerz empfindet – wie Schopenhauer gelegentlich übertreibt -, sondern schon, wenn er wirklich „nichts zu tun hat“.

Was ist nun einer der einfachsten Kunstgriffe, die der Mensch anwendet, um sich die Langeweile zu vertreiben, wenn ihm kein anderes Mittel dafür zur Verfügung steht? Er beginnt mit den Fingern rhythmisch auf einer Unterlage zu trommeln und erreicht damit ein Doppeltes: einmal drückt er damit das biologische Niveau seiner Lebensäußerung herab, denn Rhythmik der Bewegung ist nicht nur ein Kennzeichen der niederen Organismen, sondern auch derjenigen Organe, die nicht unter der unmittelbaren Kontrolle des Zentralnervensystems stehen (wie etwa Herz und Darm), zum anderen gleicht er die körperliche Untätigkeit durch eine geistige, wenn auch sehr tiefstehende geistige Tätigkeit aus, nämlich durch die Formung des Zeitablaufes zu rhythmischen Gestalten.

Zu nichts anderem als zur Ausfüllung einer Tätigkeitspause dienen aber sämtliche Veranstaltungen, die als „Unterhaltung“ bezeichnet werden und die nur jenes Mindestmaß geistiger Tätigkeit voraussetzen, dessen es bedarf, um die durch völlige Untätigkeit erzeugte Langeweile zu bannen.»

(Gustav Kafka, Freiheit und Anarchie, ©1949, Seite 51)

Zitat: Ludwig Ferdinand Clauß – Ein Beamter mit einem selbständigen Gewissen ist so etwas wie ein rundes Viereck

«In den Staat gehören Leute, die nicht nur wissen, was gespielt wird, sondern demgemäß das Spiel auch rechtzeitig Mitmachen. Ein Beamter mit einem selbständigen Gewissen ist, von hier aus gesehen, so etwas wie ein rundes Viereck.»

– Ludwig Ferdinand Clauß (gest. 1974 / rahimahuAllah)

Buchauszug: Prof. Kenneth Minogue – Nur einer der Gründe, warum wir Immigranten aus allen Teilen der Welt anziehen

«Unser Reichtum ist […] nur einer der Gründe, warum wir Immigranten aus allen Teilen der Welt anziehen.

Aus der Perspektive traditioneller Gesellschaften in anderen Teilen der Welt betrachtet, scheinen wir bewundernswert frei zu sein. Richtet man sein Augenmerk auf die Besonderheiten unseres gegenwärtigen Zustands, so wird es einem unwahrscheinlich vorkommen, daß wir uns auf dem abschüssigen Pfad zur ‚Sklavenmentalität‘ befinden, wie ich es nenne.

Die Gesellschaft der Gegenwart hat uns zweifellos von vielen der Entbehrungen und Konventionen früherer Zeiten befreit. Sie fördert entschieden die Impulsivität, und wir erfreuen uns der ’negativen Freiheiten‘ gegenüber einer Vielzahl von zuvor eingeschränkten Aktivitäten.

Die Kehrseite dieses bewundernswerten Standes der Dinge ist jedoch der Anstieg der Kriminalität, des Drogenkonsums, unsozialen Verhaltens und die zunehmende Zerrüttung des Familienlebens.

Als demokratisch verfaßt reagiert die moderne Welt positiv auf das, was wir wollen, und was wir wollen, ist nicht immer gut für uns.»

(Kenneth Minogue, Die demokratische SklavenmentalitätWie der Überstaat die Alltagsmoral zerstört)

Kurz gesagt: #Islam und #Aufklärung

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der große deutsche Geschichtsphilosoph und Kulturhistoriker Oswald Spengler (gest. 1936) in seinem opus magnum „Der Untergang des Abendlandes – Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte“ (1918) die Sendung des Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – („622“ n. chr. Zeitr.) in den geistesgeschichtlichen „Sommer“ der „arabischen Kultur seit Chr.“ einordnete.

Die darauf folgende geistesgeschichtliche Epoche des „Herbstes“ beginnt mit der Aufklärung. Hier verortet Spengler die arabisch-muslimische Kultur bereits etwa 200 Jahre später, und zwar parallel mit dem Auftreten der „Mutazilisten“ und des „Sufismus“, sowie der Gelehrten an-Nazzâm und Alkindi.

Die abendländische Aufklärung hingegen findet laut Spengler erst mit dem Auftreten von Locke (gest. 1704), Voltaire (gest. 1778) und Rousseau (gest. 1778) statt.

Letztendlich bedeutet dies, dass die muslimische Aufklärung bereits 200 Jahre nach der Sendung des „Religionsstifters“ ihren Beginn nahm, während die christlich-abendländische Aufklärung nach der Sendung ihres „Religionsstifters“ über 1700 Jahre dafür brauchte.

