Schlagwort-Archive: Salafismus

Salafismus/Radikalismus: Entwicklung statt Ausstieg

von Yahya ibn Rainer

Ich kann vollkommen nachvollziehen, dass manche Jungsalafisten – besonders wenn sie einen falschen Einstieg bzw. Umgang hatten – nach einer gewissen Zeit das Bedürfnis verspüren etwas herunterzufahren und die eigene bisherige Anschauung und Praxis einer objektiven und selbstkritischen Betrachtung zu unterziehen.

Dies ist ein normaler Vorgang im Leben eines Muslims und gehört zum Reifungsprozess. Der junge Muslim zeichnet sich nun einmal besonders durch Tatendrang aus und der ältere eher durch Lebenserfahrung und -weisheit.

Leider lässt der Tatendrang der Jugend häufig an Erfahrung und Weisheit mangeln, und die Erfahrung und Weisheit des Älteren führt nicht selten zu einer Reihe von Relativierungen und unnötigen Kompromissen. Aus diesem Grunde brauchen wir uns gegenseitig. Der reifere Muslim gibt Obacht, dass der jüngere nicht über die Stränge schlägt und der jüngere Muslim erinnert seinen älteren Bruder durch seinen Tatendrang an seine eigene Jugend und wie sehr er – im Gegensatz dazu – jetzt zur Relativierung neigt.

Die Beziehung zwischen Alt und Jung ist immens wichtig und zeichnet sich durch gegenseitigen Respekt aus, welcher aber zugunsten des Älteren überwiegen muss, da die religiöse Weisheit (Hikma) im Islam einen ganz besonderen Stellenwert hat.

Diese immens wichtige Bindung existiert im Leben einiger Jungsalafisten nicht oder geht verloren, entweder weil sie aus einem nichtmuslimischen Umfeld stammen oder weil sie sich, angepeitscht vom eigenen jugendlichen Tatendrang, voreilig von ihrem muslimischen Umfeld losgesagt haben.

Für diese jungen Geschwister fällt die oben erwähnte objektive und selbstkritische Betrachtung der eigenen Anschauung und Praxis sehr schwer, da sie familiär sowie sozial weitestgehend isoliert sind; oft innerhalb eines kleinen Milieus, das geringe Zweifel und Abweichungen schon als Abtrünnigkeit versteht und deshalb einen gewaltigen indirekten Druck auf den Einzelnen ausübt.

Der einzige Ausweg aus dieser Bredouille scheint für einige solcher Jungsalafisten tatsächlich der Gang zu sogenannten Aussteiger- und Deradikalisierungsprogrammen zu sein, die zumeist vom Staat oder von nichtmuslimischen Vereinen gefördert oder betrieben werden.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich und mit aller Eindringlichkeit von einem solchen Gang abraten. Nicht nur, dass solche „Aussteiger“ Gefahr laufen, als Erfolgsbeleg von den Institutionen und Vereinen medial vorgeführt zu werden, nein, auch die weitere religiöse Entwicklung hat in diesem nichtmuslimischen „Aussteigermilieu“ keine Chance anständig und positiv vonstatten zu gehen.

Meines Erachtens eignen sich diese Programme ausschließlich für solche jungen Menschen, die nicht nur aus ihrem Extremismus, ihrer Radikalität oder dem ominösen „Salafismus“ aussteigen wollen, sondern aus dem Islam als solchem. Für alle anderen rate ich dringend einen anderen Weg zu finden.

Doch welche Wege können das sein? Zum einen sollte man wissen, dass es unter sogenannten Wahhabiten und Salafisten zahlreiche, auch äußerst selbstkritische Kreise und Milieus gibt. Ich persönlich umgebe mich mit zahlreichen Muslimen, die zwar oberflächlich betrachtet immer noch als Wahhabiten und Salafisten wahrgenommen werden, aber z.B. bei Kritik an Sheikh Mohamed ibn `Abd al-Wahhab – Allah sei ihm gnädig – längst nicht mehr aus der Haut fahren, sondern sich vielmehr sogar selbst zur Kritik an diesem Gelehrten befähigt sehen, ohne ihn und seinen Status komplett leugnen oder verteufeln zu müssen.

