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Die gefährliche Egozentrik sozial engagierter Muslime

von Yahya ibn Rainer

Es gibt, Allah sei es gedankt, unter uns viele aktive Geschwister, die gemeinnützige, wohltätige und mildtätige Projekte planen, gestalten und aus der Traufe heben. Allein im Bereich der spendenbasierten Wohl- & Mildtätigkeit haben sich in den letzten Jahren dutzende kleine und größere Vereine und Organisationen gebildet.

Es gibt Brunnenbauprojekte, Armenspeisungsprojekte, Infrastrukturprojekte, Waisenhausprojekte, Schulprojekte, Gefangenenhilfeprojekte, Halal-Partnervermittlungsprojekte uvm.

Natürlich hält jeder Initiator/Mitarbeiter sein eigenes Projekt für besonders wichtig, sonst würde er dafür nicht seine kostbare Zeit investieren. Aber leider bedeutet eine immer weitere Zunahme von Projekten, dass auch der Pool an Spenden- und Hilfsbereitschaft pro Projekt kleiner wird, weil mit der Zunahme der Projekte nicht automatisch auch die Zahl der Muslime steigt, die diese unterstützen können/wollen.

Solche Projekte stehen also in einem gewissen Wettbewerb miteinander. Um in diesem Wettbewerb zu bestehen, setzen viele muslimische Projekte auf die Mithilfe von Gelehrten und Predigern. Die Beteiligung solcher Persönlichkeiten verschafft dem Projekt eine gewisse Seriosität und Vertrauenswürdigkeit. Aus diesem Grunde bekommen Gelehrte und Prediger nicht wenige Anfragen von gemeinnützigen, wohltätigen, mildtätigen, aber auch zahlreichen kommerziellen Unternehmungen.

Leider ist die Seriosität und Vertrauenswürdigkeit einer solchen Unternehmung im vornherein nicht klar zu beurteilen. Auch wenn die Beteiligten an sich nicht zu tadeln sind, können Projekte durch andere Einflüsse zu einem Reinfall werden oder gar Verbotenes bewirken. Aus diesem Grund sind viele Gelehrte, Prediger und andere öffentliche Persönlichkeiten vorsichtig geworden. Besonders wenn man sich bereits für 1 oder 2 Projekte engagiert, möchte man ungern in zahlreiche andere involviert sein, um nicht den Überblick zu verlieren, denn schnell kann die Glaubwürdigkeit in der Dawa verloren gehen, wenn man mit gescheiterten Projekten in Verbindung gebracht wird, auch wenn man selbst am Scheitern keinen Anteil hatte.

Für Initiatoren und Mitarbeiter an solchen Projekten ist diese Situation sicherlich nicht leicht. Sein eigenes Projekt (in das man Herzblut gesteckt hat und das man natürlich persönlich als besonders wichtig erachtet) scheitern zu sehen, weil es nicht von ausreichend Spendern oder den gewünschten Persönlichkeiten unterstützt wird, ist kein schönes Erlebnis.

Leider reagieren nicht wenige Menschen sehr emotional auf diese Erfahrung und beginnen den Muslimen allgemein oder bestimmten Persönlichkeiten die Schuld für das Scheitern zu geben. Schnell hantiert man mit der moralischen Keule und bemerkt im Eifer des Gefechtes gar nicht, dass man den Muslimen allgemein oder bestimmten Personen damit Unrecht tut.

Man muss bei der Betrachtung eigener Projekte unbedingt aus der egozentrischen Betrachtungsweise ausscheren und dem Gesamtkontext mehr Beachtung schenken.

Man befindet sich …

  1.  … in einem umkämpften Markt, mit vielen anderen, ähnlichen und gleichen Ideen.
  2. … in einem Wettbewerb der guten Taten. Hier gilt in erster Linie die aufrichtige Absicht und nicht der Erfolg (zumindest wenn man die Belohnung bei Allah beabsichtigt).
  3.  … in einem Bereich der freien individuellen Entscheidungskraft. Als Initiator sucht man sich nach eigenem Gutdünken die geeignetsten Partner aus, muss diesen aber die gleiche freie Entscheidungskraft zusprechen; was im Resultat auch eine Absage sein darf.

