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Salafismus und die Politik der Religion des freien Marktes

von Joe Bradford

«Den meisten Argumenten gegen den freien Markt liegt ein mangelnder Glaube an die Freiheit an sich zugrunde.»

Milton Friedman (gest. 2006)

Wenn „Islamismus” bereits ein schlechtes Wort ist, so ist „Salafismus“ ein abwertender Begriff. Während die Ursprünge beider Begriffe sicherlich fließend und relational sind[1], wird der Salafismus oft dämonisiert, besonders im Westen. Trotzdem ist er in der islamischen Welt seit mindestens siebzig Jahren in seinem Streben, Praktiken zu reformieren, die angeblich von der Praxis des Propheten abweichen, eine bedeutende gesellschaftliche Macht.[2]

Während viele moderne islamische Bewegungen durch eine ideologische Linse betrachtet und entweder als Reformkraft oder „moderne Neuerung“ gesehen werden[3], lohnt es sich, das Phänomen des Salafismus durch eine wirtschaftliche Linse zu betrachten – ohne darüber zu debattieren, ob die religiöse Interpretationsweise der Bewegung „gültig“ ist oder nicht –, um zu verstehen, warum sie so einflussreich ist.

Ökonomien sind im weitesten Sinne regulierte oder nicht regulierte freie Märkte. Regulierte Ökonomien werden von oben nach unten durch Regierungen oder Staaten geregelt, wobei Entscheidungen zentral getroffen werden. Der Staat reguliert Preisgestaltung und Marktzugang für Wettbewerber und übernimmt in vielen Fällen auch die Produktion.

Dagegen sind freie Marktwirtschaften genau das: Ökonomien mit einem freien Markt. Die Bedingungen auf dem freien Markt werden von Produzenten und Konsumenten diktiert, Angebot und Nachfrage werden nicht durch Interventionen, Preisgestaltung oder Monopole von außen behindert. Vereinfacht ausgedrückt ist der freie Markt frei von jeglicher politischer Einmischung.[4]

Zwischen den Befürworten einer regulierten und denen einer unregulierten Wirtschaft gibt es offenkundige Spannungen. Repräsentativ für jene, die gegen einen freien Markt sind, ist Karl Polanyis Aussage, dass „zuzulassen, dass das Schicksal der Menschen und ihrer natürlichen Umgebung nur durch Marktmechanismen bestimmt wird […] zu einer Zerstörung der Gesellschaft führen würde“.[5] Zur Verhinderung dieser „Zerstörung der Gesellschaft“, zu der ein ungezügelter Markt führen würde, erlegt die Regierung Kontrollen und Beschränkungen auf, um Marktausschöpfung, Instabilität und Leid zu verhindern. Dies führt unweigerlich zu einer gewissen Gängelung der Menschen und beschränkt ihre Möglichkeiten, Handel zu treiben.

Bilden Handel und Wettbewerb zwischen verschiedenen religiösen Bewegungen einen Markt? Können Religionen als Märkte betrachtet werden? Wenn wir Ideologien als wirtschaftliche Kräfte betrachten, können wir Religionen ähnlich wie kommerzielle Ökonomien analysieren. Ähnlich wie wirtschaftliche Kräfte können manche Ideologien am besten als unterschiedliche Herangehensweisen an den Markt der Religion erklärt werden. Wendet man diesen Gedanken auf den Salafismus an, erkennt man, dass dieser eine marktwirtschaftliche „Glaubensökonomie“ fördert. Der Salafismus strebt danach, das Monopol der Staatsreligion über die muslimische Identität, die Analyse von Texten und das tägliche religiöse Leben zu brechen.

Was ist Salafismus?

Die Begriffe „Salafist“ und „Salafismus“ sind aufgeladen und dehnbar – sie werden in den Medien, Anti-Terror-Anweisungen, Bildungsprogrammen und allen möglichen anderen Bereichen verwendet, um gewisse muslimische und islamische Praktiken zu beschreiben. Übertroffen wird der Begriff nur noch vom Terminus „Islamismus“. „Salafismus“ wird meist geringschätzig im Zusammenhang mit Einzelpersonen und Bewegungen benutzt, die nicht in das Narrativ einer Ergebung in den Quietismus, die Macht des Staates und staatlich festgesetzte religiöse Autorität passen.

Der Anthropologe Martijn de Koning hat den Unterschied zwischen Salafismus und Islamismus klar herausgearbeitet:

«Die salafistische Bewegung wird oft als kulturelle Bewegung ohne klares politisches Programm gesehen, die die Teilnahme an der politischen Auseinandersetzung scheut, wohingegen für Islamisten Politik der Kern ihrer Bewegung ist und sie danach streben, die Gesellschaft in eine „wahrhaft islamische“ Gesellschaft umzuwandeln. Die salafistische Bewegung reklamiert für sich, nicht in politische Verhandlungen mit Staaten involviert zu sein und engagiert sich nicht öffentlich für die Verteidigung muslimischer Interessen, geschweige denn für den Versuch, einen islamischen Staat zu errichten.»[6]

Dem Islamwissenschaftler Alexander Thurston zufolge ist der Salafismus „im Kern eine Bildungsbewegung, die sich der Verbreitung der (religiösen) Regeln als Grundlage für Identität, Deutung und Handeln widmet“.[7] Bis vor sehr kurzer Zeit war der Salafismus formal nicht in die Politik involviert. Er unterschied sich erheblich von größeren islamistischen Organisationen wie der Muslimbruderschaft, der Hizb ut-Tahrir und anderen. Der Salafismus steht den Gesellschaften, in denen er agiert, jedoch nicht agnostisch gegenüber; viele Salafisten engagieren sich in der Sozialpädagogik und in der Missionsarbeit.

Als Konzept existiert der Salafismus in zwei Formen: dem rituellen Salafismus und dem erkenntnistheoretischen Salafismus, wobei Ersterer dominanter ist als Letzterer. Diese von dem Georgetowner Forscher Muhammad Bushra[8] geprägten Termini legen nahe, dass Letzterer, anders als Ersterer, weniger mit den äußeren Zeichen von Ritualen und Konventionen zu tun hat. Der erkenntnistheoretische Salafismus überschneidet sich mit dem rituellen Salafismus jedoch intellektuell und ideologisch, wenn es darum geht, religiöse Wahrheiten zu bestimmen.

Ebenso wie sein rituelles Gegenstück bietet der erkenntnistheoretische Salafismus eine kritische Lesart von Kultur und Tradition, ohne sie zu operationalisieren. Er ist am Islam als intellektueller Unternehmung interessiert, der den Einzelnen und somit die Gesellschaft verändert, jedoch ohne zu missionieren oder den Status Quo herauszufordern. Dagegen konzentriert sich der rituelle Salafismus auf das tägliche Leben seiner Anhänger, das anhand der islamischen Werte, die sie in ihrer speziellen Interpretation der islamischen Texte finden, umgestaltet wird.[9]

Was ist eine Staatsreligion?

In einer zentralisierten religiösen Wirtschaft gibt es nur ein Produkt: die vom Staat sanktionierte Religion. Indem er einen religiösen Ansatz vorschreibt, garantiert der Staat Produktionsquellen, stellt eine beständige Markenbildung sicher und reguliert Marktanomalien.[10] In einer regulierten Glaubensökonomie sind die Konsumenten ein interessiertes Publikum. Da der Staat eine Monopolstellung hat, muss er nicht sicherstellen, dass sein Produkt, die Staatsreligion, adäquat oder attraktiv für sein Publikum ist. Darunter leidet in der Regel die Qualität dieses Produktes, weshalb in den meisten Ökonomien mit einem religiösen Monopol Bürgerbeteiligung nur in geringem Maße stattfindet.[11]

Fast jedes mehrheitlich muslimische Land hat ein vom Staat anerkanntes religiöses System, dass religiöse „Güter“ für dessen Bevölkerung organisiert, billigt und produziert. Daher haben staatlich sanktionierte muslimische Religionsgelehrte und Kleriker (ʿulamāʾ) ein Monopol hinsichtlich dessen, wie der Islam dargestellt wird, inne. Ob in Form von Fatwas, Freitagspredigten, religiösen Litaneien oder anderem schriftlichen Material – dieses Monopol über die „Produktion von Wissen und die Darstellung der Religion“ in der muslimischen Welt hat zu einem Rückgang der religiösen Teilhabe geführt, proportional zum von ihnen kontrollierten Bevölkerungsanteil.[12]

Dies ist offenkundig in Ländern mit zentralisierter religiöser Autorität. Die meisten dieser Länder berichten über einen Rückgang der Teilnehmerzahl bei von Geistlichen geleiteten Gottesdiensten wie dem Freitagsgebet und ein allgemein geringeres Engagement als in dezentralisierten Ländern oder Ländern mit multireligiöser Bevölkerung.

In Ländern wie Libyen und Tunesien kontrollierte vor dem Arabischen Frühling der Staat nicht nur, wer religiöser Experte werden konnte, sondern auch, wann und wie die Menschen ihre Religion praktizierten.

Tatsächlich werden in vielen muslimischen Ländern die Moscheen routinemäßig zu einer bestimmten Stunde in der Nacht und zwischen den Gebetszeiten abgeschlossen. Während sich die Menschen nach mehr direkter religiöser Teilhabe sehnen, unterstützen die ʿulamāʾ auf Geheiß der Regierung vielfach den Status Quo. Dies hat zu einem allgemeinen Unmut gegenüber den Gelehrten geführt, welche als rückwärtsgewandt und obskur angesehen werden.[13]

Betrachten wir zum Beispiel die Bemerkungen von Scheich Ali Gomaa, dem früheren Großmufti von Ägypten, der sich 2014 in einer Rede für eine Staatsreligion stark machte, darauf bestand, dass man trotz Unterdrückung den Herrschenden gehorchen müsse, das Auslegungsmonopol der staatlichen Institutionen betonte und diejenigen, die sich außerhalb staatlich sanktionierter religiöser Kreise bewegen, als „Emporkömmlinge, die nicht in der Lage sind, [die islamischen Texte] zu verstehen, weil sie nicht an der ihnen verhassten Al-Azhar studiert haben und sich als Wächter über uns aufschwingen möchten“ verunglimpfte.

