Muhammad ibn ʿAlī asch-Schaukānī und die kognitive Dissonanz.

von Jens Ranft

Es gibt einen zeitgenössischen Philosophen, der mich sehr beeindruckte, es handelt sich um den kolumbianischen Schriftsteller Nicolás Gómez Dávila (gest. 1994).

Ein Sinnspruch aus seiner Feder lautete,

«Eine Überzeugung kräftigt sich nur, wenn wir sie mit Einwänden nähren.»

,und dies ist so eine Weisheit, die bei der Beschäftigung mit dem Gelehrten Muhammad ibn ʿAlī asch-Schaukānī verinnerlicht werden sollte.

Für einen Muslim, der den Islam ideologisch derart eingrenzt, dass nur Urteile eine Berechtigung haben dürfen, die er seit jeher kennt und gutheißt, kann die Auseinandersetzung mit diesem eigenständigen und unabhängigen Mudschtahid eine große Herausforderung sein.

Speziell für Menschen, die nur ihre eigene Rechtsschule kennen und befolgen, aber auch für Kenner anderer Urteile innerhalb der 4 heute noch anerkannten sunnitischen Rechtsschulen, kann das Studium der Werke von Muhammad ibn ʿAlī asch-Schaukānī eine Prüfung sein, besonders wenn man nicht in der Lage ist gelehrten Widerspruch zu ertragen.

Dabei ist der Sheikh kein Abweichler im klassischen Sinn oder ein Neuerungsträger. In der gesamten muslimischen Welt, in den staatlichen Fatwa-Ämtern muslimischer Länder bis in die größten islamischen Universitäten, wird der Name dieses Gelehrten in Ehren gehalten, seine Urteile werden rezipiert und seine Grundlagenwerke werden erklärt und kommentiert, quer durch nahezu alle Gruppierungen und Parteien.

Deshalb sind speziell Studenten anfangs extrem irritiert, wenn sie sich näher mit dem Gelehrten befassen, dessen Werke ihre Lehrer und Professoren ihnen zum Grundlagenstudium empfehlen.

Eines seiner Werke heißt „ad-Durr al-naḍīd fi iḫlāṣ kalimat at-tauḥīd“ (Die ebenmäßigen Perlen über den vorbehaltlosen Glauben an das Wort der Einheit Gottes). Es handelt sich um eine Abhandlung über Tauhid & Shirk und wurde von asch-Schaukānī zu einer Zeit verfasst, als die Wahhabiten gerade, um 1811 herum, die Küstenregion (Tihama) des Jemens eroberten. Ohne Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb oder die Wahhabiten explizit beim Namen zu nennen, setzt er sich in dieser Abhandlung kritisch mit den Urteilen über Tauhid und Shirk auseinander, wie sie von den damaligen Wahhabiten propagiert wurden, besonders auch in Bezug auf den Gräberkult.

Mir ist bekannt geworden, dass Theologie-Studenten in Saudi Arabien dem Sheikh aus diesem Grund eine falsche Aqida unterstellten und über ihn lästerten.

Daraufhin wurde Sheikh Salih al-Fawzan darauf angesprochen, eine Koryphäe der Salafi-Bewegung, mit den Worten:

»Einige Leute sprechen schlecht über die `Aqida vom Imam asch-Schaukani und sprechen über sie vor den Studenten in der Universität. Ist dieses Lästern korrekt?«

Und er antwortete darauf wie folgt:

»Was für ein Lästern ist das? Was lästert er über Imam asch-Schaukani oder andere? Wenn er über andere lästern will, sollte er die Fehler beweisen. Man kann nicht einfach schlecht über die Gelehrten sprechen ohne es zu beweisen. Er sollte es bestätigen. Man kann nicht die Worte aus dem Kontext reißen und sie den Gelehrten zuschreiben. Die Gelehrten haben ihre Unverletzlichkeit und Position. Imam asch-Schaukani hat seine Position im Wissen und in der Verifizierung. Er hat über das Verbot des Bauens über Gräbern geschrieben. Er hat ein Buch über Tauhid geschrieben: „Ad-Durr an-Nadid fi ´Aqida-it-Tawhid“. Er ist ein nobler Imam.

Was sagt dieser Armselige über ihn? Es mag sein, dass diese Person, die über asch-Schaukani lästert, mit íhm verärgert ist, aufgrund seiner `Aqida. Jedoch hat asch-Schaukani die `Aqida von Ahlu-us-Sunnah wal-Jama`a und der Muhaddithin. Diese Person mag verärgert über ihn sein, weil er nicht mit ihm übereinstimmt.«

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=lVRtUG9jp8s

Was mich ebenso an asch-Schaukānī fasziniert, war seine Bereitschaft, sich argumentativ auch für Meinungen und Urteile einzusetzen, die er selber nicht vertrat. So schrieb er ein Werk mit dem Titel  „Ibtal dawa al-ijma ala tahrim mutlaq al-sama“ (Zum Widerspruch des behaupteten Konsenses über das absolute Verbot des Musikhörens), in dem er seitenlang darlegte, dass es unter den Gelehrten keinesfalls so etwas wie einen Konsens darüber gab, dass das Musikhören verboten sei, wie es seit frühester Zeit, bis heute, von Gelehrten behauptet wird. Und dies, obwohl asch-Schaukānī anscheind die Ansicht vertrat, dass das Musikhören nicht erlaubt ist.

Auf dem Titelblatt des Manuskripts zum Buch „Ibtal dawa al-ijma ala tahrim mutlaq al-sama“  stand nämlich folgendes:

»Der Grund, weshalb die vorliegende Abhandlung niedergeschrieben wurde, ist die von einigen Nachlässigen ersonnene Lüge, dass das Hören von Musik gemäß dem Konsens der Gelehrten absolut verboten sei. Ohne Zweifel ist diese Aussage nicht nur als große Lüge, sondern auch eine Verleumdung gegen eine Gruppe von Prophetengefährten und ihren Nachfolgern sowie gegen einige Gelehrte.

Dies war unser alleiniger Antrieb, diese Schrift zu verfassen, wie es im Laufe der Untersuchung ausdrücklich erwähnt wird.

Damit kein Unwissender denkt, dass Zweck dieser Abhandlung die Billigung von Musikhören und amüsanter Unterhaltung wäre – Denn dies lehnt Allah ab!«