Ist die Namensänderung bei Islamkonvertiten eine Unsitte?

von Yahya ibn Rainer

Vor einiger Zeit machte mich ein Bruder aus Hannover auf einen Blog aufmerksam, der von einem Konvertiten aus den USA gepflegt wird. Der Name dieses Konvertiten ist Joe Bradford und er studierte und graduierte im Fach Islamisches Recht und Rechtstheorie an der Islamischen Universität zu Medina.

Aus dem folgenden Blogbeitrag habe ich einen Teil in die deutsche Sprache übertragen:

What’s in a name? or Why you don’t have to and shouldn’t change your name in Islam. (http://www.joebradford.net/change-name-islam)

«[…] Ich wurde nach meinem Vater und Großvater benannt. Ich erinnere mich daran, dass ich aufwuchs mit Stolz auf diese Tatsache, dass ich nach ihnen benannt wurde und was diese Namen für großartige Bedeutungen hatten. Joe kommt von Joseph und bedeutet „Er (Gott) fügt hinzu“ und Willis bedeutet „Sohn der Bestimmung“.

Ich erinnere mich daran, dass ich am Tage, als ich den Islam annahm, von einer Gruppe Leute angesprochen wurde, viele von ihnen beharrten darauf, dass ich meinen Namen ändern sollte. Allerdings habe ich meinen Namen Joe noch für etwa ein Jahr nach meiner Annahme des Islams behalten. Eines Tages jedoch bestand jemand darauf, dass ich nun endlich einen „guten muslimischen Namen“ bräuchte und nach einigem Nachsinnen und weil ich meinte nicht allzu viel Groll bei meinem Vater dadurch zu erzeugen (immerhin ließen sich meine Eltern scheiden als ich noch jung war), hielt ich es doch für eine recht gute Idee.

Es gingen nun einige Jahre ins Land und der Wechsel meines Namens änderte eigentlich gar nichts an mir selbst, allerdings hatte er den Charakter einer Art Selbstleugnung. Es war eher ein Akt des Trotzes, ein Verzicht, der im Grunde dafür sorgte, dass ich nicht mehr war für wen man mich hielt. So blieb es eine lange Zeit, ohne einen Ton aus der muslimischen Gemeinde oder eine Anregung diese Sache zu überdenken.

Während dieser gesamten Zeit wurde ich weiser und reifer und schließlich ging ich nach Übersee um in der Heiligen Stadt Medina zu studieren.

Dort in Medina studierte ich unter einem prominenten Gelehrten und dieser pflegte mich ständig mit dem Namen „Joe“ zu rufen. Einmal tat er das in der Klasse und jemand sagte „sein Namen ist Hud“, er jedoch erwiderte „Ja, aber Joe ist er von seinen Eltern genannt worden.“

Ein anderes mal passierte das gleiche. Nach dem Unterricht nahm er mich beiseite und sagte „Joe, …“, worauf ich ihn unterbrach und sagte „Hud“.

Er lächelte und sagte:

„Deine Eltern nannten dich Joe und ich an deiner Stelle würde es hassen, etwas Gutes, was sie dir gaben, auszutauschen.“

Und er sagte weiter:

„Denke an Allahs Aussage in Sure Yusuf (123:68):

Als sie hineingingen, wie ihr Vater ihnen befohlen hatte, konnte es ihnen vor Allah nichts nützen. Es war lediglich ein Bedürfnis in der Seele Yaqubs, das er damit erfüllte.“

Er sagte:

„Siehe, wie er etwas tat was nicht unbedingt notwendig war, und sein einziges Ziel war es ein persönliches Bedürfnis zu erfüllen. Allah befiehlt uns, unsere Eltern in jedem Fall zu respektieren, die einzige Ausnahme im Gehorsam ihnen gegenüber ist der Götzendienst, wenn sie uns ihn befehlen würden, und selbst in diesem Fall müssten wir sie weiterhin respektieren und gut behandeln. Selbst wenn sie deine Entscheidung akzeptieren, dass du einen anderen Namen benutzt, behalte deinen originalen Namen aus Respekt vor ihnen, aus Respekt vor ihrer Entscheidung. Du wirst dafür belohnt werden.“

