#Erdogan #Todesstrafe #Aufklärung #Abendland

von Yahya ibn Rainer

Da sich momentan viele aufgeklärte Europäer (und mit der Aufklärung infizierte Orientale) über die Ankündigung Erdogans erregen, er wolle ggf. die Todesstrafe wieder einführen, möchte ich zum Thema gern einmal einen Vordenker der abendländischen Aufklärung zu Wort kommen lassen:

locke

*John Locke war ein einflussreicher englischer Philosoph und Vordenker der Aufklärung. Locke gilt allgemein als Vater des Liberalismus und als einer der bedeutendsten Vertragstheoretiker im frühen Zeitalter der Aufklärung.

«Unter politischer Gewalt also verstehe ich ein Recht, Gesetze zu geben mit Todesstrafe und folglich allen geringeren Strafen, zur Regelung und Erhaltung des Eigentums, und die Macht der Gemeinschaft zu gebrauchen, um diese Gesetze zu vollziehen und das Gemeinwesen gegen Schädigung von außen zu schützen, und alles dies allein für das öffentliche Wohl.»

(*John Locke, Zweite Abhandlung über die Regierung, 1. Kapitel, Punkt 3)

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«Der Mensch wird, wie nachgewiesen worden ist, mit einem Rechtsanspruch auf vollkommene Freiheit und unbeschränkten Genuß aller Rechte und Privilegien des Naturrechts, in gleichem Verhältnis wie jeder andere Mensch oder eine Menge von Menschen geboren.

Dadurch hat er von Natur eine Gewalt, nicht allein sein Eigentum, d. h. Leben, Freiheit und Besitz gegen die Schädigungen und Angriffe anderer zu schützen, sondern auch über jede Verletzung dieses Rechtes durch andere zu richten und sie so zu bestrafen, wie es nach seiner Überzeugung das Vergehen verdient, sogar mit dem Tod, wenn es sich um Verbrechen handelt, deren Abscheulichkeit nach seiner Meinung die Todesstrafe erfordert.»

(*John Locke, Zweite Abhandlung über die Regierung, 2. Kapitel, Punkt 87)

Kommentar: Meine Verteidigung Imam al-Ghazalis

Das Folgende ist ein Kommentar von mir, den ich als Antwort auf einen anderen Kommentar verfasst habe. Beide Kommentare befinden sich unter meinem Beitrag "Ratschlag an die Notgeilen: Die Pflichten gegenüber den leibeigenen Mägden" im Ahlu-Sunnah-Blog. Der Kommentar ist leider so lang geworden, dass ich die Arbeit dafür nicht nur für einen Kommentarbereich geleistet haben möchte. Deshalb also hier eine Kopie meiner Verteidigung Imam al-Ghazalis:

Wa alaykum assalam wa rahmatullah

Ich habe lange überlegt, ob ich zu deinem Kommentar etwas schreiben soll. Eigentlich habe ich die Gewohnheit abgelegt, mich in endlosen Debatten zu ergehen. In diesem Fall möchte ich zumindest bezüglich deiner Bewertung von Imam al-Ghazali etwas lesbares für die Nachwelt hinterlassen.

Im Gegensatz zu anderen Autoren dieses Blogs, vertrete ich die Ansicht, dass Gelehrte – und somit auch ihre Abhandlungen und Fatawa – einen gewaltigen Nutzen für uns Muslime haben.

Das WISSEN ist von außerordentlicher Eminenz.

Al-Hafizh ibnul-Qayyim al Jawziyyah – Allah sei ihm gnädig – kommentiert in seinem „Miftaah Daaris Sa’aadah“ die 18. Ayah in Sure al’Imran, deren ungefähre Bedeutung in deutscher Sprache etwa folgendermaßen lautet:

«Bezeugt hat Allah, daß kein Gott da ist außer Ihm Selbst; und die Engel und die Wissenden (bezeugen es); Er sorgt für die Gerechtigkeit. Es ist kein Gott außer Ihm, dem Allmächtigen, dem Allweisen.»

Ibnul Qayyim nennt insgesamt 9 Punkte, allein nur um die Stellung der „Wissenden“ darzulegen, die in dieser Ayah genannt werden. Ich werde leider nicht umhin kommen, hier alle 9 Punkte zu nennen.

Ibnul Qayyim schrieb:

«Dieser Vers zeigt die Überlegenheit des Wissens (`ilm) und seiner Leute; die folgenden Punkte können aus dem Vers abgeleitet werden:

1. Allah erwählte die Leute des Wissens (Ulul-`ilm) um Seine Einzigkeit (tauhid) über den Rest Seiner Schöpfung zu bezeugen.

2. Allah ehrte die Leute des Wissens dadurch, dass Er ihre Bezeugung gemeinsam mit Seiner Bezeugung nennt.

3. Er erhob den Status der Gelehrten, indem Er ihre Bezeugung mit der Bezeugung der Engel assoziierte.

4. Dieser Vers zeugt von der Überlegenheit derer die Wissen besitzen. Allah lässt nicht ein einziges Seiner Geschöpfe bezeugen, mit Ausnahme der Aufrechten unter ihnen.
Es gibt da eine sehr bekannte Überlieferung vom Propheten – sall´Allahu alayhi wa salam -, der sagte:
„Die Aufrechten in jeder Generation werden dieses Wissen weitertragen und werden die Verfälschungen der Extremisten und die falschen Behauptungen und die (falschen) Interpretationen der Unwissenden zurückweisen.“
(hasan)

5. Allah, der Eine, frei von jeglichen Mängeln, zeugt hier selber von seiner Einzigkeit, und Er ist der größte aller Zeugen. Dann wählte er aus Seiner Schöpfung (als Zeugen) die Engel und die Gelehrten – das ist ausreichend um ihre Qualität zu zeigen.

