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Ibn Taymiyyahs Konzept des Marktmechanismus (Teil 3)

Preisbildung aus der Sicht anderer muslimischer Denker

Die früheste mir bekannte Aufzeichnung zu Produktionssteigerungen und ‑rückgängen in Bezug auf Preisänderungen findet sich bei Abu Yusuf (731–798 n. Chr./113–182 n. H.). Doch statt eine theoretische Darstellung von Angebot und Nachfrage und deren Auswirkungen auf die Preise zu liefern, stellt er fest:

„Es lässt sich keine bestimmte Grenze von Billigkeit und Teuerung feststellen. Es ist eine Frage, über die vom Himmel aus bestimmt wird, ohne dass wir wissen, wie. Billigkeit kommt nicht dadurch zustande, dass Nahrung reichlich vorhanden ist, und Teuerung kommt nicht durch Knappheit zustande. Sie unterliegen den Befehlen und Entscheidungen Allahs. Manchmal sind reichlich Lebensmittel verfügbar, und dennoch sind sie teuer, und manchmal gibt es zu wenig, aber trotzdem sind sie billig“ (Abu Yusuf, S. 48)

In der zitierten Passage negiert Abu Yusuf die verbreitete Meinung, dass Angebot und Preis in einem negativen Verhältnis zueinander stehen. Es trifft zu, dass der Preis nicht nur vom Angebot abhängt. Genauso wichtig ist die Stärke der Nachfrage. Insofern hängen Preissteigerungen oder –senkungen nicht notwendigerweise mit steigender oder sinkender Produktion zusammen. Abu Yusuf verfolgt diesen Punkt weiter und schreibt, dass es weitere Gründe gibt, die er jedoch „der Kürze halber“ nicht erwähnt (Abu Yusuf, S. 48). Welche Faktoren sind dies? Woran dachte er dabei? Veränderungen in der Nachfrage, Veränderungen der Geldmenge des jeweiligen Landes, das Horten und Verstecken von Ware oder alles zusammen? Es bleibt zu untersuchen, ob er oder seine Zeitgenossen auf diese Punkte eingingen.

Siddiqis Ansicht nach machte der Kontext, in dem Abu Yusuf über Preise schrieb – nämlich dass proportionale Landwirtschaftssteuern (nizam al-muqasamah) besser und gerechtfertigter seien als feste Landsteuern (nizam al-misahah) – keine explizite und detaillierte Beschreibung aller beteiligten Faktoren notwendig (Siddiqi, 1964, S. 79 f. und S. 85–87).

Auch Ibn Khaldun (1332–1404 n. Chr./732–806 n. H.) äußert sich in seinen Schriften zum Thema Angebot und Nachfrage mit Blick auf Preissteigerungen und ‑senkungen. In seinem berühmten Werk al-Muqqadimah unterscheidet er unter der Überschrift „Die Preise in Städten“ zwischen notwenigen und Luxusgütern. Wenn eine Stadt sich ausdehnt und ihre Bevölkerung zunimmt, sinken Ibn Khaldun zufolge die Preise notwendiger Dinge, während die Preise von Luxusgütern steigen. Als Grund dafür gibt er an, dass jedermann sein Hauptaugenmerk auf Lebensmittel und andere lebensnotwendige Güter richtet, so dass das Angebot an diesen Dingen zunimmt und die Preise sinken. Auf der anderen Seite interessiert sich nicht jeder für die Produktion von Luxus- und Komfortartikeln, während die Nachfrage hiernach entsprechend von Veränderungen im Lebensstil steigt und die Preise demzufolge ebenfalls steigen. Ibn Khalduns Darstellung von Angebot und Nachfrage und deren Auswirkungen auf die Preise ist durchaus sinnvoll und vernünftig. Außerdem erwähnt er die Rolle des Wettbewerbs zwischen den Nachfragenden und eine Kostensteigerung beim Angebot aufgrund von Besteuerung und anderer Verpflichtungen in der Stadt (Ibn Khaldun, S. 288 f.).