Zitat: Wael B. Hallaq – Es gab nie einen islamischen Staat …

«Es gab nie einen islamischen Staat. Der Staat ist modern und mit modern meine ich nicht eine besondere zeitliche Einheit an irgendeinen Punkt auf der Chronik der Menschheitsgeschichte. Das Moderne ist eine spezifische Struktur von Beziehungen, welche sich als ein einzigartiges Phänomen auszeichnet. Sie stellt eine besondere Qualität dar.

Aus diesem Grund stellt der Gebrauch des Begriffs “ Islamischer Staat“ – im Sinne einer Entität, die in der Geschichte bereits existierte – nicht nur ein Frönen in anachronistischem Denken dar, sondern verkennt auch die strukturellen und qualitativen Unterschiede zwischen dem modernen Staat und seinen „Vorgängern“, insbesondere im Vergleich mit dem, was ich als „islamische Herrschaftsform“ bezeichne.»

(Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament, Seite 48)

Buchauszug: John Gray – Der Humanismus ist eine Religion

«Der liberale Humanismus verfügt heute über eine so weitreichende Macht wie einst die Offenbarungsreligionen. Humanisten bilden sich gern ein, ihre Sicht der Welt sei rational. Doch ihre Grundüberzeugung, die Geschichte der Menschheit sei eine Fortschrittsgeschichte, beruht auf einem Aberglauben und ist weiter von der Wahrheit entfernt als jede Religion. […]

Der Humanismus ist keine Wissenschaft. Der Humanismus ist eine Religion. Er ist ein postchristlicher Glaube daran, dass wir eine Welt aufbauen können, die besser ist als jede, in der Menschen bislang gelebt haben. Im vorchristlichen Europa ging man ganz selbstverständlich davon aus, die Zukunft werde wie die Vergangenheit sein. Es mochte zwar neue Erkenntnisse und Erfindungen geben, aber an den Grundlagen ethischen Handelns würde sich im Wesentlichen nichts ändern. Die Geschichte des Menschen betrachtete man als eine Abfolge von Zyklen, der kein allumfassender Sinn innewohnt.

Die Christen dagegen fassten die Menschheitsgeschichte im Sinne einer Erzählung von Sünde und Erlösung auf. Der Humanismus überführt diese christliche Erlösungsdoktrin in das Projekt, die gesamte Menschheit zu emanzipieren. Die Idee des Fortschritts ist der ins Säkulare gewendete christliche Glaube an die Vorsehung.»

(John Gray, Von Menschen und anderen Tieren – Abschied vom Humanismus, Klett-Cotta Verlag)

Buchauszug: Erik von Kuehnelt-Leddihn – Demokratisches Verantwortungsgefühl

Wenn wir uns das politische Treiben in den Demokratien betrachten, fällt uns ein Mangel sofort auf: der Mangel an Verantwortlichkeit. Es ist dabei nicht uninteressant, sich zu erinnern, daß der Mangel an Verantwortlichkeit und an Verantwortungsgefühl die Hauptanklage gegen die Monarchen war, die sich »lediglich« Gott gegenüber als verantwortlich betrachtet hatte.

Auch religiös eingestellte Könige vernachlässigten oft ihre Pflichten oder wurden wirkliche Tyrannen. Doch gab es da immer noch eine »Sprache«, die sie selbst auf ihren Abwegen verstanden. Bossuet griff Ludwig XIV. in seinen Predigten in des Königs Privatkapelle an, und dies im Beisein des ganzen Hofes. Und ein Ludwig XV. starb voller Angst über das kommende göttliche Gericht.

Doch hat der Aufstieg der Demokratie das Element der Verantwortlichkeit kaum gestärkt, da das moderne demokratische Regime eine derartige Verteilung der Verantwortung angestrebt hat, so daß sie zwar einerseits überall in beschränktem Maße aufscheint, aber zum Schluß – dank dieser Atomisierung – nirgends mehr recht vorhanden ist.

Die Wähler , die ihre Stimme in unterschriftslosen Briefumschlägen abgegeben hatten, können ihre Missetat, ohne mit einer Wimper zu zucken, ableugnen, und die Abgeordneten, die nach einem anfänglichen Mißerfolg nicht wiedererwählt wurden, können sich darauf berufen, daß ihr Turnus nicht genügte, um ihre Pläne zu einem glücklicheren Abschluß zu bringen. […]

Und da außerdem der Richter und Zensor des Politikers (anscheinend) nicht mehr Gott ist, sondern eine Wählerschaft von Laien, deren Meinung zwar großen praktischen, aber wenig moralischen, geschichtlichen, wirtschaftlichen oder verwaltungstechnischen Wert besitzt, wird der Sinn für wahre Verantwortlichkeit beim Politiker in der Demokratie abgestumpft.