6. Allah ließ die Gelehrten mit dem allergrößten Zeugnis bezeugen, welches lautet: „Niemand hat das Recht angebetet zu werden außer Allah!“ Allah, der Eine, frei von allen Mängeln und der Allerhöchste, gehört eigentlich nicht zu den Zeugnisabgebenden, es sei denn es handelt sich um Angelegenheiten mit höchster Wichtigkeit, und nur die großartigsten Geschöpfe Allahs bezeugen dies ebenfalls.

7. Allah machte die Bezeugung der Leute des Wissen zu einer Prüfung gegen die Ungläubigen, auf das sie die Beweise und die Zeichen Seiner Einzigkeit (den Tauhid) annehmen mögen.

8. Allah, der allerhöchste, benutzte ein einziges Verb (shahida) welches sich auf Seine Bezeugung und die Bezeugung der Engel und Gelehrten bezog. Er benutzte kein zusätzliches Verb für ihre Bezeugungen; und damit verband Er ihre Bezeugungen mit der Seinen. Dieses zeigt die enge Verbindung zwischen ihren Bezeugungen und Allahs Bezeugung, als ob Er selber Seine Einzigkeit mit ihren Zungen bezeugte und sie dieses Zeugnis aussprechen ließ.

9. Allah, der Eine, frei von jeglichen Mängeln, ließ die Gelehrten durch diese Bezeugung Sein Recht (Das niemand das Recht hat angebetet zu werden außer Allah) erfüllen und wenn sie es erfüllen, dann erfüllten und etablierten sie dieses Recht Allahs auch auf sie. Ab diesem Moment ist es verpflichtend für die ganze Menschheit diese Bezeugung zu akzeptieren, welche das Mittel ist um die Glückseligkeit im diesseitigen Leben und am letzten Tag der Rückkehr (zu Allah) zu erreichen. Wer auch immer diese Weisung und Führung der Gelehrten annimmt und diese Wahrheit ihrer Bezeugung akzeptiert, dann gibt es für die Gelehrten eine Belohnung in der gleichen Höhe wie für die Folgenden. Und niemand kennt den Wert dieser Belohnung, außer Allah.»

Jetzt möchte ich gern auf deine Beurteilung von Imam al-Ghazali eingehen, die du in deinem Kommentar wie folgt in Worte gefasst hast:

«Nun ist es aber so, dass Al Ghazali in diesen Themen [wie leider auch in vielen anderen spezifischen Fiqh Themen] nicht gerade seine Wissenschaftliche Stärke hat. So wurde und wird er bis heute, eigentlich nicht herangezogen, wenn es um diese Fiqh Angelegenheiten geht.
Das Zitat von Ghazali nimmt allerdings ca. 50 % deines gesamten Beitrags ein.
Zu den Worten von Ghazali: An keinster Stelle bringt er Quellen, den Sanad oder sonstwas, zu dem was er berichtet. »

Ich möchte gerne, lieber Abdul Jabbar, dass du dir deiner Stellung bewusst wirst. Damit meine ich nicht deine gesellschaftliche Stellung, deine Stellung in einer Moschee oder in Foren, Telegram- bzw. WhatsApp-Gruppen. Es geht um deine Stellung als Wissender, als Gelehrter. Nimm z.B. einen ausgebildeten DITIB-Imam. Wenn du mit ihm sitzt und ihr vergleicht eurer Wissen über den Quran und die Sunnah. Wie viel kennt der ausgebildete Imam an Quran und Ahadith auswendig? Es geht nicht darum, ob seine (vielleicht staatlich genötigten) Urteile korrekt sind, sondern was er weiß und kennt in der Religion. Meinst du, es könnte für dich knapp werden? Gehen wir einmal davon aus, dass du für dich das gleiche Wissens-Niveau in Anspruch nimmst wie so ein ausgebildeter DITIB-Imam.

Dann realisiere, dass dieser DITIB-Imam lediglich der ausgebildete Schüler eines unbedeutenden Professors ist, der jedoch viel mehr Wissen hatte als er. Dieser Professor wiederum hat im besten Fall bei einem Großgelehrten studiert. Und die Großgelehrten unserer Zeit? Sie halten sich für gering im Vergleich mit den früheren Großgelehrten. Und diese frühen Großgelehrten wiederum hatten auch Vorbilder. Die Besten der Allerbesten, die das Niveau eines ausgebildeten DITIB-Imams in einem Ausmaß überstrahlten, welches kaum in Worte zu fassen ist, wurden von den Großgelehrten jedes Jahrhunderts, als die „Wiederbeleber der Religion“ (Mudschaddid) bezeichnet. Also hatte jedes Jahrhundert einen Großgelehrten, den beinah alle darauf folgenden Großgelehrten mit diesem Titel ehrten.

Der Mudschaddid des 5. Jahrhunderts nach Hijra ist (mit überwältigender Mehrheit der Großgelehrten aller Zeiten bis heute) der Imam Abū Hāmid Muhammad al-Ghazālī; so bestätigt es auch Schams ad-Dīn Muhammad adh-Dhahabī in seinem „Siyar a’lam al-nubala’“.

Al-Ghazalis Hauptwerk, Iḥyā ulūm ad-dīn (Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften), gilt auf vielen Gebieten der religiösen Wissenschaften geradezu als grundlegend. Besonders in der islamischen Ethik erfuhr er über alle sunnitischen Rechtsschulen hinaus größte Zu- und Übereinstimmung bei den führenden Großgelehrten.

Abū l-Faradsch ʿAbd ar-Rahmān Ibn al-Dschauzīs „Minhādsch al-Qāsidīn“ und Muwaffaq ad-Dīn Abū Muhammad ʿAbdallāh ibn Qudāma al-Maqdisīs „Mukhtasar Minhādsch al-Qāsidīn“ basierten im vollen Umfang auf dem Ihya al-Ghazalis.

Die Schwächen des Imams in seinem Ihya waren vor allem im Bereich der Mystik/Sufistik zu finden. Hier wurde ihm insbesondere ein unkritischer Umgang mit Überlieferungen vorgeworfen. Aber die Mehrheit der gewaltigsten Gelehrten nach ihm, haben darin keinen Makel erkannt, der den Status des Mudschaddid hätte abschwächen können.