An anderer Stelle beschreibt Ibn Khaldun die Auswirkungen von steigender oder sinkender Nachfrage auf die Preise. Er schreibt:

„[…] Wenn es von Waren (die von auswärts herbeigeschafft werden) nur wenig gibt und sie selten sind, steigt ihr Preis. Wenn das Land jedoch nah ist und die Straßen sicher sind, wird es viele geben, die Waren transportieren. So werden diese Waren in größerer Menge verfügbar sein und ihr Preis sinken“ (Ibn Khaldun, S. 314).

Die angeführten Zitate zeigen, dass Ibn Khaldun ebenso wie Ibn Taymiyyah sowohl das Angebot als auch die Nachfrage für ausschlaggebend bei der Festlegung von Preisen erachtet. Im weiteren Verlauf führt Ibn Khaldun aus, dass ein moderater Profit den Handel fördert, wohingegen sehr niedrige Profite Händler und Handwerker entmutigen und sehr hohe Profite zu einer sinkenden Nachfrage führen (Ibn Khaldun, S. 315 f.).

Ibn Khaldun geht sogar noch weiter als Ibn Taymiyyah, indem er die Wettbewerbselemente und die unterschiedlichen Lieferkosten klar benennt, über die sich Ibn Taymiyyah nicht sehr explizit äußert. Nach seiner Aussage zu Angebot und Nachfrage führt Ibn Khaldun Beispiele für verschiedene Waren und die Versorgung damit in verschiedenen Ländern sowie deren hohen oder niedrigen Preis, entsprechend der Verfügbarkeit, an. Er stellt lediglich Beobachtungen an, ohne irgendeine Art von Preiskontrolle vorzuschlagen. Anscheinend beschäftigt er sich vor allem mit den Fakten, während Ibn Taymiyyah eher an Regeln interessiert ist. Ibn Taymiyyah beschränkt seine Analyse nicht auf eine Diskussion der Auswirkungen eines Anstiegs oder Sinkens von Angebot und Nachfrage auf die Preise, sondern spricht sich auch gegen jegliche Preisfixierung aus, solange die Marktkräfte normal funktionieren. Im Fall von Marktschwächen oder Ungerechtigkeit auf Seiten der Versorger empfiehlt er eine Preiskontrolle (Ibn Taymiyyah, 1976, S. 25–51, Islahi, S. 79–90, Kahf und Mubarak, S. 107–125).

An einer Stelle in der Muqaddimah untersucht Ibn Khaldun die preisdrückende Wirkung von staatlichem Handel auf Güter, die von privaten Wettbewerbern und Versorgern verkauft werden (Ibn Khaldun, S. 223 f.), doch dies hat nichts mit einer Politik der Preiskontrolle zu tun.

(Quelle: Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Journal of Research in Islamic Economics, Vol. 2, No. 2 / übertragen in die deutsche Sprache für al-adala.de von korrekturlesen-hh, leicht redigiert)

