Was ist mit „Verfälschung der Torah“ gemeint? (Teil 1)

von Jens Ranft

Ich bin ein Kind der aufkeimenenden Salafi-Dawa der 00er Jahre, kenne also die legendären Dawa-Videos von Pierre Vogel & Co. aus ihrer Anfangsphase. Diese Dawa war klar und eingängig und ihre jungen Prediger waren hochmotiviert und längst nicht so ungebildet wie es ihnen mancheiner unterstellen mochte.

Vor allem aber war diese Dawa erfolgreich, auch bei mir. Vieles, was diese Prediger in ihren Videos und Audios erzählten, klang schlüssig und fügte sich in ein Islambild ein, das rhetorisch unangreifbar schien.

Um ein solches unangreifbares Islambild vermitteln zu können, war es notwendig die Dinge nicht nur klar, sondern auch eindeutig zu formulieren. Diese selbstsicher vorgetragene Eindeutigkeit führte aber auch dazu, dass sämtliche Bestandteile des Islams, wie bspw. Pierre Vogel sie vortrug, als einizig wahrer Islam wahrgenommen wurde, vor allem von unwissenden Zuhörern.

Ich mache das Pierre Vogel nicht zum Vorwurf, auch wenn diese Auffassung bei einigen seiner Anhänger durchaus schlimme Folgen hatte. Im Grunde erkenne ich diese Auffassung bei vielen gewöhnlichen Muslimen. Jeder denkt oder glaubt, dass der islam wie er ihn gelernt hat und lebt, der wahre Islam ist. Schon das Wissen um die Meinungsverschiedenheiten unter den 4 anerkannten sunnitischen Rechtsschulen kann gewöhnliche Muslime irritieren, ja geradezu in Zweifel stürzen.

Es ist die kognitive Dissonanz, die uns gewöhnliche Muslime davor bewahrt, uns mit muslimischen Meinungen und Urteilen zu befassen, die unsere Islambild ins Wanken bringen. Und so ist das Thema Ikhilaf (Meinungsverschiedenheit) auch nicht für jedermann ein gutes.  Mich allerdings fasziniert es seit über 15 Jahren und ich merke, wie positiv sich die Beschäftigung damit auf meinen Glauben auswirkt.

In diesem Beitrag möchte ich nun eine dieser Eindeutigkeiten thematisieren, die in der Salafi-Dawa der 00er Jahre geradezu als Konsens verstanden wurde, nämlich dass die Torah und die Evangelien heute nicht mehr in ihrer originalen Fassung existieren, und dass aus dem Grunde, weil die Juden und die Christen die heutigen Fassungen ihrer Offenbarungsschriften mit ihren eigenen Händen verfälscht haben.

Es ist aus islamrechtlicher Sicht nicht falsch dies zu behaupten und daran zu glauben, aber so eindeutig, wie es manchmal von Predigern erwähnt wird, ist es nicht. Muslimische Gelehrte waren  über diese Angelegenheit durchaus verschiedener Meinung. Erstmals wurde ich darauf aufmerksam, als ich mich vor Jahren näher mit der Muqaddima von Ibn Khaldun beschäftigte.

Gleich im Vorwort zu seiner Muqaddima geht Ibn Khaldun auf die Grundlagen der Geschichtswissenschaft ein, erwähnt die großen Gelehrten dieser Gattung (wie Ibn Ishaq; at-Tabari; Ibn al-Kalbi; Muhammad b. ‚Umar al-Wagidi; Sayf b. ‚Umar al-Asadi & al-Mas’udi), geizt aber auch nicht mit Kritik, indem er praktisch gleich darauf schreibt:

»Kompetenten Personen und zuverlässigen Experten ist allerdings wohl bekannt, dass die Werke von al-Masudi und al-Waqidi in mancherlei Hinsicht suspekt und zu beanstanden sind.«

Daraufhin nennt er in seiner Einleitung ein Beispiel aus al-Mas’udis Geschichtswerk, in dem es um die Größe des Heeres der Israeliten unter Musa – alayhi salam – geht.

Al-Mas’udi beruft sich anscheinend auf muslimische Quellen, Ibn Khaldun schreibt dazu:

»So berichten zum Beispiel al-Mas’udi und viele andere Historiker, dass Moses das Heer der Israeliten in der Wüste zählte. Er ließ alle, die in der Lage waren, Waffen zu tragen, insbesondere diejenigen, die zwanzig Jahre und älter waren, zur Musterung antreten. Es stellte sich heraus, dass es 600.000 oder mehr waren. In diesem Zusammenhang vergisst (al-Mas’udi), zu berücksichtigen ob Ägypten und Syrien überhaupt eine solche Zahl von Soldaten hätten aufnehmen können.«

Ibn Khaldun erklärt nun lang, detailliert und nachvollziehbar, warum diese Zahl unmöglich richtig sein kann und verweist auf die Genealogie wie sie in der Torah zu finden ist:

»Außerdem lagen nach Ansicht der bestinformierten Gelehrten nur drei Generationen zwischen Mose und Israel. Mose war der Sohn von Amram, dem Sohn von Kahat (Qahat oder Qahit), dem Sohn von Levi (Lewi oder Lawi), dem Sohn von Jakob, der Israel-Allah ist. Dies ist der Stammbaum von Mose in der Tora. «

Und hier kommt es dann zu der Aussage, die mich zu diesem Posting motiviert hat. Ibn Khaldun meint nämlich dann:

»Jemand könnte gegen diese Tradierung (des Stammbaums) einwenden, dass sie nur in der Tora vorkommt, die bekanntlich von den Juden verändert wurde. (Die Antwort auf dieses Argument wäre, dass) die Aussage über die Abänderung (der Thora durch die Juden) für gründliche Gelehrte unannehmbar ist und nicht in ihrer wörtlichen Bedeutung verstanden werden kann, da die Gewohnheit Menschen, die eine (offenbarte) Religion haben, davon abhält, mit ihren göttlichen Schriften auf diese Weise umzugehen. Dies wurde von al-Bukhari im Sahih erwähnt.«

Für viele von uns dürfte das irritierend klingen, aber tatsächlich gab es unter den Gelehrten mehrere Meinungsverschiedenheiten rund um die Torah.

Viele Gelehrte waren durchaus der Ansicht, dass die heutige Torah inhaltlich (sprich: textlich) von Juden verfälscht wurde [Taḥrīf al-Nass].

Andere Gelehrte waren der Ansicht, dass der Wortlaut der Torah noch original ist, wie von Allah offenbart, aber die Bedeutung des Textes von Juden verfälscht wurde. [Taḥrīf al-Mana]

Und einige (darunter Ibn Taymiyyah) waren der Ansicht, dass zu seiner Zeit (und womöglich auch heutzutage) Exemplare von beiden existieren, von gefälschten und originalen Exemplaren.

Mehr dazu in folgenden Beiträgen.

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.