Und wer in seinem Innersten eine komplette Abkehr von Teilen des „wahhabitischen Tauhidverständnisses“ und vom strengen Rechtsverständnis saudischer Gelehrter wünscht, soll sich besser an Imame und Moscheegemeinden wenden, die nicht offensichtlich mit dem Staat und nichtmuslimischen Vereinen in der sogenannten Deradikalisierung zusammenarbeiten. Und auch wenn es mir ein wenig schwer fällt, empfehle ich sogar lieber den Gang zu einer der zahlreichen zeitgenössischen Sufi-Tekken, als den Gang zu staatlich alimentierten Aussteigerprogrammen.

Bewahrt euch ein wenig Würde und Islam und verkauft euch nicht an die Politik und an die Medien, denn leider wissen wir von einzelnen Fällen, wo aus „Salafismus-Aussteigern“ ganz schnell medienpräsente Islamaussteiger wurden. Verpulvert nicht die Gabe Allahs. Haltet so gut ihr könnt an Seiner Rechtleitung fest.

Und zu guter Letzt noch meine Motivation zu diesem Beitrag. Ich las gestern nämlich auf der Website der taz ein Interview mit Claudia Danschke, die recht bekannt ist für ihr Engagement gegen das, was sie als Radikalismus und Salafismus versteht. Im Rahmen dieses Interviews äußerte sie (ganz sicher wider besseren Wissens) folgende dreckige Lüge:

«[…] Aber beim Salafismus dreht sich alles um das Versprechen auf das Jenseits. Du wirst glücklich, aber erst nach dem Tod. Das Diesseits ist nur die Prüfung für das eigentliche Leben. Das ist extrem wirkmächtig. Wenn du stirbst – und das kann jederzeit sein –, dann kommst du, aber nur wenn du den Salafisten folgst, ins Paradies. Alle anderen schmoren in der Hölle.[…]»

(Quelle: http://www.taz.de/!5296437)

Glaubt mir, diese Frau weiß ganz genau, dass wir nicht sämtliche Muslime als Ungläubige sehen, die keine „Salafisten“ sind bzw. nicht unserem Verständnis folgen. Man muss einfach die Glaubwürdigkeit solcher Menschen kennen, bevor man sich ihnen anvertraut. Diese Frau ist schon allein deshalb disqualifiziert, weil sie keine Muslima ist, aber zudem ist sie eine unglaubwürdige Nichtmuslimin, der man auch als Eltern nicht seine in den Extremismus abgedrifteten Kinder anvertrauen sollte.

Wa Allahu 3alem.

Kurz gesagt: Es gibt zwei Arten von Predigern, die die Meinungsvielfalt des Fiqh darlegen

von Yahya ibn Rainer

Es gibt m.E. zwei Arten von Predigern, die ihren Zuhörern die Meinungsverschiedenheiten in den Angelegenheiten des Fiqh darlegen.

1. Diejenigen, die gefestigt sind und ihrem Standpunkt treu bleiben, jedoch um die gewaltige Meinungsvielfalt im Islam wissen und dieses Wissen vermitteln wollen, um den Extremismus in dieser Sache unter den eigenen Zuhörern zu bekämpfen.

2. Die Wankelmütigen, die im Nachlassen begriffen sind und sich auf diese Weise für ihren Wandel rechtfertigen (wollen), indem sie speziell in solchen Angelegenheiten die Meinungsverschiedenheiten thematisieren, die an ihrem Wandel neuerdings zu erkennen sind.

Einmal abgesehen vom Grad der Aufrichtigkeit, der diesen beiden Predigertypen innewohnt, ist auch die Wirkung zu beachten, die durch das persönliche Vorbild zustande kommt. Der Erstere gibt ein Beispiel für Standhaftigkeit und Toleranz, der Zweite liefert lediglich Rechtfertigungen für (s)ein Nachlassen und fördert die Inkonsequenz.