Mit diesem Kommentar wollte Gomaa seine Autorität (und im weiteren Sinne die der Al-Azhar) bei der Interpretation religiöser Texte bekräftigen und jene kritisieren, die aufgrund mangelnder Deutungshoheit nicht vom Staat sanktioniert werden. Anders gesagt wird die „richtige Religion“ vom Staat produziert, und ein ordentlicher Staat muss die „wahre Religion“ produzieren. Die Prämisse und die Schlussfolgerung sind ein und dieselbe.

Diese Denkweise ist eigentlich eine Art von Fundamentalismus. Salafistische Bewegungen verfolgen möglicherweise einen Mittelweg zwischen dem Fundamentalismus der staatlichen Kontrolle und totaler anarchistischer Revolte.

Das Aufkommen des Salafismus

Wenn der Staat seine religiöse Identität auf „monopolistische“ Weise definiert und die Parameter der Schriftauslegung durchsetzt, fühlt sich der Einzelne verpflichtet, sich von „heterodoxen“ (d. h., nicht staatlich sanktionierten) Formen des religiösen Ausdrucks abzugrenzen, oft aus Furcht vor Repressalien wegen Infragestellung der staatlichen Autorität. Dennoch kommen immer wieder Fragen nach der Qualität des „religiösen Produktes“ des Staates auf. Vor diesem Hintergrund hat der Salafismus einen Wettbewerbsvorteil, indem er religiöse Güter erzeugt, die für die Konsumenten attraktiver und leichter zugänglich sind.[14]

Der Salafismus fokussiert stärker auf individuelle Prinzipien und Ethik. Es reicht nicht aus, dass Staat und Gelehrte den Glauben schützen. Auch der Einzelne muss „den islamischen Staat in seinem Herzen errichten“, was dazu führt, dass „der islamische Staat im jeweiligen Land errichtet wird“. Dem Salafismus zufolge steht der Einzelne über einer eher imperialen Auffassung von Loyalität zum Staat und Einsatz für ihn. Der Fokus liegt auf dem individuellen Engagement für ein umfassendes Wertesystem, einschließlich Pflichten sich selbst gegenüber sowie gegenüber der Familie und den Nachbarn. Kurz gesagt ist der Salafismus eine Art persönlicher Veränderung, die nicht von äußeren gesellschaftlichen Gegebenheiten abhängt.

Ähnlich wie bei der protestantischen Reformation ist es dem Salafismus gelungen, eine Religion für die Massen zu individualisieren. Die Leute müssen sich nicht mehr sklavisch an Heilige, geprüfte Texte, Katechismen, Rituale, Symbole oder von paternalistischen Staaten sanktionierte heilige Tage halten. Um eine Analogie zum Handymarkt herzustellen: Dieses „religiöse Produkt“ war Bloatware – unerwünschte Anwendungen, die Platz beanspruchen, nie benutzt werden, aber nicht deinstalliert werden können. Der Salafismus ist das Rootkit, mit dem sich dieser Überschuss entfernen lässt.

Indem er das Individuum „direkt“ mit Gott verbindet und sich auf dessen Einsatz für seine persönliche Identität konzentriert, fördert der Salafismus einen Sinn für persönliche Verantwortung. Nehmen wir zum Beispiel das folgende Zitat von Ibn al-Qayyim, dem Denker und oft zitierten Vorläufer des salafistischen Denkens aus dem 14. Jahrhundert:

«Wie kann ich mich von Unersättlichkeit und Panik freimachen? Ich antwortete: Durch Gottes Einzigkeit, indem man sich auf Ihn verlässt, auf Ihn vertraut und weiß, dass alles Gute nur durch ihn verursacht wird und alles Schlechte nur von Ihm entfernt wird, und [indem man weiß], dass alle Dinge für Gott sind und niemand einen Anteil an etwas hat, was Gott gehört.»[15]

Im Vordergrund steht hier die persönliche Verantwortung. Der Einzelne muss sich von Gier, Maßlosigkeit und Panik freimachen. Alle Arten, „den islamischen Staat im Herzen zu errichten“, werden gefördert. Dazu gehört, dass man sich auf Gott als Lösung seiner Probleme verlässt, seine angeborene Fähigkeit, spirituell und materiell erfolgreich zu sein, nutzt und aufgrund persönlicher Verantwortung danach strebt, sich selbst zu verbessern.

Auf diese Weise hat der Salafismus den Zugang zur Religionsproduktion demokratisiert. Durch die Einführung eines veränderlicheren und organischeren Konzepts von Religion, das auf nostalgische Weise als Verkörperung der Einfachheit des Propheten und seiner Gefährten vermarktet wird, bringt er den Menschen den Seelenfrieden, der von ihrer persönlichen Verbindung zum Glauben herrührt. Dies hat zu größerer religiöser Partizipation geführt, trotz scheinbar schwieriger politischer Umstände.[16]

Außerdem hat der Salafismus die staatlich kontrollierte Religion auf effektive und scharfe Weise als fehlerhaft, unzulänglich, falsch oder suboptimal kritisiert. Auch dies hat dem Salafismus geholfen, Marktanteile zu gewinnen und, in vielen Fällen, eine beträchtliche Anzahl an „Konsumenten“ zu erobern.

Als eine der ersten Bewegungen, die staatliche Religionsmonopole herausforderten, hat der Salafismus vielen anderen religiösen Bewegungen die Tür zu ansonsten geschlossenen Märkten geöffnet. Außerdem hat er eine von zwei möglichen staatlichen Reaktionen erzwungen: eine Arbeitsbeziehung mit religiösen Ansätzen außerhalb der staatlich sanktionierten Religion oder gewalttätige Repressalien gegen jeden Versuch, eine Marktveränderung zu erzwingen.

Blicken wir auf Algerien, wo salafistische Bewegungen von den staatlich sanktionierten religiösen Institutionen zunächst als Parias betrachtet wurden. Salafistische Moscheen wurden immer wieder geschlossen und salafistische Imame ausgeschlossen, um, so das algerische Innenministerium, „keine unangemessenen ausländischen Riten zu importieren“. Religiöse Urteile (Fatwas) wurden in Übereinstimmung mit dem algerischen Gesetz erteilt. Jahre später wurden eben diese salafistischen Bewegungen von den gleichen Regierungsinstitutionen und deren Förderern als Gegengewicht zu noch revolutionäreren (und gewalttätigeren) Bewegungen benutzt.

Die Regierung zur Öffnung zwingen

Um eine größere Diversität bei religiösen „Produkten” und Wahlfreiheit für die Kunden auf dem Markt (Pluralismus) zu erreichen, muss Religion privatisiert werden. Dies kann dem Staat sogar nützen. Indem er den Salafisten und überhaupt allen religiösen Strömungen religiöse Autonomie gewährt, kann der Staat zwei Dinge erreichen. Erstens kann er dadurch ein Marktgleichgewicht erreichen und so durch staatliche Begünstigung hervorgerufene religiöse Konflikte minimieren. Zweitens: Indem religiösen Konsumenten erlaubt wird, zu wählen, welche „religiösen Produkte“ sie benutzen, lassen sich Versuche, die Religion zu politischen Zwecken zu entfremden (wie es der sogenannte „Islamische Staat“ und Al-Qaida tun) womöglich untergraben oder zumindest verlangsamen.

In einer von staatlicher Regulierung freien „Glaubensökonomie“ sind mehr religiöse Teilhabe und möglicherweise sogar mehr Bürgersinn möglich. Wenn man den Aufruf des Salafismus, religiöse Identität, Autorität und Auslegung zu deregulieren, beherzigt, bedeutet dies mehr religiöse Freiheit für alle.

 

Fußnoten

[1] Lauziere, Henri: „The Constructions of Salafiyya: Reconsidering Salafism from the perspective of conceptual history”, in: Int. J. Middle East Stud. 42 (2010), S. 369.

[2] Basyouni, Amru and Salim, Ahmed: Ma ba’da al-Salafiyyah, S. 199.

[3] Al-Bouti, Muhammad Said: Al-Lamadhhabiyyah Akhtar Bid’ah tuhaddid al-Shariah al-Islamiyyah, S. 15.

[4] Mankiw, Gregory: Macroeconomics, S. 413.

[5] Polanyi, Karl: The Great Transformation. Boston, Beacon Press, 1944, S. 73 ff.

[6] De Koning, Martijn: The ‘Other’ Political Islam. Understanding Salafi Politics. C. Hurst and Co. Publishers.

[7] Thurston, Alexander: Salafism in Nigeria, S. 10.

[8] Entnommen aus einem kürzlich stattgefundenen Gespräch mit M. Bushra über seine Einordnung des Themas.

[9] Yaşar, Nebahat Tanrıverdi O: Egyptian Salafi Movement in Post-Mobarek Period. ORSAM Uzman Yardımcısı.

[10] Mankiw, S. 413.

[11] Witham, Larry: Marketplace of the Gods. S. 146.

[12] Ebd.

[13] Brown, Jonathan AC: Is Islam Easy to Understand or Not?, Oxford University Press on behalf of the Oxford Centre for Islamic Studies, S. 117.

[14] Lauziere, S. 370.

[15] Ibn al-Qayyim: Al-Fawaid. S. 116.

[16] Witham, S. 131.

Dieser Artikel wurde erstmals am 31.07.2017 in englischer Sprache auf muftah.org publiziert. Der Autor ist Sheikh Joe Bradford, er graduierte 2004 mit einem LL.B. (Bachelor of Laws) in Islamischem Recht und Rechtstheorie an der Islamischen Universität von Medina/Saudi-Arabien (Themen: Finanzrecht, rechtliche Grundlagen und Jurisprudenz der hanbalitischen Rechtsschule). 2005 war er der erste US-Amerikaner, der zum LL.M. (Master of Law)-Studiengang an selbiger Universität zugelassen wurde. Seine Forschungsarbeiten zu jener Zeit: Sterbehilfe, Schiedsgerichtbarkeit innerhalb muslimischen Minderheiten, gewerbliche Geschäftsstrukturen unter islamischem Recht im Mittelalter, die Verwendung schwacher Überlieferungen in der hanbalitischen Rechtsschule.

