Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Der Mensch ohne Gott, ohne Vorfahren, ohne Glaubenshaltungen und ohne Bräuche (V)

Es gibt keinen anderen nichtmuslimischen Autor, dessen Werke ich ausgiebiger und mit solcher Hingabe studierte, wie diejenigen des Wissenschaftlers und Philosophen Prof. Bertrand de Jouvenel. Sicherlich könnte ich nun versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination für diesen großen Denker ausmacht. Viel besser jedoch als ich, kann dies die Eminenz des klassischen Liberalismus in Deutschland, Prof. Dr. Gerd Habermann, der für seine de Jouvenel-Publikation „Die Ethik der Umverteilung“ (2012) eine umfassende Würdigung de Jouvenels verfasste. Das Folgende ist ein Auszug aus dieser Würdigung:

VIII. Die totalitäre Demokratie

Unter den Voraussetzungen einer faktisch nicht mehr beschränkten Volkssouveränität in der Form des Mehrheitswillens, wird de Jouvenels Bewertung moderner Demokratie als einer „totalitären“ verständlich. Dies gilt auch und gerade für die repräsentative Demokratie, die eher eine Herrschaft über das Volk als des Volkes darstelle und dies umso mehr, als sie sich auf die „Nabelschnur der allgemeinen Wahlen“ berufen könne (1972, S. 315). Parteien und Interessengruppen böten keinen Schutz gegen diese totalitäre Ausweitung. Sie bestimmen nur – im Kampf miteinander – die Richtung, in welche diese voranschreitet.

Der Staat werde zur „permanenten Revolution“ in der Verteilung oder Umverteilung von Rechten und in dem Streben nach einer „bestmöglichen Sozialordnung“. De Jouvenel spricht vom „Vampirismus“ der modernen Staatsgewalt.

Aber liegt nicht in der verfassungsmäßig verbürgten Gewaltenteilung eine Garantie der Freiheit? Nun, bei Montesquieu, auf den moderne Politikwissenschaftler oft ohne nähere Kenntnis seines Werkes beriefen, konnte eine Gewalt die andere in Schranken halten, weil jede der Institutionen das Organ einer in der Gesellschaft existierenden sozialen und politischen Macht war.

In modernen Demokratien beziehen aber zum Beispiel der Präsident (oder die Regierung, Gerd Habermann) und das Parlament dieselbe Art Legitimität durch das Volk, sodass diese nur formelle Gewaltenteilung „lediglich den Disput zwischen zwei Männern (oder Organen, Gerd Habermann) institutionalisiert, die ihre Macht aus derselben Quelle beziehen“ (1972, S. 354).

Dagegen vertrat das englische Oberhaus bis ins 19. Jahrhundert (und die Monarchie im Jahrhundert davor, Gerd Habermann) eine echte soziale Gegenmacht, „teilte“ nicht nur, sondern beschränkte die politische Macht.

Die Verteidigung der spontanen oder „natürlichen“ Rechtsordnung und Moral gegen das Vordringen der „gemachten“ Ordnung des Gesetzgebers sei immer schwächer geworden. Nur noch offene Gewalt motiviere die Bürger zu Widerstand, „während diese Ordnung der stillen und täglichen Unterwanderung gegenüber weder reagiert noch reagieren kann“ (1972, S. 367).

„Der Mensch ohne Gott, ohne Vorfahren, ohne Glaubenshaltungen und ohne Bräuche, der moderne Mensch, ist völlig waffenlos, wenn man ihn auf die Leistungen aufmerksam macht – erreichter Lebensstandard und realisierter Nutzen -, die mithilfe einer Gesetzgebung erreicht wurden, die ein obsoletes Recht nur deshalb verletzt, weil sie ein besseres an ihrer Seite hat“

(1972, S. 367)

So vollzieht sich im Namen der „Souveränität“ nach de Jouvenel die Zerstörung der weltoffenen „Grande Societé“ (1941b, S. 437) – jener „Welt von gestern“ der festgefügten bürgerlich-agrarisch-aristokratischen Ordnungen, als deren wortgewaltiger, aber auch etwas nostalgischer Anwalt de Jouvenel – wie sein Bruder im Geist: Friedrich August von Hayek – erscheint.

Der Nationalismus zerriss das internationale Netz, oligarchische Interessengruppen machten das „Gemeinwohl“ zur Farce, Rechtspositivismus und Volkssouveränität fegten die Herrschaft des Rechts, also den alten liberalen Rechtsstaat hinweg, eine atomistisch missverstandene Marktwirtschaft löste soziale Beziehungen auf und eine ignorante Politikerschicht, „deren Mittelmäßigkeit sie allein schon vor unserem Zorn bewahrt“ (1941a, S. 27) sah diesem Vorgang hilflos, wo nicht fördernd zu. De Jouvenel ist wie Wilhelm Röpke in seiner „Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart“ (1942/1979) ein Analytiker der Auflösung der liberal-marktwirtschaftlichen, bürgerlich geprägten Ordnung zwischen den beiden Kriegen.

Literatur:

Jouvenel, Bertrand de (1941a), La Décomposition de L´Europe Liberale, Paris
Jouvenel, Bertrand de (1941b), Nach der Niederlage, Berlin
Jouvenel, Bertrand de (1972), Über die Staatsgewalt - Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Freiburg

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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