Bitte beachtet das, wenn ihr aktiv seid oder werden wollt. So wie ihr euch freiwillig für euer Projekt engagiert (und dafür andere Projekte vernachlässigt oder komplett ignoriert), müsst ihr selbiges auch für eure anderen Geschwister zugutehalten. Jeder hat das Recht EUER Projekt zugunsten anderer Projekte zu ignorieren.

Buchauszug: Abu Hamid al-Ghazali – Das Hassen für Allah

«Jeder, der in Allah liebt, muß notwendig auch in Allah hassen. Denn wenn du einen Menschen liebst, weil er Allah gehorsam und lieb ist, so mußt du ihn notwendig hassen, wenn er Allah ungehorsam und verhaßt ist, denn wenn die eine Ursache Liebe hervorruft, so muß notwendig die entgegengesetzte Ursache Hass hervorrufen, beides hängt zusammen und ist nicht voneinander zu trennen; und so ist es regelmäßig, wo immer Liebe und Haß auftreten. Aber beide, Liebe und Haß, sind Leiden, die tief im Herzen verborgen sind und nur dann zutage treten, wenn sie sehr stark werden. Zutage aber treten sie in dem Verhalten der Liebenden und Hassenden, darin, daß sie die Nähe des anderen suchen oder fliehen und ihm in allem zu Willen sind oder widerstreben. Dies Zutagetreten der Liebe und des Hasses im Verhalten nennt man Freundlichkeit und Feindlichkeit.

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Buchauszug: Ibn Khaldun – Die löblichen Eigenschaften eines Herrschers

«Einer löblichen Herrschaftsgewalt entspricht die Milde. Wenn der Herrscher jedoch Gewalt ausübt, rücksichtslos Strafen verteilt, auf der Suche nach den Schwächen der Menschen ist und deren Vergehen auflistet, werden die Menschen von Furcht und Demut ergriffen und suchen dem durch Lüge, List und Betrug zu entgehen. Dies wird für sie zu einem natürlichen Charakterzug, und ihre Auffassungen wie ihre Charaktereigenschaften werden verdorben.

Mitunter lassen sie den Herrscher auf den Schlachtfeldern im Stich und beteiligen sich nicht an Verteidigungsmaßnahmen. Mit dem moralischen Verfall der menschlichen Bestrebungen nimmt auch der militärische Schutz Schaden. Bisweilen verbinden sich die Menschen, um den Herrscher zu ermorden. Auf diese Weise wird die Dynastie zugrunde gerichtet und der Schutzwall zerstört. […]

Zu den löblichen Eigenschaften gehört es, den Menschen gegenüber gütig zu sein und sie zu verteidigen. In dieser Verteidigung kommt das wahre Wesen des Königtums zur Geltung. Güte und Wohltätigkeit gegen die Menschen gehören dazu, ebenso, Milde walten zu lassen und ihrem Leben Aufmerksamkeit zu widmen. Diese Dinge sind eine wichtige Grundlage, um die Liebe der Untertanen zu gewinnen.

Wisse, dass jemand, der vorsichtig und äußerst scharfsinnig ist, nur selten die Eigenschaft der Milde besitzt. Sie ist zumeist bei dem zu finden, der unachtsam und sorglos ist. Selten kommt sie bei einem scharfsinnigen Herrscher vor, weil der die Untertanen über ihr Leistungsvermögen hinaus beansprucht, da seine Einsicht über ihre geistigen Kräfte hinausreicht und er mit seinem Scharfsinn den Ausgang von Dingen schon zu ihrem Beginn überblickt. Die Menschen können daran zugrunde gehen.»

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Reclam-Verlag Leipzig ©1992, Seite 136-138)

Zitat: Roland Baader – Mit dem Niedergang des religiösen Glaubens und der fraglos geltenden Moralregeln schwindet auch die Karitas

“Mit dem Niedergang des religiösen Glaubens und der fraglos geltenden Moralregeln schwindet auch die Karitas, die freiwillige Hilfsbereitschaft der Menschen für ihre in Not und Elend lebenden Mitbürger. Schon im Griechenland des Aristoteles war das Zeichen des eleutheros, des Freien, die Freigiebigkeit, die freiwillige Bereitschaft, anderen zu geben. Schwindet sie, schwindet auch die Freiheit. Und umgekehrt! Auch deshalb ist der Wohlfahrtsstaat, das politische Raubsystem des erzwungenen “Gebens” seinem innersten Wesen nach ein System der Freiheitszerstörung.”

(Roland Baader, Das Kapital am Pranger, Seite 277)