(Erik R. von Kuehnelt-Leddihn, Gleichheit oder Freiheit? / Demokratie – ein babylonischer Turmbau?, Seite 167f)

Ein Blick auf die Konzepte von Staat und Daula

von Prof. Dr. Tamim Al-Barghouti

Dieser Artikel befasst sich mit dem Konzept der daula, was meist als „Staat“ übersetzt wird – eine ebenso irreführende Übersetzung wie die des Wortes ʾumma als „Nation“.

Der Begriff „Staat“ leitet sich vom lateinischen stare ‚stehen‘ ab. Das Wort beinhaltet hauptsächlich die Bedeutung der Festigkeit und Beständigkeit. «Der Duden definiert den Staat als „Gesamtheit der Institutionen, deren Zusammenleben das dauerhafte und geordnete Zusammenleben der in einem bestimmten abgegrenzten Territorium lebenden Menschen gewährleisten soll“.»¹ Dieser „statische Zustand des Staates“ ist einer der Hauptunterschiede zwischen dem Staat und dem Konzept der daula, in dessen Bedeutung hauptsächlich Dinge wie zeitlich begrenzte Dauer, Wandel und Rotation mitschwingen.

[¹ Im englischsprachigen Originaltext wird an dieser Stelle das Oxford English Dictionary  zitiert]

Daula bedeutet wörtlich so viel wie ‚Ablösung‘, ‚Wechsel‘, ‚Umschwung‘. Der Begriff leitet sich ab von dem Verb dāla, das sowohl in Bezug auf seine Buchstaben als auch in Bezug auf seine Bedeutung zwischen den Verben dāra (rotieren) und zāla (verschwinden/aufhören) anzusiedeln ist. Zeitliche Begrenzung und Sukzession sind somit wesentliche Nebenbedeutungen von daula. Alles, was von einem zum anderen weitergegeben wird, ist eine daula; auch der Begriff tadāwul ‚Geldumlauf‘ stammt von der gleichen Wortwurzel ab. Anders als beim europäischen Konzept des Staates, dessen Hauptmerkmal seine Beständigkeit ist, sind die zeitliche Begrenztheit und der Mangel an Beständigkeit die wesentlichen Kennzeichen der daula.

Die daula ist nichtterritorial; sie hängt in erster Linie zusammen mit der herrschenden Klasse, nicht so sehr mit dem Land, über das diese herrscht. Während es zwar eine umayyadische und eine abbasidische daula gab – deren Name sich auf das jeweilige Herrscherhaus bezog –, gab es im vorkolonialen arabischen Sprachgebrauch keine Begriffe wie Daulat aš-Šām (Staat Großsyrien) oder Daulat Miṣr (Staat Ägypten). Bis ins späte neunzehnte und frühe zwanzigste Jahrhundert war die wichtigste daula im Nahen Osten ad-Daula al-ʿUṯmāniya, also das Osmanische Reich.

Des Weiteren war die daula nicht notwendigerweise der Souverän. Jeder Statthalter, der über relativ große Autonomie gegenüber der Zentralregierung des Kalifats verfügte, konnte für sich beanspruchen, eine daula zu leiten. So gab es zum Beispiel innerhalb des abbasidischen und des osmanischen Reiches, die ihrerseits jeweils als daula bezeichnet werden, kleinere, nichtsouveräne politische Einheiten, wie etwa ad-Daula al-Ḥamdāniya – die Fürstentümer der Nachkommen Ḥamdāns in Aleppo und Mossul – oder die Daula aṭ-Ṭūlūniya, womit die Fürstentümer der Nachkommen von ʾAḥmad ibn Ṭūlūn in Ägypten gemeint waren.

Auch die Autorität eines Ministers und seiner Anhänger, die im Dienst eines übergeordneten Sultans oder Kalifen stehen, kann als daula bezeichnet werden, wie es der Fall bei Daulat Banī Barmāk war. Damit ist eine Periode gemeint, während derer die Nachkommen Barmāks, die dem Abbasiden-Kalifen Hārūn ar-Rašīd als Berater und Minister dienten, beträchtliche Autorität innehatten.

In gewisser Weise ist eine daula vor allem ein Mittel zum Zweck. Da die übergeordnete daula üblicherweise vom Imam (womit in diesem Fall der oberste Führer gemeint ist) geleitet wird, der nur dann Imam sein kann, wenn er sich dem Koran und dem darin von der ʾumma gezeichneten Bild unterordnet, bedeutet das Wort ʾumma, wie bereits erwähnt, auch ‚das Ziel‘, ‚der Sinn‘ und ‚der Zweck‘.

Anders als der Nationalstaat, der danach strebt, eine Gruppe von Menschen zu einer Nation zu machen, ist die daula im vorkolonialen arabisch-islamischen Sprachgebrauch eine Einrichtung, deren Legitimität sich daraus ableitet, dass sie der gesamten ʾumma dient.