Beruflich war er für private und staatliche Einrichtungen in der Rechtsprüfung tätig und arbeitete als Berater im Bereich Islamic Banking, spezialisiert auf die schariarechtliche Überprüfung von Finanzierungs- und Investitionskonzepten. 

2009 erhielt er zusätzlich seinen LL.M. (Master of Law) in der schafiitischen Rechtswissenschaft, mit einer Abschlussarbeit über den Universalgelehrten Badr al-Din al-Zarkashi.

Die Übersetzung wurde von Mitgliedern der Denkfabrik RÖG finanziert und erfolgte durch Korrekturlesen-HH.

Salafismus/Radikalismus: Entwicklung statt Ausstieg

von Yahya ibn Rainer

Ich kann vollkommen nachvollziehen, dass manche Jungsalafisten – besonders wenn sie einen falschen Einstieg bzw. Umgang hatten – nach einer gewissen Zeit das Bedürfnis verspüren etwas herunterzufahren und die eigene bisherige Anschauung und Praxis einer objektiven und selbstkritischen Betrachtung zu unterziehen.

Dies ist ein normaler Vorgang im Leben eines Muslims und gehört zum Reifungsprozess. Der junge Muslim zeichnet sich nun einmal besonders durch Tatendrang aus und der ältere eher durch Lebenserfahrung und -weisheit.

Leider lässt der Tatendrang der Jugend häufig an Erfahrung und Weisheit mangeln, und die Erfahrung und Weisheit des Älteren führt nicht selten zu einer Reihe von Relativierungen und unnötigen Kompromissen. Aus diesem Grunde brauchen wir uns gegenseitig. Der reifere Muslim gibt Obacht, dass der jüngere nicht über die Stränge schlägt und der jüngere Muslim erinnert seinen älteren Bruder durch seinen Tatendrang an seine eigene Jugend und wie sehr er – im Gegensatz dazu – jetzt zur Relativierung neigt.

Die Beziehung zwischen Alt und Jung ist immens wichtig und zeichnet sich durch gegenseitigen Respekt aus, welcher aber zugunsten des Älteren überwiegen muss, da die religiöse Weisheit (Hikma) im Islam einen ganz besonderen Stellenwert hat.

Diese immens wichtige Bindung existiert im Leben einiger Jungsalafisten nicht oder geht verloren, entweder weil sie aus einem nichtmuslimischen Umfeld stammen oder weil sie sich, angepeitscht vom eigenen jugendlichen Tatendrang, voreilig von ihrem muslimischen Umfeld losgesagt haben.

Für diese jungen Geschwister fällt die oben erwähnte objektive und selbstkritische Betrachtung der eigenen Anschauung und Praxis sehr schwer, da sie familiär sowie sozial weitestgehend isoliert sind; oft innerhalb eines kleinen Milieus, das geringe Zweifel und Abweichungen schon als Abtrünnigkeit versteht und deshalb einen gewaltigen indirekten Druck auf den Einzelnen ausübt.

Der einzige Ausweg aus dieser Bredouille scheint für einige solcher Jungsalafisten tatsächlich der Gang zu sogenannten Aussteiger- und Deradikalisierungsprogrammen zu sein, die zumeist vom Staat oder von nichtmuslimischen Vereinen gefördert oder betrieben werden.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich und mit aller Eindringlichkeit von einem solchen Gang abraten. Nicht nur, dass solche „Aussteiger“ Gefahr laufen, als Erfolgsbeleg von den Institutionen und Vereinen medial vorgeführt zu werden, nein, auch die weitere religiöse Entwicklung hat in diesem nichtmuslimischen „Aussteigermilieu“ keine Chance anständig und positiv vonstatten zu gehen.

Meines Erachtens eignen sich diese Programme ausschließlich für solche jungen Menschen, die nicht nur aus ihrem Extremismus, ihrer Radikalität oder dem ominösen „Salafismus“ aussteigen wollen, sondern aus dem Islam als solchem. Für alle anderen rate ich dringend einen anderen Weg zu finden.

Doch welche Wege können das sein? Zum einen sollte man wissen, dass es unter sogenannten Wahhabiten und Salafisten zahlreiche, auch äußerst selbstkritische Kreise und Milieus gibt. Ich persönlich umgebe mich mit zahlreichen Muslimen, die zwar oberflächlich betrachtet immer noch als Wahhabiten und Salafisten wahrgenommen werden, aber z.B. bei Kritik an Sheikh Mohamed ibn `Abd al-Wahhab – Allah sei ihm gnädig – längst nicht mehr aus der Haut fahren, sondern sich vielmehr sogar selbst zur Kritik an diesem Gelehrten befähigt sehen, ohne ihn und seinen Status komplett leugnen oder verteufeln zu müssen.

Und wer in seinem Innersten eine komplette Abkehr von Teilen des „wahhabitischen Tauhidverständnisses“ und vom strengen Rechtsverständnis saudischer Gelehrter wünscht, soll sich besser an Imame und Moscheegemeinden wenden, die nicht offensichtlich mit dem Staat und nichtmuslimischen Vereinen in der sogenannten Deradikalisierung zusammenarbeiten. Und auch wenn es mir ein wenig schwer fällt, empfehle ich sogar lieber den Gang zu einer der zahlreichen zeitgenössischen Sufi-Tekken, als den Gang zu staatlich alimentierten Aussteigerprogrammen.

Bewahrt euch ein wenig Würde und Islam und verkauft euch nicht an die Politik und an die Medien, denn leider wissen wir von einzelnen Fällen, wo aus „Salafismus-Aussteigern“ ganz schnell medienpräsente Islamaussteiger wurden. Verpulvert nicht die Gabe Allahs. Haltet so gut ihr könnt an Seiner Rechtleitung fest.

Und zu guter Letzt noch meine Motivation zu diesem Beitrag. Ich las gestern nämlich auf der Website der taz ein Interview mit Claudia Danschke, die recht bekannt ist für ihr Engagement gegen das, was sie als Radikalismus und Salafismus versteht. Im Rahmen dieses Interviews äußerte sie (ganz sicher wider besseren Wissens) folgende dreckige Lüge:

«[…] Aber beim Salafismus dreht sich alles um das Versprechen auf das Jenseits. Du wirst glücklich, aber erst nach dem Tod. Das Diesseits ist nur die Prüfung für das eigentliche Leben. Das ist extrem wirkmächtig. Wenn du stirbst – und das kann jederzeit sein –, dann kommst du, aber nur wenn du den Salafisten folgst, ins Paradies. Alle anderen schmoren in der Hölle.[…]»

(Quelle: http://www.taz.de/!5296437)

Glaubt mir, diese Frau weiß ganz genau, dass wir nicht sämtliche Muslime als Ungläubige sehen, die keine „Salafisten“ sind bzw. nicht unserem Verständnis folgen. Man muss einfach die Glaubwürdigkeit solcher Menschen kennen, bevor man sich ihnen anvertraut. Diese Frau ist schon allein deshalb disqualifiziert, weil sie keine Muslima ist, aber zudem ist sie eine unglaubwürdige Nichtmuslimin, der man auch als Eltern nicht seine in den Extremismus abgedrifteten Kinder anvertrauen sollte.

Wa Allahu 3alem.

Kurz gesagt: Es gibt zwei Arten von Predigern, die die Meinungsvielfalt des Fiqh darlegen

von Yahya ibn Rainer

Es gibt m.E. zwei Arten von Predigern, die ihren Zuhörern die Meinungsverschiedenheiten in den Angelegenheiten des Fiqh darlegen.

1. Diejenigen, die gefestigt sind und ihrem Standpunkt treu bleiben, jedoch um die gewaltige Meinungsvielfalt im Islam wissen und dieses Wissen vermitteln wollen, um den Extremismus in dieser Sache unter den eigenen Zuhörern zu bekämpfen.

2. Die Wankelmütigen, die im Nachlassen begriffen sind und sich auf diese Weise für ihren Wandel rechtfertigen (wollen), indem sie speziell in solchen Angelegenheiten die Meinungsverschiedenheiten thematisieren, die an ihrem Wandel neuerdings zu erkennen sind.

Einmal abgesehen vom Grad der Aufrichtigkeit, der diesen beiden Predigertypen innewohnt, ist auch die Wirkung zu beachten, die durch das persönliche Vorbild zustande kommt. Der Erstere gibt ein Beispiel für Standhaftigkeit und Toleranz, der Zweite liefert lediglich Rechtfertigungen für (s)ein Nachlassen und fördert die Inkonsequenz.

Und dann gibt es natürlich noch diejenigen Prediger, die gefestigt sind und ihrem Standpunkt treu bleiben, aber dabei die Meinungsvielfalt vollkommen außer Acht lassen. Durch ihre Engstirnigkeit im Umgang mit anderen Meinungen, befeuern sie (wenn auch ungewollt) den Extremismus ihrer Zuhörer, der im Resultat einen noch größeren Schaden in sich bergen kann, als das gerechtfertigte Nachlassen der Inkonsequenten

Und Allah weiß es am besten …

Eine Preisfrage an alle #Muslime die öffentlichkeitswirksam den #Salafismus bekämpfen

Eine Preisfrage an alle Muslime, die sich öffentlichkeitswirksam als Kämpfer gegen „Salafismus/Salafisten“ feiern lassen:

Was machen „salafistische“ Jugendliche, wenn ihnen gewahr wird, dass sie wegen ihrer religiösen Ansichten nun auch von ihren eigenen Glaubensgeschwistern bekämpft werden?