Und dann gibt es natürlich noch diejenigen Prediger, die gefestigt sind und ihrem Standpunkt treu bleiben, aber dabei die Meinungsvielfalt vollkommen außer Acht lassen. Durch ihre Engstirnigkeit im Umgang mit anderen Meinungen, befeuern sie (wenn auch ungewollt) den Extremismus ihrer Zuhörer, der im Resultat einen noch größeren Schaden in sich bergen kann, als das gerechtfertigte Nachlassen der Inkonsequenten

Und Allah weiß es am besten …

Eine Preisfrage an alle #Muslime die öffentlichkeitswirksam den #Salafismus bekämpfen

Eine Preisfrage an alle Muslime, die sich öffentlichkeitswirksam als Kämpfer gegen „Salafismus/Salafisten“ feiern lassen:

Was machen „salafistische“ Jugendliche, wenn ihnen gewahr wird, dass sie wegen ihrer religiösen Ansichten nun auch von ihren eigenen Glaubensgeschwistern bekämpft werden?

  1. Sie werden von spontaner Einsicht übermannt und integrieren sich.
  2. Sie nehmen den Fehdehandschuh an, erweitern ihr Feindbild und gelangen dadurch noch weiter in die Isolierung (und sind genau dort besonders attraktiv für gefährliche Sektierer).

Der Preis kann in Zukunft auf unseren Straßen in Empfang genommen werden.

Sind Selbstmordattentate bzw. Märtyrer-Operationen ein Resultat der „salafistischen Ideologie“?

von Yahya ibn Rainer

Anschließend an meinen gestrigen Beitrag zum „Salafismus“-Schreireflex unter manchen Sufis, Asch’aris und Maturidis, wenn auf dieser Welt Terroranschläge und Gewaltexzesse stattfinden, möchte ich noch auf einen weiteren Umstand hinweisen.

Märtyrer-Operationen bzw. Selbstmordattentate werden von diversen muslimischen Gruppen befürwortet und durchgeführt. Leider wird jedoch häufig der Eindruck erweckt, als würde es sich hierbei um eine Form der Kriegsführung handeln, die speziell von „Salafisten“ mit Zustimmung belobigt wird.

Sind Selbstmordattentate bzw. Märtyrer-Operationen ein Resultat der „salafistischen Ideologie“? weiterlesen

Sind Terror und Gewalt ein Resultat der „salafistischen Ideologie“?

von Yahya ibn Rainer

Wenn der IS irgendwo medienwirksam seine Gegner enthauptet oder Al-Qaida in Paris Cartoonisten hinrichtet, dann sind sie alle fleißig dabei es dem sogenannten „Salafismus“ in die Schuhe zu schieben. Diese „Ideologie“ sei ja so gefährlich und vom Wesen her bereits gewaltaffin.

Wenn aber Palästinenser in al-Quds (Jerusalem) und Tall Abīb Yāfā (Tel Aviv) wahl- und zahllos jüdische Polizisten und Zivilisten messern, dann ist das Schweigen groß.

Liegt es vielleicht daran, dass Palästinenser, besonders solche bei Fatah und Hamas, Hanafiten sind, die der Asch’ari- bzw. Maturidi-Glaubensschule zuneigen?

Genauso ist es bei den Qassam-Brigaden der Hamas, die sich nach dem hanefitischen Sufi Izz ad-Din al-Qassam benannt haben, der als Sheikh in einer Madrassa des Qadariyya-Ordens den mystische Weg der Sufi-Tariqa lehrte. Wenn diese Qassam-Brigaden bei ihren Märtyrer-Operationen Zivilisten mit in den Tod rissen, dann war es still im Milieu der Hippie-Sufis und Heuchel-Hanefiten, kein Ton von der Gewalt aus den eigenen Reihen.

Und die Taliban? Wer hätte es gedacht? Keine „Salafisten“, sondern Hanefiten und Maturidis sinds. Die Führungsriegen der Taliban stehen in der Lehrtradition der Deobandi-Schulen, welche bekannt sind für ihre hanefitische Lehre und den gelebten und gelehrten Sufismus. Die Taliban haben übrigens schon Köpfe abgeschnitten, da haben die meisten heutigen IS-Kämpfer noch als Speisequark im Schaufenster gestanden.

Aber auch hier … Stille.

