Materialien zur Geschichte der Wahaby – 01 – Einleitung (1/4)

Über die Wahaby sind verschiedene widersprechende und falsche Angaben in den wenigen, bis jetzt erschienenen, Nachrichten über dieselben aufgestellt worden. Einige Anekdoten über diese merkwürdigen Sektierer, aus den besten Quellen gesammelt, zu welchen ich im Morgenland nur Zugang erhalten konnte, dürften vielleicht vielen Lesern interessant sein. Ich muss indessen bedauern, dass während meines Aufenthaltes in Hedschaz diese Provinz wegen des Krieges mit Mohammed Aly Pascha den Bewohnern von Nedschid unzugänglich war, die vor allen anderen am besten im Stande waren, wahrhafte und richtige Auskunft über die Wahaby zu geben, während dagegen die Beduinen der gemeinen Klassen, welche dem neuen Glauben beigetreten waren, im Allgemeinen seine wirkliche Bedeutung und seine Lehrsätze gar nicht kannten.

Die Religion und die Regierung der Wahaby kann kürzlich als ein muselmännischer Puritanismus und eine Beduinenregierung definiert werden, in welcher das Oberhaupt der politische und religiöse Regent der Nation ist, auch seine Autorität auf dieselbe Weise ausübt, wie die Nachfolger Mohammeds sie über ihre bekehrten Landsleute auszuüben pflegten. Der Stifter dieser Sekte war, wie bekannt, ein gelehrter Araber, namens Abd el Wahab, welcher verschiedene Schulen der Hauptstädte im Morgenland besucht (was feine Landsleute selbst noch jetzt zu tun pflegen) und durch die Beobachtungen während seiner Reisen die Überzeugung erlangt hatte, dass die ursprüngliche Religion des Islam oder die Mohammedanische Religion gänzlich verderbt und durch Missbräuche verdunkelt worden sei, sodass man bei weitem den größeren Teil der Bewohner des Morgenlandes und besonders die Türken mit Recht als Ketzer betrachten könne.

Aber neue Lehrsätze und Meinungen sind im Morgenland ebenso wenig annehmbar, als im Abendland, und man schenkte deshalb dem Abd el Wahab nicht eher Aufmerksamkeit, als bis er sich nach langen Wanderungen in Arabien mit seiner Familie gerade zu der Zeit in Derayeh[1] niederließ, als Mohammed Ibn Saud die Hauptperson dieser Stadt war. Dieser wurde nun zuerst bekehrt und heiratete bald nachher die Tochter des Abd el Wahab. Diese beiden Familien darf man deshalb nicht mit einander verwechseln.

Abd el Wahab, der Stifter der Sekte, war seiner Geburt nach aus dem Stamme Temym[2] und aus dem Clan, namens El Wahabe. Die Beni Temym treiben größtenteils Landbau in Nedschid. Ihr Hauptwohnort ist El Howta, ein Dorf, fünf Tagereisen von Derayeh, südlich in der Richtung von Wady Dowasyr gelegen, und der Geburtsort des Abd el Wahab. Eine andere Kolonie der Beni Temym bewohnt die Stadt Keffar in der Provinz Dschebel Schammar und besteht aus den Abkömmlingen von Familien, welche aus Howta flohen, um den Folgen der Blutrache zu entgehen. Eine dritte Kolonie derselben treibt ebenfalls Landbau und wohnt unter der Jurisdiktion[3] des Pascha von Bagdad in den Dörfern zwischen Helle und Mesched Aly. Die Beni Temym zeichnen sich durch ihren hohen Wuchs, durch breite Köpfe und dicke Bärte aus, durch welche Merkmale sie sich von anderen Beduinen unterscheiden. Aber die Familie Saud, der politische Gründer der Wahaby-Regierung, gehört zum Stamme Messalykh, einem Zweige der Wold Aly, und deshalb zur Nation der Aeneze. Der Clan der Messalykh, namens Mokren (مكرن), oder, wie es die Beduinen auch aussprechen, Medschren, zu welchem Saud gehörte, hatte sich zu Derayeh niedergelassen und daselbst Einfluss erlangt. An diese Araber nun hatte sich Abd el Wahab gewendet. Mohammed Ibn Saud war der erste, welcher den Titel Emir annahm, aber seine Macht war damals so klein, dass er, wie man erzählt, in seinem ersten Treffen mit einigen Feinden nur sieben Kamelreiter bei sich hatte.

Die Geschichte dieser Sekte bietet ähnliche Tatumstände dar, wie sie täglich in der Wüste vorkommen. Ein Stamm hat Glück, gelangt zu Macht, macht Beute und verbreitet seinen Einfluss über seine Nachbarn. Durch unermüdliches Bestreben und Wirken gelang es dem Abd el Azyz und dem Ibn Saud, dem Sohn und dem Enkel des ersten Regenten Mohammed, ihre Waffen in die entferntesten Teile Arabiens zu tragen; und indem sie ihre religiösen Sätze verbreiteten, gründeten sie zugleich gemäß derselben eine Obergewalt, welche die Araber lehrte, einen geistlichen und weltlichen Regenten in derselben Person anzuerkennen, wie sie bei der ersten Verbreitung des Islam getan hatten. Ich will ihre Geschichte in Kürze vortragen, ob ich gleich nur wenige Tatsachen vor dem Feldzug des Mohammed Aly mit Zuverlässigkeit anführen kann. Zuerst muss ich aber die Grundsätze erklären, auf welche die Religion und die Regierung gegründet sind.

