Gastbeitrag: Ibn Hazm – Über die Jinn, die Einfüsterung des Teufels und sein Wirken im von Fallsucht Betroffenen

Aus dem Arabischen von Tariq Ibn Lahsan

Ibn Hazm sagte in al-Fiṣal: Weder haben wir es mit den Sinnen wahrgenommen, noch macht der Verstand es notwendig, dass sie existieren müssen und ebenso wenig, dass ihre Existenz in dieser Welt ausgeschlossen ist. Was der Verstand jedoch gebietet ist das Wissen um die Möglichkeit ihrer Existenz, da die Macht Allahs, des Erhabenen, kein Ende hat und Er erschafft was er will. Es macht keinen Unterschied, ob er ein Geschöpf erschafft, dessen Ursprung die Erde und das Wasser ist und er es die Erde, die Luft und das Wasser bewohnen lässt oder ob er ein Geschöpf erschafft, dessen Ursprung das Feuer und die Luft ist und er es die Luft, das Feuer und die Erde bewohnen lässt. Vielmehr ist all dies durch seine Macht gleichermaßen möglich. Als jedoch die Gesandten, deren Wahrhaftigkeit Allah durch die Wunder bezeugte, die er durch ihre Hände zum Vorschein brachte, von der Kunde Allahs berichteten, dass die Jinn in dieser Welt existieren, wurde es zu einer zwangsweise bekannten Angelegenheit, dass sie erschaffen wurden und existieren. Dies besagt die Offenbarung und sie besagt, dass sie ein Volk sind, das Verstand besitzt, urteilsfähig und religiös ist, dem Belohnung versprochen und Strafe angedroht wurde, das sich fortpflanzt und dessen Mitglieder sterben. Die Muslime sind allesamt hierüber überein gekommen und ja, ebenso die Christen, die Zoroastrier, die Sabäer und die meisten Juden mit Ausnahme der Samaritaner. Wer daher die Jinn leugnet oder ihnen bezüglich eine Interpretation anwendet, die sie aus dieser offensichtlichen Bedeutung ausnimmt, der ist ein Kāfir und Muschrik, dessen Blut und Vermögen erlaubt sind. Allah, der Erhabene, sagte: »Nehmen sie etwa ihn und seine Nachkommenschaft zu Schutzherren statt meiner?«¹

Abu Muḥammad sagte: Sie sehen uns, doch wir sehen sie nicht. Allah, der Erhabene, sagte: »Er und sein Stamm sehen euch von wo ihr sie nicht sehen könnt.«² So ist es belegt, dass die Jinn der Stamm Iblı̄s‘ sind. Allah, der Erhabene, sagte: »Außer Iblīs, er war einer von den Jinn.«³

Abū Muḥammad sagte: Aufgrund dessen, dass Allah uns darüber unterrichtete, dass wir sie nicht sehen, ist jemand der behauptet, er würde sie sehen oder hätte sie gesehen, ein Lügner, außer er gehört zu den Propheten, Friede und Heil sei auf ihnen, denn dies ist ein Wunder, welches ihnen zuteil wurde, sowie etwa der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, äußerte, dass ein Teufel sich auf ihn stürzte um sein Gebet zu unterbrechen. Er sagte: „Ich ergriff ihn, doch dann erinnerte ich mich an das Bittgebet meines Bruders Sulaymān und wäre es nicht deswegen, so wäre er gefesselt worden, sodass die Bewohner von Medı̄nah ihn hätten sehen können“ … oder wie er, Friede sei auf ihm, es sagte. […] Es ist unmöglich einen authentischen Bericht über eine Sichtung, selbst nach dem Tode des Propheten, Allahs Segen und Heil auf ihm, zu finden. Alles was es gibt, sind Überlieferungen mit lückenhafter Kette oder solche, die auf Leute zurückgehen, an denen nichts Gutes ist.

Abū Muḥammad sagte: Sie sind ätherische, klare, luftartige Körper ohne Farbe und ihr Ursprung ist das Feuer, so wie unser Ursprung die Erde ist. Dies ist, was der Qur’ān besagt. Allah sagte: »Und die Jinn erschufen wir zuvor aus dem Feuer des Glutwindes.«⁴ Das Feuer und die Luft sind zwei Elemente, die keine Farbe haben. Die Färbung des bei uns entfachten Feuers kommt allein durch seine Vermengung mit der Feuchtigkeit des darin entzündeten Holzes, Flachses, Fettes und dergleichen zustande. Hätten sie eine Farbe, so könnten wir sie mit dem Gesichtssinn wahrnehmen und wären sie keine klaren, ätherischen und luftartigen Körper, so könnten wir sie mit dem Tastsinn spüren. Es ist durch Offenbarung belegt, dass sie in die Brüste der Menschen einflüstern und dass der Teufel im Sohne Adams fließt, wie das Blut. Es ist verpflichtend hieran als Realität zu glauben. Zudem wissen wir, dass Allah ihnen eine Macht gegeben hat, mit der sie es erreichen ihre Einflüsterungen in die Seelen einzugeben. Der Beweis hierfür ist das Wort Allahs, des Erhabenen: »Vor dem Bösen des sich versteckenden Einflüsterers // Der in die Brüste der Menschen einflüstert // Von den Jinn und den Menschen.«⁵