Aufstieg und Niedergang der Dawa Salafiyya in Deutschland?

von Yahya ibn Rainer

Als plötzlich – um 2006 herum – die Dawa Salafiyya in Deutschland groß wurde und Verbreitung fand, begannen auf einmal zahlreiche muslimische und neukonvertierte Jugendliche, sich in einem Ausmaß mit islamischem Wissen und seinem Usul zu beschäftigen, wie es zuvor in Deutschland nie üblich war.

Dieser Umstand überforderte nicht nur zahlreiche Eltern und muslimische Gemeindemitglieder, sondern zum Teil auch ungelernte und gelernte Imame in den Moscheen. Den (gewiss nicht immer, aber doch recht häufig) guten Argumenten dieser „Jungsalafisten“ konnte nur schwer spontan entgegnet werden, und so nahm die Bewegung schnell zu.

Seit kurzer Zeit, fast 10 Jahre später, scheint man in den etablierten Altherrenstrukturen der religiösen Ausländervereine ein wenig aktiver und offensiver geworden zu sein. Langsam erscheinen mehr und mehr Jugendliche und Erwachsene auf der Bildfläche, die sich an der (eigentlich verhassten) Dawa Salafiyya ein gutes Beispiel nehmen, indem sie sich intensiv mit Wissen und Usul beschäftigen und dieses in deutscher Sprache verbreiten.

Immer häufiger stoße ich in letzter Zeit auf Dawa, die sich zwar nicht direkt gegen die Salafiyya richtet, aber durchaus viele ihrer Botschaften und Urteile kritisch hinterfragt und gehbare Alternativen aufzeigt.

Die Dawa Salafiyya – und hier ganz besonders Pierre Vogel – hatte einen Stein ins Rollen gebracht und die Beschäftigung mit dem Islam wieder attraktiv gemacht. Jeder, der dies leugnet, ist entweder blind oder zu differenzierter Betrachtung nicht in der Lage. Pierre Vogel & Co haben den Islam unter Jugendlichen in Deutschland (wieder) erwachen lassen. Entweder wurden junge Muslime von ihm motiviert MIT IHM in der Dawa tätig zu sein, oder sie wurden motiviert sich wieder mit dem Islam zu beschäftigen um seine Methoden und Ansichten kritisch zu hinterfragen.  Beides ist meines Erachtens ein Gewinn, so lange es für den Islam geschieht.

Auch die Deutsche Sprache wurde durch Pierre Vogel & Co in der Dawa gestärkt und die etablierten Verbände und Vereine sahen sich gezwungen, ihre verkrusteten und altbackenen Strukturen aufzubrechen, um der hiesigen Verkehrs- und Kultursprache den Rang einzuräumen, den sie unzweifelhaft verdient hat. Nie wurde mehr muslimische Literatur in die Deutsche Sprache übersetzt oder in Deutscher Sprache verfasst, als in den letzten 10 Jahren der expandierenden Dawa Salafiyya.

Heute jedoch sehe ich einem Wandel entgegen, der mich sehr beunruhigt. Während ich nämlich unter „Salafiyya“-Kritikern einen qualitativen und quantitativen Sprung nach vorn wahrnehme, muss ich bei den sogenannten „Salafisten“ eine gewisse Degeneration feststellen. Nicht quantitativ, denn mehr werden wir auch weiterhin, aber auf jeden Fall qualitativ. Speziell bei den neuesten „Zugängen“ im „Salafi-Milieu“ stelle ich nicht selten ein äußerst oberflächliches Wissen und auch besorgniserregende ideologische Einflüsse fest. Manchmal fürchte ich, dass gewisse „Islamexperten“ und Soziologen nicht ganz Unrecht hatten, als sie den zeitgenössischen „Salafismus“ als eine neue Form der jugendlichen Subkultur bezeichneten, die vor allem darauf aus ist zu provozieren.

Besonders auffällig scheint mir dieses Phänomen bei der verhältnismäßig großen Zustimmung für den „Islamischen Staat“ zu sein. Neben sicherlich auch einigen älteren Anhängern, sind es in Deutschland aber vor allem äußerst junge und nicht selten auch relativ frische Muslime, die den „Produkten“ des IS erliegen. Hochwertig produzierte Kriegs- und Hinrichtungsvideos und markige Anasheed haben den Predigervideos von Pierre Vogel & Co schon längst den Rang abgelaufen.

