Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 1)

von Yahya ibn Rainer

Ich machte mich am Samstag auf eine recht mühsame Reise in den Osten der Republik. Ziel dieser Reise war Trebbus, ein ehemaliges Dorf, das heute als Ortsteil zur Gemeinde Doberlug-Kirchhain gehört. In dieser brandenburgischen Idylle, etwa 30 km westlich von Finsterwalde und 125 km südlich von Berlin, lebt ein mir sehr nahestehender Bruder im Islam, der dort einen kleinen heruntergekommenen Bauernhof ersteigerte und diesen mühe- und liebevoll renovierte.

Jamal, so sein Name, ist wie ich ein deutscher Islamkonvertit, allerdings mit dem Unterschied, dass er bereits im Jahre 1975 konvertierte, also im gleichen Jahr als der kleine Jens das Licht der Welt erblickte. Damit gehört Jamal einer ganz anderen Generation von Konvertiten an als ich und viele andere in Deutschland.

Zu seiner Zeit gab es längst nicht so viele Muslime hierzulande und deutsche Konvertiten konnte man wohl an 3-4 Händen abzählen. Somit rückte man zusammen und organisierte sich. Viele heute bekannte Namen, wie Abdullah Bubenheim, Muhammad Siddiq, Abdul Karim und Fatima Grimm, Ahmad von Denffer usw. haben aus dieser frühen Zeit partizipiert und kennen sich von daher. Auch der Bruder Jamal erlebte diese frühe Phase der deutsch-muslimischen Gemeinde und kennt fast alle bekannten Namensträger dieser Zeit persönlich.

Ebenfalls ein Muslim aus dieser frühen Generation ist Abdullah Halis Dornbrach, der bereits in den 60er Jahren konvertierte und heute ein Sufi-Sheikh des Mevlevi-Ordens ist. Seine Sufi-Tekke befindet sich auch in Trebbus, ein ebenfalls renovierter, aber weitaus größerer Hofkomplex, mit Musalla, Sohbet-Raum, Laden und zahlreichen Gästewohnungen.

Jamal, der sich selbst als „Salafit“ (ohne s) versteht, lebte und arbeitete die meiste Zeit seines Lebens in arabischen und afrikanischen Ländern und erfüllte sich mit diesem Hof in der brandenburgischen Pampa einen kleinen Traum. Die Nähe zu einer muslimischen Gemeinde wollte er jedoch nicht missen, was auf dem Lande im Osten der Republik jedoch fast unvermeidbar ist. So kam ihm dieses größere muslimische Zentrum ganz recht, vor allem auch, weil es von einem Volksgenossen aus alten Tagen geführt und auch von vielen deutschen Muslimen frequentiert wurde. Vom Sufismus allerdings hatte er, nach eigenem Bekunden, zuvor noch nicht so viel gehört.

Nun gab dieser Sufi-Sheikh vor etwa 2 Jahren einmal ein Interview für die Lausitzer Rundschau, in dessen Rahmen er äußerte, dass Salafisten „ein Krebsgeschwür“ seien, die keine Ahnung vom Koran hätten usw.. Eine harte Äußerung, die einen Muslim, der von außen als „Salafist“ wahrgenommen und betitelt wird, natürlich nicht unberührt lässt. Also wollte ich meinen Besuch bei Jamal mit einem Besuch beim Mevlevi-Orden verbinden und diesen Sheikh einmal persönlich kennenlernen.

Nun muss ich einiges im vornherein unbedingt klarstellen. Heutzutage wissen ja alle möglichen Subjekte etwas über den sogenannten „Salafismus“ oder den „Wahhabismus“ zu erzählen. Journalisten – kurzerhand zu Islamexperten erklärt – , staatsalimentierte Vereine und behördliche Experten bilden die Deutungshoheit für diese Begrifflichkeiten. Sie alle wissen ganz genau was in den Köpfen dieser Muslime vor sich geht und kennen die Motive und Ziele eines jeden Individuums, das sie in dieses begriffliche Korsett einschnüren. Dabei wird natürlich fleißig dafür gesorgt, dass diese menschlichen Wesen (ja, wir haben Körper und Seele und haben Gefühle) nicht in die Lage versetzt werden öffentlich selbst Kunde darüber abzulegen, wie sie ihre Religion und deren Praxis auslegen und praktizieren (wollen).

Ein – besonders unter Muslimen – verbreitetes Vorurteil ist die kategorische Ablehnung des Sufismus unter allen „Salafisten/Wahhabiten“. Das ist freilich absoluter Humbug. Wie mich, gibt es zahlreiche andere Salafiten, die als grundlegend wichtige Wissenschaft im Islam, neben der Aqida (Glaubenslehre) und dem Fiqh (Rechtslehre), auch die Wissenschaft der Herzen (Ulum al-Qulub) anerkennen und für notwendig halten. Denn der Glauben im Islam (Iman) wird bestätigt durch die Handlungen (Amal), welche durch die Rechtslehre (Fiqh) festgelegt werden, jedoch ist ein unabdingbarer Bestandteil einer jeden Handlung, neben der korrekten Ausführung, auch die Absicht (Niyya), und diese sollte dringend von Aufrichtigkeit (Ikhlas) begleitet werden.

So wie wir Muslime die Aqida von unseren Aqida-Gelehrten erlernen und den Fiqh von unseren Fiqh-Gelehrten, so werden wir von anderen Gelehrten an die Aufrichtigkeit herangeführt, quasi dazu erzogen. Und diese Wissenschaft, diese Wissenschaft der Herzen, welche maßgeblich für unsere Aufrichtigkeit ursächlich sind, nannte man schon relativ früh in der Islamischen Geschichte al-Tasawwuf (Sufismus).

Gleich den anderen Wissenschaften, bildeten sich auch hier verschiedene Schulen bzw. Wege, die jeweils versuchten, den Schülern eine spirituelle Tiefe angedeihen zu lassen, die es ihnen ermöglichen sollte ihrem HERRN (rabb) möglichst nahe zu sein, Ihn womöglich immer gegenwärtig zu spüren und somit den Handlungen die nötige Aufrichtigkeit zu verleihen.

Weder Imam Ahmad ibn Taymiyya, der als Inspirator und Grundleger des zeitgenössischen Salafi-Bewegung geltend gemacht wird, noch Imam Muhammad ibn Abd al-Wahhab, der als Begründer des sogenannten „Wahhabismus“ gilt, haben den Sufismus kategorisch abgelehnt, vielmehr haben sie ihn hoch geschätzt und in ihren Rechtsgutachten seinen Nutzen gepriesen. (Hierzu zwei englischsprachige Beiträge: Shaykh Muhammad bin ‘Abd al-Wahhab and Sufism & Sufism and the Imams of the Salafi Movement: Introduction)

Ich bin also nicht in diese Sufi-Tekke gegangen, um mit dem dortigen Sheikh über Sinn und Unsinn des Sufismus zu streiten, sondern u.a. um zu schauen, welche Medizin dieser Führer und Meister einer Sufi-Tariqat aufzubringen in der Lage ist, wenn ein vom ihm sogenanntes „Krebsgeschwür“ bei ihm zu Gast am Tische sitzt. Wird er es als bösartig diagnostizieren, gar als invasiv, und wird es sofort und radikal operativ entfernen. Oder wird er durch Bestrahlung oder andere alternative Therapeutik versuchen es zurückzubilden? Oder wird er gar letztendlich erkennen, dass dieses „Geschwür“ gar nicht bösartig ist, sondern gutartig oder vielleicht sogar doch ein fester und normaler Bestandteil des Körpers?

Fortsetzung folgt …