Von Hoaxes, Leichtgläubigkeit und dem Mediengeschäft

von Yahya ibn Rainer

Erst kürzlich mußte ich es wieder einmal anmerken, auf Facebook, als Reaktion auf diesen „muslimischen“ Coca-Cola-Hoax. (Hier eine Fatwa dazu>>)

„Zeitgenössische Muslime haben eben eine spezielle Ader für versteckte Botschaften und mystische Verschwörungen.“

Dieser Hoax bezüglich der braunen Zuckerbrause ist nur ein Beispiel von vielen. Es scheint, als sei eine eigenste Industrie daraus erwachsen, möglichst abstruse Botschaften und Verschwörungen zu entwickeln, damit sich Muslime das Weltgeschehen erklären können. Ähnlich verkausuliert scheint auch das Verständnis vieler Muslime zu funktionieren, wenn es um die „westliche“ Medienlandschaft geht.

So erklärte mir z.B. kürzlich ein Bruder, dass es eigentlich keinen deutschen Staat gäbe und er auch keine eigene Verfassung hätte. Das Konstrukt namens „Deutschland“ wäre eigentlich eine Firma und seine Bürger wären das Personal (weswegen wir auch Personalausweise und nicht Personenausweise haben). Inhaber und Geschäftsführer dieser Firma sind die Siegermächte des 2. Weltkrieges, an oberster Stelle die USA und das Weltjudentum. Sie kontrollieren alles hier im Land. Die Politik, die Politiker, das Parlament und natürlich auch alle Medienprodukte, wie Fernseh- und Radiosender sowie Zeitungen. Ohne die Erlaubnis dieser „Geschäftführung“ darf z.B. keine Zeitung Artikel veröffentlichen … es wird also faktisch jeder Bericht nicht nur dem jeweiligen Redakteur vorgelegt, sondern in letzter Instanz den wahren Herrschern und Kontrolleuren dieser Gesellschaft, … den Inhabern der Deutschland AG. Willkommen in der Matrix …

Jetzt wollte ich den Bruder nicht beleidigen oder reizen, aber trotzdem kam ich um ein süffisantes lächeln nicht herum. Ihm war wahrscheinlich nicht klar, dass gerade ich für derartige Gedankenexperimente überhaupt nichts übrig habe. Ich legte ihm meinen Standpunkt bezüglich solcher Verschwörungstheorien dar und versuchte ihn davon zu überzeugen, dass man sich mit so etwas besser nicht auseinandersetzen solle. Aber natürlich hatte der Bruder auch seine Beweise dafür … immerhin schreiben diverse Internetseiten und Blogs über diese Sache. Und dann gibt es natürlich noch den Artikel 146 im Grundgesetz. Das der jedoch bis zum heutigen Tage nicht zur Anwendung kam, liegt wohl eher daran, dass anscheinend die Mehrheit der Bevölkerung und der herrschenden Klasse mit der gegenwärtigen (provisorischen) Verfassung keine Probleme hat. Daraus jedoch zu schließen, dass es keinen deutschen Staat gibt und wir lediglich das Personal einer autoritären amerikanisch-jüdischen „Geschäftsführung“ sind, das ist Spekulation auf höchsten Niveau.

Aber wie kommt es, dass speziell die Medien immer wieder im Fokus von Verschwörungstheorien stehen? Die bekannteste wurde ja bereits von den Nazis reichlich gepflegt. Das Weltjudentum, die große Verschwörung, bewiesen durch die ominösen Protokolle der Weisen von Zion (die von keinem aufrichtigen Menschen als authentisch erachtet werden können) und seine gelenkte weltweite Judenpresse. Dieses Weltjudentum hat natürlich sämtliche Medien unterwandert, und das nur, um die Weltherrschaft ansich zu reissen. Pinky und Brain lassen grüßen …