Abu Yusuf: Kitab al-Kharai. Beirut: Dar al-Ma’rifah, 1979
Gordon, B.: Economic Analysis Before Adam Smith. London: Lewes Reprint Ltd., 1979.
Ibn Khaldun: Al-Muqaddimah. Beirut: Dar al-Fikr, o. J.
Ibn Taymiyyah: Majmu’ Fatawa Shaikh al-Islam Ahmad b. Taymiyyah. Riyadh: Al-Riyadh Press, Bd. 8, 1381, Bd. 29, 1383.
Al-Hisbah fi’l Islam, Ed. Azzam, S., Kairo: Dar al-Sha’b, 1976.
Islahi, A. A.: Economic Views of Ibn Taymiyah, Aligarh Muslim University, unveröffentlichte Dissertation, 1980.
Kahf, Monzer: „Economic Views of Ibn Taymeyah“, in: Universal Message, Karachi, Ausg. 4, Nr. 2, Juli 1982; Ausg. 4, Nr. 3, erstmals veröffentlicht in al-Itthihad, Plainfield, Indiana, 1977.
al-Maqrizi, Taqiuddin, Ahmad b. Ali: Kitab al-Sulak li Ma’rifat al Duwal Wal Muluk. Ed. Ziadeh, M. M., Kairo: Lajnah, al-Ta’lif Wa’l-Tarjamah, 1956.
al-Mubarak, Muhammad: Ara’ Ibn Taymiyah fi’l Dawlah wa mada Tadakhkhulliha fi’l Majal al-Iqtisadi. Beirut: Dar al-Fikr, 1970.
al-Qalaqshandi, Abul Abbas Ahmad b. Ali: Subh al-A’sha. Kairo: Dar al-Kutub al-Khudaiwiyah, 1913.
Schumpeter, J. A.: History of Economic Analysis. London: George Allen and Unwin Ltd., 1972.
Siddiqi, M. N.: „Abu Yusuf ka Ma’ashi Fikr“ (Urdu), in: Fikr-o-Nazar, Aligarh, Ausg. 5, Nr. 1, Januar 1964, S. 79 f. und 85–87.
Speigel, H. W.: The Growth of Economic Thought. New Jersey: Prentice Hall Inc., 1971.

Ibn Taymiyyahs Konzept des Marktmechanismus (Teil 2)

In den vorangegangenen Abschnitten hat Ibn Taymiyyah unterschieden zwischen einem Preisanstieg aufgrund von Kräften des Marktes und einem durch menschliche Ungerechtigkeit (zulm) – z. B. Horten – verursachten Preisanstieg, eine Unterscheidung, die der Ordnungsmacht eine Grundlage für Preisregulierungen gibt. Ibn Taymiyyah war ein großer Befürworter von Preiskontrollen bei Marktschwächen, doch er war gegen solche Kontrollen, wenn Preiserhöhungen durch die Marktkräfte von Angebot und Nachfrage zustande kamen (Islahi, S. 79–90, Kahf und al-Mubarak, S. 107–125).

An dieser Stelle ist anzumerken, dass Ibn Taymiyyah die Auswirkungen von Schwankungen bei Angebot und Nachfrage analysiert, aber nicht auf den Effekt eingeht, den hohe oder niedrige Preise auf die angebotene und nachgefragte Menge haben (d. h., eine Bewegung auf der gleichen Kurve, von einem Punkt zu einem anderen). In al-Hisbah erwähnt er die Ansicht eines früheren Juristen – Abu-l-Walid (1013–1081 n. Chr./403–474 n. H.), dass …

„ … die Vorgabe von zu niedrigen Preisen durch die Ordnungsmacht, die keinen Profit übrig lassen, zu einer Verfälschung der Preise führt sowie dazu, dass (Verkäufer) ihre Ware verstecken, und dazu, dass das Vermögen der Leute ruiniert wird“.

Ibn Taymiyyah stimmt dieser Ansicht zu (Ibn Taymiyyah 1976, S. 41). Durch dieses Bewusstsein, dass das Angebot zurückgeht, wenn der Preis zu stark fällt, ist Ibn Taymiyyah nahe dran, auf eine direkte Beziehung zwischen der angebotenen Menge und dem Preis zu schließen.