Wenn ich nun also von dir lese – einem Muslim, der vielleicht auf dem Niveau eines ausgebildeten Moschee-Imams ist (wenn überhaupt) -, „dass Al Ghazali in diesen Themen [wie leider auch in vielen anderen spezifischen Fiqh Themen] nicht gerade seine Wissenschaftliche Stärke hat.“, dann muss ich dir im vollem Umfang widersprechen.

Es mag vielleicht sein, dass die grundlegenden Werke des schafiitischen Fiqh al-Ibadah den Imam nicht allzu oft erwähnen, aber auf den allermeisten anderen Gebieten des Fiqh (und hier vor allem auf dem Gebiet der Ethik) ist Imam al-Ghazali nicht nur im schafiitischen Fiqh, sondern auch darüber hinaus, in allen 4 Rechtsschulen, anerkannt und respektiert.

Dass frühere Gelehrte ihre Werke ohne die heute so üblichen Quellenverweise schrieben, war durchaus normal und weit verbreitet. Dies ist aber kein Indiz dafür, dass die genannten Überlieferungen, Aussprüche und Zitate inhaltlich falsch sind. Vielmehr war zur damaligen Zeit die Unterscheidung zwischen Wissenden und Unwissenden viel deutlicher. So musste man für die Wissenden solche Quellenverweise gar nicht großartig anführen, da diese sowieso in Quran, Sunnah und Sekundärliteratur bewandert waren; und die Unwissenden – das allgemeine Volk – konnten mit derlei Angaben gar nichts anfangen bzw. sie nicht verifizieren.

Diese Gewohnheit kam erst auf, als Halb- und Viertelgelehrte, wie du und ich, auf der Bildfläche erschienen und damit begannen, den Gelehrten ihr Wissen abzusprechen und ihre Beweise zu hinterfragen. Auch wir können heutzutage solche Quellenverweise nicht wirklich selbst verifizieren, sondern müssen dazu wiederum auf die Expertisen von Gelehrten zurückgreifen … mit dem Unterschied, dass wir Dank Google nun die freie Auswahl haben, wessen Expertise zur Quelle uns am besten in den ideologischen Kram passt.

Lange Rede, kurzer Sinn.

Du und ich, wir sind geblendet von der Illusion, dass wir etwas Wissen besitzen, möge Allah uns diese Anmaßung vergeben. Aber die Disqualifikation eines Mudschaddid, den die größten Gelehrten der Ahlus Sunnah bestätigten und lobten, geht wirklich zu weit. Ich halte das für eine Anmaßung sondergleichen.

Wa Allahu 3alem.

 

Buchauszug: Ibn Khaldun – Weshalb es ein rangmäßig niedereres Dienertum als den Staatsdienst gibt

«Der (einzige) Grund dafür, dass es ein rangmäßig niedereres Dienertum (als den Staatsdienst) gibt, liegt darin, dass die Mehrzahl derer, die im Luxus leben, zu stolz sind, selbst für ihre Bedürfnisse zu sorgen, oder dazu nicht in der Lage sind, da man sie im Geist des Wohllebens und des Luxus groß werden ließ.
Deshalb stellen sie Leute in ihren Dienst, die dies für sie übernehmen, und weisen ihnen aus ihrer Kasse hierfür Löhne zu.
Dieser Zustand ist vom Standpunkt der Mannhaftigkeit, die dem Menschen natürlich ist, nicht gerade rühmlich, denn das Selbstvertrauen eines jeden leidet dabei. Des Weiteren lässt dieser Zustand die Aufgaben und (damit auch die) Ausgaben anwachsen und deutet auf Schwäche und weibisches Wesen hin, die man beide aus Mannhaftigkeit vermeiden sollte.»
(Ibn Khaldun / gest. 808 n.H., in al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Übersetzung leicht redigiert)
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Kurz gesagt: Natürliche und widernatürliche Formen des Lebensunterhaltes

Ibn Khaldun unterteilt in seiner Muqaddima die verschiedenen Arten (des Erwerbs) des Lebensunterhaltes in natürliche und widernatürliche Formen.

Zu den natürlichen Formen zählt er, in der Reihenfolge ihrer Natürlichkeit bzw. Ursprünglichkeit (1. = am natürlichsten) …

  1.  Landwirtschaft
  2. Handwerk/Gewerbe
  3. Handel

Zu den widernatürlichen Formen zählt er, in der Reihenfolge ihrer Widernatur bzw. niedrigen Rangstufe (3. = am widernatürlichsten) …

  1. Politische Herrschaft (Enteignung, Steuererhebung)
  2. Staatsdienst (Soldaten, Polizisten, Sekretäre)
  3. Dienerschaft/Knechtschaft im Haushalt

Zitat: Ibn Taymiyya – Eigentumsrecht

«Individuen verfügen über ihr Eigentum, niemand kann es ihnen nehmen, weder komplett noch teilweise, ohne eine (gültige) Vereinbarung und ihre volle Zustimmung.¹ […] jemanden zu zwingen, etwas zu verkaufen – während er rechtlich nicht verpflichtet ist zu verkaufen – oder (jemanden zu zwingen) etwas nicht tun zu dürfen – wozu er rechtlich die Erlaubnis hätte – ist Unrecht; und Ungerechtigkeit ist eine (Form der) Unterdrückung die verboten ist.²»

¹ Ibn Taymiyah, Majmu‘ Fatawa Shaikh al-Islam Ahmad Ibn Taimiyah, Vol. 29, Band 29, Seite 522

² Ibn Taymiyah, Majmu‘ Fatawa Shaikh al-Islam Ahmad Ibn Taimiyah, Vol. 29, Band 29, Seite 521

