Nayl al-Awtar

Wissenwertes über Muhammad ibn ʿAlī asch-Schaukānī (gest.1834)

von Jens Ranft

Bemerkenswert an Muhammad ibn ʿAlī asch-Schaukānī (gest.1834) ist meines Erachtens, dass man ihn in keine heute vorhandene Schublade/Gruppierung stecken kann.

Weder passen auf ihn die Attribute irgendeiner Rechtsschule, noch kann man ihn einen Wahhabiten Salafisten, Ikhwani oder Sufi schimpfen.

Nicht einmal eine scharfe Trennung zwischen Schia und Sunnah ist bei ihm eindeutig möglich, denn er stammt aus einer zaidisch-schiitischen Gelehrtenfamilie und er lernte anfangs vor allem bei Gelehrten dieser Richtung.

Allerdings galt er sehr schnell nicht nur für die gemäßigten Zaidiya-Schiiten des Jemens als islamrechtliche Autorität, sondern auch für die (vor allem schafiitischen) Sunniten, da er sich in der Urteilsfindung ganz klassisch an den Quran und die Sunnah des Propheten hielt, also die sunnitischen Hadithwerke vorbehaltlos als Quelle anerkannte und gegen schiitische Angriffe verteidigte.

Soweit ich weiß, hat er sich jedoch nie explizit vom Schiitentum losgesagt, hatte aber eine klare Meinung zu den extremen 12er-Schiiten, die er selbst als Rafida bezeichnete.

In seinem Werk Adab at-Talab schreibt er über sie:

«Was die Eile betrifft, mit welcher diese Gruppe zu(m Mittel) der Lüge greift, und die Verwegenheit und die Verachtung, mit der sie an die Sache (herangehen), so haben ihre Vorfahren sowie diejenigen, die ihnen folgten, das Limit der Lüge über Allah, seinen Propheten, sind Buch und die Aufrichtigen seiner Gemeinschaft erreicht. Von ihnen geht etwas aus, was die Haut erschaudern lässt.»

Trotz seiner offensichtlichen Präferenz für sunnitische Quellen und Methodologien, blieb er in der Frage des rechtgeleiteten Kalifats (und seiner korrekten Reihenfolge) oft sehr indifferent. So schrieb er:

„Jeder der rechtgeleiteten Kalifen tat sein Äußeres zum Wohle der Muslime […], und wenn einer von ihnen mit etwas in Verbindung gebracht wird, was als Fehler betrachtet werden könnte, so verlangt es sein edler Status, dass man ihn in einem bestmöglichen Licht erscheinen lässt. Allah – der Erhabene – sowie der Gesandte haben den Leuten dieser Generation den höchsten moralischen Rang zugesprochen. […] Wir verehren Allah gemäß den Bestimmungen der Scharia […], und es obliegt uns nicht zu wissen, ob eine Person zum Zeitpunkt x der Kalif war, beziehungsweise dass y zum Zeitpunkt z nicht der Kalif war. Alles wird allein durch Allah geregelt, denn Er wird zeigen, wer der Richtige und wer der Falsche war. Wir müssen uns nicht in die Angelegenheiten jener vertiefen, die bereits lange verstorben sind.“

Trotz dieser schiitischen Seite seiner Biografie, wird er heute von fast allen Richtungen und Gruppen innerhalb der musl. Gemeinschaft hoch angesehen. Hoheitliche Fatwa-Ämter weltweit (Saudi-Arabien, Ägypten, Türkei, Indonesien usw.) nennen ihn und seine Rechtsgutachten als Referenz. Salafis, Sufis und gemäßgte Schiiten loben ihn und seine unabhängige und eigenständige Rechtsfindung.

Raschīd Ridā sah in ihm den Mudschaddid des 20. jahrhunderts. Der Sufi-Sheikh G. F. Haddad zählt ihn zu den „Rightly Guided Imams“, der Salafi-Sheikh Saleh Al-Fawzan bezeichnete ihn als „Imam al-nabil“ (einen noblen Imam) und bezeichnete diejenigen, die schlecht über ihn sprachen als miskeen (armselig).