Böse Zungen könnten jetzt behaupten, dass sich mit diesem Wandel im Grunde nur das wahre Gesicht des „Wahhabismus/Salafismus“ offenbart, aber wer ehrlich ist und Einblick hat, der kennt die tatsächlichen Gründe. Was letztendlich nämlich zu dieser Degeneration des Wissens und des Verhaltens führt, ist der staatlich und mediale geführte „Kampf gegen den Salafismus“.

Wo Moscheegemeinden nicht schon von sich aus solche Muslime ausgrenzten, die sie als „Salafisten“ oder „Wahhabiten“ verstanden, machten Staat und Presse ausreichend Druck. Viele, vor allem junge Muslime, sind auf diese Weise aus den Stätten verbannt worden, wo sie eigentlich qualifiziert hätten belehrt werden können. Und wo solche ausgegrenzten Muslime aufgenommen wurden oder eigene Vereine und Räumlichkeiten gründeten, wurde der staatliche und mediale Druck sogar noch auf die Spitze getrieben.

Dass ausgegrenzte „Salafisten“ damit aber nicht verschwinden, wird jedem wohl einleuchten. Anstatt also nun in einer Moscheegemeinde mit den Älteren und Gebildeten zu sitzen, hocken sie zu Hause vor dem PC und bekämpfen ihre Langeweile mit Videos, Anasheeds und zweifelhaften Texten und Vorträgen.

Die etablierten Verbände sollten sich ganz genau überlegen, ob sie in Zukunft weiterhin an der Seite des Staates und in Zusammenarbeit mit der Presse gegen Glaubensgeschwister feindlich vorgehen wollen. Zum einen ist es nicht die richtige Art und Weise, um innerhalb der muslimischen Gemeinde Meinungsunterschiede auszufechten, und zum anderen spielt man solchen jungen Muslimen damit quasi in die Hände, die den „Salafismus“ tatsächlich als jugendliche Subkultur missbrauchen, um gegen die familiären Strukturen und das Establishment zu rebellieren. Ausgrenzung wirkt in dieser Hinsicht eher als Verstärker, und wenn die Subkultur (wie im Fall des IS-Kults) vor allem auch tödliche Gewaltphantasien bedient und erzeugt, dann kann Ausgrenzung auch Gefahr für Leib und Leben bedeuten.

Weshalb Islamverbände und Moscheegemeinden im Kampf gegen den „Salafismus“ schlecht aussehen

von Yahya ibn Rainer

Einer der Gründe, weshalb Islamverbände und Moscheegemeinden in Deutschland beim Kampf gegen den „Salafismus“ so offensichtlich scheitern, ist der Tatsache geschuldet, dass sie sich zwar mittlerweile am öffentlichen Diskurs zum Thema beteiligen, dieses aber oft unfreiwillig und nur aufgrund einer immensen Drohkulisse tun.

Speziell Moscheevereine sind hierzulande einem gewaltigen gesellschaftlichen und staatlichen Druck ausgeliefert. Im Kampf um Anerkennung und im Bestreben als friedlich und integriert zu gelten, organisiert man sich zähneknirschend in staatlich hofierten Verbänden, unterwirft sich dabei nicht selten den großen etablierten Playern im Islamverbands-Business und schüttelt sich unter dieser organisierten Haube die benötigten Ressourcen aus dem Ärmel, um hier und dort geübte Rhetoriker und als Muslime getarnte Politiker in öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzte Veranstaltungen zu delegieren.

Weshalb Islamverbände und Moscheegemeinden im Kampf gegen den „Salafismus“ schlecht aussehen weiterlesen

„Salafisten“ – Die träge Masse …

von Yahya ibn Rainer

Für die Schlagzeile der Woche, zumindest für viele Muslime hierzulande, sorgte eine Initiative der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Mit ihrer kompetenten Hilfe (finanziell als auch organisatorisch) wurde das sogenannte Muslimische Forum Deutschland aus der Traufe gehoben, als Gegenentwurf zu den „konservativen Verbänden“, die nicht nur zahlreich sind, sondern untereinander auch ordentlich zerstritten.