Natürlich gibt es für derartiges immer auch reichlich Beweise … im Internet, auf zahlreichen Seiten und Blogs. Grundsätzlich ist ja das Internet sowieso die Quelle für all unser Wissen geworden. Sheikh Google und Imam YouTube haben uns ja bereits zu einer Gemeinschaft von islamischen Hochgelehrten werden lassen, und auch für Dunya-Angelegenheiten halten sie sämtliche Wahrheiten samt Dalil für uns bereits. Der Yeti, die Aliens, Erdbebenmaschinen, Gesellschaftsspiele als verstecktes Weissagungsmittel der Illuminaten und auch die Bielefeldverschwörung wurde anfangs frenetisch als neueste Enthüllung gefeiert … .

Was ist aber der Grund dafür, dass sich die Menschen immer mehr auf solche Räuberpistolen einlassen und den objektiven Blickwinkel verlassen? Meine Ansicht dazu ist klar. Es ist ein Phänomen der Demokratisierung der Gesellschaft. Erst kürzlich veröffentlichte ich auf diesem Blog ein Zitat des großen christlichen Denkers Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn, in dem er auf die Problematik dieser Entwicklung hinweist und davor warnt  >>> Zitat: von Kühnelt-Leddihn – Gefährliche Halbgelehrte (unbedingt lesen)

In einer Demokratie wird praktisch jeder Bürger dazu aufgerufen, zu allem eine Meinung zu haben und über alles eine Entscheidung treffen zu müssen. Die Voraussetzung dafür ist nicht etwa Wissen (darüber), sondern -laut Kühnelt-Leddihn- lediglich „die Erfüllung rein vegetativer Bedingungen: Man muss vor so und so viel Jahren geboren und immer noch am Leben sein. Sonst nichts!“ Denn die Gleichmachungsideologie der Demokratie prügelt ja all seinen Bürgern “ … ein, dass Wissen und Nichtwissen politisch gleichberechtigt sind.“

Wohl wissend, dass die Mehrheit eines jeden Volkes (für gewöhnlich) eher weniger intellektuell ist, eröffnet sich hier natürlich auch das Türchen für das zweite Prinzip der Demokratie, nämlich die Demagogie, also Meinungsmache. Denn es war niemals in der Geschichte der Demokratie so, dass die Volksvertreter die Meinung des Volkes vertraten, vielmehr sorgte man fleißig dafür, dass die Meinung des Volkes die selbe werde wie die des sogenannten Vertreters. Wo gehen denn die Politiker noch zum Volk und lassen sich Instruktionen geben? Heute stellen sich die „Vertreter“ ans Mikro und erklären was richtig und wichtig ist. Aber ob sie es wollen oder nicht, die Macht des Parlamentes muss durch Mehrheiten im Volk legitimiert werden und somit muss auch eben dieser Mehrheit eingebläut werden, dass sie mündig (und ausreichend wissend) ist und zu allem etwas sagen und denken soll. Und was dabei raus kommt, dass sehen wir tagtäglich auf Facebook, Twitter und YouTube …

Aber warum sind denn die Medien dann immer so böse zu uns Muslimen und berichten so oft Unwahrheiten oder unangenehme Wahrheiten (was von vielen Muslimen leider auch häufig als Unwahrheit beheult wird)? Wie funktioniert das Mediengeschäft wirklich?