Jeder, gegenüber dem der Staat rechenschaftspflichtig ist, untersteht der staatlichen Autorität. Dieses Monopol ermöglicht es modernen Staaten, die Souveränität, die ihnen von der Nation gewährt wird, gegen eben diese Nation einzusetzen. Dies soll durch Gewaltenteilung verhindert werden. Der Staatsapparat ist in Exekutive und Legislative aufgeteilt, die jeweils nur einen Teil der gewährten Souveränität innehaben. Bei der daula hingegen ist die Souveränität nicht auf das Staatsgebiet beschränkt. Die daula ist auch verantwortlich für Menschen, die außerhalb ihrer Grenzen leben und kann daher nicht behaupten, dass diese Leute ihr ihre souveränen Rechte überantwortet haben. Theoretisch schuldet die daula ihre Existenz der ʾumma, während die ʾumma der daula nichts schuldet.

Dies zu wissen mag hilfreich sein, um zu verstehen, warum in der arabischen Welt eher der ʾumma Loyalität entgegengebracht wird als den einzelnen Staaten der letzten zwei Jahrhunderte.

Auch lässt sich damit – zumindest teilweise – das Scheitern vieler arabischer Denker und Politiker erklären, einen kohärenten nationalistischen Diskurs zu entwickeln, mit den während des Kolonialismus gegründeten Staaten als Fokus der Loyalität. Solche Diskurse kollidierten stets mit der in der politischen Kultur der Region fest verwurzelten Vorstellung von der ʾumma.

Es bleibt die Frage: Warum wurden nicht mehr Anstrengungen unternommen, um das politische Potenzial solch einer politischen Kultur zu erforschen? Warum die Annahme akzeptieren, dass Verschiedenheit Minderwertigkeit bedeutet und danach streben, zu beweisen, wie ähnlich unsere Konzepte denen des anderen sind? In einer Welt voller Dinosaurier wird es unseren Vögeln nicht gut tun, wenn wir unser Leben damit verbringen, ihnen das Krabbeln beizubringen.

Dieser Artikel wurde erstmals am 27.09.2003 auf der Website TheDailyStar Lebanon in englischer Sprache publiziert. Der Autor ist Prof. Dr. Tamim al-Barghouti, ein palästinensischer Politikwissenschaftler, der vor allem als Kolumnist und arabischer Poet Bekanntheit erlangte.

Die Übersetzung wurde von Al-Adala.de finanziert und erfolgte durch Korrekturlesen-HH.

Salafismus und die Politik der Religion des freien Marktes

von Joe Bradford

«Den meisten Argumenten gegen den freien Markt liegt ein mangelnder Glaube an die Freiheit an sich zugrunde.»

Milton Friedman (gest. 2006)

Wenn „Islamismus” bereits ein schlechtes Wort ist, so ist „Salafismus“ ein abwertender Begriff. Während die Ursprünge beider Begriffe sicherlich fließend und relational sind[1], wird der Salafismus oft dämonisiert, besonders im Westen. Trotzdem ist er in der islamischen Welt seit mindestens siebzig Jahren in seinem Streben, Praktiken zu reformieren, die angeblich von der Praxis des Propheten abweichen, eine bedeutende gesellschaftliche Macht.[2]

Während viele moderne islamische Bewegungen durch eine ideologische Linse betrachtet und entweder als Reformkraft oder „moderne Neuerung“ gesehen werden[3], lohnt es sich, das Phänomen des Salafismus durch eine wirtschaftliche Linse zu betrachten – ohne darüber zu debattieren, ob die religiöse Interpretationsweise der Bewegung „gültig“ ist oder nicht –, um zu verstehen, warum sie so einflussreich ist.

Ökonomien sind im weitesten Sinne regulierte oder nicht regulierte freie Märkte. Regulierte Ökonomien werden von oben nach unten durch Regierungen oder Staaten geregelt, wobei Entscheidungen zentral getroffen werden. Der Staat reguliert Preisgestaltung und Marktzugang für Wettbewerber und übernimmt in vielen Fällen auch die Produktion.