Der demokratische Staat braucht für seine Gesellschaftsklempnerei nun einmal Mehrheiten und diese kann er mit den zumeist national und sektiererisch ausgerichteten Islamverbänden und -räten nicht erlangen. Der Ansprechpartner muss eine Mehrheit repräsentieren und in der Politik sieht man diese Mehrheit anscheinend bei denjenigen, die es mit der Religion Islam nicht ganz so ernst nehmen.

Was in unseren Kreisen eher als Kultur-, Namens- und Discomuslime bezeichnet wird, nennt man in der Politik „liberale Muslime“. Dabei ist der Begriff liberal im politischen Zusammenhang natürlich irreführend. Das Milieu, aus dem sich liberale Muslime rekrutieren ist politisch zumeist links, reformmarxistisch und auch nationalistisch geprägt.

Interessant ist, dass man sich zur Schaffung dieser Vertretungsmehrheit auch eines miesen Tricks bedient. Da die Wortschöpfung „liberale Muslime“ – ebenso wie der Kampfbegriff „Salafisten“ – keine muslimische Definition erlaubt, sondern sich ganz allein aus der staatlich-politischen Deutungshoheit ergibt, hat man kurzerhand auch sämtliche Aleviten, Jesiden und sogar orientalistische Christen in diesen liberalen Topf geworfen.

Nun ja, eines wird ihnen damit wohl sicher sein, eine geflissentlich staatshörige Mehrheit, politisch dem linken Mainstream genehm und ohne große religiöse Ambitionen.

Keine Schlagzeilen, aber zumindest eine kleine Verbreitung auf Facebook, erreichte diese Woche eine kleine Grafik, die ich spontan am Arbeitsplatz kreierte. Immer noch deutlich ergriffen vom Zahlenverständnis des fabulierenden KZ-Schiiten (ich berichtete davon am 18. April) nahm ich mir die Abonnentenzahl einiger Facebookseiten vor, die von „Salafisten“ oder „salafistischen Organisationen“ betrieben werden und verglich diese mit den Abonnentenzahlen solcher Facebookseiten, die von (nach eigener Aussage) nicht- oder anti-salafistischen Personen und Organisationen betrieben werden. Zudem fügte ich noch einige nichtmuslimische Facebookseiten als Referenz hinzu.

salafisten

Sinn und Zweck dieser spontanen Grafik kann man ja aus der Überschrift erahnen. „Salafisten“ sind nur eine kleine religiöse Randgruppe in Deutschland. Das hört und liest man andauernd. Der Bundesverfassungsschutz deckte diese Behauptung, als er im Oktober 2014 darüber aufklärte, dass es in ganz Deutschland gerade einmal 6.300 Salafisten gäbe.

Ich kenne persönlich recht viele „Salafisten“ die kein Facebook-Profil haben. Schätzen wir mal, dass von den 6.300 „Salafisten“ ganze 5.000 ein Facebook-Profil haben und jeder einzelne von ihnen hat die Facebookseite von Pierre Vogel abonniert. Wer sind dann die über 100.000 anderen Abonnenten? Wenn nur jeder 10. diese Seite abonnierte, weil er Pierre Vogel gut findet, dann sind das immer noch 10.000.

Wir müssen uns nicht lange mit diesen Zahlenspielen abmühen. Jeder sogenannte „Salafist“ kennt die Realität. Wir sind bedeutend mehr, als sich so einige liberale und Nichtmuslime in ihren kühnsten Träumen überhaupt vorstellen könnten. Aber wir sind nun einmal mehrheitlich nicht das, was Staatsknechte, Islamverbände und unqualifizierte Journalisten aus uns machen wollen, nämlich gefährliche Kriminelle und Terroristen.

Doch was bringt uns Quantität, wenn die Qualität zu wünschen übrig lässt. Denn noch viel mehr, als wir sogenannte Ungläubige, Neuerungsträger und Kollaborateure verabscheuen, verabscheuen wir uns gegenseitig.

Da wir schon beim Thema Facebook sind, können wir gern diese Plattform als Messlatte für unseren Zustand nehmen. Das Kommentar- und Diskussionsniveau unter Salafisten unterscheidet sich nicht großartig vom Niveau auf den Seiten von PEGIDA & Co. Die meisten Schimpfwörter, die „Salafisten“ kennen, beziehen sich auf andere Muslime und größtenteils ebenfalls auf sogenannte „Salafisten“.