Eine Antwort darauf gibt im Grunde schon ein Teil der Frage. Denn wer „Mediengeschäft“ sagt, der hat es eigentlich schon auf den Punkt gebracht. Ich erzähle in diesem Zusammenhang immer gern die Geschichte vom ehrlichen Journalisten in PInneberg. Damals machten die Leitmedien große Furore, weil der (mittlerweile) allseits bekannte „salafistische Hassrapper“ Abou Maleeq die Kleinstadt nördlich von Hamburg besuchte. Es wurde fleissig gegen den kleine Pinneberger Gebetsraum polemisiert, der den muslimischen Gast freundlich aufnahm, wobei der Vertreter der (nicht vorhandenen) Jüdischen Gemeinde Pinneberg besonders heraus stach. Ein junger ansässiger Konvertit war daraufhin der Versuchung erlegen, diesen Vertreter im Internet als „dreckigen Juden“ zu bezeichnen, was letztendlich das Fass zum Überkochen brachte. Die Medienlandschaft war im Aufruhr und die kleine muslimische Gemeinde beschloss, die Bürgermeisterin, den Vertreter der (nicht vorhandenen) Jüdischen Gemeinde Pinnebergs und Vertreter der Presse einzuladen, um alle Missverständnisse aus den Weg zu schaffen.

Die Bürgermeisterin kam nicht, der jüdische Vertreter ebenfalls nicht, aber einige Journalisten waren sich nicht zu schade der Einladung zu folgen und sich ein Bild zu machen. Damals war ich noch der Ansicht, dass man den Kontakt zu den Medien suchen sollte, um ihnen einen möglichst authentischen Einblick in das Alltagsleben orthodoxer Muslime zu verschaffen. Ich wollte diese Menschen überraschen, indem ich ihnen zeigte, dass wir eigentlich normale Menschen sind, wie sie, nur eben mit einer anderen Religion und einem etwas anderen Lebenstil. Heute bin ich geläutert und glaube nicht mehr daran, dass es jemals eine ausgeglichene Berichterstattung über das geben kann, was heutzutage als Salafismus abgestempelt wird.

Aber damals war es eben anders. Ich machte mich also frohen Mutes auf den Weg nach Pinneberg, um dort eventuell das eine oder andere Wort mit einem Journalisten wechseln zu können.  Im Gebetsraum angekommen, sah ich dann einige Exemplare der Gattung Journalist etwas verunsichert am Rande sitzen. Ein Mitglied des Trägervereins machte sich dran und sprach einen Journalisten an. Sie redeten ein wenig, die Atmosphäre wurde lockerer und der Bruder sah wohl die Chance für eine Bitte.

„Sehen Sie mal“, sagte er „sie sind doch ein Journalist, jemand der der Wahrheit verpflichtet ist und immer neutral berichten muß!“

Und da wurde der Bruder auch schon unterbrochen. „Nein“, sagte der Journalist „dass ist so nicht richtig! Ich bin zwar Journalist, aber meine Aufgabe ist es nicht neutral zu berichten. Ich berichte nur, was unsere Kundschaft, und somit der zuständige Redakteur lesen möchte. Das hat mit Neutralität nichts zutun. Jeder Journalist, jeder Redakteur und natürlich auch jeder Leser hat eine eigene Meinung. Zeitungsverlage sind Wirtschaftsunternehmen und bedienen eine Kundschaft und für diese Kundschaft berichten wir!“

Und er hatte natürlich Recht. Jeder gute Unternehmer kennt den Grundsatz. Der Kunde ist König“ Ein jeder Unternehmer lebt davon, dass seine Produkte gekauft werden. Er bedient also die Wünsche seiner Kundschaft, indem er sie mit Berichten versorgt, die sie lesen wollen. Ein Journalist ist lediglich die unterste Ebene in dieser Hierarchie. Wenn er Berichte verfasst, die der Redakteur nicht will, dann reduziert er damit seine Leistung. Ist er fest eingestellt, dann geht das sicher einige male gut. Er schreibt zwar nach bestem Wissen und Gewissen, aber der Redakteur lässt es nicht in den Druck gehen. Wird das allerdings Usus, dann schmälert das im harmlosesten Fall seine Karrierechancen im Betrieb, aber kann ebenso auch dazu führen, dass er seinen Job verliert.