Dagegen sind freie Marktwirtschaften genau das: Ökonomien mit einem freien Markt. Die Bedingungen auf dem freien Markt werden von Produzenten und Konsumenten diktiert, Angebot und Nachfrage werden nicht durch Interventionen, Preisgestaltung oder Monopole von außen behindert. Vereinfacht ausgedrückt ist der freie Markt frei von jeglicher politischer Einmischung.[4]

Zwischen den Befürworten einer regulierten und denen einer unregulierten Wirtschaft gibt es offenkundige Spannungen. Repräsentativ für jene, die gegen einen freien Markt sind, ist Karl Polanyis Aussage, dass „zuzulassen, dass das Schicksal der Menschen und ihrer natürlichen Umgebung nur durch Marktmechanismen bestimmt wird […] zu einer Zerstörung der Gesellschaft führen würde“.[5] Zur Verhinderung dieser „Zerstörung der Gesellschaft“, zu der ein ungezügelter Markt führen würde, erlegt die Regierung Kontrollen und Beschränkungen auf, um Marktausschöpfung, Instabilität und Leid zu verhindern. Dies führt unweigerlich zu einer gewissen Gängelung der Menschen und beschränkt ihre Möglichkeiten, Handel zu treiben.

Bilden Handel und Wettbewerb zwischen verschiedenen religiösen Bewegungen einen Markt? Können Religionen als Märkte betrachtet werden? Wenn wir Ideologien als wirtschaftliche Kräfte betrachten, können wir Religionen ähnlich wie kommerzielle Ökonomien analysieren. Ähnlich wie wirtschaftliche Kräfte können manche Ideologien am besten als unterschiedliche Herangehensweisen an den Markt der Religion erklärt werden. Wendet man diesen Gedanken auf den Salafismus an, erkennt man, dass dieser eine marktwirtschaftliche „Glaubensökonomie“ fördert. Der Salafismus strebt danach, das Monopol der Staatsreligion über die muslimische Identität, die Analyse von Texten und das tägliche religiöse Leben zu brechen.

Was ist Salafismus?

Die Begriffe „Salafist“ und „Salafismus“ sind aufgeladen und dehnbar – sie werden in den Medien, Anti-Terror-Anweisungen, Bildungsprogrammen und allen möglichen anderen Bereichen verwendet, um gewisse muslimische und islamische Praktiken zu beschreiben. Übertroffen wird der Begriff nur noch vom Terminus „Islamismus“. „Salafismus“ wird meist geringschätzig im Zusammenhang mit Einzelpersonen und Bewegungen benutzt, die nicht in das Narrativ einer Ergebung in den Quietismus, die Macht des Staates und staatlich festgesetzte religiöse Autorität passen.

Der Anthropologe Martijn de Koning hat den Unterschied zwischen Salafismus und Islamismus klar herausgearbeitet:

«Die salafistische Bewegung wird oft als kulturelle Bewegung ohne klares politisches Programm gesehen, die die Teilnahme an der politischen Auseinandersetzung scheut, wohingegen für Islamisten Politik der Kern ihrer Bewegung ist und sie danach streben, die Gesellschaft in eine „wahrhaft islamische“ Gesellschaft umzuwandeln. Die salafistische Bewegung reklamiert für sich, nicht in politische Verhandlungen mit Staaten involviert zu sein und engagiert sich nicht öffentlich für die Verteidigung muslimischer Interessen, geschweige denn für den Versuch, einen islamischen Staat zu errichten.»[6]

Dem Islamwissenschaftler Alexander Thurston zufolge ist der Salafismus „im Kern eine Bildungsbewegung, die sich der Verbreitung der (religiösen) Regeln als Grundlage für Identität, Deutung und Handeln widmet“.[7] Bis vor sehr kurzer Zeit war der Salafismus formal nicht in die Politik involviert. Er unterschied sich erheblich von größeren islamistischen Organisationen wie der Muslimbruderschaft, der Hizb ut-Tahrir und anderen. Der Salafismus steht den Gesellschaften, in denen er agiert, jedoch nicht agnostisch gegenüber; viele Salafisten engagieren sich in der Sozialpädagogik und in der Missionsarbeit.

Als Konzept existiert der Salafismus in zwei Formen: dem rituellen Salafismus und dem erkenntnistheoretischen Salafismus, wobei Ersterer dominanter ist als Letzterer. Diese von dem Georgetowner Forscher Muhammad Bushra[8] geprägten Termini legen nahe, dass Letzterer, anders als Ersterer, weniger mit den äußeren Zeichen von Ritualen und Konventionen zu tun hat. Der erkenntnistheoretische Salafismus überschneidet sich mit dem rituellen Salafismus jedoch intellektuell und ideologisch, wenn es darum geht, religiöse Wahrheiten zu bestimmen.

Ebenso wie sein rituelles Gegenstück bietet der erkenntnistheoretische Salafismus eine kritische Lesart von Kultur und Tradition, ohne sie zu operationalisieren. Er ist am Islam als intellektueller Unternehmung interessiert, der den Einzelnen und somit die Gesellschaft verändert, jedoch ohne zu missionieren oder den Status Quo herauszufordern. Dagegen konzentriert sich der rituelle Salafismus auf das tägliche Leben seiner Anhänger, das anhand der islamischen Werte, die sie in ihrer speziellen Interpretation der islamischen Texte finden, umgestaltet wird.[9]

Was ist eine Staatsreligion?