Genau diese „Salafisten“ sind es, die den zahlreichen Predigern und Organisationen auf Facebook solch gewaltige Verbreitung verschaffen, aber in der realen Welt nichts erwähnenswertes auf die Beine stellen können.

Der Zentralrat der Muslime, der im Internet die Domain www.islam.de belegt und mit Aiman Mazyek an der Spitze von Politik und Medien als Vertreter der Muslime in Deutschland gefeiert wird, hat gerade einmal um die 10.000 Mitglieder.

Es bräuchte nur ein wenig Engagement, ein wenig Herzblut und ein wenig Abkehr vom Internetislam, und wir „Salafisten“ könnten mit anderen „Islamisten“ und „Fundamentalisten“ einen Rat aus der Traufe heben, der zahlenmäßig den anderen Räten und Verbänden zumindest ebenbürtig sein würde.

Gerade jetzt, wo Staat und Politik versuchen „muslimische“ Mehrheiten jenseits des Islams zu mobilisieren, könnte ein frischer radikaler Wind durchaus für Gleichgewicht sorgen.

Aber dazu sind wir „Salafisten“ zu egoistisch, zu selbstverliebt, über weite Teile auch viel zu ungebildet und vor allem auch zu geizig. Ohne es zu merken, hat die angeblich so rückständige Steinzeitideologie der Salafi-Bewegung in Deutschland die Errungenschaften der abendländischen Aufklärung in sich aufgenommen und die Geldbörse hat sich an den hiesigen Wohlfahrtsstaat gewöhnt. Niemand lässt sich was sagen, jeder weiß es besser, Hierarchien haben keine Chance und das Geld klebt geradezu am eigenen Körper.

Ein großer Rat der orthodoxen Muslime ist schnell gegründet, wenn man in der Lage ist die eigene (oft unwichtige) Meinung zurückzustellen und regelmäßig einen gewissen finanziellen Beitrag abdrückt. Aber wir bezahlen lieber auf Facebook mit Likes, die sind kostenlos, und glänzen im anonymen Netz mit gegoogeltem Wissen und geheuchelten Bekenntnissen.

So wird das nichts. Leider. Salafisten eben, die träge Masse …

Frühe gelehrte Staatsschelte: Was schrieb der Schüler Ibn Hanbals böses über die Staatsmacht?

von Yahya ibn Rainer

Das folgende Fundstück wurde ursprünglich um das Jahr 2008 auf der Internetseite des ORF (Österreichischer Rundfunk) publiziert. Später fand man Artikel zum gleichen Inhalt auf einigen wenigen anderen Medienplattformen. Verbreitung fand dieser Stoff jedoch damals vor allem in sogenannten „salafistischen“ Kreisen und so verschwanden nach und nach die Beiträge wieder aus dem Netz. Leider hatte ich damals – aus Angst vor Copyright-Verletzungen – nur eine kurze Einleitung des Textes kopiert und diese im Anschluss mit einem Hyperlink zum ORF-Beitrag versehen.

Nun wurde auch beim ORF der Beitrag gelöscht und meine Google-Suche ergab, dass es im gesamten Internet keinen einzigen Hinweis mehr auf diese Handschrift gibt.

Frühe gelehrte Staatsschelte: Was schrieb der Schüler Ibn Hanbals böses über die Staatsmacht? weiterlesen

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 3)

von Yahya ibn Rainer

Der Sohbet-Raum der Mevlevi-Tekke war ein sehr gemütlich eingerichtetes großes Zimmer, mit vielen orientalischen Sitzkissen, einigen europäischen Sitzmöbeln und reichhaltigem Wandschmuck. Die meisten Wandbilder zeigten arabische Kalligraphien und in der Sitzecke, wo der Sheikh mit Jamal saß, hangen und lehnten zahlreiche Zupfinstrumente.

„Wie Ihr seht,  beschäftigen Wir uns hier auch mit Verbotenem, der Musik.“ sagte Sheikh Abdullah Halis zu mir, als ich mich gerade in der europäischen Sitzecke niederließ. Ich hatte bei diesem Satz eine gewisse Häme in seiner Stimme erwartet, denn er meinte eindeutig mich und wollte mit dem Satz wohl zum Ausdruck bringen, dass er nun wüsste wer ich sei, und ein Salafist hält nun einmal strikt am muslimischen Muszierverbot fest.