Viele Journalisten sind aber im Zeitalter des Outsourcing freischaffend geworden, haben also zumeist keine (leistungsunabhängigen) regelmäßigen Einkommen mehr, sondern werden nur noch für Qualitätsarbeit (im Sinne des Kundengeschmacks) entlohnt. Aus diesem Blickwinkel sollte sich für jeden gesunden Menschenverstand eine logische Schlussfolgerung ergeben. Journalisten haben tatsächlich nur begrenzten Einfluss auf ihre eigene Berichterstattung (zumindest wenn sie damit ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen).

Das gleiche gilt auch für die nächste Stufe in der Hierarchie. Die Redakteure in ihren Fachbereichen sind auch nicht allein Herr ihrer Entscheidungen. Darüber gibt es den Chefredakteur. Wenn Redakteure miese Arbeit leisten und unpopuläre Berichterstattungen nicht ausfiltern, dann gibt es oben jemanden dem das auffällt. Und auch  der ungekrönte König Chefredakteur ist nur ein Angestellter. Über ihm steht der Verlag, der den Gewinn erwirtschaften möchte und deshalb natürlich ein wachsames Auge auf den obersten Redakteur hat.

Heutzutage sind (zumindest große) Zeitungs-Verlage nicht mehr Privatunternehmen, sondern häufig Teil von großen Medien-Gesellschaften. Es gibt also über der Geschäftsführung bzw dem Management im Verlag auch noch einen Vorstand mit einem Vorsitzenden. Hier, ganz oben an der Spitze, treffen sich die zwei wichtigsten Vorgaben für die Marschrichtung eines Medienproduktes. Die Verkaufszahlen und somit der Profit, und die Gesinnung bzw erkaufte Gesinnung. Denn wie wir ja bereits wissen, lebt die demokratische Gesellschaft vor allem durch die Demagogie. An der Spitze dieses Unternehmens wird beides kontrolliert, jedoch häufig ohne es jemals persönlich an die unteren Ebenen der Hierarchie äußern zu müssen.

Ein gutes Beispiel ist hier der Axel-Springer-Verlag mit seinen zahlreichen Produkten wie der BILD, WELT, Hamburger Abendblatt usw. und seinem Vorsitzenden Mathias Oliver Christian Döpfner. Man muss sich das nicht so vorstellen, dass der werte Herr regelmäßig vor seine Schäfchen tritt und ihnen einbläut was sie zu berichten und zu drucken haben. Das ist vielmehr ein unkomplizierter Selbstläufer. Jeder Einzelne, auf jeder Stufe dieser Medienhierarchie, weiß ganz genau welche Ansichten und Meinungen der Herr Döpfner vertritt. Natürlich gibt es da zum Einen die eisernen fünf gesellschaftspolitischen Unternehmensgrundsätze des Axel-Springer-Verlags, die eine unabhängige, überparteiliche und wertneutrale Berichterstattung sicherlich schon einmal enorm einschränken, aber zum Anderen gibt es darüber hinaus noch die eigene publizistische Tätigkeit des Vorsitzenden des Vorstandes, in denen er (in den eigenen Blättern) eindeutig politische Stellung  bezieht … wie z.B. HIER <<unbedingt lesen

Das sind klare Ansagen, die auf jeder Ebene (schon allein aus Gründen der Selbsterhaltung im Unternehmen) fast schon gesetzmäßigen Charakter haben.

Aber natürlich ist nicht alles verloren. Es gibt auch kleinere Medienprodukte. Kleine Zeitungen, die vielleicht nicht täglich oder wöchentlich erscheinen, aber zumindest monatlich oder vierteljährlich. In diesem Metier sammelt sich zwar auch viel Schwachsinn, da es nun einmal auch zu Recht Ansichten und Meinungen gibt die nicht vom Mainstream unterstützt werden. Aber wenn man hier und da in der Lage ist ein Auge zuzudrücken, dann gibt es durchaus kleine Schätze abseits vom Mainstream, die auch aus muslimischer Sicht (zumindest zum Teil) positiv zu bewerten sind.

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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