H. H. Frank über den Sufismus (5. Teil)

Dieser Teil wirkt noch ein wenig behäbig, aber ab dem nächsten Teil wird es endlich faktisch und interessant ... zumindest für Leute wie mich.

„Da heißt es nun, daß besondere Zustände den künftigen Adepten auf seinen Beruf aufmerksam machen. Er bekommt „Zustände“ so ist die einfache Übersetzung des hierfür gebrauchten Kunstausdruckes Hâl. Natürlich findet er sie in seinem Innern, aber er macht sie nicht. Diese Zustände und das Verhalten des Individuums zu denselben, also der Akt des Gewahrwerdens bildet den Gegenstand der mannigfaltigsten Erklärungsversuche; und es fehlt so sehr an allen begrifflichen Anknüpfungspunkten und Handhaben zur Bezeichnung eines Zustandes, den man erst verstehen will, daß sich die meisten unwillig von solcher (ihnen leeren) Lektüre wenden und deren Gegenstand als Mystik bezeichnen.

Was es auch sein mag, nennen wir es Freude an der Erkenntnis, Erkenntnisakt, Verzückung, Erleuchtung, Durchbrechen zur Gnade, ein fröhliches Gefühl ohne deutliches Bewußtsein vom Grunde desselben, gesteigertes Lebensgefühl oder tatkräftige Lebenslust den Reflex eines gesunden Lebensrhytmus, Begeisterung, Gedankenrausch: es ist eine gesteigerte Empfindung, begleitet von dem zwiefachen Wunsch der Wiederholung und der Möglichkeit einer willkürlichen Wiedererzeugung. Möge es doch zur Gewohnheit, zum Hang werden, was dann in der Kunstsprache der Sufi „Makâm = Standort“ genannt wird.

Die Hauptsache aber ist und bleibt das, was wir auch im gewöhnlichen Leben als das edelste an einer Freude bezeichnen: die Uneigennützigkeit, Uninteressiertheit. Möge der Egoismus an der Sache gebrochen werden. In dieser Hinsicht gibt es nur ein Symbol des Diesseits, was aller Kreatur bekannt ist: die Liebe. In ihr geht die eigene Person im geliebten Gegenstande auf. So wird die Kirche zu Christus in einem bräuchtlichen Verhältnis gedacht. Und so ist die letzte Predigt des alternden Johannis „Kindlein, liebet einander“. Daher ist in der symbolischen Sprache der Derwische das meist gebrauchte Bild das der Liebe (eschk). Und Liebe im höchsten Sinne ist Hingabe und Aufgabe der eigenen Persönlichkeit.

Es ist gänzliche Verkennung des Sufismus, wenn ihm Pantheismus als Name untergelegt wird. Das ganze All, was da ist, eine plumpe Masse soll das Meer sin, in das wir versinken, das soll eine Gottheit sein!

Wir sehen hier: Ein Evangelium, ein Objekt der Erkenntnis, ein Bekenntnis, zu dem man stürmisch Parteigänger, Anhänger sucht, ist hier ganz undenkbar. Daher ist und bleibt die oberste Richtschnur für das Verhalten des Derwisch: derwisch asiat nemikuned.

Der mystische Grundzug der ganzen Sache läßt sich nicht wegleugnen. Es handelt sich um den Aufbau, die Ständigmachung gewisser Seelenzustände, die allerdings Gegenstand der Erfahrung, also eine Realität sein können, sich aber jeder Darstellung entziehen.

Es gelingt uns hiermit vielleicht auch, die falschen Begriffe zu entfernen, die über das indische Nirwana („nichts“ wörtlich „ausgeweht sein“) herrschen, welche mit dem Ausdruck der Sufi fanâ („Vernichtung“) heißt. Diese dem persisch-indischen Sufismus entlehnten Ausdrücke werden durch eine Art unorthographischen Denkens immer als Derwischleere aufgefaßt. Christus sagt zu seinen Jüngern: Wer seine Seele zu verlieren meint, wird sie finden.

Im Tagesverlauf erkennen wir unter „Ich“ von Jugend auf und Kindesbeinen an durch den Widerstand, den es am Nicht-Ich, der Welt findet, der Widerstand heißt: Schmerz, Kampf, Tod. In diesem Ich wird das Häßliche, Egoistische beseitigt; vom Standpunkt der Vorstellungswelt bleibt dann nichts übrig. Und dieses Nichts ist der Geist. Das Atman der Inder. Dies Beharrende im Wechsel wird, wie gesagt, unter den schwersten Schicksalsschlägen am besten erkannt.

Dieses ist das Beharrende; das allgemeine moralische Gefühl! Dieses, nicht die weinende Gattin oder Gatte oder der treueste Freund tritt in der Sterbestunde vor uns; dieses, die moralischen Qualitäten, nicht den Plunder der Vorstellungswelt (die Hobelspäne unserer moralischen Lebensaufgabe) nehmen wir vermutlich mit; diese moralischen Qualitäten erhellen freundlich, den zurückbleibenden sichtbar, die Züge des Sterbenden, gleich der verbleichenden Abendröte eines klaren Sonnenunterganges.

Indes kehren wir zur Derwischlehre in ihren sozialen Bezügen zurück und konstatieren, abgesehen von ihren positiven Lehren, in ihrer Abgrenzung zur praktischen Welt:

1. Diese Lehre betrachtet die Religion als Vorstufe, als erste Lehrmeisterin, als den Elementarlehrer; sie übt daher keine Feindschaft gegen irgend eine Religion;

2. sie verhält sich gleichgültig gegen die ganze und gesamte Teilnahme an den wirtschaftlichen und politischen Fragen des Lebens und hat, dem Orient eng verwachsen, grade gegen diese zwei wundesten und schwächsten Punkte des orientalischen Lebens sich gekehrt;

3. sie vereinigt alles das, was wir im Abendland Aufklärung und Bildung nennen; im milden Geist einer echten Humanität, welche einen Fanatismus und ein Ketzergericht genau so verabscheut, wie einen rohen Spott gegen alle diejenigen, bei denen sich die Satzung, die Beobachtung irgend welcher religiöser Bräuche noch genau mit den metaphysischen Bestandteilen deckt, die Trennung noch nicht eingetreten ist;

4. sie geht aus reiner Innerlichkeit hervor, die sich mit jeder Form verträgt, deren wir Menschen, als in Form gebannte Geister, doch nicht entraten können; sie schreibt kein Bettlertum noch Schmutz, noch Lumpen vor; dies alles sind Gestaltungen, die von dem geistigen Standpunkt abhängen, die der einzelne im Verhältnis zur Welt einzunehmen die Kraft hat;

5. sie ist daher mit seiner Pflichterfüllung unvereinbar, durch welche wir uns mit Mühe und Arbeit einen sittlichen Anteil an den Kulturgütern und einen Platz im wirtschaftlichen Leben sichern wollen. Nur lehnen wir uns dagegen auf, daß die Erwerbsarbeit eine Martha ist, die alle ihre Bestrebungen auf Spiel setzt, um dieser äußeren Welt willen, die wir sicher in einem kurzen Zeitraum verlassen müssen.“

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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