Zwei muslimische Gelehrtenstimmen zu Steuern und zu ihrer Hinterziehung

«[…] Wenn der Staat jedoch andere Steuern als die Zakah (Almosenabgabe) von den Einwohnern nimmt und sie für Verschwendung, Unheil, Unterhaltung, Ablenkung und Verbotenes ausgibt und sie nicht zu den in der Scharia vorgesehenen Stellen leitet, wie z.B. den rechtmäßigen Empfängern der Zakah (den Bedürftigen), dann ist es erlaubt das Vermögen oder den Gewinn zu verbergen, damit man ihnen nicht unrechtmäßig Vermögen zahlt und ihnen so dabei hilft verbotene Taten zu begehen. Und Allah ta’ala sagte: „Und helft euch nicht gegenseitig in der Sünde und Feindseligkeit“»

 – Sheikh Abdullah Ibn Jibrin

«[…] Und der Grundsatz im Auferlegen von Steuern ist, dass es verboten ist, vielmehr ist es sogar von den großen Sünden. Und demjenigen, der Steuern erlässt, wurde angedroht, dass er das Paradies nicht betreten wird. Und in der prophetischen Sunnah wird darauf hingedeutet, dass die Steuer eine größere Sünde als Zina (Unzucht) ist.»

 – Sheikh Muhammad Salih al-Munajjid

(Quelle: https://islamqa.info/ar/130920)

WICHTIG: Dies ist kein Aufruf zur Steuerhinterziehung, sondern nur die Darstellung zweier Gelehrtenmeinungen im Islam. Ich vertrete vielmehr die Ansicht, dass man im Rahmen der hiesigen Gesetze als Muslim zwar Steuerzahlungen vermeiden sollte (wo es nur geht), aber jede Form des kategorischen Steuerhinterzugs halte ich für taktisch falsch, da es strafbar ist und somit dem Ruf der Muslime und des Islams schaden kann.

Ein herzlicher Dank - für Übersetzung und Unterstützung - geht raus an die Brüder der avantgardistischen Telegram-Gruppe "Ökonomie und Gesellschaft".

3 mal Nicolás Gómez Dávila (LXVI)

«Selbst wenn die Aufrichtigkeit nicht ausreicht, gibt es keine andere noble Art, an sich zu arbeiten.»

«Mit einer langen Reihe berühmter Namen verwischt der Unwissende die Risse in seinen Gedankengängen.»

«Andere Epochen waren vielleicht vulgär wie die unsere, aber keine hatte den fabelhaften Resonanzboden, den unerbittlichen Verstärker der modernen Industrie.»

Buchauszug: Ibn Khaldun – Bei der Beseitigung ungerechter Herrscher ist die Asabiya wichtiger als religiöser Eifer

«In dieses Kapitel gehören die Fälle von Rebellen aus dem gemeinen Volk und von den Rechtsgelehrten, die sich erhoben, um dem Übel zu begegnen. Denn viele religiöse Menschen, die sich dem Dienst an Allah widmen und auf den Pfaden der Religion wandeln, schicken sich an, sich gegen ungerechte Emire zu erheben und rufen in der Hoffnung auf Allahs Belohnung dazu auf, dem Übel zu begegnen, ihm zu entsagen und Gutes zu tun.

Zahlreich sind (gewöhnlich) ihre Gefolgsleute und Anhänger aus der breiten Masse, die dabei ihr Leben aufs Spiel setzen – und die meisten von ihnen kommen auf diese Weise unbelohnt und als Sünder um. Denn Allah, gepriesen sei er, hat sie hierzu nicht bestimmt! Er bewegt nur etwas, wo (ausreichend) Macht vorhanden ist.

Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – sagte:

«Wer von euch Übel erblicket, der soll ihm mit seiner Hand begegnen. Vermag er dies nicht, so tue er es mit seiner Zunge. Vermag er (auch) dieses nicht, so tue er es mit seinem Herzen.»

Herrscher und Staaten sind fest und stark gegründet. Ihre Grundlage kann nur durch starken Druck, der die Asabiya (Solidarität) von Stämmen und Sippen hinter sich weiß, erschüttert und zerstört werden, so wie wir es oben angeführt haben.

Auch die Propheten – Segen und Heil sei über sie – bedurften, wenn sie zu Allah aufriefen, der Sippen und Gruppen, wo sie doch (eigentlich) diejenigen sind, die die Unterstützung Allahs mit allem, was es gibt, hätten erhalten können, sofern Er gewollt hätte. Doch Er ließ vielmehr (selbst bei ihnen) die Dinge ihren üblichen Verlauf nehmen. Allah ist weise und allwissend.

Schlägt nun ein Mensch einen solchen Weg ein und folgt dabei der (religiösen) Wahrheit, lässt ihn die Isolierung von der Asabiya (selbst) dabei fehlgehen, und er kommt um.

Benutzt ein solcher Mensch (außerdem noch) die Religion, um die Führerschaft zu erlangen, geschieht es zu Recht, dass er daran gehindert wird und ihn der Untergang ereilt. Denn ein solches Unterfangen ist eine Sache Allahs, die nur mit Seinem Wohlgefallen und Seinem Beistand sowie durch aufrichtige Ergebenheit gegenüber Ihm und Wohlwollen gegenüber den Muslimen Erfolg hat. Kein Muslim wird Zweifel, kein Mensch mit Einsicht wird Argwohn daran hegen.»

(Ibn Khaldun / geb. 732 n.H., Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Seite 114-115, Übersetzung leicht redigiert)

Nehmt euch nicht selbst als Maßstab

von Yahya ibn Rainer

Zu Beginn ist er still und reuig, weil er unwissend ist … dann beginnt er den Islam zu praktizieren.