In seinen Fatawa nennt er einige Faktoren, die die Nachfrage und somit auch die Preise beeinflussen. Er schreibt (Ibn Taymiyyah, 1383, Bd. 29, S. 523–525):

(a) „Die Wünsche der Menschen (ar-raghabah) sind unterschiedlich und verändern sich ständig. Sie verändern sich entsprechend dem reichlichen Vorhandensein oder der Knappheit der nachgefragten Ware (al-matlub). Wenn es nur wenig von einer bestimmten Ware gibt, wird sie stärker nachgefragt, als wenn sie reichlich verfügbar ist.“

(b) „Die Wünsche verändern sich auch in Abhängigkeit von der Zahl derjenigen, die das Produkt nachfragen (tullab). Wenn viele Personen das Produkt nachfragen, steigt dessen Preis. Im Gegensatz dazu sinkt er, wenn die Zahl der Nachfragenden gering ist.“

(c) „Auch die Stärke oder Schwäche des Bedürfnisses nach dem Produkt und das Ausmaß des Bedürfnisses beeinflussen die Wünsche – je nachdem, wie stark oder schwach das Verlangen danach ist. Wenn das Bedürfnis ausgeprägt und stark ist, wird der Preis stärker ansteigen, als wenn es gering ausgeprägt und schwach ist.“

(d) „(Der Preis unterscheidet sich auch) entsprechend (dem Kunden), mit dem der Handel getätigt wird (al-mu’awid). Wenn er reich und vertrauenswürdig hinsichtlich des Begleichens von Schulden ist, ist (für den Verkäufer) ein niedrigerer Preis akzeptabel als bei jemandem, der für Zahlungsunfähigkeit, verspätete Zahlungen oder Leugnung fälliger Zahlungen bekannt ist.“

(e) „Außerdem (wird der Preis beeinflusst) durch die Währung, in der er gezahlt wird. Wenn es eine gängige Währung ist (naqd ra’ij), sinkt der Preis, was bei einer weniger bekannten Währung nicht der Fall ist, wie es sich heutzutage in Damaskus mit Dirham und Dinar verhält, wobei es gängige Praxis ist, in Dirham zu zahlen.

(f) „Dies ist so, weil der Zweck des Vertrages (reziproker) Besitz beider Vertragsparteien ist. Wenn der Zahler in der Lage ist zu zahlen und man von ihm erwarten kann, dass er seine Zusage einhält, wird der Gegenstand des Vertrages mit ihm umgesetzt, anders als wenn er nicht vollkommen fähig oder nicht vollkommen vertrauenswürdig ist. Das Maß an Fähigkeit und Vertrauenswürdigkeit ist unterschiedlich. Dies gilt für Käufer und Verkäufer, Mieter und Vermieter, Braut und Bräutigam. Manchmal ist das Objekt des Verkaufes (physisch) verfügbar, manchmal nicht. Der Preis für etwas Verfügbares ist niedriger als der für etwas, das nicht (physisch verfügbar) ist. Das Gleiche gilt für den Käufer, der bisweilen in der Lage ist, auf einmal zu zahlen, weil er Geld hat, doch manchmal hat er kein (Bargeld) und möchte sich etwas leihen (um zahlen zu können) oder Waren verkaufen (um die Zahlung tätigen zu können). In ersterem Fall ist der Preis niedriger.

(g) „Das Gleiche gilt für jemanden, der (ein Objekt) vermieten möchte. Vielleicht ist er in der Lage, die Leistungen, die der Vertrag beinhaltet, in einer Weise zur Verfügung zu stellen, dass der Mieter ohne (weitere) Kosten davon Gebrauch machen kann. Es kann jedoch auch vorkommen, dass der Mieter die Leistungen nicht ohne (zusätzliche) Kosten in Anspruch nehmen kann. Dies kann zum Beispiel der Fall sein in Dörfern, die von tyrannischen Machthabern oder von Räubern heimgesucht werden, oder in Orten, an denen es Raubtiere gibt. Der (Miet-)Preis für solches Land entspricht natürlich nicht dem Nennwert von Land, in dem diese (zusätzlichen Kosten) nicht aufzubringen sind.

Wie wir bereits gesehen haben, verwendet Ibn Taymiyyah den Begriff ‚Wunsch‘ im Sinne von ‚Nachfrage‘. Später benutzt er al-matlub und at-talibun für die nachgefragten Güter beziehungsweise die Nachfragenden. In seiner Analyse von steigenden und fallenden Preisen werden ökonomische und nicht-ökonomische Faktoren sowie individuelle und kollektive Handlungen gleichzeitig erwähnt.

