Was ist mit „Verfälschung der Torah“ gemeint? (Teil 2)

von Jens Ranft

Hier nun ein weiterer Beitrag zum Thema und den Ikhtilaf in der Frage, ob die Juden tatsächlich den Inhalt/Text der Torah änderten [Taḥrīf al-Nass] oder ob gemeint ist, dass sie die Bedeutung verfälschten [Taḥrīf al-Mana].

Wichtig an dieser Stelle: Ich bin kein Apologet einer dieser Meinungen, sondern interessiere mich für das Thema. Natürlich tendiere auch ich zu einer bestimmten Meinung, was hier aber nicht das Thema sein soll.

Zu Sure Aal-i-Imran, Ayah 78 (ungefähre Bedeutung nach Zaidan) …

»Und unter ihnen ist eine Gruppe, die mit ihren Zungen die Schrift verdrehen, damit ihr denkt, dies gehöre zur Schrift, obwohl es nicht zur Schrift gehört, noch dazu sagen sie: „Es sei von ALLAH“, doch es ist nicht von ALLAH. Und sie verbreiten Lügen im Namen ALLAHs, während sie es wissen.«

… schrieb Ibn Kathir in seinem Tafsir:

»Al-Bukhari berichtete, dass Ibn `Abbas sagte, dass die Ayah bedeutet, dass sie verändern und hinzufügen, obwohl niemand von Allahs Schöpfung die Worte Allahs aus Seinen Büchern entfernen kann, sie verändern und entstellen ihre offensichtliche Bedeutung.

Wahb bin Munabbih sagte: „Die Torah und das Evangelium bleiben so, wie Allah sie herabgesandt hat, und kein Buchstabe in ihnen wurde entfernt. Doch die Menschen führen andere durch Hinzufügungen und falsche Interpretationen in die Irre, indem sie sich auf Bücher stützen, die sie selbst geschrieben haben. Dann [sagen sie: „Dies ist von Allah“, aber es ist nicht von Allah. 3:78] Was die Bücher Allahs betrifft, so sind sie erhalten geblieben und können nicht verändert werden.«

Ibn Kathir nennt zwar diese beiden Aussagen, ist aber anderer Meinung und tut sie kurz darauf auch kund. Allerdings scheint er damit vor allem die arabischen Übersetzungen von Torah und Evangelium zu meinen:

»Wir sollten feststellen, dass es keinen Zweifel daran gibt, dass sie [die Juden und Christen] sie [die Torah und das Evangelium] verändert, entstellt, (sowie etwas) hinzugefügt und gelöscht haben. Zum Beispiel enthalten die arabischen Versionen dieser Bücher gewaltige Fehler, viele Hinzufügungen und Streichungen und enorme Fehlinterpretationen. Diejenigen, die diese Übersetzungen angefertigt haben, haben die meisten, oder besser gesagt, alle diese Übersetzungen falsch verstanden.«

Sayyid Qutb schreibt in seinem Quran-Kommentar (Fī ẓilāl al-qurʾān, Bd II, 675) folgendes zu den beiden Ansichten (textliche oder interpretatorisch Verfälschung der Torah):

»Die bevorzugte Ansicht ist, dass (sich dies auf) ihre Interpretation von Texten aus der Torah (bezieht), in einer Weise, die nicht (von Allah) beabsichtigt war (ya’ni tawiluhum li’ibarati al-tawrat bi ghayr al-maqsud minha). Dies geschah [um] das zu verwerfen, was in ihr [Torah] an Zeichen der letzten Botschaft [des Propheten] und an Regeln und Gesetzen, die durch das letzte Buch [Qur’an] bestätigt werden, vorhanden ist.«

 

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.