In einer zentralisierten religiösen Wirtschaft gibt es nur ein Produkt: die vom Staat sanktionierte Religion. Indem er einen religiösen Ansatz vorschreibt, garantiert der Staat Produktionsquellen, stellt eine beständige Markenbildung sicher und reguliert Marktanomalien.[10] In einer regulierten Glaubensökonomie sind die Konsumenten ein interessiertes Publikum. Da der Staat eine Monopolstellung hat, muss er nicht sicherstellen, dass sein Produkt, die Staatsreligion, adäquat oder attraktiv für sein Publikum ist. Darunter leidet in der Regel die Qualität dieses Produktes, weshalb in den meisten Ökonomien mit einem religiösen Monopol Bürgerbeteiligung nur in geringem Maße stattfindet.[11]

Fast jedes mehrheitlich muslimische Land hat ein vom Staat anerkanntes religiöses System, dass religiöse „Güter“ für dessen Bevölkerung organisiert, billigt und produziert. Daher haben staatlich sanktionierte muslimische Religionsgelehrte und Kleriker (ʿulamāʾ) ein Monopol hinsichtlich dessen, wie der Islam dargestellt wird, inne. Ob in Form von Fatwas, Freitagspredigten, religiösen Litaneien oder anderem schriftlichen Material – dieses Monopol über die „Produktion von Wissen und die Darstellung der Religion“ in der muslimischen Welt hat zu einem Rückgang der religiösen Teilhabe geführt, proportional zum von ihnen kontrollierten Bevölkerungsanteil.[12]

Dies ist offenkundig in Ländern mit zentralisierter religiöser Autorität. Die meisten dieser Länder berichten über einen Rückgang der Teilnehmerzahl bei von Geistlichen geleiteten Gottesdiensten wie dem Freitagsgebet und ein allgemein geringeres Engagement als in dezentralisierten Ländern oder Ländern mit multireligiöser Bevölkerung.

In Ländern wie Libyen und Tunesien kontrollierte vor dem Arabischen Frühling der Staat nicht nur, wer religiöser Experte werden konnte, sondern auch, wann und wie die Menschen ihre Religion praktizierten.

Tatsächlich werden in vielen muslimischen Ländern die Moscheen routinemäßig zu einer bestimmten Stunde in der Nacht und zwischen den Gebetszeiten abgeschlossen. Während sich die Menschen nach mehr direkter religiöser Teilhabe sehnen, unterstützen die ʿulamāʾ auf Geheiß der Regierung vielfach den Status Quo. Dies hat zu einem allgemeinen Unmut gegenüber den Gelehrten geführt, welche als rückwärtsgewandt und obskur angesehen werden.[13]

Betrachten wir zum Beispiel die Bemerkungen von Scheich Ali Gomaa, dem früheren Großmufti von Ägypten, der sich 2014 in einer Rede für eine Staatsreligion stark machte, darauf bestand, dass man trotz Unterdrückung den Herrschenden gehorchen müsse, das Auslegungsmonopol der staatlichen Institutionen betonte und diejenigen, die sich außerhalb staatlich sanktionierter religiöser Kreise bewegen, als „Emporkömmlinge, die nicht in der Lage sind, [die islamischen Texte] zu verstehen, weil sie nicht an der ihnen verhassten Al-Azhar studiert haben und sich als Wächter über uns aufschwingen möchten“ verunglimpfte.

Mit diesem Kommentar wollte Gomaa seine Autorität (und im weiteren Sinne die der Al-Azhar) bei der Interpretation religiöser Texte bekräftigen und jene kritisieren, die aufgrund mangelnder Deutungshoheit nicht vom Staat sanktioniert werden. Anders gesagt wird die „richtige Religion“ vom Staat produziert, und ein ordentlicher Staat muss die „wahre Religion“ produzieren. Die Prämisse und die Schlussfolgerung sind ein und dieselbe.

Diese Denkweise ist eigentlich eine Art von Fundamentalismus. Salafistische Bewegungen verfolgen möglicherweise einen Mittelweg zwischen dem Fundamentalismus der staatlichen Kontrolle und totaler anarchistischer Revolte.