  1. Sie werden von spontaner Einsicht übermannt und integrieren sich.
  2. Sie nehmen den Fehdehandschuh an, erweitern ihr Feindbild und gelangen dadurch noch weiter in die Isolierung (und sind genau dort besonders attraktiv für gefährliche Sektierer).

Der Preis kann in Zukunft auf unseren Straßen in Empfang genommen werden.

Sind Selbstmordattentate bzw. Märtyrer-Operationen ein Resultat der „salafistischen Ideologie“?

von Yahya ibn Rainer

Anschließend an meinen gestrigen Beitrag zum „Salafismus“-Schreireflex unter manchen Sufis, Asch’aris und Maturidis, wenn auf dieser Welt Terroranschläge und Gewaltexzesse stattfinden, möchte ich noch auf einen weiteren Umstand hinweisen.

Märtyrer-Operationen bzw. Selbstmordattentate werden von diversen muslimischen Gruppen befürwortet und durchgeführt. Leider wird jedoch häufig der Eindruck erweckt, als würde es sich hierbei um eine Form der Kriegsführung handeln, die speziell von „Salafisten“ mit Zustimmung belobigt wird.

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Sind Terror und Gewalt ein Resultat der „salafistischen Ideologie“?

von Yahya ibn Rainer

Wenn der IS irgendwo medienwirksam seine Gegner enthauptet oder Al-Qaida in Paris Cartoonisten hinrichtet, dann sind sie alle fleißig dabei es dem sogenannten „Salafismus“ in die Schuhe zu schieben. Diese „Ideologie“ sei ja so gefährlich und vom Wesen her bereits gewaltaffin.

Wenn aber Palästinenser in al-Quds (Jerusalem) und Tall Abīb Yāfā (Tel Aviv) wahl- und zahllos jüdische Polizisten und Zivilisten messern, dann ist das Schweigen groß.

Liegt es vielleicht daran, dass Palästinenser, besonders solche bei Fatah und Hamas, Schafiiten und Hanafiten sind, die der Asch’ari- bzw. Maturidi-Glaubensschule zuneigen?

Genauso ist es bei den Qassam-Brigaden der Hamas, die sich nach dem hanefitischen Sufi Izz ad-Din al-Qassam benannt haben, der als Sheikh in einer Madrassa des Qadariyya-Ordens den mystische Weg der Sufi-Tariqa lehrte. Wenn diese Qassam-Brigaden bei ihren Märtyrer-Operationen Zivilisten mit in den Tod rissen, dann war es still im Milieu der Hippie-Sufis und Heuchel-Hanefiten, kein Ton von der Gewalt aus den eigenen Reihen.

Und die Taliban? Wer hätte es gedacht? Keine „Salafisten“, sondern Hanefiten und Maturidis sinds. Die Führungsriegen der Taliban stehen in der Lehrtradition der Deobandi-Schulen, welche bekannt sind für ihre hanefitische Lehre und den gelebten und gelehrten Sufismus. Die Taliban haben übrigens schon Köpfe abgeschnitten, da haben die meisten heutigen IS-Kämpfer noch als Speisequark im Schaufenster gestanden.

Aber auch hier … Stille.

Aufstieg und Niedergang der Dawa Salafiyya in Deutschland?

von Yahya ibn Rainer

Als plötzlich – um 2006 herum – die Dawa Salafiyya in Deutschland groß wurde und Verbreitung fand, begannen auf einmal zahlreiche muslimische und neukonvertierte Jugendliche, sich in einem Ausmaß mit islamischem Wissen und seinem Usul zu beschäftigen, wie es zuvor in Deutschland nie üblich war.

Dieser Umstand überforderte nicht nur zahlreiche Eltern und muslimische Gemeindemitglieder, sondern zum Teil auch ungelernte und gelernte Imame in den Moscheen. Den (gewiss nicht immer, aber doch recht häufig) guten Argumenten dieser „Jungsalafisten“ konnte nur schwer spontan entgegnet werden, und so nahm die Bewegung schnell zu.

Seit kurzer Zeit, fast 10 Jahre später, scheint man in den etablierten Altherrenstrukturen der religiösen Ausländervereine ein wenig aktiver und offensiver geworden zu sein. Langsam erscheinen mehr und mehr Jugendliche und Erwachsene auf der Bildfläche, die sich an der (eigentlich verhassten) Dawa Salafiyya ein gutes Beispiel nehmen, indem sie sich intensiv mit Wissen und Usul beschäftigen und dieses in deutscher Sprache verbreiten.

Immer häufiger stoße ich in letzter Zeit auf Dawa, die sich zwar nicht direkt gegen die Salafiyya richtet, aber durchaus viele ihrer Botschaften und Urteile kritisch hinterfragt und gehbare Alternativen aufzeigt.

Die Dawa Salafiyya – und hier ganz besonders Pierre Vogel – hatte einen Stein ins Rollen gebracht und die Beschäftigung mit dem Islam wieder attraktiv gemacht. Jeder, der dies leugnet, ist entweder blind oder zu differenzierter Betrachtung nicht in der Lage. Pierre Vogel & Co haben den Islam unter Jugendlichen in Deutschland (wieder) erwachen lassen. Entweder wurden junge Muslime von ihm motiviert MIT IHM in der Dawa tätig zu sein, oder sie wurden motiviert sich wieder mit dem Islam zu beschäftigen um seine Methoden und Ansichten kritisch zu hinterfragen.  Beides ist meines Erachtens ein Gewinn, so lange es für den Islam geschieht.

Auch die Deutsche Sprache wurde durch Pierre Vogel & Co in der Dawa gestärkt und die etablierten Verbände und Vereine sahen sich gezwungen, ihre verkrusteten und altbackenen Strukturen aufzubrechen, um der hiesigen Verkehrs- und Kultursprache den Rang einzuräumen, den sie unzweifelhaft verdient hat. Nie wurde mehr muslimische Literatur in die Deutsche Sprache übersetzt oder in Deutscher Sprache verfasst, als in den letzten 10 Jahren der expandierenden Dawa Salafiyya.

Heute jedoch sehe ich einem Wandel entgegen, der mich sehr beunruhigt. Während ich nämlich unter „Salafiyya“-Kritikern einen qualitativen und quantitativen Sprung nach vorn wahrnehme, muss ich bei den sogenannten „Salafisten“ eine gewisse Degeneration feststellen. Nicht quantitativ, denn mehr werden wir auch weiterhin, aber auf jeden Fall qualitativ. Speziell bei den neuesten „Zugängen“ im „Salafi-Milieu“ stelle ich nicht selten ein äußerst oberflächliches Wissen und auch besorgniserregende ideologische Einflüsse fest. Manchmal fürchte ich, dass gewisse „Islamexperten“ und Soziologen nicht ganz Unrecht hatten, als sie den zeitgenössischen „Salafismus“ als eine neue Form der jugendlichen Subkultur bezeichneten, die vor allem darauf aus ist zu provozieren.

Besonders auffällig scheint mir dieses Phänomen bei der verhältnismäßig großen Zustimmung für den „Islamischen Staat“ zu sein. Neben sicherlich auch einigen älteren Anhängern, sind es in Deutschland aber vor allem äußerst junge und nicht selten auch relativ frische Muslime, die den „Produkten“ des IS erliegen. Hochwertig produzierte Kriegs- und Hinrichtungsvideos und markige Anasheed haben den Predigervideos von Pierre Vogel & Co schon längst den Rang abgelaufen.

Böse Zungen könnten jetzt behaupten, dass sich mit diesem Wandel im Grunde nur das wahre Gesicht des „Wahhabismus/Salafismus“ offenbart, aber wer ehrlich ist und Einblick hat, der kennt die tatsächlichen Gründe. Was letztendlich nämlich zu dieser Degeneration des Wissens und des Verhaltens führt, ist der staatlich und mediale geführte „Kampf gegen den Salafismus“.

Wo Moscheegemeinden nicht schon von sich aus solche Muslime ausgrenzten, die sie als „Salafisten“ oder „Wahhabiten“ verstanden, machten Staat und Presse ausreichend Druck. Viele, vor allem junge Muslime, sind auf diese Weise aus den Stätten verbannt worden, wo sie eigentlich qualifiziert hätten belehrt werden können. Und wo solche ausgegrenzten Muslime aufgenommen wurden oder eigene Vereine und Räumlichkeiten gründeten, wurde der staatliche und mediale Druck sogar noch auf die Spitze getrieben.

Dass ausgegrenzte „Salafisten“ damit aber nicht verschwinden, wird jedem wohl einleuchten. Anstatt also nun in einer Moscheegemeinde mit den Älteren und Gebildeten zu sitzen, hocken sie zu Hause vor dem PC und bekämpfen ihre Langeweile mit Videos, Anasheeds und zweifelhaften Texten und Vorträgen.

Die etablierten Verbände sollten sich ganz genau überlegen, ob sie in Zukunft weiterhin an der Seite des Staates und in Zusammenarbeit mit der Presse gegen Glaubensgeschwister feindlich vorgehen wollen. Zum einen ist es nicht die richtige Art und Weise, um innerhalb der muslimischen Gemeinde Meinungsunterschiede auszufechten, und zum anderen spielt man solchen jungen Muslimen damit quasi in die Hände, die den „Salafismus“ tatsächlich als jugendliche Subkultur missbrauchen, um gegen die familiären Strukturen und das Establishment zu rebellieren. Ausgrenzung wirkt in dieser Hinsicht eher als Verstärker, und wenn die Subkultur (wie im Fall des IS-Kults) vor allem auch tödliche Gewaltphantasien bedient und erzeugt, dann kann Ausgrenzung auch Gefahr für Leib und Leben bedeuten.

Weshalb Islamverbände und Moscheegemeinden im Kampf gegen den „Salafismus“ schlecht aussehen

von Yahya ibn Rainer

Einer der Gründe, weshalb Islamverbände und Moscheegemeinden in Deutschland beim Kampf gegen den „Salafismus“ so offensichtlich scheitern, ist der Tatsache geschuldet, dass sie sich zwar mittlerweile am öffentlichen Diskurs zum Thema beteiligen, dieses aber oft unfreiwillig und nur aufgrund einer immensen Drohkulisse tun.