Er unterrichtete uns, dass die Jinn und die Menschen in die Brüste der Menschen einflüstern. Wir selbst erleben, dass wenn der Mensch jemanden sieht, bei dem er eine ausstehende Blutrache hat, er sich erregt, sich seine Eigenschaften, sein Äußeres und sein Verhalten ändern und die Wut in ihm aufflammt. Sieht er jedoch jemanden, den er liebt, kommt er in einen anderen Zustand und wird in Entzücken und Euphorie versetzt. Sieht er jemanden, den er fürchtet, erfährt er einen wieder anderen Zustand, wird blass, zittert und atmet flach. Einem anderen Menschen werden Gesten angedeutet, die sein Wesen verändern. Einmal macht man ihn damit wütend, ein anderes mal bringt man ihn damit in Verlegenheit, ein drittes mal macht man ihm Angst und ein viertes mal stellt man ihn damit zufrieden. Ganz genauso ist es auch möglich, all diese Zustände durch Worte hervorzurufen. Was wir wissen ist, dass Allah den Jinn Kräfte gegeben hat, mit denen sie Veränderungen in den Seelen hervorrufen und in sie eingeben können, was sie hierfür benötigen. Wir suchen Zuflucht bei Allah vor dem verfluchten Teufel und seiner Einflüsterung, vor dem Übel der Menschen und seinem Fließen im Sohne Adams wie das Blut, so wie der Dichter sagte:
„In ihrem Inneren zu fließen pflegt‘ ich einst // Wie das quellende Wasser im Myrtestrauche fließt.“

Abū Muḥammad sagte: Was die Fallsucht angeht, so sagte Allah: Wie der, der vom Teufel durch die Berührung niedergeworfen wird.⁶ Damit erklärte er, dass das Wirken des Teufels auf den Fallsüchtigen allein aus der Berührung besteht und es ist niemandem erlaubt, dem etwas hinzuzufügen. Wer dem aber etwas hinzufügt, der folgt dem, worüber er kein Wissen hat und dies ist verboten und nicht gestattet. Er sagte: »Und folge nicht dem, worüber du kein Wissen hast.«

Dies sind Dinge, die man definitiv nicht wissen kann, außer durch einen authentischen Bericht vom Gesandten Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, jedoch existiert kein Bericht von ihm, Friede sei auf ihm, der etwas anderes beinhaltet als das, was wir erwähnten und Allah, der Erhabene, verleiht den Erfolg. So ist es richtig, dass der Teufel den Menschen berührt, dem Allah eine Berührung auferlegt hat, so wie es im Qur’ān erwähnt wurde, wodurch er dann seine dunklen Wesenszüge heraufbeschwört und eine Benebelung seines Gehirns verursacht, wovon ausnahmslos jeder Fallsüchtige berichtet. So lässt Allah ihm die Fallsucht und das Niedergeworfenwerden widerfahren, wie wir es erleben. Das ist die Kunde des Qur’āns und was die Beobachtung uns diktiert. Was jedoch darüber hinausgeht, so handelt es sich dabei um Märchen, welche von den Geisterbeschwörern und Lügnern ausgebrütet wurden und wir suchen unsere Hilfe bei Allah dem Erhabenen. Zitat Ende.⁸

Weiter sagte Ibn Ḥazm in einem seiner Briefe: Was das Sprechen des Teufels auf der Zunge des Fallsüchtigen angeht, so gehört dies lediglich zu den Schwindeleien der Geisterbeschwörer und ist nur vom Verstand greiser alter Weiber zu akzeptieren. Wir hören wie der Fallsüchtige durch das Bewegen seiner Zunge spricht, wie kann dann seine Zunge zur Zunge des Teufels geworden sein? […] Der Teufel gibt lediglich in die Seele ein und wirkt mit Einflüsterungen auf sie, so wie Allah der Erhabene sagte: »Der in den Brüsten der Menschen einflüstert.«⁹ und wie der Erhabene sagte: » … außer dass er ihm, wenn er sich etwas wünschte, etwas bezüglich seines Wunsches eingab.«¹⁰ Dies allein ist, was der Teufel tut. Dass er jedoch auf jemandes Zunge spricht, so ist dies eine archaische Dummheit und offenkundiger Schwachsinn. Wir suchen Zuflucht bei Allah vor dem Misserfolg und vor dem Glauben an Lügenmärchen. Zitat Ende.¹¹

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Fußnoten:

¹ Al-Kahf: 50.

² Al-Aʿrāf: 27.

³ Al-Kahf: 5.

⁴ Al-Ḥ ijr: 27.

⁵ Al-Nās: 4 ff.

⁶ Al-Baqarah: 275.

⁷ Al-Isrā‘: 36.

⁸ Abū Muḥammad ʿAlı̄  Ibn Ḥazm al-Andalusı̄, Dr. Muḥammad Ibrāhı̄m Naṣr (Rez.), Dr. ʿAbd al-Raḥmān ʿUmayrah (Rez.), Al-Fiṣal fı̄ al-Milal wa al-Ahwā’wa al-Niḥal, Band 5, S. 111 ff., Dār al-Jı̄l, 3. Auflage, Beyrūt 1412 A. H.

⁹ Al-Nās: 5.

¹⁰ Al-Ḥ ajj: 52.

¹¹ Abū Muḥammad ʿAlı̄  Ibn Ḥazm al-Andalusı̄, Dr. Iḥsān ʿAbbās (Rez.), Rasā’ilIbn Ḥazm al-Andalusı̄, Band 3, Seite 228, Al-Mu’asassah al-ʿArabı̄yah li al-Dirasāt wa al-Naschr, 3. Auflage, Bayrūt 1987.

 

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Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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