Davon auszugehen, dass ein knappes Gut deutlich stärker nachgefragt wird als eines, das zur Genüge vorhanden ist, bedeutet, dass man sich Angebot und Nachfrage als voneinander abhängig vorstellt. Dies ist jedoch im Allgemeinen nicht der Fall. Ibn Taymiyyah verzeichnet dies als von ihm beobachteten psychologischen Fakt: Manche Menschen fragen ein Gut umso stärker nach, wenn es nur in geringer Menge vorhanden ist, weil sie davon ausgehen, dass es künftig noch knapper werden wird.

Ein Anstieg der Zahl der Nachfragenden, der einen Preisanstieg verursacht, ist ein ökonomisches Phänomen und ein Fall von einer Veränderung der Funktionen der Marktnachfrage. Die geringe oder starke Ausprägung eines Bedürfnisses kann – anders als seine Intensität – auf dessen Position im Gesamtbetrag des Warenkorbs, der vom Verbraucher benötigt wird, hinweisen. Falls diese Interpretation korrekt ist, so assoziiert Ibn Taymiyyah die Stärke eines Bedürfnisses, verbunden mit seinem relativ großen Ausmaß, als Anteil der Gesamtheit seiner Konsumausgaben, mit hohen Preisen. Im Gegensatz dazu ist ein weniger intensiv empfundenes Bedürfnis nach einer Ware, die im Verhältnis zur Gesamtheit der Bedürfnisse nur in geringen Mengen benötigt wird, eine Ursache für niedrige Preise.

Der nächste Punkt (d) bezieht sich auf Kreditverkäufe. Er behandelt einen speziellen Fall, der nicht sehr relevant ist für eine Analyse der Marktpreise, außer wenn dies zum Normalfall wird, so dass Verkäufer die Unsicherheit hinsichtlich der Bezahlung mit berücksichtigen müssen.

Dass die Preise niedriger sind, wenn in Silbermünzen bezahlt wird (Punkt e) ist eine Anspielung auf die eigentümliche monetäre Lage im Damaskus jener Zeit. Der Grund hierfür war möglicherweise ein Anstieg von Legierungen bei den Goldmünzen oder die häufigen unvorteilhaften Veränderungen im Verhältnis von Dinar zu Dirham, wie aus der Geschichte jener Zeit hervorgeht (Qalaqshandi, Bd. 3, S. 438; Maqrizi, Bd. 1, S. 899). Anzumerken ist, dass Nasir Muhammad ibn Qalawun – der Sultan, der zu Ibn Taymiyyahs Zeit regierte – den Leuten verbot, Gold zu verkaufen oder anzukaufen. Alle waren gezwungen, ihr Gold der Münzprägeanstalt zu übergeben und Dirham dafür entgegenzunehmen (Maqrizi, Bd. 2, S. 393). Dies mag ein weiterer Grund für die – relativ gesehen – höheren Preise in Dinar gewesen sein.

Der spezielle Fall, dass für eine sofort verfügbare Ware ein niedrigerer Preis verlangt wird als für eine Ware, die zum entsprechenden Zeitpunkt nicht auf dem Markt verfügbar ist (Punkt f) kann als eine zusätzliche Zahlung betrachtet werden, die für die Beschaffung eines schwer erhältlichen Produktes geleistet wird. Ibn Taymiyyah erwähnt diesen Fall gemeinsam mit dem Fall, dass der Preis für eine Ware günstiger ist, wenn sofort gezahlt wird, als wenn die Zahlung zunächst gestundet wird. Dies hat er bereits angemerkt (unter Punkt d).