Speziell Moscheevereine sind hierzulande einem gewaltigen gesellschaftlichen und staatlichen Druck ausgeliefert. Im Kampf um Anerkennung und im Bestreben als friedlich und integriert zu gelten, organisiert man sich zähneknirschend in staatlich hofierten Verbänden, unterwirft sich dabei nicht selten den großen etablierten Playern im Islamverbands-Business und schüttelt sich unter dieser organisierten Haube die benötigten Ressourcen aus dem Ärmel, um hier und dort geübte Rhetoriker und als Muslime getarnte Politiker in öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzte Veranstaltungen zu delegieren.

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„Salafisten“ – Die träge Masse …

von Yahya ibn Rainer

Für die Schlagzeile der Woche, zumindest für viele Muslime hierzulande, sorgte eine Initiative der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Mit ihrer kompetenten Hilfe (finanziell als auch organisatorisch) wurde das sogenannte Muslimische Forum Deutschland aus der Traufe gehoben, als Gegenentwurf zu den „konservativen Verbänden“, die nicht nur zahlreich sind, sondern untereinander auch ordentlich zerstritten.

Der demokratische Staat braucht für seine Gesellschaftsklempnerei nun einmal Mehrheiten und diese kann er mit den zumeist national und sektiererisch ausgerichteten Islamverbänden und -räten nicht erlangen. Der Ansprechpartner muss eine Mehrheit repräsentieren und in der Politik sieht man diese Mehrheit anscheinend bei denjenigen, die es mit der Religion Islam nicht ganz so ernst nehmen.

Was in unseren Kreisen eher als Kultur-, Namens- und Discomuslime bezeichnet wird, nennt man in der Politik „liberale Muslime“. Dabei ist der Begriff liberal im politischen Zusammenhang natürlich irreführend. Das Milieu, aus dem sich liberale Muslime rekrutieren ist politisch zumeist links, reformmarxistisch und auch nationalistisch geprägt.

Interessant ist, dass man sich zur Schaffung dieser Vertretungsmehrheit auch eines miesen Tricks bedient. Da die Wortschöpfung „liberale Muslime“ – ebenso wie der Kampfbegriff „Salafisten“ – keine muslimische Definition erlaubt, sondern sich ganz allein aus der staatlich-politischen Deutungshoheit ergibt, hat man kurzerhand auch sämtliche Aleviten, Jesiden und sogar orientalistische Christen in diesen liberalen Topf geworfen.

Nun ja, eines wird ihnen damit wohl sicher sein, eine geflissentlich staatshörige Mehrheit, politisch dem linken Mainstream genehm und ohne große religiöse Ambitionen.

Keine Schlagzeilen, aber zumindest eine kleine Verbreitung auf Facebook, erreichte diese Woche eine kleine Grafik, die ich spontan am Arbeitsplatz kreierte. Immer noch deutlich ergriffen vom Zahlenverständnis des fabulierenden KZ-Schiiten (ich berichtete davon am 18. April) nahm ich mir die Abonnentenzahl einiger Facebookseiten vor, die von „Salafisten“ oder „salafistischen Organisationen“ betrieben werden und verglich diese mit den Abonnentenzahlen solcher Facebookseiten, die von (nach eigener Aussage) nicht- oder anti-salafistischen Personen und Organisationen betrieben werden. Zudem fügte ich noch einige nichtmuslimische Facebookseiten als Referenz hinzu.

salafisten

Sinn und Zweck dieser spontanen Grafik kann man ja aus der Überschrift erahnen. „Salafisten“ sind nur eine kleine religiöse Randgruppe in Deutschland. Das hört und liest man andauernd. Der Bundesverfassungsschutz deckte diese Behauptung, als er im Oktober 2014 darüber aufklärte, dass es in ganz Deutschland gerade einmal 6.300 Salafisten gäbe.

Ich kenne persönlich recht viele „Salafisten“ die kein Facebook-Profil haben. Schätzen wir mal, dass von den 6.300 „Salafisten“ ganze 5.000 ein Facebook-Profil haben und jeder einzelne von ihnen hat die Facebookseite von Pierre Vogel abonniert. Wer sind dann die über 100.000 anderen Abonnenten? Wenn nur jeder 10. diese Seite abonnierte, weil er Pierre Vogel gut findet, dann sind das immer noch 10.000.

Wir müssen uns nicht lange mit diesen Zahlenspielen abmühen. Jeder sogenannte „Salafist“ kennt die Realität. Wir sind bedeutend mehr, als sich so einige liberale und Nichtmuslime in ihren kühnsten Träumen überhaupt vorstellen könnten. Aber wir sind nun einmal mehrheitlich nicht das, was Staatsknechte, Islamverbände und unqualifizierte Journalisten aus uns machen wollen, nämlich gefährliche Kriminelle und Terroristen.

Doch was bringt uns Quantität, wenn die Qualität zu wünschen übrig lässt. Denn noch viel mehr, als wir sogenannte Ungläubige, Neuerungsträger und Kollaborateure verabscheuen, verabscheuen wir uns gegenseitig.

Da wir schon beim Thema Facebook sind, können wir gern diese Plattform als Messlatte für unseren Zustand nehmen. Das Kommentar- und Diskussionsniveau unter Salafisten unterscheidet sich nicht großartig vom Niveau auf den Seiten von PEGIDA & Co. Die meisten Schimpfwörter, die „Salafisten“ kennen, beziehen sich auf andere Muslime und größtenteils ebenfalls auf sogenannte „Salafisten“.

Genau diese „Salafisten“ sind es, die den zahlreichen Predigern und Organisationen auf Facebook solch gewaltige Verbreitung verschaffen, aber in der realen Welt nichts erwähnenswertes auf die Beine stellen können.

Der Zentralrat der Muslime, der im Internet die Domain www.islam.de belegt und mit Aiman Mazyek an der Spitze von Politik und Medien als Vertreter der Muslime in Deutschland gefeiert wird, hat gerade einmal um die 10.000 Mitglieder.

Es bräuchte nur ein wenig Engagement, ein wenig Herzblut und ein wenig Abkehr vom Internetislam, und wir „Salafisten“ könnten mit anderen „Islamisten“ und „Fundamentalisten“ einen Rat aus der Traufe heben, der zahlenmäßig den anderen Räten und Verbänden zumindest ebenbürtig sein würde.

Gerade jetzt, wo Staat und Politik versuchen „muslimische“ Mehrheiten jenseits des Islams zu mobilisieren, könnte ein frischer radikaler Wind durchaus für Gleichgewicht sorgen.

Aber dazu sind wir „Salafisten“ zu egoistisch, zu selbstverliebt, über weite Teile auch viel zu ungebildet und vor allem auch zu geizig. Ohne es zu merken, hat die angeblich so rückständige Steinzeitideologie der Salafi-Bewegung in Deutschland die Errungenschaften der abendländischen Aufklärung in sich aufgenommen und die Geldbörse hat sich an den hiesigen Wohlfahrtsstaat gewöhnt. Niemand lässt sich was sagen, jeder weiß es besser, Hierarchien haben keine Chance und das Geld klebt geradezu am eigenen Körper.

Ein großer Rat der orthodoxen Muslime ist schnell gegründet, wenn man in der Lage ist die eigene (oft unwichtige) Meinung zurückzustellen und regelmäßig einen gewissen finanziellen Beitrag abdrückt. Aber wir bezahlen lieber auf Facebook mit Likes, die sind kostenlos, und glänzen im anonymen Netz mit gegoogeltem Wissen und geheuchelten Bekenntnissen.

So wird das nichts. Leider. Salafisten eben, die träge Masse …

Frühe gelehrte Staatsschelte: Was schrieb der Schüler Ibn Hanbals böses über die Staatsmacht?

von Yahya ibn Rainer

Das folgende Fundstück wurde ursprünglich um das Jahr 2008 auf der Internetseite des ORF (Österreichischer Rundfunk) publiziert. Später fand man Artikel zum gleichen Inhalt auf einigen wenigen anderen Medienplattformen. Verbreitung fand dieser Stoff jedoch damals vor allem in sogenannten „salafistischen“ Kreisen und so verschwanden nach und nach die Beiträge wieder aus dem Netz. Leider hatte ich damals – aus Angst vor Copyright-Verletzungen – nur eine kurze Einleitung des Textes kopiert und diese im Anschluss mit einem Hyperlink zum ORF-Beitrag versehen.

Nun wurde auch beim ORF der Beitrag gelöscht und meine Google-Suche ergab, dass es im gesamten Internet keinen einzigen Hinweis mehr auf diese Handschrift gibt.

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Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 3)

von Yahya ibn Rainer

Der Sohbet-Raum der Mevlevi-Tekke war ein sehr gemütlich eingerichtetes großes Zimmer, mit vielen orientalischen Sitzkissen, einigen europäischen Sitzmöbeln und reichhaltigem Wandschmuck. Die meisten Wandbilder zeigten arabische Kalligraphien und in der Sitzecke, wo der Sheikh mit Jamal saß, hangen und lehnten zahlreiche Zupfinstrumente.

„Wie Ihr seht,  beschäftigen Wir uns hier auch mit Verbotenem, der Musik.“ sagte Sheikh Abdullah Halis zu mir, als ich mich gerade in der europäischen Sitzecke niederließ. Ich hatte bei diesem Satz eine gewisse Häme in seiner Stimme erwartet, denn er meinte eindeutig mich und wollte mit dem Satz wohl zum Ausdruck bringen, dass er nun wüsste wer ich sei, und ein Salafist hält nun einmal strikt am muslimischen Muszierverbot fest.

Aber er sagte es scheinbar ganz ohne Nebengedanken und ohne besondere Mimik, er meinte es anscheinend ernst. Er verzichtete auch darauf sich eines der zahlreichen Instrumente zu nehmen und die illustre Runde zu beschallen. Es folgten weitere Anekdoten, ein paar Witze und die Übersetzung bzw. Erläuterung einiger Kalligraphien, von denen die eine oder andere wohl schon recht alt war.

