Auszüge aus „Constantinopoli“ von Edmondo De Amicis (1878)

Der italienische Schriftsteller Edmondo De Amicis (1846 – 1908) über die osmanischen Türken seiner Zeit:

„Sie scheinen alle Philosophen zu sein, die über einer fixen Idee nachgrübeln, Auge und Mund deuten auf ein in sich selbst verschlossenes, inneres Leben hin. Und alle haben dieselbe Gravität, denselben Ernst des Auftretens, dieselbe Zurückhaltung in Sprache, Blick, Geberden. Man könnte sie alle für grosse Herren (Signori) halten, vom Pascha bis zum Krämer, in derselben Schule erzogen und von derselben aristokratischen Würde umgeben. […]

Dem Anschein nach zu urteilen, muss einem die türkische Bevölkerung Konstantinopels als die zivilisierteste, ehrlichste der Welt vorkommen. Nirgends, nicht einmal in den einsamsten Gassen Stambuls, wird ein Fremder beleidigt. Man kann die Moscheen auch während des Gottesdienstes mit weit grösserer Sicherheit vor einer Kränkung besuchen, als ein Türke eine unserer Kirchen. In der Menge begegnet man nie einem, ich sage nicht insolenten, nicht einmal einem neugierigen Blicke; in den Strassen ist kein Streit, kein herumlümmelndes Pack, keine keifenden Weiber, kein öffentliches Schaustellen der Prostitution , kein schamloser Akt. Fast dieselbe würdevolle Ruhe, wie in der Moschee, findet man auf dem Markte; allenthalben wenig Gesten und Worte; kein Gesang, kein lärmendes Gelächter, kein plebejisches Geschrei, keine störenden Menschenansammlungen. Gesicht, Hände und Füsse sind rein; zerlumpte Gewänder selten und dann nie schmutzig; kein Gesindel, und überall das Zeichen einer allgemeinen gegenseitigen Achtung der verschiedenen Klassen.“

(Edmondo De Amicis, Constantinopoli, 1878)

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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