Das unter Punkt g angeführte Beispiel zielt darauf ab zu zeigen, dass sämtliche Kosten, die der Käufer übernehmen muss, um das gemietete Objekt nutzen zu können, vom Vermieter des Objektes berücksichtigt werden müssen. Ibn Taymiyyah zeigt auf, was die Punkte d, e, f und g gemeinsam haben: Unsicherheiten oder anfallende Kosten bewirken, dass der Preis anders ausfällt als er es ohne diese Faktoren getan hätte. Dies allein ist ein bedeutender Beitrag zur ökonomischen Analyse. Dem kann sein Bewusstsein für die Auswirkungen von Veränderungen in Bezug auf Angebot und Nachfrage hinzugefügt werden. Insofern ist es interessant, seine Gedanken hierzu mit denen anderer islamischer Denker und westlicher Autoren zu vergleichen, die vor dem Aufkommen der Ökonomie in der Mitte des 18. Jahrhunderts wirkten.

(Quelle: Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Journal of Research in Islamic Economics, Vol. 2, No. 2 / übertragen in die deutsche Sprache für al-adala.de von korrekturlesen-hh, leicht redigiert)

 

Abu Yusuf: Kitab al-Kharai. Beirut: Dar al-Ma’rifah, 1979
Gordon, B.: Economic Analysis Before Adam Smith. London: Lewes Reprint Ltd., 1979.
Ibn Khaldun: Al-Muqaddimah. Beirut: Dar al-Fikr, o. J.
Ibn Taymiyyah: Majmu’ Fatawa Shaikh al-Islam Ahmad b. Taymiyyah. Riyadh: Al-Riyadh Press, Bd. 8, 1381, Bd. 29, 1383.
Al-Hisbah fi’l Islam, Ed. Azzam, S., Kairo: Dar al-Sha’b, 1976.
Islahi, A. A.: Economic Views of Ibn Taymiyah, Aligarh Muslim University, unveröffentlichte Dissertation, 1980.
Kahf, Monzer: „Economic Views of Ibn Taymeyah“, in: Universal Message, Karachi, Ausg. 4, Nr. 2, Juli 1982; Ausg. 4, Nr. 3, erstmals veröffentlicht in al-Itthihad, Plainfield, Indiana, 1977.
al-Maqrizi, Taqiuddin, Ahmad b. Ali: Kitab al-Sulak li Ma’rifat al Duwal Wal Muluk. Ed. Ziadeh, M. M., Kairo: Lajnah, al-Ta’lif Wa’l-Tarjamah, 1956.
al-Mubarak, Muhammad: Ara’ Ibn Taymiyah fi’l Dawlah wa mada Tadakhkhulliha fi’l Majal al-Iqtisadi. Beirut: Dar al-Fikr, 1970.
al-Qalaqshandi, Abul Abbas Ahmad b. Ali: Subh al-A’sha. Kairo: Dar al-Kutub al-Khudaiwiyah, 1913.
Schumpeter, J. A.: History of Economic Analysis. London: George Allen and Unwin Ltd., 1972.
Siddiqi, M. N.: „Abu Yusuf ka Ma’ashi Fikr“ (Urdu), in: Fikr-o-Nazar, Aligarh, Ausg. 5, Nr. 1, Januar 1964, S. 79 f. und 85–87.
Speigel, H. W.: The Growth of Economic Thought. New Jersey: Prentice Hall Inc., 1971.

Ibn Taymiyyahs Konzept des Marktmechanismus (Teil 1)

Einleitung

Das Hauptziel dieser Arbeit soll es sein, das Konzept des Marktmechanismus zu studieren und zu analysieren, so wie er von Ibn Taymiyyah verstanden wurde. Zudem wird diese Abhandlung versuchen, seine Ansichten mit denen anderer muslimischer Denker und westlicher Autoren – bis Mitte des 18. Jahrhunderts – zu vergleichen. Der erste Abschnitt befasst sich mit der Analyse von Ibn Taymiyyahs Ansichten, die letzten beiden Abschnitte dienen zum Vergleich.