– Erst lernt er die Fatiha, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Lern du erst einmal die Fatiha, bevor du …»

– Dann lernt und beginnt er das Gebet, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Fang du erstmal an zu beten, bevor du …»

– Dann lernt er die Schutzsuren auswendig, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Lerne du erstmal die Schutzsuren auswendig, bevor du …»

– Dann lernt er die „Bedingungen (für die Gültigkeit) der Schahada“ und „die Faktoren, die den Islam zerstören“, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Lerne du erstmal den Aslud Diin, bevor du …»

– Dann lässt er sich einen Bart wachsen und kürzt die Hosen, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Lass du dir erstmal einen Bart wachsen und kürze deine Hosen, bevor du …»

– Dann lernt er die arabische Sprache, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Lern du erstmal die arabische Sprache, bevor du …»

– Dann beginnt er das Auswendiglernen des letzten 30igstel (Juz `Amma) des Quran, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Lern du erstmal den Quran auswendig, bevor du …»

Dies geht immer und immer weiter so. Bis man Werke von Gelehrten gelesen und Hadithe auswendig gelernt hat. Und jedes Mal glaubt man, allen anderen, die man hinter sich gelassen hat, nun einen Vorwurf machen zu können, weil sie nicht die gleiche hochtrabende Entwicklung durchlaufen

Ich denke, hier steckt ein gewaltiges Problem im Verständnis eines gottgefälligen Muslimlebens. Niemand hat von den Awwam (normalen Muslimen) zu erwarten, dass sie Hadithbücher auswendig lernen oder anderweitig Wissende in den diversen Wissenschaften der Religion werden.

Diese Auffassung einiger Brüder, ist nicht selten der Ausdruck einer maßlosen Selbstgerechtigkeit, die den Muslim dazu verleitet, immer wieder sich selbst zum Maßstab zu machen.

So lang man es selbst nicht erlernt hat, ist man natürlich still, aber beherrscht man es (oder glaubt es zumindest), macht man allen anderen ihre Unwissenheit zum Vorwurf. Dieses Denken ist ein Hauptgrund für den Salafi-Burnout vieler junger Muslime, die den hohen Ansprüchen einiger Selbstdarsteller nicht mehr gerecht werden können.

Die Religion wurde kompliziert und schwer gemacht, weil sich die Awwam anmaßen, in wissenschaftlichen Kategorien denken und die religiöse Praxis der Asketen verbindlich machen zu müssen.

Aber die Religion Allahs ist leicht und wir machen die Güte eines Muslims nicht daran fest, wie viel er auswendig kann oder über den Pflichtteil hinaus öffentlich praktiziert. Wer durch solche Aussagen, wie «Lern du erstmal dies-und-das, bevor du dies-und-das sagst/tust!» besticht, sollte sich ernsthaft Gedanken über seinen Ikhlas – seine Aufrichtigkeit – machen, denn man macht nicht nur sich und seinen eigenen Zustand zum allgemeinen Maßstab, sondern man offenbart ihn auch in einer Weise, die man auch als Augendienerei (riya) oder kleiner Shirk (kleiner Götzendienst) bezeichnen könnte.

Mit solchen Personen, egal wie groß ihr religiöses Wissen ist, wird Allah der Hocherhabene das Höllenfeuer anfachen, denn sie lernten ihr Wissen nicht nur um es zu praktizieren und anderen beizubringen, sondern auch um es zur Schau zu stellen.

Diese Dunya verlangt von uns Arbeitsteilung, auch in religiösen Angelegenheiten. Einige wenige erlangen das spezifische religiöse Wissen und sind uns durch ihre Askese ein Vorbild, die anderen, die Awwam (einfachen Leute) sorgen für die Bestellung der Äcker, das Handwerk, reichhaltige Märkte, technischen Fortschritt, medizinische Versorgung usw. usf.

Die Muslime sollen die Schahada verinnerlichen, die 5 Gebete verrichten, die Almosenabgabe zahlen, im Ramadan fasten und die Hajj vollziehen. Es steht niemandem zu, ihnen einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie ihre Zeit dafür aufbringen ihre Rizq (Versorgung) zu verdienen und (im Rahmen der Scharia) allzu große religiöse Belastung zu meiden.

Das Nachlassen in der Religion gehört genauso dazu, wie das Sich-verbessern. Wer sich übernimmt und sich zu schnell zu viel aufbürdet, muss es sich eingestehen und die Konsequenzen daraus ziehen. Er muss nachlassen, um sich und seinen Iman nicht zu gefährden, denn eine Überlastung führt zu einem Burnout, und dieser kann sich im schlimmsten Fall auch als endgültiger Vernichter des Imans herausstellen.

Jedoch wird ein solches Nachlassen leider nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern von den oben bereits beschriebenen Selbstdarstellern auch entsprechend kommentiert. Das Nachlassen wird vom direkten Umfeld als Vorwurf formuliert, anstatt es verständnisvoll zu begleiten.

Besonders in isolierten Gruppen kann sich ein solch „hochreligiöses“ Umfeld als zerstörerisch erweisen, weil Gruppenzwang und -dynamik einen Druck aufbauen, der in letzter Konsequenz nur noch durch einen kompletten „Ausstieg“ abgelassen werden kann.

So entstehen sogenannte „Aussteiger“, die sich vollends abspalten und häufig sogar eine Art Feindschaft zu denen entwickeln, die die Religion strenger auslegen und praktizieren können. Es wird ein Band zerrissen, das hätte erhalten bleiben müssen. Die einen werden jetzt als „die Radikalen“ bezeichnet und die anderen als „die Nachlassenden“, obwohl beide ihre Berechtigung haben.

Besonders die Konvertiten und Revertiten müssen sich dessen bewusst sein. So hoch deine Ambitionen auch sein mögen, du gehörst zu den Awwam, zu den ganz normalen Muslimen, zu deren Prüfung es in dieser Dunya gehört, finanziell unabhängig zu werden, um für sich selbst und den Unterhalt der Familie sorgen zu können. Nicht jeder muss ein Gelehrter werden, man kann auch durch ganz normale wirtschaftliche Tätigkeiten ein äußerst wichtiger und tragender Bestandteil der Ummah  sein.

Haltet Maß und zeigt Verständnis. Verachtet weder die Mit-sich-Strengen (Radikalen) noch die Mit-sich-Milden und macht dem jeweils Anderen nicht eure Praxis verbindlich.

