Was ist mit „Verfälschung der Torah“ gemeint? (Teil 3)

von Jens Ranft

Fakhr al-Dīn al-Rāzī beschreibt in seinem Tafsīr al-Kabīr was mit Taḥrīf gemeint sein kann:

»[Erstens] indem sie ein Wort durch ein anderes ersetzen, wenn sie z.B. das Wort „adam tawil“ anstelle von „rab’ah“ in die Torah einfügen. Wenn man fragt, wie dies bei einem Buch möglich ist, dessen Buchstaben und Worte einer so großen Zahl von Menschen im Osten und Westen bekannt sind, würden wir sagen: „Es ist vielleicht möglich, dass die Zahl der Menschen, die das Buch gelesen haben, zu gering war: Es ist vielleicht möglich zu sagen, dass [anfangs die Zahl der] Menschen gering war und diejenigen, die das Wissen über die Schrift hatten (‚ulama‘), äußerst klein waren, und deshalb konnten sie diese Veränderung (Taḥrīf) bewirken.

Zweitens, was mit Taḥrīf gemeint sein kann, ist, falsche und zweifelhafte [Aussagen] zu machen, falsche Interpretationen zu geben und die wahre Bedeutung eines Wortes in eine falsche Bedeutung umzuwandeln, indem man verschiedene sprachliche Tricks anwendet, wie es die Leute der Neuerungen in unserer Zeit in Bezug auf die [Qur’an-]Verse tun, die nicht mit ihren Schulen übereinstimmen. Dies ist die korrekteste [Auslegung].

Drittens: Sie [die Juden] pflegten den Propheten [Gottes segne sie] zu treffen und ihn über Dinge zu befragen, und er informierte sie … als sie gingen, änderten sie seine Worte. […]

Die Verfälschung [Taḥrīf] muss sich also entweder auf die eigentlichen Wörter oder auf deren Bedeutung beziehen … .

Die ununterbrochene Überlieferung [tawatur] verhindert jedoch die Abänderung der eigentlichen Worte. Wenn also die siebzig Männer zur Zeit Moses die Überlieferer waren, hätten sie nichts in Bezug auf Muhammad geändert, sondern nur Gebote und Verbote. Wenn sie hingegen zur Zeit Muhammads lebten, ist es wahrscheinlicher, dass mit der Änderung Dinge gemeint sind, die sich auf Muhammad beziehen. Der Wortsinn des Korans gibt keinen Hinweis darauf, was sie tatsächlich geändert haben.«

Ibn Taymiyyah schreibt in seinem Tafsir al-Kabir (Bd. 1 / S. 209) folgendes zur Verfälschung der Torah:

»Es wird gesagt, dass es auf der Welt keine einzige Abschrift [oder Version der Schrift] gibt, die dem entspricht, was Gott in der Torah und im Evangelium offenbart hat. Alle, die es gibt, seien verändert (mubaddal). Was die Torah betrifft, so hat ihre Überlieferung von einer großen Anzahl von Menschen zu einer [nachfolgenden] großen Anzahl von Menschen aufgehört, und die Evangelien werden von vier [Menschen] genommen.

Unter diesen Leuten [Muslimen, die das sagen] gibt es diejenigen, die behaupten (za’ama), dass vieles von dem, was in der Torah und im Evangelium [heute] steht, falsch (batil) und nicht von Gottes Wort (kalam allah) ist.

Einige von ihnen sagten, dass das, was falsch ist, nicht viel ist.

Es wird aber auch gesagt: Niemand hat irgendeinen Text der heiligen Schriften verändert. Vielmehr haben sie [Juden und Christen] ihre Bedeutungen durch [falsche] Interpretationen verfälscht.

Viele Muslime haben diese beiden Ansichten vertreten. Die richtigere [Ansicht] ist die dritte Ansicht, die besagt, dass es in der Welt wahre (Saḥiḥ) Kopien [Versionen] gibt, und diese blieben bis zur Zeit des Propheten (Friede sei mit ihm), und viele Kopien [Versionen], die verdorben waren.

Wer auch immer sagt, dass nichts in [diesen] Kopien [Versionen] verdorben war, der hat geleugnet, was nicht geleugnet werden kann.

Wer auch immer sagt, dass nach dem Propheten (Friede sei mit ihm) alle Kopien [Versionen] verfälscht worden sind (hurrifat), der hat gesagt, was offensichtlich falsch ist (khata‘). Denn der Qur’an befiehlt ihnen, nach dem zu urteilen, was Allah in der Torah und im Evangelium offenbart hat. [In beiden ist die Weisheit (hikmah) enthalten.] Und im Qur’an gibt es keinen Hinweis darauf, dass sie alle Kopien [Versionen] verändert haben.«

 

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.