Über das Struggeln in der Religion und das Forschen auch außerhalb des angeblichen Konsens

von Jens Ranft

Was es heute sehr oft gibt, ist, dass Muslime an ihrer Religion struggeln, weil es bestimmte Erzählungen, Mystiken oder Urteile gibt, an die sie im Innern nicht wirklich glauben können.

Die fluxe Antwort (speziell in social media) auf solche Zweifel ist nicht selten ein Auschluss aus bestimmten Gruppen (wie Ahlu-Sunnah, Ahlul-Bayt usw.) oder gar aus dem Islam.

Die meisten von uns struggeln im Verborgenen, weil uns die Gemeinschaft wichtig ist und wir uns nicht outen wollen. In einem toxischen Umfeld, in dem wir damit rechnen können verurteilt zu werden, ist das Zweifeln im Verborgenen vielleicht extrem, aber sicherlich auch die bessere Lösung, jedoch gibt auch ein anderes Extrem, nämlich wenn man den Zweifel dadurch beseitigt, dass man ihn zur „Wahrheit“ erklärt.

Vielen ist aber nicht bewusst, dass auch große Gelehrte nicht frei davon waren, Zweifel an dem zu hegen, was ihrerzeit als Konsens Verbreitung hatte. Und auch das, was heute allgemein als Konsens angenommen wird, ist nicht der Weisheit letzter Schluss.

Ich erinnere mich noch an die frühen Diskussionen, die wir Salafis um 2007 bis 2012 herum mit Ascharis, Maturidis und Sufis ausfochten. Damals ging es nicht nur um die Sache an sich, sondern vor allem auch um die Gelehrten die wir anführten und verehrten.

Ein bekannter Angriff auf die beiden Salafi-Lieblinge Ibn Taymiyyah und Ibnul-Qayyim war, dass sie (nach einigen Quellen unserer Kontrahenten) die Ansicht hatten (oder nicht deutlich verurteilten), dass das Höllenfeuer (also die jenseitige Strafe für die Übeltäter) nicht ewig sei. Dies sei per Konsens der Ahlus-Sunnah wal-Jama’a falsch, womit die beiden Gelehrten auch keine Sunniten sein könnten. Wir Salafis wiesen diesen Vorwurf natürlich deutlich zurück, waren zutiefst empört darüber und wir ergingen uns in ellenlangen Widerlegungsschriften.

Aber ganz egal, ob dies nun stimmte oder nicht, gerade diese Tatsache, nämlich die ewige Strafe für Überltäter (zu denen auch sämtliche Nichtmuslime zählen, auch wenn sie einen wirklich vorbildlichen Lebenswandel hatten) lässt viele Muslime heute struggeln.

Wie kann der Christ, der sein Leben lang Arme speiste und dafür selber in Armut lebte, der den besten Charakter hatte und nie jemanden etwas Böses antat, ewig dafür bestraft werden, während ein muslimischer Räuber, Mörder und Vergewaltiger nach einer bestimmten Zeit der Strafe in den Genuß des Paradieses kommen kann?

Ich hege da ehrlich gesagt keine Zweifel, kann aber jeden Zweifel daran sehr gut nachvollziehen. Es ist auch egal was irgendwelche Eiferer in social media dazu sagen, Fakt ist, dass diese Zweifel seit jeher existieren.

Es gibt auch Zweifel die mich früher struggelten. Beispielsweise fand ich die Erzählung von Iblis etwas missverständlich. Warum ist Iblis ein Jinn, wenn er doch dafür bestraft wurde sich nicht vor Adam a.s. niedergeworfen zu haben, während Allah dies doch den Engeln befahl und nicht den Jinnen.

Ich struggelte so lange daran, bis ich erfuhr, dass (auch große) Gelehrte darin eine andere Sichtweise wählten und dass in manchen Gegenden heute noch Konsens darüber besteht, dass Iblis ein gefallener Engel ist und kein Jinn.

Ein anderer Struggel war, dass ich nicht glauben konnte, dass Allah die Juden in Affen und Schweine verwandelte, sodass die heutigen Juden die Nachfahren von Affen und Schweinen seien. Das wird gern und oft erzählt, aber tatsächlich hat das nicht einmal eine richtige Basis, zwar wird in Quran und in den Ahadith darüber berichtet, aber „verwandelt“ wurde von den Juden nur ein kleiner Teil einer kleinen antiken Stadt, bei einem bestimmten Ereignis, über das wir nicht einmal einstimmige Erzählungen haben. Und später fand ich heraus, dass diese „Verwandlung“ von einigen Gelehrten sogar als metaphorisch betrachtet wurde, also nicht in echte Tiere, sondern eher dahingehend, dass sie schlechte (schweinische bzw. äffische) Charakterzüge entwickelten.

Was ich damit sagen will: Verzweifelt nicht an euren Zweifeln, sondern sucht Auswege, nicht darin, das eigene Meinungsbild zur Wahrheit zu erklären, sondern in der Lektüre islamischer Literatur, in der Meinungsvielfalt. Man muss nicht jedem seine eigene Meinung auf die Nase binden, vor allem nicht denjenigen die dazu neigen andere zu verurteilen oder auszuschließen.

Der (angebliche) Konsens kann eine gute Orientierung sein, kann aber auch einengen und den Muslim struggeln lassen. Du bist für dich an allererster Stelle verantwortlich, erst dann für andere. Beseitige deine Zweifel oder lerne damit zu leben, aber verzweifle nicht daran, denn es gibt immer einen Ausweg.