Nun ließen sich auch die beiden sufischen Hausdamen des Öfteren blicken. Sie kamen rein, gingen durch oder fragten kurz etwas. Dabei fiel mir auf, dass sie nie das Zimmer vorwärts wieder verließen, sondern immer rückwärts, vorgebeugt und mit der rechten Hand auf dem Herzen. Ob diese Geste dem Sheikh galt, uns – den Gästen – oder Teil einer speziellen osmanischen oder sufischen Tradition waren, das fragte ich leider nicht, aber es wirkte ungewohnt, ebenfalls wie die Ansprache mit „Ihr“.

Das Essen war scheinbar fast fertig und man erkundigte sich, wie viele Gäste denn zum Speisen bleiben würden. Der Amerikaner war anscheinend sowieso schon eingerechnet, dazu noch eine syrische Flüchtlingsfamilie – ein Mann mit seiner Frau und 3 kleinen Kindern – die Unterkunft in einer Gästewohnung der Tekke gefunden hatten. Auch Jamal und ich hatten uns entschieden, entgegen unseren vorherigen Planungen, der freundlichen Einladung des Sheikhs zu folgen und ihm an seiner Tafel Gesellschaft zu leisten. Zuvor jedoch trat die Gebetszeit ein.

Der Sheikh stand kurz auf und rief eine seiner Hausdamen herbei. Ich befürchtete schon, dass wir nun einen Frauen-Adhan zu hören bekommen sollten, aber stattdessen ging sie wieder von dannen und einige Sekunden später hörte man ein leises Knistern und Knacksen. Hier, in der Mevlevi-Tekke, wurde der Adhan nicht selbst ausgerufen, sondern von einem Tonband abgespielt. Es sei eine schon recht alte Aufnahme aus Syrien, extra von einem Meister des Gebetsrufes für diese Tariqat in den 60er Jahren aufgenommen und abgeschlossen mit einer ganz besonderen Dua von einem ganz besonderen Sufi-Sheikh.

Nach der Beendigung des Gebetsrufes verließ uns der Sheikh kurz, um sich für das Gebet zu waschen und neu zu kleiden und beim Verlassen des Zimmers machte er es den Sufi-Schwestern gleich, indem er den Türrahmen rückwärts durchschritt, sich dabei in unsere Richtung vorbeugte und dabei seine rechte Hand aufs Herz legte.

„Du hast ihm von Pierre Vogel erzählt!“ sagte Jamal zugleich in meine Richtung, „Das hat er mir sofort erzählt. Jetzt weiß er Bescheid!“. Das sollte mir recht sein.

Als Sheikh Abdullah Halis wieder kam und wir gemeinsam die Musalla betraten, die ich zuvor bereits mit dem Amerikaner besichtigt hatte, da stach mir wieder die hintere rechte Ecke des Raumes ins Auge. Der Musikwissenschaftler konnte zwar recht gut deutsch sprechen, aber was dieses kastenförmige Gebilde – mit zwei Türen darin – zu bedeuten hatte und wieso wir bei der ersten Besichtigung der Musalla ruhig sein sollten, das konnte mir der junge Mann nicht so recht erläutern. Nun aber, als wir für das Gebet ein zweites Mal die Musalla betraten, kam mir aus der Richtung dieses Kastens, der etwa die Ausmaße einer winzigen Sauna hatte und komplett mit Holz verkleidet war, ein lautes und monotones Singsang entgegen.

Es saß anscheinend jemand in diesem Kasten und machte lautstark Dhikr. „Allah-Allah-Allah-Allah-Allah-Allah-Allah-…“ hörte ich über lange Zeit hinweg, auch während wir unsere Sunnah-Gebete verrichteten. Es irritierte ein wenig, aber zum Pflichtgebet – dachte ich – wird er wohl aus seinem Kasten raus kommen und mit uns beten.

Pustekuchen. Als wir mit den Sunnah-Gebeten fertig waren, wurde die Iqama gesprochen und wir reihten uns ein zum Dhuhr-Gebet, den Mann in der Box jedoch juckte das recht wenig. Während wir also das Gebet in der Gemeinschaft verrichteten, rief er mit Inbrunst weiterhin seine Litaneien aus. Manchmal glaubte ich mir bekannte Worte zu verstehen, aber meistens hörte ich nur einsilbige Laute (u.a. HuHuHu u.ä.)

Hinten links in der Musalla standen 2 grüne Särge, die waren mir erst nach dem Gebet aufgefallen, als ich nach der Beendigung der Gebetseinheiten ein wenig Distanz zwischen mich und die anderen brachte, da sie mir unbekannte Riten und Formeln an das Pflichtgebet anschlossen. Diese offensichtliche Nichtteilnahme wurde zwar wahrgenommen, aber anscheinend nicht als Affront aufgefasst. Die Särge irritierten mich jedoch und ich nahm mir vor Jamal darauf anzusprechen, ebenso wie auf den Mann in der Box.

Nun waren auch die anderen fertig und wir erhoben uns um gemeinsam in den Speisesaal zu gehen, der Mann aus der Box jedoch kam nicht mit.

Die Särge, so versicherte mir Jamal, waren leer. Sie dienten ausschließlich dazu, an die verstorbenen Großsheikhs der Tariqat zu erinnern. Und der Mann in der Box unterzog sich einer ganz speziellen Sufi-Therapie. Es gehört wohl zur Praxis dieser Tariqat, dass sich der Schüler des Sheikh für 18 Tage in diese Box zurückzieht. Während dieser Zeit fastet er und beschäftigt sich ausschließlich mit gottesdienstlichen Handlungen, von denen die meisten – wie z.B. dieses Dhikr – vorgegeben sind. Niemand darf in dieser Zeit zu ihm in die Box kommen, er darf die Box nicht verlassen und man darf auch nicht auf irgendeine Weise kommunizieren.

Am Essenstisch dann gab es zwei große Überraschungen, eine gute und eine böse. Die gute: Es gab traumhaft leckeres syrisches Essen. Die beiden Schwestern hatten anscheinend unter der Anleitung der syrischen Flüchtlingsfrau ein mehr als reichhaltiges Mahl gezaubert und uns dann zu Tische kredenzt. Die böse Überraschung: Frauen und Männer haben zusammen gespeist. Männer auf der einen Seite und die Frauen genau gegenüber auf der anderen Seite des Tisches. Das war ich schon lange nicht mehr gewohnt. Ich konnte praktisch nirgends hinschauen, außer auf meinen Teller oder nach ganz rechts oder links. Man unterhielt sich ungeniert, schaute und lächelte sich gegenseitig an und ich fühlte mich wirklich sehr unwohl.

Nun hatte ich, weil der Sheikh sowieso schon so ein großes Mitteilungsbedürfnis hatte, nur selten die Möglichkeit das Wort zu ergreifen, und dann setzte man noch zwei mir völlig fremde Frauen ähnlichen Alters mit an den Tisch, was mich letztendlich komplett zum Schweigen brachte.

Dafür kam Jamal zu Wort und er brachte Pierre Vogel wieder in Gespräch. Ob man ihn nicht einmal in die Tekke einladen wolle. Man könnte mit ihm diskutieren, ihn auf einige bestimmte Themen ansprechen. Der Sheikh war ob dieser Idee doch ein wenig aus der Fassung. „Wir haben mit der Person Pierre Vogel ein kleines Problem“, sagte der Sheikh nur kurz und knapp, führte den Gedanken aber nicht weiter aus. Auch die beiden Damen fanden die Idee anscheinend gut. Man könne ihn ja dieses oder jenes fragen oder ihm die Chance geben einiges richtig zu stellen. Doch diese Vorstellung war dem Hausherrn anscheinend nicht ganz geheuer. Das Thema wurde totgeschwiegen.

Als dann alle emsig ihr Tellerchen gelehrt hatten und nichts mehr nachlegen wollten, da kam es zur nächsten sonderbaren Praxis dieses Ordens, es gab eine Art Tischgebet. Alle Tischgäste – außer dem pösen Salafisten – ballten nun, gemeinsam mit dem Tischherrn, ihre beiden Fäuste und drückten die Vorderseiten selbiger mit der Handfläche nach unten zeigend gegen die Tischkante, senkten den Kopf und sprachen im Chor irgendetwas, was sich nach einer Dua und anschließendem HuHuHuHaHa (oder so ähnlich) anhörte. Nun musste ich ein wenig schmunzeln und auch die syrischen Gäste, die das Ritual anscheinend kannten, schauten nach dem Vollzug ein wenig verschmitzt zu Boden.

Solcherlei Besonderheiten kamen etwas häufiger vor und jedes Mal nahm ich an diesen Ritualen bewusst nicht teil. Vor allem, weil ich die Rituale gar nicht kenne, aber als Salafit natürlich auch, weil ich auf die Schnelle nicht beurteilen konnte, ob es sich bei den Handlungen ggf. um Neuerungen in der Religion handelte. Ich bin weiß Gott kein Pedant in dieserlei Hinsicht und ich schelte gewiss nicht jede Handlung sofort als Bi’da, nur weil ich sie nicht kenne. Doch Vorsicht ist geboten und wenn es einen Grund gibt um den Sufismus zu tadeln, dann ist es das teils häufige Auftreten von Neuerungen, die sich in den letzten Jahrhunderten speziell im Tasawwuf herausgebildet haben.

Ich bin aber ebenfalls der festen Ansicht, dass die negative Klassifizierung einer Handlung mitunter auch vorschnell geschieht, besonders wenn die Handlung von Sufis ausgeht und die Klassifizierung von einem zeitgenössischen Salafi getätigt wird. Sicherlich finden wir hier Übertreibung auf beiden Seiten, ebenso wie ich auf beiden Seiten im Grundsatz auch eine gute Absicht unterstelle.