Kurz darauf sah ich meinen Vater, er kam uns den Sommer besuchen. Als wir auf dem Flughafen waren, schaute er auf eine Wand und musste anfangen zu lachen. Ich sah ebenfalls hin und dort war ein Schild mit dem Kopf einer Kuh zu sehen mit der Aufschrift „Hood’s Ice Cream“. Er sah mich an und lächelte zustimmend. Nicht zu vergleichen mit der Reaktion meiner Mutter, die sich sehr aufregte als ich ihr erzählte, dass ich meinen Namen geändert hatte. Auch wenn sie und mein Vater ein schwieriges Verhältnis hatten, der Name, den sie mir gemeinsam gaben, war noch sehr wichtig für sie.

Ich kann mich daran erinnern, dass ich mal einem Freund von dem Ratschlag des Gelehrten erzählte, der mir daraufhin berichtete, dass sein eigener Vater ihn boykottierte, nachdem er nach seiner Annahme des Islams ebenfalls seinen Namen änderte.

„Welch eine Religion ist denn das, die dir sagt das du den Namen ändern musst den dir dein Vater gab?“

meinte er.

Die Worte des Gelehrten blieben mir ein Denkanstoß, aber die Weisheit dahinter wurde mir erst klar, als mein Vater starb. Sein Name war ja ebenfalls „Joe“. Ich begann über meine eigenen Kinder nachzudenken und fragte mich, ob ich es mögen würde, wenn sie die Namen ändern würden die ich ihnen gab.

Nachdem mein Vater starb, zog ich nach Riyadh um dort bei einer Bank zu arbeiten. Ich trug dort Anzug und Krawatte und ich machte es zu einer Voraussetzung, dass mich jeder Joe zu nennen hatte. Einige nahmen Anstoß daran, anderen war es gleichgültig. Ich traf einmal einen Gelehrten, der dem höchsten Rat der Gelehrten in Saudi-Arabien angehörte. Er fragte mich nach meinem Namen, nach seiner Bedeutung und wo ich ihn her habe.

Nach meiner Antwort sagte er:

„Ich schätze es, dass du deine Kultur, deinen Kleidungsstil und deinen Namen erhalten hast. Es ist vollkommen widersprüchlich, dass wir einerseits sagen das der Islam eine universale Religion sei und anderseits die Leute arabische Namen wählen, arabisch essen und sich arabisch zu kleiden beginnen. Sicherlich haben wir Kleidungsvorschriften, aber diese regeln lediglich wie wir etwas tragen und nicht was wir zu tragen haben. Bleibe du selbst, so bist du das bestmögliche Beispiel, so erreichst du mehr für den Islam. Beide, Muslime und Angehörige anderer Glaubensrichtungen, sollten wissen, dass wir Leute des Wissens haben können die mit Namen Joe heißen, denn das ist die universelle Natur des Islams.“

[…] Möge Allah uns alle zum Respekt leiten für unsere Eltern, unsere Kultur und die Bedürfnisse unserer Leute. Amen.»

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

Ein Gedanke zu „Ist die Namensänderung bei Islamkonvertiten eine Unsitte?

  1. As salamu aleikoum,

    als „Unsitte“ würde ich eher das Insistieren der Geschwister bezeichnen, dass der junge Mann einen weder als islamischer noch weltlicher Perspektive anstößigen Namen auf Biegen und Brechen zu ändern habe. Überaus bezeichnend außerdem, dass man ihm den Namen eines nur im Koran erwähnten Propheten quasi aufzwingt, obwohl er ursprünglich bereits nach einem anderen Propheten benannt war. Hauptsache, man hat „was Eigenes“.

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