Wa Allahu 3alem

Salafismus/Radikalismus: Entwicklung statt Ausstieg

von Yahya ibn Rainer

Ich kann vollkommen nachvollziehen, dass manche Jungsalafisten – besonders wenn sie einen falschen Einstieg bzw. Umgang hatten – nach einer gewissen Zeit das Bedürfnis verspüren etwas herunterzufahren und die eigene bisherige Anschauung und Praxis einer objektiven und selbstkritischen Betrachtung zu unterziehen.

Dies ist ein normaler Vorgang im Leben eines Muslims und gehört zum Reifungsprozess. Der junge Muslim zeichnet sich nun einmal besonders durch Tatendrang aus und der ältere eher durch Lebenserfahrung und -weisheit.

Leider lässt der Tatendrang der Jugend häufig an Erfahrung und Weisheit mangeln, und die Erfahrung und Weisheit des Älteren führt nicht selten zu einer Reihe von Relativierungen und unnötigen Kompromissen. Aus diesem Grunde brauchen wir uns gegenseitig. Der reifere Muslim gibt Obacht, dass der jüngere nicht über die Stränge schlägt und der jüngere Muslim erinnert seinen älteren Bruder durch seinen Tatendrang an seine eigene Jugend und wie sehr er – im Gegensatz dazu – jetzt zur Relativierung neigt.

Die Beziehung zwischen Alt und Jung ist immens wichtig und zeichnet sich durch gegenseitigen Respekt aus, welcher aber zugunsten des Älteren überwiegen muss, da die religiöse Weisheit (Hikma) im Islam einen ganz besonderen Stellenwert hat.

Diese immens wichtige Bindung existiert im Leben einiger Jungsalafisten nicht oder geht verloren, entweder weil sie aus einem nichtmuslimischen Umfeld stammen oder weil sie sich, angepeitscht vom eigenen jugendlichen Tatendrang, voreilig von ihrem muslimischen Umfeld losgesagt haben.

Für diese jungen Geschwister fällt die oben erwähnte objektive und selbstkritische Betrachtung der eigenen Anschauung und Praxis sehr schwer, da sie familiär sowie sozial weitestgehend isoliert sind; oft innerhalb eines kleinen Milieus, das geringe Zweifel und Abweichungen schon als Abtrünnigkeit versteht und deshalb einen gewaltigen indirekten Druck auf den Einzelnen ausübt.

Der einzige Ausweg aus dieser Bredouille scheint für einige solcher Jungsalafisten tatsächlich der Gang zu sogenannten Aussteiger- und Deradikalisierungsprogrammen zu sein, die zumeist vom Staat oder von nichtmuslimischen Vereinen gefördert oder betrieben werden.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich und mit aller Eindringlichkeit von einem solchen Gang abraten. Nicht nur, dass solche „Aussteiger“ Gefahr laufen, als Erfolgsbeleg von den Institutionen und Vereinen medial vorgeführt zu werden, nein, auch die weitere religiöse Entwicklung hat in diesem nichtmuslimischen „Aussteigermilieu“ keine Chance anständig und positiv vonstatten zu gehen.

Meines Erachtens eignen sich diese Programme ausschließlich für solche jungen Menschen, die nicht nur aus ihrem Extremismus, ihrer Radikalität oder dem ominösen „Salafismus“ aussteigen wollen, sondern aus dem Islam als solchem. Für alle anderen rate ich dringend einen anderen Weg zu finden.

Doch welche Wege können das sein? Zum einen sollte man wissen, dass es unter sogenannten Wahhabiten und Salafisten zahlreiche, auch äußerst selbstkritische Kreise und Milieus gibt. Ich persönlich umgebe mich mit zahlreichen Muslimen, die zwar oberflächlich betrachtet immer noch als Wahhabiten und Salafisten wahrgenommen werden, aber z.B. bei Kritik an Sheikh Mohamed ibn `Abd al-Wahhab – Allah sei ihm gnädig – längst nicht mehr aus der Haut fahren, sondern sich vielmehr sogar selbst zur Kritik an diesem Gelehrten befähigt sehen, ohne ihn und seinen Status komplett leugnen oder verteufeln zu müssen.

Und wer in seinem Innersten eine komplette Abkehr von Teilen des „wahhabitischen Tauhidverständnisses“ und vom strengen Rechtsverständnis saudischer Gelehrter wünscht, soll sich besser an Imame und Moscheegemeinden wenden, die nicht offensichtlich mit dem Staat und nichtmuslimischen Vereinen in der sogenannten Deradikalisierung zusammenarbeiten. Und auch wenn es mir ein wenig schwer fällt, empfehle ich sogar lieber den Gang zu einer der zahlreichen zeitgenössischen Sufi-Tekken, als den Gang zu staatlich alimentierten Aussteigerprogrammen.

Bewahrt euch ein wenig Würde und Islam und verkauft euch nicht an die Politik und an die Medien, denn leider wissen wir von einzelnen Fällen, wo aus „Salafismus-Aussteigern“ ganz schnell medienpräsente Islamaussteiger wurden. Verpulvert nicht die Gabe Allahs. Haltet so gut ihr könnt an Seiner Rechtleitung fest.

Und zu guter Letzt noch meine Motivation zu diesem Beitrag. Ich las gestern nämlich auf der Website der taz ein Interview mit Claudia Danschke, die recht bekannt ist für ihr Engagement gegen das, was sie als Radikalismus und Salafismus versteht. Im Rahmen dieses Interviews äußerte sie (ganz sicher wider besseren Wissens) folgende dreckige Lüge:

«[…] Aber beim Salafismus dreht sich alles um das Versprechen auf das Jenseits. Du wirst glücklich, aber erst nach dem Tod. Das Diesseits ist nur die Prüfung für das eigentliche Leben. Das ist extrem wirkmächtig. Wenn du stirbst – und das kann jederzeit sein –, dann kommst du, aber nur wenn du den Salafisten folgst, ins Paradies. Alle anderen schmoren in der Hölle.[…]»

(Quelle: http://www.taz.de/!5296437)

Glaubt mir, diese Frau weiß ganz genau, dass wir nicht sämtliche Muslime als Ungläubige sehen, die keine „Salafisten“ sind bzw. nicht unserem Verständnis folgen. Man muss einfach die Glaubwürdigkeit solcher Menschen kennen, bevor man sich ihnen anvertraut. Diese Frau ist schon allein deshalb disqualifiziert, weil sie keine Muslima ist, aber zudem ist sie eine unglaubwürdige Nichtmuslimin, der man auch als Eltern nicht seine in den Extremismus abgedrifteten Kinder anvertrauen sollte.