Das Aufkommen des Salafismus

Wenn der Staat seine religiöse Identität auf „monopolistische“ Weise definiert und die Parameter der Schriftauslegung durchsetzt, fühlt sich der Einzelne verpflichtet, sich von „heterodoxen“ (d. h., nicht staatlich sanktionierten) Formen des religiösen Ausdrucks abzugrenzen, oft aus Furcht vor Repressalien wegen Infragestellung der staatlichen Autorität. Dennoch kommen immer wieder Fragen nach der Qualität des „religiösen Produktes“ des Staates auf. Vor diesem Hintergrund hat der Salafismus einen Wettbewerbsvorteil, indem er religiöse Güter erzeugt, die für die Konsumenten attraktiver und leichter zugänglich sind.[14]

Der Salafismus fokussiert stärker auf individuelle Prinzipien und Ethik. Es reicht nicht aus, dass Staat und Gelehrte den Glauben schützen. Auch der Einzelne muss „den islamischen Staat in seinem Herzen errichten“, was dazu führt, dass „der islamische Staat im jeweiligen Land errichtet wird“. Dem Salafismus zufolge steht der Einzelne über einer eher imperialen Auffassung von Loyalität zum Staat und Einsatz für ihn. Der Fokus liegt auf dem individuellen Engagement für ein umfassendes Wertesystem, einschließlich Pflichten sich selbst gegenüber sowie gegenüber der Familie und den Nachbarn. Kurz gesagt ist der Salafismus eine Art persönlicher Veränderung, die nicht von äußeren gesellschaftlichen Gegebenheiten abhängt.

Ähnlich wie bei der protestantischen Reformation ist es dem Salafismus gelungen, eine Religion für die Massen zu individualisieren. Die Leute müssen sich nicht mehr sklavisch an Heilige, geprüfte Texte, Katechismen, Rituale, Symbole oder von paternalistischen Staaten sanktionierte heilige Tage halten. Um eine Analogie zum Handymarkt herzustellen: Dieses „religiöse Produkt“ war Bloatware – unerwünschte Anwendungen, die Platz beanspruchen, nie benutzt werden, aber nicht deinstalliert werden können. Der Salafismus ist das Rootkit, mit dem sich dieser Überschuss entfernen lässt.

Indem er das Individuum „direkt“ mit Gott verbindet und sich auf dessen Einsatz für seine persönliche Identität konzentriert, fördert der Salafismus einen Sinn für persönliche Verantwortung. Nehmen wir zum Beispiel das folgende Zitat von Ibn al-Qayyim, dem Denker und oft zitierten Vorläufer des salafistischen Denkens aus dem 14. Jahrhundert:

«Wie kann ich mich von Unersättlichkeit und Panik freimachen? Ich antwortete: Durch Gottes Einzigkeit, indem man sich auf Ihn verlässt, auf Ihn vertraut und weiß, dass alles Gute nur durch ihn verursacht wird und alles Schlechte nur von Ihm entfernt wird, und [indem man weiß], dass alle Dinge für Gott sind und niemand einen Anteil an etwas hat, was Gott gehört.»[15]

Im Vordergrund steht hier die persönliche Verantwortung. Der Einzelne muss sich von Gier, Maßlosigkeit und Panik freimachen. Alle Arten, „den islamischen Staat im Herzen zu errichten“, werden gefördert. Dazu gehört, dass man sich auf Gott als Lösung seiner Probleme verlässt, seine angeborene Fähigkeit, spirituell und materiell erfolgreich zu sein, nutzt und aufgrund persönlicher Verantwortung danach strebt, sich selbst zu verbessern.

Auf diese Weise hat der Salafismus den Zugang zur Religionsproduktion demokratisiert. Durch die Einführung eines veränderlicheren und organischeren Konzepts von Religion, das auf nostalgische Weise als Verkörperung der Einfachheit des Propheten und seiner Gefährten vermarktet wird, bringt er den Menschen den Seelenfrieden, der von ihrer persönlichen Verbindung zum Glauben herrührt. Dies hat zu größerer religiöser Partizipation geführt, trotz scheinbar schwieriger politischer Umstände.[16]

Außerdem hat der Salafismus die staatlich kontrollierte Religion auf effektive und scharfe Weise als fehlerhaft, unzulänglich, falsch oder suboptimal kritisiert. Auch dies hat dem Salafismus geholfen, Marktanteile zu gewinnen und, in vielen Fällen, eine beträchtliche Anzahl an „Konsumenten“ zu erobern.

Als eine der ersten Bewegungen, die staatliche Religionsmonopole herausforderten, hat der Salafismus vielen anderen religiösen Bewegungen die Tür zu ansonsten geschlossenen Märkten geöffnet. Außerdem hat er eine von zwei möglichen staatlichen Reaktionen erzwungen: eine Arbeitsbeziehung mit religiösen Ansätzen außerhalb der staatlich sanktionierten Religion oder gewalttätige Repressalien gegen jeden Versuch, eine Marktveränderung zu erzwingen.

Blicken wir auf Algerien, wo salafistische Bewegungen von den staatlich sanktionierten religiösen Institutionen zunächst als Parias betrachtet wurden. Salafistische Moscheen wurden immer wieder geschlossen und salafistische Imame ausgeschlossen, um, so das algerische Innenministerium, „keine unangemessenen ausländischen Riten zu importieren“. Religiöse Urteile (Fatwas) wurden in Übereinstimmung mit dem algerischen Gesetz erteilt. Jahre später wurden eben diese salafistischen Bewegungen von den gleichen Regierungsinstitutionen und deren Förderern als Gegengewicht zu noch revolutionäreren (und gewalttätigeren) Bewegungen benutzt.