Die Lehrsätze des Abd el Wahab waren nicht diejenigen einer neuen Religion, sondern sein ganzes Bestreben war nur dahin gerichtet, Missbräuche bei den Bekennern des Islam abzustellen und den reinen Glauben unter den Beduinen zu verbreiten, welche zwar dem Namen nach Muselmänner, dabei aber ebenso unwissend in der Religion, als gleichgültig gegen alle Pflichten waren, welche sie vorschreibt. Wie es nun Reformatoren gewöhnlich zu gehen pflegt, so wurde auch er von Freunden und Feinden falsch verstanden. Als letztere von einer neuen Sekte hörten, welche die Türken der Ketzerei beschuldigte und ihren Prophet Mohammed weniger verehrte, als sie selbst, waren sie gleich überzeugt, dass es sich von einem neuen Glauben handele, und dass die Wahaby folglich nicht allein Ketzer, sondern auch kuffar, oder Ungläubige seien. Sie wurden umso mehr hierin bestätigt, eines Teils durch die Kunstgriffe des Scherif Ghaleb von Mekka und anderen Teils durch den Lärm, der bei allen benachbarten Paschas von der Sache gemacht wurde.

Der Scherif von Mekka, der immer ein entschiedener Feind von der wachsenden Macht der Wahaby gewesen war, hatte ein großes Interesse, den Bruch zwischen den neuen Sektierern und dem Türkischen Reich immer größer werden zu lassen, und verbreitete deshalb künstlich, und unablässig Nachrichten, dass die Wahaby in der Tat Ungläubige seien, um alle Unterhandlungsversuche mit ihnen erfolglos zu machen. Die Paschas von Bagdad, Damaskus und Kairo, welche den gefürchteten Beduinen am nächsten waren, ließen es auch nicht daran fehlen, die Absichten dieser Feinde der türkischen Missbräuche, und wie sie deshalb folgerten, des türkischen Glaubens, mit den schwärzesten Farben zu schildern. Sie hatten entweder Pilgerkarawanen zu geleiten, oder eine Eskorte mitzusenden, und es war deshalb ihr Interesse, die Gefahren unterwegs zu vergrößern, um entschuldigt zu werden, wenn die Karawane ein Unglück treffen sollte, oder um gerechtfertigt zu sein, wenn sie die Karawane zurückhielten, was eigentlich ihr geheimer Wunsch war, indem der Abgang der Karawanen allen Paschas sehr große Kosten verursacht. Hierzu kamen noch die Berichte vieler Pilger, welche zu Wasser nach Dschidda und Mekka gegangen waren und von der Insolenz[4] der Soldaten der Wahaby zu leiden gehabt hatten, und denen man in manchen Fällen gar nicht die Vollendung ihrer Wallfahrt gestattet hatte.

Bei ihrer Rückkehr vergrößerten sie ihre Leiden, und von ihnen war wenigstens keine unparteiische Beschreibung der Wahaby zu erwarten. Wir dürfen uns deshalb nicht wundern, wenn man durch das ganze Morgenland geglaubt hat, dass die Wahaby nichts Geringeres vorhätten, als eine ganz neue Religion zu begründen, und dass sie alle Türken bloß um dessen Willen mit größerer Grausamkeit behandelten, weil dieselben Muselmänner wären. Das Benehmen der großen Masse der Wahaby war dabei nicht geeignet, diesen Glauben zu schwächen.

Der größte Teil der Wahaby bestand nämlich aus Beduinen, welche, ehe sie den Glauben der Wahaby kennengelernt hatten, vom Islam fast gar nichts wussten, und deren Kenntnisse desselben noch jetzt sehr unvollkommen waren. Die neuen Lehrsätze kamen ihnen deshalb als eine neue Religion vor, und besonders, wenn sie erfuhren, wie ganz anders die Gewohnheiten und die Lehrsatze der türkischen Pilger und der arabischen Städtebewohner im Vergleiche zu den ihrigen seien. Der Geist des Fanatismus, welchen ihr Oberhaupt mit allen möglichen in seiner Gewalt befindlichen Mitteln nährte, gestattete ihnen nicht, scharfe Unterscheidungen in einer Sache anzustellen, von welcher sie selbst sehr unvollkommene Kenntnisse hatten. Und daraus erklärt sich denn zur Genüge, wie es gekommen ist, dass sie die Türken Ungläubige nannten und dagegen von diesen wiederum als solche behandelt wurden.

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[1] auch: ad-Dir’iyya

[2] auch: Tamim

[3] auch: Judikative, die richterliche Gewalt

[4] auch: Anmaßung, Unverschämtheit

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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