Wa Allahu 3alem.

Ibn Hazms Bericht über die Fitna des jungen andalusischen Prinzen

[Erstmals publiziert am 27.12.2013]
von Yahya ibn Rainer

In letzter Zeit häufen sich die Fragen junger Muslime zum Thema Homosexualität und die Liebe zum eigenen Geschlecht. Überall wo ich die Gelegenheit bekomme, versuche ich das Thema ein wenig anders zu beleuchten als es eigentlich üblich ist. Besonders wichtig ist für mich in dieser Hinsicht, junge Muslime mit einer homosexuellen Neigung nicht abzuschrecken, sondern ihnen Mut zu machen.

Eine solche Neigung ist eine Prüfung. Für sündhafte Gedanken und Begierden werden wir nicht bestraft, sondern lediglich für die sündhaften Handlungen, die aus solchen Gedanken und Begierden entstehen können.

Es gibt in einer Schrift des andalusischen Großgelehrten Ibn Hazm einen interessanten Bericht, der ihm von einem Wesir des damaligen Khalifen `Abd ar-Rahman ibn al-Hakam zugetragen wurde. Mit diesem Bericht möchte ich hier gern aufzeigen, dass am Ende nicht die Neigung zählt, sondern die Willensstärke im Gehorsam dem Schöpfer gegenüber.

Hier also der Bericht Ibn Hazms, zu finden in der deutschsprachigen Übersetzung seines Werkes ṭauq al-ḥamāma fī l-ulfa wa-l-ullāf (Das Halsband der Taube) von Max Weisweiler:

Abul `Abbas al-Walid ibn Ghanim erzählt, dass der Kalif `Abd ar-Rahman ibn al-Hakam einmal anlässlich eines seiner Kriegszüge für etliche Monate von dannen zog und seinem Sohne Muhammad, der nach ihm das Kalifat bekleidete, den Zutritt zum Schloss verbot.

Er bestimmte die Dachterrasse als seinen Aufenthaltsort, ließ ihn dort übernachten und auch tagsüber wohnen und erlaubte ihm durchaus nicht, das Dach zu verlassen. Jede Nacht gab er ihm einen Wesir und einen Offizier bei, die mit ihm auf dem Dach übernachten sollten.

Abul `Abbas sagte:

„In dieser Weise verbrachte er geraume Zeit, und er, der schon etwa zwanzig Jahre alt war, hatte seine Angehörigen lange nicht gesehen, bis gleichzeitig, als ich einmal meinen Nachtdienst bei ihm hatte, ein Offizier an der Reihe war, der noch jung war und ein sehr schönes Antlitz hatte.

Ich sprach zu mir: ‚Ich befürchte, dass Muhammad ibn `Abd ar-Rahman heute Nacht dadurch ins Verderben gestürzt wird, dass ihn die Sünde anficht, der Satan ihm seine Trugbilder vorgaukelt und er ihm Folge leistet.‘

Dann nahm ich mein Bett an die äußere Seite des Daches. Muhammads Platz befand sich indessen an der inneren Seite, von der man auf den Harem des Kalifen hinuntersehen konnte, während der des Offiziers am anderen, in der Nähe des Aufgangs befindlichen Ende war.

Ich beobachtete ihn nun aufmerksam die ganze Zeit, während er glaubte, dass ich bereits eingeschlafen sei, und nicht merkte, dass ich ihm zusah.

Als ein Teil der Nacht verstrichen war, sah ich, dass er sich erhoben hatte und eine kleine Weile aufrecht sitzen blieb. Dann betete er um Schutz vor dem Teufel und legte sich wieder auf sein Lager. Nach einiger Zeit erhob er sich wieder, zog sein Hemd über und setzte sich sprungbereit hin. Dann zog er es wieder aus und legte sich abermals zu Bett, bis er sich zum dritten Mal erhob, sein Hemd anzog, die Füße aus dem Bett heraushängen ließ und eine Zeitlang in dieser Lage verharrte.

Darauf rief er den Offizier beim Namen. Als er ihm antwortete, sagte er ihm: ‚Gehe vom Dach hinunter und bleibe auf der darunter befindlichen Vormauer!‘ Gehorsam seinem Befehl erhob sich der Offizier.

Als er hinuntergegangen war, stand Muhammad auf, schloss die Tür von innen zu und ging wieder ins Bett.

Von jener Zeit an wusste ich, dass Allah es gut mit ihm meinte.“

Einige Gedanken zur bösen Scharia

von Yahya ibn Rainer

Eine große Mitschuld am falschen Verständnis für den Begriff „Scharia“ – besonders unter Nichtmuslimen, aber auch unter vielen zeitgenössischen Muslimen – tragen die modernen muslimisch-etatistischen Gruppierungen und Parteien, die andauernd von einer „Implementierung der Scharia“ faseln, wenn sie einem „Staat“ unterstellen „islamisch“ sein zu können.

Wenn PImaten, Pegidasten und AfDler heute das Wort „Scharia“ benutzen, dann denken sie an nahezu das Selbe wie ungebildete muslimische Hizbiyun, nämlich vorrangig an Steinigungen, Enthauptungen und Amputationen.

Wenn Alexander Gauland (AfD) meint, „Der Islam muss sich von der Scharia trennen“ oder hiesige Muslime müssten bekennen „für uns alle gilt die Scharia nicht“, dann spricht dies von einer immensen Unkenntnis bezüglich des Begriffes „Scharia“, besonders weil Gauland andererseits (zumindest offiziell) ganz klar für die Glaubensfreiheit eintritt und den Muslimen die Religionsausübung zugesteht.