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 3) weiterlesen

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 2)

von Yahya ibn Rainer

Es ist mir etwas aufgefallen, in den letzten knapp 8 Jahren als sogenannter Salafist. Alle reden über uns. Journalisten, Politiker, Islamwissenschaftler, PImaten, aber auch Funktionäre von Muslim- und Islamverbänden, Religionsbehörden oder Moscheevereinen. Speziell diese „Muslime“, die auf Anfrage der Presse oder Anraten örtlicher Politiker bzw. Behörden über den bösen Salafismus schwafeln, dass er nichts mit dem wahren Islam zu tun habe und seine Anhänger unwissend seien, diese „Muslime“, die sich für alles mögliche einsetzen, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung, für das Grundgesetz, für den Wohlfahrtsstaat, für den interreligiösen Dialog, aber nicht für den Islam und die Muslime, alle Muslime.

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 2) weiterlesen

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 1)

von Yahya ibn Rainer

Ich machte mich am Samstag auf eine recht mühsame Reise in den Osten der Republik. Ziel dieser Reise war Trebbus, ein ehemaliges Dorf, das heute als Ortsteil zur Gemeinde Doberlug-Kirchhain gehört. In dieser brandenburgischen Idylle, etwa 30 km westlich von Finsterwalde und 125 km südlich von Berlin, lebt ein mir sehr nahestehender Bruder im Islam, der dort einen kleinen heruntergekommenen Bauernhof ersteigerte und diesen mühe- und liebevoll renovierte.

Jamal, so sein Name, ist wie ich ein deutscher Islamkonvertit, allerdings mit dem Unterschied, dass er bereits im Jahre 1975 konvertierte, also im gleichen Jahr als der kleine Jens das Licht der Welt erblickte. Damit gehört Jamal einer ganz anderen Generation von Konvertiten an als ich und viele andere in Deutschland.

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 1) weiterlesen

Video: Ein kleine Erwiderung auf Herrn Riegers „Salafistenschelte“

Mit diesem Beitrag beziehe ich mich auf den Libertär-muslimischen Dialog des vorherigen Blogbeitrages.

Als Herr Andreas Abu Bakr Rieger 1993 diese Rede auf einer Veranstaltung der (heute in Deutschland verbotenen) türkischen Kalifatstaat-Organisation hielt (interessant vor allem von 0:58-1:22), da kam er nicht etwa von einer saudi-finanzierten Glaubensindoktrination, einem salafistischen Seminar oder einer wahhabitischen Gehirnwäsche – davon redete damals nämlich keine Sau -, sondern war, wie heute, angetan vom (seiner Ansicht nach) klassischen Islam und seiner mystischen Schule (Sufismus).

https://www.youtube.com/watch?v=n7H8fvnjOiU

Video: Ein kleine Erwiderung auf Herrn Riegers „Salafistenschelte“ weiterlesen

Salafismus: Außenwahrnehmung, Anspruch und Realität – Eine nüchterne Annährung

Der folgende Beitrag erschien zuerst in der Dezember-Printausgabe (Nr.148) des Magazins eigentümlich frei. Ein recht herzlicher Dank geht an dieser Stelle raus an Herausgeber und Chefredakteur dieses freien und mutigen Blattes.

Eine nüchterne Annäherung

Salafismus: Außenwahrnehmung, Anspruch und Realität – Eine nüchterne Annährung weiterlesen

WAHNSINN: Ein Einblick in die kruden Lehren des Salafismus

von Jens dem Preußen

Spätestens seit dem heldenhaften Einsatz deutscher Ballsportenthusiasten für Frieden, Freiheit und Demokratie in Köln, weiß nun auch der letzte verträumte Gutmensch von der salafistischen Gefahr. Endlich wachen sie auf und erkennen, welchen Wandel diese Steinzeit-Islamisten in unserer abendländischen Heimat einläuten wollen.

WAHNSINN: Ein Einblick in die kruden Lehren des Salafismus weiterlesen