Die Konzepte von „Angebot und Nachfrage“ sind die grundlegendsten in der Wirtschaftswissenschaft, sie bilden die Essenz des Marktmechanismus. Die Idee jedoch, alle Kräfte des Marktes in diese beiden Hauptkategorien einzuteilen und dass die Preisbildung durch „Angebot und Nachfrage“ zustande kommt, war eine sehr späte Entwicklung in der Geschichte des ökonomischen Denkens.

Gemäß Schumpeter:

«Was die Theorie zum Mechanismus der Preisbildung angeht, so gibt es aus der Zeit vor der Mitte des 18. Jahrhundert nur sehr wenig zu berichten …»

(Schumpeter, S. 305)

Nun ist es aber (gerade in diesem Zusammenhang) interessant zu entdecken, dass bereits im 13. Jahrhundert der (muslimische Gelehrte) Ibn Taymiyyah (1263-1328 n.Chr./661-728 n.H.) ein solches Konzept des Marktmechanismus dargelegt hatte.

Das von Ibn Taymiyyah entwickelte Konzept des Marktmechanismus

Ibn Taymiyyah hatte eine klare Vorstellung von der Preisbildung in einem freien Markt, welche durch Marktkräfte zustande kamen, die wir heute Angebot und Nachfrage nennen. Er sagt:

«Das Steigen und Fallen der Preise ist nicht immer auf das Unrecht (zulm) einiger Menschen zurückzuführen. Manchmal ist der Grund ein(e Knappheit durch) Produktions- oder Importrückgang der nachgefragten Ware. Wenn also die Nachfrage nach einer (bestimmten) Ware steigt, während ihre Verfügbarkeit (durch Knappheit) sinkt, dann steigt ihr Preis. Anderseits, wenn die Verfügbarkeit der Ware sich erhöht und die Nachfrage danach sinkt, dann sinkt auch der Preis. Diese Form von Knappheit und Überfluss kann nicht durch menschlichen Eingriff verursacht werden; sie kann (entweder) auf eine Ursache zurückgeführt werden die frei von Unrecht ist, oder, in manchen Fällen auch Unrecht zum Anlass haben. Es ist Allah der Allmächtige, der die Wünsche in den Herzen der Menschen schafft …»

(Ibn Taimiyah, 1381, vol.8, p. 523)

Aus dieser Feststellung Ibn Taymiyyahs geht hervor, dass es zu seiner Zeit eine vorherrschende Meinung war, dass steigende Preise eine Folge des Unrechts (zulm) oder des Fehlverhaltens vonseiten der Kaufleute wäre. Das ursprüngliche Wort, das von ihm benutzt wird, ist „zulm“, was auch Überschreitung oder Ungerechtigkeit bedeuten kann. Hier wird es im Sinne von Manipulationen benutzt, die von Kaufleuten vorgenommen werden um den Markt zu stören/beeinflussen, beispielsweise durch Horten. Nach Ibn Taymiyyah ist das jedoch nicht immer wahr. Er macht hier für das Steigen und Fallen der Preise wirtschaftliche Gründe und die Marktkräfte verantwortlich.

Ibn Taymiyyah erwähnt zwei Quellen für das (Waren-)Angebot – lokale Produktion und Import der nachgefragten Waren (ma yukhlaq aw yujlab min dhali’k al mal al matlub). Die (Wort-)Wurzel von „Al matlub“ ist „t-i-b“, welches das Synonym des Wortes „Nachfrage“ im Deutschen ist. Um die Nachfrage nach einer Ware auszudrücken, benutzt er den Ausdruck „raghabat fi’l shai“, d.h. Verlangen nach der Ware.

Verlangen, welches Bedürfnisse oder „Geschmack“ reflektiert, ist eines der wichtigsten (und entscheidendsten) Faktoren der Nachfrage, der andere (Faktor) ist das Einkommen. Dieser zweite Faktor wird von Ibn Taymiyyah (allerdings) nicht erwähnt.