Die Regierung zur Öffnung zwingen

Um eine größere Diversität bei religiösen „Produkten” und Wahlfreiheit für die Kunden auf dem Markt (Pluralismus) zu erreichen, muss Religion privatisiert werden. Dies kann dem Staat sogar nützen. Indem er den Salafisten und überhaupt allen religiösen Strömungen religiöse Autonomie gewährt, kann der Staat zwei Dinge erreichen. Erstens kann er dadurch ein Marktgleichgewicht erreichen und so durch staatliche Begünstigung hervorgerufene religiöse Konflikte minimieren. Zweitens: Indem religiösen Konsumenten erlaubt wird, zu wählen, welche „religiösen Produkte“ sie benutzen, lassen sich Versuche, die Religion zu politischen Zwecken zu entfremden (wie es der sogenannte „Islamische Staat“ und Al-Qaida tun) womöglich untergraben oder zumindest verlangsamen.

In einer von staatlicher Regulierung freien „Glaubensökonomie“ sind mehr religiöse Teilhabe und möglicherweise sogar mehr Bürgersinn möglich. Wenn man den Aufruf des Salafismus, religiöse Identität, Autorität und Auslegung zu deregulieren, beherzigt, bedeutet dies mehr religiöse Freiheit für alle.

 

Fußnoten

[1] Lauziere, Henri: „The Constructions of Salafiyya: Reconsidering Salafism from the perspective of conceptual history”, in: Int. J. Middle East Stud. 42 (2010), S. 369.

[2] Basyouni, Amru and Salim, Ahmed: Ma ba’da al-Salafiyyah, S. 199.

[3] Al-Bouti, Muhammad Said: Al-Lamadhhabiyyah Akhtar Bid’ah tuhaddid al-Shariah al-Islamiyyah, S. 15.

[4] Mankiw, Gregory: Macroeconomics, S. 413.

[5] Polanyi, Karl: The Great Transformation. Boston, Beacon Press, 1944, S. 73 ff.

[6] De Koning, Martijn: The ‘Other’ Political Islam. Understanding Salafi Politics. C. Hurst and Co. Publishers.

[7] Thurston, Alexander: Salafism in Nigeria, S. 10.

[8] Entnommen aus einem kürzlich stattgefundenen Gespräch mit M. Bushra über seine Einordnung des Themas.

[9] Yaşar, Nebahat Tanrıverdi O: Egyptian Salafi Movement in Post-Mobarek Period. ORSAM Uzman Yardımcısı.

[10] Mankiw, S. 413.

[11] Witham, Larry: Marketplace of the Gods. S. 146.

[12] Ebd.

[13] Brown, Jonathan AC: Is Islam Easy to Understand or Not?, Oxford University Press on behalf of the Oxford Centre for Islamic Studies, S. 117.

[14] Lauziere, S. 370.

[15] Ibn al-Qayyim: Al-Fawaid. S. 116.

[16] Witham, S. 131.

Dieser Artikel wurde erstmals am 31.07.2017 in englischer Sprache auf muftah.org publiziert. Der Autor ist Sheikh Joe Bradford, er graduierte 2004 mit einem LL.B. (Bachelor of Laws) in Islamischem Recht und Rechtstheorie an der Islamischen Universität von Medina/Saudi-Arabien (Themen: Finanzrecht, rechtliche Grundlagen und Jurisprudenz der hanbalitischen Rechtsschule). 2005 war er der erste US-Amerikaner, der zum LL.M. (Master of Law)-Studiengang an selbiger Universität zugelassen wurde. Seine Forschungsarbeiten zu jener Zeit: Sterbehilfe, Schiedsgerichtbarkeit innerhalb muslimischen Minderheiten, gewerbliche Geschäftsstrukturen unter islamischem Recht im Mittelalter, die Verwendung schwacher Überlieferungen in der hanbalitischen Rechtsschule.

Beruflich war er für private und staatliche Einrichtungen in der Rechtsprüfung tätig und arbeitete als Berater im Bereich Islamic Banking, spezialisiert auf die schariarechtliche Überprüfung von Finanzierungs- und Investitionskonzepten. 

2009 erhielt er zusätzlich seinen LL.M. (Master of Law) in der schafiitischen Rechtswissenschaft, mit einer Abschlussarbeit über den Universalgelehrten Badr al-Din al-Zarkashi.

Die Übersetzung wurde von Mitgliedern der Denkfabrik RÖG finanziert und erfolgte durch Korrekturlesen-HH.