Ich hatte, als ich meinen Besuch in der Mevlevi-Tekke plante, mir zwei Szenarien ausgemalt: Ein Worst-Case-Szenario, in dem mich der Sheikh mit Zeter und Mordio und im hohen Bogen von seinem Hofe werfen und mir noch Flüche gegen mich und meine Glaubensgenossen nachrufen  würde. Und ein Best-Case-Szenario, in dem mich der Sheikh tief beeindrucken und meine kritische Haltung gegenüber dem zeitgenössischen Sufismus korrigieren würde.

Beides ist nicht eingetreten. Der Sheikh war sicherlich freundlich, gebildet und lebenserfahren, aber er zeugte in meiner Gegenwart nicht von einer speziellen Güte, die ihn als Meister und Lehrer einer wie auch immer gearteten Askese oder charakterlichen Vorbildlichkeit ausgezeichnet hätte. Wäre mir sein Titel – als Sufi-Sheikh mit besonderen Lehrbefugnissen – im voraus nicht bekannt gewesen, hätte ich ihn als einen ganz normalen deutschen Muslimbruder erlebt, wie Jamal und viele andere Muslimkonvertiten der ersten Generation, die zwar häufig einen anderen Weg als wir beschritten – allein schon weil sie andere Umstände hatten – aber trotzdem unsere Brüder sind und von denen wir auch profitieren können, weil sie Lebenserfahrung haben und natürliche Weisheit besitzen.

Das der zeitgenössische Sufismus in einer Krise steckt, das musste sogar der Sheikh mir gegenüber zugeben. Er hat vor kurzem seine Tariqat auflösen müssen, zwar nicht endgültig, aber vorübergehend. Er hatte das Gefühl, dass viele heutzutage den Tasawwuf für „eine spirituelle Hängematte“ hielten. Ernsthaft das Ziel erreichen, nämlich die Erlangung von Ikhlas (Aufrichtigkeit) in den gottesdienstlichen Handlungen, wollen anscheinend nur die Wenigsten. Der Spaßfaktor, das Verkleiden, das Singen, das Tanzen, die Meditation, das wirkt bei den Meisten eher als Ablenkung vom Alltagsstress oder von anderen psychischen Problemen. Aber hart arbeiten möchte längst keiner mehr, in diesem Jihaad an-Nafs, der der schwerste aller Kämpfe sein soll.

Ich würde den Sheikh wieder besuchen. Allein die Tatsache, dass er mir meine distanzierte Art nicht übel nahm und mich als Gast unvoreingenommen und freundlich behandelte, rechne ich ihm hoch an. Obwohl er wusste, dass ich ein „Salafist“ bin, hat er mich weder getadelt noch zurecht gewiesen. Sein Gerede vom „Krebsgeschwür“ des Salafismus – in einem Interview mit der Ortspresse – fand im Umgang mit mir keinen Nachhall.

Ich entschuldige mich an dieser Stelle dafür, dass ich nicht mehr Lob für ihn habe aufbringen können und hoffe ihn mit meinem Text nicht allzu sehr verletzt zu haben.

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 2)

von Yahya ibn Rainer

Es ist mir etwas aufgefallen, in den letzten knapp 8 Jahren als sogenannter Salafist. Alle reden über uns. Journalisten, Politiker, Islamwissenschaftler, PImaten, aber auch Funktionäre von Muslim- und Islamverbänden, Religionsbehörden oder Moscheevereinen. Speziell diese „Muslime“, die auf Anfrage der Presse oder Anraten örtlicher Politiker bzw. Behörden über den bösen Salafismus schwafeln, dass er nichts mit dem wahren Islam zu tun habe und seine Anhänger unwissend seien, diese „Muslime“, die sich für alles mögliche einsetzen, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung, für das Grundgesetz, für den Wohlfahrtsstaat, für den interreligiösen Dialog, aber nicht für den Islam und die Muslime, alle Muslime.

Sie bilden Räte, organisieren Konferenzen, kooperieren mit staatlichen Einrichtungen, geben Expertisen, nur um Politik und Staat zufrieden zu stellen, um in Ruhe gelassen zu werden, aus Angst vor Repression, um den Aufenthaltsstatus zu behalten oder einfach nur um gelobt zu werden, von Ministern, Bürgermeistern und Behördenvorstehern. Doch was passiert, wenn diese Funktionäre in ihrer Moschee einem solchen Salafisten begegnen? Lassen sie ihren Worten Taten folgen? Nehmen sie sich den Bruder zur Seite? Geben sie Nasiha (einen Ratschlag)? Versuchen sie dieses angeblich falsche Islamverständnis zu korrigieren?

NEIN !!!

In all den 8 Jahren als irrgeleiteter, gefährlicher, bösartiger und unislamischer Salafist, ist noch kein Hodscha, kein Imam, kein Moscheevorstand, kein Muslimfunktionär und auch kein Sufi-Sheikh an mich herangetreten und hat versucht mich aus meinem angeblichen Irrtum zu erretten. Besonders hier in Hamburg, wo man mich vielerorts bestens kennt, als engagiertes Gemeindemitglied der ehemaligen Taiba-Moschee (bzw Al-Quds-Moschee), die nach vertraulichen Beratungen zwischen eben diesen Funktionären und der Staatsmacht einvernehmlich geschlossen und verboten wurde.

Ich komme in ihre Moscheen – und ich gehe in fast jede Moschee in Hamburg -, sie sehen mich, erkennen mich und grüßen mich (oder auch nicht), aber darüber hinaus kommt kein Sterbenswörtchen.

Warum ist das so? Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: Der Sufi-Sheikh aus Trebbus sah ebenfalls keinerlei Veranlassung mich eines Besseren zu belehren. Der Bruder Jamal, den ich eigentlich in Trebbus besucht hatte, kündigte meinen Besuch im Mevlevi-Orden bereits einen Tag zuvor an, aber er verschwieg, dass ich ein sogenannter Salafist war. Das sollte ich dem Sheikh – wenn möglich – doch bitte selber irgendwie beibringen. Und so brachte mich Jamal in die Tekke, die nur etwa 1-2 km von seinem Hof entfernt lag, stellte mich dem Sheikh vor, trank noch einen Tee mit uns und fuhr dann allein wieder nach Hause.

Nun lag es also an mir, einen geeigneten Weg zu finden um dem Sheikh die Ankunft des Bösen, des Krebsgeschwürs, in seinem Hause zu offenbaren. Natürlich hatte ich mir zuvor einige Gedanken darüber gemacht wie ich auftreten möchte. Ich entschloss mich für meine natürliche und somit freundliche und respektvolle Art, wie ich jedem Muslim begegne, besonders wenn er das gesegnete Alter von 70 Jahren erreicht hat – wie Scheich Abdullah Halis al Mevlevi–Efendi -, das gehört sich einfach.

Ich war allerdings nicht der einzige Gast im Hause. Bei meiner Ankunft saß bereits ein anderer Mann beim Sheikh zu Tisch. Es war ein us-amerikanischer Musikwissenschaftler, der in Deutschland für ein Buch recherchierte. Sein Forschungsgebiet war orientalische Musik, speziell schiitische und sufische Stile. Sein Buch sollte vom Islam in Berlin handeln und hierzu gehörte auch ein Aufenthalt im Mevlevi-Orden zu Trebbus, das ja nur 125km südlich von Berlin liegt. Er hatte eine professionelle Videokamera dabei und sein Notizheftchen immer parat, denn der Sheikh hatte viel zu erzählen.

Ich habe hin und her überlegt, ob und inwieweit ich meine negativen Eindrücke vom Sheikh hier schildern soll. Ich kam während meines Aufenthaltes dort nicht wirklich oft zu Wort und konnte somit auch nicht darüber aufklären dass ich einen Blog betreibe und vorhabe dort über meinen Besuch zu berichten. Ich werde also an mich halten und meinen persönlichen Eindruck von der Person des Sheikhs nicht sonderlich ausführen, nur so viel sei gesagt: Nicht alles, was ich mir in positiver Erwartung von einem Meister des Tasawwuf erhofft habe, hat sich beim Treffen mit dem Sheikh erfüllt.

Aber es gab auch sehr viel Gutes was ich sah und hörte. Die Gegenwart des Wissenschaftlers war für den Sheikh ein Anlass viele Anekdoten aus seinem langen Leben zu berichten, osmanische Überlieferungen zu erzählen, Weisheiten aufzuzählen und zahlreiche Koranstellen zu rezitieren. Der Sheikh konnte fließend türkisch und – soweit ich das beurteilen konnte – auch sehr gut arabisch sprechen. Viele seiner Weisheiten und allgemeinen Ratschläge belegte er mit koranischen Beweisen, aus dem Kopf, erst auf arabisch, dann in gepflegter deutscher Übersetzung.

Etwas gewöhnungsbedürftig war für mich seine Angewohnheit, von sich selbst immer als „Wir“ zu sprechen und andere Personen mit „Ihr“ anzureden. Diese Angewohnheit teilte er auch mit den zwei Sufi-Schwestern, die in der Küche fleißig am Kochen waren und nur selten mal in den großen Speiseraum kamen. Und so fragte er mich nach einiger Zeit: „Und wie seid Ihr zum Islam gekommen?“

Nun sah ich meine Möglichkeit gekommen. Schnell erklärte ich, dass ich schon sehr jung mit dem Islam in Verbindung kam, jedoch die Praxis der Religion, für mich als Jugendlicher, zu streng wirkte, und da auch meine zahlreichen türkischen Freunde den Islam nicht ganz so streng nahmen und meinten, dass der Islam im Herzen ausreiche, da – so sagte ich – fand ich zwar den Islam ganz toll, bevorzugte jedoch eine normale deutsche Jugend, mit den üblichen kleinen und großen Sünden. Den Islam ernsthaft als Lebenskorrektiv in Erwägung – führte ich weiter aus – zog ich erst kurz nach meinem 30. Geburtstag, und dann im wahren Vollzug auch erst nach einem ausführlichem Telefongespräch mit Pierre Vogel.