Eine Veränderung des Angebots, der anderen Marktkraft neben der Nachfrage, wird von ihm als eine Zunahme oder Abnahme der Verfügbarkeit der Ware beschrieben. Die beiden Quellen des Angebots bemerkte er bereits: lokale Produktion und Import.

Die oben zitierte Aussage deutet darauf hin, dass Ibn Taymiyyah sich auf etwas bezieht, was wir heute Angebots- und Nachfrageverschiebung nennen, auch wenn er es nicht explizit bei( diese)m Namen nennt.

Das heißt, es wird (entweder) mehr zum selben Preis nachgefragt und weniger zum selben Preis angeboten, oder umgekehrt, es wird weniger nachgefragt und mehr angeboten zum selben Preis, was letztendlich zu einem Preisverfall führt. Er kombiniert zwei verschiedene Änderungen in einem.

Ohne Zweifel ist es so, dass, wenn ein sinkendes Angebot durch eine Zunahme der Nachfrage begleitet wird, der Anstieg des Preises (natürlich) ausgeprägter sein wird. In ähnlicher Weise wird, wenn ein Anstieg des Angebots mit einer Abnahme der Nachfrage verbunden ist, der Preisrückgang (natürlich) größer sein, da beide Änderungen die Bewegung des Preises in die gleiche Richtung unterstützen. Es ist jedoch nicht notwendig, die beiden Änderungen zu kombinieren, da sie nicht zwingend gleichzeitig auftreten müssen. Unter sonst gleichen Bedingungen können wir also das gleiche Ergebnis haben, auch wenn sich nur eines von beiden ändert. Wenn z.B. die Nachfrage sinkt, während das Angebot gleich bleibt, wird der Preis sinken, und umgekehrt. Man kann sich eine Anzahl solcher Möglichkeiten vorstellen, die mit der obigen Aussage Ibn Taymiyyahs in Übereinstimmung zu bringen sind. In seinem Buch „Al Hisbah fi’l Islam“ beschreibt Ibn Taymiyyah die beiden Veränderungen separat, wie er sagt:

«Wenn die Leute ihre Waren nach allgemein anerkannter Art und Weise ohne jegliches Unrecht verkaufen und der Preis steigt aufgrund eines Warenrückgangs (qillat al shai‘) oder aufgrund einer Bevölkerungszunahme (kathrat al Khalq), dann ist dies auf die Bestimmung Allahs zurückzuführen»

(Ibn Taimiyah, 1976, p.24)

Hier nennt er als Gründe für ein Steigen des Preises entweder einen Rückgang der Waren oder eine Zunahme der Bevölkerung. „Warenrückgang“ können wir hier auch als Abnahme des Angebots übersetzen. Ebenso ist eine Zunahme der Bevölkerung im Grunde nichts anderes als eine Erhöhung der Nachfrage im Markt, kann also als Anstieg der Nachfrage übersetzt werden. Eine Preiserhöhung aufgrund eines Rückgangs des Angebots oder aufgrund einer Zunahme der Nachfrage wird zudem als ein Akt des allmächtigen Gottes gekennzeichnet, was impliziert, dass der Marktmechanismus (kein Resultat menschlichen Planens, sondern) unpersönlicher Natur ist.

(Quelle: Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Journal of Research in Islamic Economics, Vol. 2, No. 2, pp. S. 51-52 / übertragen in die deutsche Sprache von Yahya ibn Rainer)

Referenzen:
Schumpeter, J.A. History of Economic Analysis, London, George Allen and Unwin Ltd., 1972.
Ibn, Taimiyah, Majmu' Fatawa Shaikh al Islam Ahmad b. Taimiyah, Riyadh, al Riyadh Press, vol. 8, 1381; vol. 29, 1383.
Ibn, Taimiyah, Al Hisbah fi'l Islam, ed. Azzam, S., Cairo. Dar al Sha'b, 1976.