Das Unsicherheitsgefühl ist abhängig von der Persönlichkeitsstruktur des einzelnen

Seit nun etwa einem Jahr hat uns die Corona-Pandemie voll im Griff und die staatlichen Maßnahmen polarisieren die Bürger dieses Landes wie schon lange nicht mehr. Diese Polarisierung kann destabilisierend auf eine Demokratie wirken, weil eine parlamentarische Parteien-Demokratie wie die unsrige dazu tendiert, dermaßen polarisierte politische Meinungsverschiedenheiten totalitär durch Mehrheitswahlrecht und Mehrheitsbeschluss zu Ungunsten der politischen Minderheit zu entscheiden.

Wir merken schon wie scharf der Ton unter den jeweiligen Kritikern der staatlichen Maßnahmen (zu lasch vs. zu hart) geworden ist. Schwere Anschuldigungen und Vorwürfe werden pauschal ausgetauscht und die Debatte ist hochaffektiv, wie ich kürzlich erst in einem Antworttweet anmerkte:

Auf die Begriffe Sekuritäre & Libertäre kam ich spontan durch die Erinnerung an meine Lektüre des Buches „Über die Staatsgewalt – Die Naturgeschichte ihres Wachstums“ (1945) von Bertrand de Jouvenel, der darin die gerade beendete Nazidiktatur und ihre Verbrechen verarbeitete und versuchte die Gründe für den Erfolg der Nazis und im Speziellen für ihre staatliche Durchsetzungskraft zu finden. Ein großartiges Buch, das ich schon mehrmals gelesen und auf diesem Blog zahlreich zitiert habe.

Die Spaltung der Gesellschaft in Sekuritäre (Schutzsuchende) und Libertäre (Freiheitssuchende) behandelt er ebenfalls. Im folgenden Auszug gebe ich lediglich einen kleinen Einblick in seine Ideen und Sichtweisen diesbezüglich. Ich zumindest fühlte mich durch diese Darlegung an unsere heutige Situation erinnert.

„Der Begriff »Sicherheit« muß […] untersucht werden; er wird sich als […] komplex erweisen. Es ist einfacher, ihn zunächst negativ zu bestimmen. Wir wollen »Unsicherheit« als das unerträgliche Gefühl definieren, von einem unheilvollen Ereignis bedroht zu sein. Sofort wird deutlich, daß Unsicherheit die Funktion dreier Variablen ist. Was ist zunächst ein unheilvolles Ereignis? Für den einen der bloß finanzielle Verlust; für den zweiten ist selbst der Tod kein Unheil. So ist die Anzahl der unheilvollen Ereignisse abhängig von der Persönlichkeitsstruktur des einzelnen. Betrachten wir ein Individuum, für das eine gegebene Anzahl von Ereignissen den Charakter des Unheilvollen besitzt. Je nach Epoche, in der es lebt und je nach den Bedingungen, unter denen es zu leben hat, ist die Chance des Eintritts eines dieser Ereignisse mehr oder weniger groß. Die Wahrscheinlichkeit eines gewaltsamen Todes ist in der Epoche der barbarischen Einfälle größer als im 19. Jahrhundert. Aber diese Risiken werden vom Individuum nicht mathematisch gewichtet.

Das Gefühl der Unsicherheit läßt sich infolgedessen als Funktion darstellen, die für jedes Glied einer gegebenen Gesellschaft in einem gegebenen Augenblick verschiedene Werte annimmt, je nach der Anzahl der von ihm gefürchteten Ereignisse, der mathematischen Wahrscheinlichkeit ihres Eintritts und seiner persönlichkeitsbedingten Neigung, diese Wahrscheinlichkeit zu übertreiben oder zu unterschätzen. Je stärker das Gefühl der Unsicherheit wird, um so mehr wird unser Individuum wünschen, beschützt zu werden, um so höher wird der Preis, den es für diesen Schutz zu zahlen bereit ist.

Das Sicherheitsgefühl ist die Umkehrung dieses prinzipiell meßbaren Wertes. Folglich selbst ein meßbarer Wert. Je stärker dieses Gefühl, um so größer auch der Freiheitswille.

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Es ist deutlich geworden, daß es in jedem Augenblick in jeder Gesellschaft Individuen gibt, die sich nicht hinreichend beschützt, und solche, die sich nicht frei genug fühlen. Ich werde die ersteren »Sekuritäre« und die letzteren »Libertäre« nennen.

[…] Die Vorposten der gesellschaftlichen Gewalt können aufgegeben werden, wenn sie durch Nachfolge in die Hände von Sekuritären fallen, die nicht ruhen, bis sie die ihnen mögliche Unabhängigkeit gegen staatliche Garantien eingetauscht haben. Auf die Folgen dieses Phänomens werden wir zurückkommen.

Man sieht auch, daß von zwei Ländern, in denen die Risiken gleich groß sind, dasjenige einen generellen Freiheitsgeist entwickeln wird, dem eine stolzere Haltung anerzogen worden ist oder in dem auch nur die Temperamente verschieden sind.

Wenn jetzt durch eine andere Erziehung jene Eigenschaften verloren gehen, oder wenn eine veränderte Lebensweise Furcht erzeugt, ohne daß die tatsächlichen Risiken gestiegen sind, wird der Anteil der Sekuritäre steigen. Das geschah in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: die Entwicklung des Versicherungswesens ist ein Symptom dafür.“

(Quelle: Bertrand de Jouvenel, Über die Staatsgewalt – Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Seite 405-406)

Wir müssen lernen und anerkennen, dass wir Menschen verschiedenartig erschaffen wurden, äußerlich und innerlich. Die Tendenz zur Unsicherheit und zu schutzsuchenden Bedürfnissen liegt nicht nur in eigenen Erfahrungswerten begründet, sondern ist auch Teil der veranlagten Persönlichkeit, ebenso wie die Tendenz zur Risikobereitschaft und zu freiheitlichen Bedürfnissen. Und diese Unterschiedlichkeit hat, wie jede andere Beschaffenheit der Schöpfung, einen Sinn, der teilweise offensichtlich ist und teilweise im Dunkeln liegt, also im weisen Ratschluss des Schöpfers verborgen bleibt.

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Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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