Baaam! Da war es also raus. Ich versuchte ganz locker zu bleiben und tat so als würde ich den schrägen und leicht verdutzten Blick des Sheikhs nicht bemerken. Es gab einen kurzen Moment der Stille, worauf der Sheikh dann nach einiger Zeit den Amerikaner auf einmal bat, mich doch bitte mal über das Gelände zu führen, um mir die Stallungen, den Innenhof, den Hofladen, die Musalla und den Sohbet-Raum zu zeigen. Der Amerikaner wirkte ein wenig irritiert, immerhin war er selbst ein Gast im Haus, und als solcher wurde er jetzt auf einmal aufgefordert einem anderen Gast das Gehöft zu zeigen.

Der Musikwissenschaftler kam der Aufforderung trotzdem ohne Murren nach. Wir gingen also nach draußen und er zeigte mir alles, was er von seiner eigenen Besichtigung, wahrscheinlich nur wenige Stunden zuvor, selbst noch wusste.  Als letzte Station des Rundgangs kamen wir etwa 20 Minuten später im Sohbet-Raum an, wo auch Jamal wieder da war und mit dem Sheikh zusammen im Gespräch versunken saß.

Fortsetzung folgt …

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 1)

von Yahya ibn Rainer

Ich machte mich am Samstag auf eine recht mühsame Reise in den Osten der Republik. Ziel dieser Reise war Trebbus, ein ehemaliges Dorf, das heute als Ortsteil zur Gemeinde Doberlug-Kirchhain gehört. In dieser brandenburgischen Idylle, etwa 30 km westlich von Finsterwalde und 125 km südlich von Berlin, lebt ein mir sehr nahestehender Bruder im Islam, der dort einen kleinen heruntergekommenen Bauernhof ersteigerte und diesen mühe- und liebevoll renovierte.

Jamal, so sein Name, ist wie ich ein deutscher Islamkonvertit, allerdings mit dem Unterschied, dass er bereits im Jahre 1975 konvertierte, also im gleichen Jahr als der kleine Jens das Licht der Welt erblickte. Damit gehört Jamal einer ganz anderen Generation von Konvertiten an als ich und viele andere in Deutschland.

Zu seiner Zeit gab es längst nicht so viele Muslime hierzulande und deutsche Konvertiten konnte man wohl an 3-4 Händen abzählen. Somit rückte man zusammen und organisierte sich. Viele heute bekannte Namen, wie Abdullah Bubenheim, Muhammad Siddiq, Abdul Karim und Fatima Grimm, Ahmad von Denffer usw. haben aus dieser frühen Zeit partizipiert und kennen sich von daher. Auch der Bruder Jamal erlebte diese frühe Phase der deutsch-muslimischen Gemeinde und kennt fast alle bekannten Namensträger dieser Zeit persönlich.

Ebenfalls ein Muslim aus dieser frühen Generation ist Abdullah Halis Dornbrach, der bereits in den 60er Jahren konvertierte und heute ein Sufi-Sheikh des Mevlevi-Ordens ist. Seine Sufi-Tekke befindet sich auch in Trebbus, ein ebenfalls renovierter, aber weitaus größerer Hofkomplex, mit Musalla, Sohbet-Raum, Laden und zahlreichen Gästewohnungen.

Jamal, der sich selbst als „Salafit“ (ohne s) versteht, lebte und arbeitete die meiste Zeit seines Lebens in arabischen und afrikanischen Ländern und erfüllte sich mit diesem Hof in der brandenburgischen Pampa einen kleinen Traum. Die Nähe zu einer muslimischen Gemeinde wollte er jedoch nicht missen, was auf dem Lande im Osten der Republik jedoch fast unvermeidbar ist. So kam ihm dieses größere muslimische Zentrum ganz recht, vor allem auch, weil es von einem Volksgenossen aus alten Tagen geführt und auch von vielen deutschen Muslimen frequentiert wurde. Vom Sufismus allerdings hatte er, nach eigenem Bekunden, zuvor noch nicht so viel gehört.

Nun gab dieser Sufi-Sheikh vor etwa 2 Jahren einmal ein Interview für die Lausitzer Rundschau, in dessen Rahmen er äußerte, dass Salafisten „ein Krebsgeschwür“ seien, die keine Ahnung vom Koran hätten usw.. Eine harte Äußerung, die einen Muslim, der von außen als „Salafist“ wahrgenommen und betitelt wird, natürlich nicht unberührt lässt. Also wollte ich meinen Besuch bei Jamal mit einem Besuch beim Mevlevi-Orden verbinden und diesen Sheikh einmal persönlich kennenlernen.

Nun muss ich einiges im vornherein unbedingt klarstellen. Heutzutage wissen ja alle möglichen Subjekte etwas über den sogenannten „Salafismus“ oder den „Wahhabismus“ zu erzählen. Journalisten – kurzerhand zu Islamexperten erklärt – , staatsalimentierte Vereine und behördliche Experten bilden die Deutungshoheit für diese Begrifflichkeiten. Sie alle wissen ganz genau was in den Köpfen dieser Muslime vor sich geht und kennen die Motive und Ziele eines jeden Individuums, das sie in dieses begriffliche Korsett einschnüren. Dabei wird natürlich fleißig dafür gesorgt, dass diese menschlichen Wesen (ja, wir haben Körper und Seele und haben Gefühle) nicht in die Lage versetzt werden öffentlich selbst Kunde darüber abzulegen, wie sie ihre Religion und deren Praxis auslegen und praktizieren (wollen).

Ein – besonders unter Muslimen – verbreitetes Vorurteil ist die kategorische Ablehnung des Sufismus unter allen „Salafisten/Wahhabiten“. Das ist freilich absoluter Humbug. Wie mich, gibt es zahlreiche andere Salafiten, die als grundlegend wichtige Wissenschaft im Islam, neben der ‚Aqida (Glaubenslehre) und dem Fiqh (Rechtslehre), auch die Wissenschaft der Herzen (Ulum al-Qulub) anerkennen und für notwendig halten. Denn der Glauben im Islam (Iman) wird bestätigt durch die Handlungen (‚Amal), welche durch die Rechtslehre (Fiqh) festgelegt werden, jedoch ist ein unabdingbarer Bestandteil einer jeden Handlung, neben der korrekten Ausführung, auch die Absicht (Niyya), und diese sollte dringend von Aufrichtigkeit (Ikhlas) begleitet werden.

So wie wir Muslime die ‚Aqida von unseren ‚Aqida-Gelehrten erlernen und den Fiqh von unseren Fiqh-Gelehrten, so werden wir von anderen Gelehrten an die Aufrichtigkeit herangeführt, quasi dazu erzogen. Und diese Wissenschaft, diese Wissenschaft der Herzen, welche maßgeblich für unsere Aufrichtigkeit ursächlich sind, nannte man schon relativ früh in der Islamischen Geschichte al-Tasawwuf (Sufismus).

Gleich den anderen Wissenschaften, bildeten sich auch hier verschiedene Schulen bzw. Wege, die jeweils versuchten, den Schülern eine spirituelle Tiefe angedeihen zu lassen, die es ihnen ermöglichen sollte ihrem HERRN (rabb) möglichst nahe zu sein, Ihn womöglich immer gegenwärtig zu spüren und somit den Handlungen die nötige Aufrichtigkeit zu verleihen.

Weder Imam Ahmad ibn Taymiyya, der als Inspirator und Grundleger des zeitgenössischen Salafi-Bewegung geltend gemacht wird, noch Imam Muhammad ibn ‚Abd al-Wahhab, der als Begründer des sogenannten „Wahhabismus“ gilt, haben den Sufismus kategorisch abgelehnt, vielmehr haben sie ihn hoch geschätzt und in ihren Rechtsgutachten seinen Nutzen gepriesen. (Hierzu zwei englischsprachige Beiträge: Shaykh Muhammad bin ‘Abd al-Wahhab and Sufism & Sufism and the Imams of the Salafi Movement: Introduction)

Ich bin also nicht in diese Sufi-Tekke gegangen, um mit dem dortigen Sheikh über Sinn und Unsinn des Sufismus zu streiten, sondern u.a. um zu schauen, welche Medizin dieser Führer und Meister einer Sufi-Tariqat aufzubringen in der Lage ist, wenn ein vom ihm sogenanntes „Krebsgeschwür“ bei ihm zu Gast am Tische sitzt. Wird er es als bösartig diagnostizieren, gar als invasiv, und wird es sofort und radikal operativ entfernen. Oder wird er durch Bestrahlung oder andere alternative Therapeutik versuchen es zurückzubilden? Oder wird er gar letztendlich erkennen, dass dieses „Geschwür“ gar nicht bösartig ist, sondern gutartig oder vielleicht sogar doch ein fester und normaler Bestandteil des Körpers?

Fortsetzung folgt …

Video: Ein kleine Erwiderung auf Herrn Riegers „Salafistenschelte“

Mit diesem Beitrag beziehe ich mich auf den Libertär-muslimischen Dialog des vorherigen Blogbeitrages.

Als Herr Andreas Abu Bakr Rieger 1993 diese Rede auf einer Veranstaltung der (heute in Deutschland verbotenen) türkischen Kalifatstaat-Organisation hielt (interessant vor allem von 0:58-1:22), da kam er nicht etwa von einer saudi-finanzierten Glaubensindoktrination, einem salafistischen Seminar oder einer wahhabitischen Gehirnwäsche – davon redete damals nämlich keine Sau -, sondern war, wie heute, angetan vom (seiner Ansicht nach) klassischen Islam und seiner mystischen Schule (Sufismus).

https://www.youtube.com/watch?v=n7H8fvnjOiU

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Salafismus: Außenwahrnehmung, Anspruch und Realität – Eine nüchterne Annährung

Der folgende Beitrag erschien zuerst in der Dezember-Printausgabe (Nr.148) des Magazins eigentümlich frei. Ein recht herzlicher Dank geht an dieser Stelle raus an Herausgeber und Chefredakteur dieses freien und mutigen Blattes.

Eine nüchterne Annäherung

Salafismus: Außenwahrnehmung, Anspruch und Realität – Eine nüchterne Annährung weiterlesen