Ein großes Anliegen, ja vielleicht sein Hauptanliegen, das sich wie ein roter Faden durch die Werke von Imam Muhammad ibn ʿAlī asch-Schaukānī zieht, war sein Kampf gegen die Erstarrung des Fiqh, den Stillstand der Rechtsfindung und der dazugehörigen Wissenschaften, zugunsten einer blinden Nachahmung durch eine eng eingegrenzten Zahl von Rechtsschulen und Gelehrten.

Dass die Tore des Idschtihād geschlossen seien, war eine Aussage, die den Sheikh in äußerste Empörung versetzte. Er war der festen Überzeugung, dass jedwedes Urteil eines vorangegangenen Gelehrten keinen Anspruch auf ewige Gültigkeit hat, sondern von nachfolgenden Gelehrten jederzeit überprüft und auch erneuert werden dürfte.

In der Einführung zu seinem Buch „Al-badr at-tali‘: Bi-mahasin man ba’d al-qarn as-sabi [Der aufgehende Mond: Die vortrefflichen Eigenschaften derer, die nach dem 7. Jahrhundert kamen] nimmt er empört Bezug auf die Abhandlung eines Gelehrten, die genau dies behauptet, nämlich dass die Tore des Idschtihād geschlossen seien. Darauf erwiderte er folgendes:

„Es herrscht ein weit verbreitetes Gerede unter dem gemeinen Volk, dass die besondere Kompetenz der frühen Generationen dieser Umma hinsichtlich der Leistungen, die in den Wissenschaften erreicht wurden, derjenigen ihrer Nachfolger überlegen sei [wörtl.: ohne ihre Nachfolger]. (Dies ging so weit), dass unter den Anhängern der vier Rechtsschulen die Ansicht aufkam, dass die Existenz von Mujtahids nach dem 6.[/12.] Jahrhundert oder, wie einige andere behaupteten, nach dem 7. [/13.] Jahrhundert unmöglich sei.

Diese Abhandlung ist bezeichnend für eine Haltung der Ignoranz, die offensichtlich solchen Personen zu eigen ist, die sich auf dem niedrigsten Bildungsniveau befinden, (nur) das geringste Auffassungsvermögen besitzen und mit einem armseligen Anteil an Verständnis ausgestattet sind.

Denn dies (bedeutete) eine Beschränkung der göttlichen Wertschätzung und des göttlichen Überflusses auf einige der Diener Allahs, während andere davon ausgeschlossen blieben [wörtl.: ohne einige], auf die Leute einer Ära, während andere davon ausgeschlossen blieben [wörtl.: ohne eine Ära], auf die Söhne einer Zeit, während andere davon ausgeschlossen blieben [wörtl.: ohne eine Zeit], (und dies) ohne Beweis und ohne Koran.

Diese enttäuschende und verachtenswerte Behauptung würde unweigerlich den späteren Generationen den Erhalter der Beweise Allahs vorenthalten, den Kommentar Seines Buches und der Sunna Seines Propheten Propheten, sowie denjenigen, der das von Ihm für Seine Diener erlassene Gesetz erläutern.

Jenes wäre ohne Zweifel der Untergang der Scharia und der Untergang der Religion. Allah – der Erhabene – hat jedoch Maßnahmen ergriffen, um Seine Religion zu erhalten. Doch geht es Ihm dabei nicht um die Erhaltung (Seiner Religion) in den Bäuchen von Büchern und Verzeichnissen, sondern vielmehr darum, solche zu bestimmen, die sie [Seine Religion] den Menschen zu jeder Zeit und bei jeder Notwendigkeit präsentieren. […]

Jenes hat mich dazu veranlasst, ein Buch zu schreiben, welches sowohl die Biographien der Koryphäen der Ulama des 8. [/14.] Jahrhunderts als auch die der Zeit danach enthält, von dem, was mich an Informationen bis in diese unsere Zeit erreichte. Und zwar deshalb, um die Anhänger der (oben erwähnten) Stellungnahme zu informieren, dass Allah – der voll Güte ist – mit den Nachfolgern ebenso großzügig war wie mit den Vorgängern.

Vielmehr ist es sogar möglich (zu behaupten), dass es in späteren Zeiten Gelehrte gab, deren allumfassendes Wissen in den verschiedenen Wissenschaften demjenigen früherer Generationen gleichkommt. So wie es derjenige erfahren wird, der sich voller Aufmerksamkeit diesem Buch widmet und der seinen Hals aus den Schlingen des Taqlid befreit hat.“