Doch wie soll ein Muslim die Religion ausüben? Wie soll er beten, fasten und den verpflichtenden Obolus entrichten? Wie soll der Muslim sämtlichen gottesdienstlichen Handlungen nachkommen, sein Benehmen, seine Ethik/Moral schulen und seine Glaubensinhalte determinieren, wenn die Methoden und Methodologien der gesamten Religion „Islam“ in der Scharia zu finden sind?

Sie sagen im Grunde, wir dürfen die Religion ausüben, aber uns dabei nicht nach unserer Religion richten. Sie wissen nicht, dass „Scharia“ der Oberbegriff für alles ist, was unsere kultischen, rituellen und zwischenmenschlichen Handlungen angeht. Ein Mensch, dem der Rückgriff auf die Scharia verboten wird, kann weder beten noch fasten, kann im Grunde genommen nicht einmal ein richtiger Muslim sein.

Schon wenn der Muslim den Quran öffnet, um darin nach Belegen dafür zu suchen, wann, wo und wie er das rituelle Gebet zu verrichten hat, hat er sich damit einer Methode der Scharia befleißigt, indem er ihrem Grundsatz folgte, dass Quran und Sunnah die Grundlage der Religion sind.

Dem Muslim die Scharia zu nehmen bedeutet, ihm die Religion zu nehmen.

Jeder Muslim, der in der Scharia ein „Staats- & Strafgesetzbuch“ sieht, das von einem „Staat“ zu implementieren sei, darf sich als mitschuldig betrachten an der derzeitigen Misere. Denn weder findet der Muslim im Quran (oder in der Sunnah) einen „Staat“, noch kann er belegen, dass die Scharia ein Gesetzbuch ist oder samt und sonders irgendwie implementiert werden muss.

Was Allah und Sein Gesandter von jedem von uns – sei er Bürger, Staatsdiener oder Oberhaupt – verlangen, ist, dass wir unsere Entscheidungen und Urteile mit der Scharia determinieren. Dabei ist die Scharia nicht starr. In ihr finden wir zahlreiche Methoden und Methodologien, die eine große Vielfalt an Urteilen zulassen.

Unter diesem Gesichtspunkt wäre es auch äußerst dumm zu meinen, man könnte „die Scharia implementieren“, wenn man eigentlich möchte, dass der Staat feste Regeln bzw Gesetze erlässt. Denn ein Urteil gemäß der Scharia setzt voraus, dass man sich für eine bestimmte Methode/Methodologie entscheidet und die anderen außen vor lässt. Wenn man also etwas implementieren möchte, dann ein Urteil, welches die Scharia als Basis hatte, aber niemals die gesamte Scharia, denn dies könnte bedeuten, dass man etwas explizit als verboten erklärt, während man es ausdrücklich erlaubt.

Buchauszug: Ibn Hazm – Das Verliebtsein unter den Kalifen, Imamen, Frommen und Rechtsgelehrten

«Viele der rechtgeleiteten Kalifen und der orthodoxen Imame haben sich verliebt. Wenn die Muslime den Kalifen gegenüber nicht unbedingte Verpflichtungen hätten und es mir nicht ausschließlich obläge, solche Geschichten von ihnen zu erzählen, die Besonnenheit und Glaubenseifer verraten, und wenn es sich hier nicht eben um Dinge handelte, die sie in der Einsamkeit ihrer Schlösser im Kreise ihrer Familien erlebt haben, so dass ihre Wiedergabe unziemlich wäre, dann würde ich nicht wenige einschlägige Geschichten von ihnen anführen. Von den bedeutenden Männern ihrer Umgebung und den Trägern ihres Reiches aber haben sich so viele verliebt, daß es unmöglich wäre, sie aufzuzählen.

Unter den Frommen und Rechtsgelehrten vergangener Jahrhunderte und alter Zeiten hat es Leute gegeben, deren Liebesgedichte so bekannt sind, daß sich ihre Nennung erübrigt. Von `Ubaidallah ibn Mas’ud, der einer von den sieben großen Rechtsgelehrten Medinas war, sind genug Liebesgeschichten und Verse auf uns gekommen. Von Ibn ʿAbbas wird eine Rechtsentscheidung überliefert, die alle anderen überflüssig macht und die da lautet:

,Dieser ist ein Märtyrer der Liebe. Für ihn gibt es kein Blutgeld und keine Blutrache.‘»

(Abū Muhammad `Alī Ibn Hazm, ṭauq al-ḥamāma fī l-ulfa wa-l-ullāf, Übersetzung von Max Weisweiler, Das Halsband der Taube – Von der Liebe und den Liebenden, Reclam Verlag, Seite 8)

Zitat: Ibn Khaldun – Das Streben nach Versorgung ist in der arab. Grammatik der Ort des Lebens

اعلم أن المعاش هو عبارة عن ابتغاء الرزق والسعي في تحصيله، وهو مفعل من العيش. كأنه لما كان العيش الذي هو الحياة لا يحصل إلا بهذه، جعلت موضعاً له على طريق المبالغة

«Wisse, dass [der Begriff] Ma’asch ein Ausdruck für das Streben nach der Versorgung ist und der Mühe sie zu erlangen. Es ist die Maf’al-Form¹  von `Aisch (Leben). Ganz als ob das Leben nur durch ihn möglich wird, wurde er übersteigert zu dessen Ort gemacht.»

Walī ad-Dīn ʿAbd ar-Rahmān Ibn Khaldūn (gest. 808 n.H.), in seiner Muqaddima

Fußnote:
¹ Ma'fal: Eine Form der arabischen Grammatik, die einen Ort nach seiner sinngebenden Eigenschaft benennt. Beispiele: Masjid (Moschee) = Ort von sajada (niederwerfen), Madrasah (Schule) = Ort von darasa (lernen), Maktabah (Bücherei) = Ort von kataba (Bücher).
Ein herzlicher Dank - für Übersetzung und Unterstützung - geht raus an die Brüder der avantgardistischen Telegram-Gruppe "Ökonomie und Gesellschaft".