Schlagwort-Archive: Religion

Oswald Spenglers Darlegung der verschiedenen kulturellen Geistesepochen

Oswald Spengler unterteilt in seinem monumentalen kulturphilosophischen Geschichtswerk „Der Untergang des Abendlandes“ (1922) die Entwicklungsstadien der allgemeinen Geistesgeschichte in 4 Epochen, die er nach den Jahreszeiten benennt und innerhalb dieser Jahreszeiten in verschiedene Phasen einteilt.

FRÜHLING: Landschaftlich-intuitiv. Mächtige Schöpfungen einer erwachenden traumschweren Seele. Überpersönliche Einheit und Fülle.

  1. Geburt eines Mythus großen Stils als Ausdruck eines neuen Gottgefühls. Weltangst und Weltsehnsucht.
  2. Früheste mystisch-metaphysische Gestaltung des neuen Weltblickes.

SOMMER: Reifende Bewusstheit. Früheste städtisch-bürgerliche und kritische Regungen.

  1. „Reformation“: Innerhalb der Religion volksmäßige Auflehnung gegen die großen Formen der Frühzeit.
  2. Beginn einer rein philosophischen Fassung des Weltgefühls. Gegensatz idealistischer und realistischer Systeme.
  3. Bildung einer neuen Mathematik. Konzeption der Zahl als Abbild und Inbegriff der Weltform.
  4. „Puritanismus“: Rationalistisch-mystische Verarmung des Religiösen. Intellektueller Fanatismus.

HERBST: Großstädtische Intelligenz. Höhepunkt strenggeistiger Gestaltungskraft.

  1. „Aufklärung“: Glaube an die Allmacht des Verstandes. Kultus der „Natur“. „Vernünftige Religion“.
  2. Höhepunkt des mathematischen Denkens. Abklärung der Formenwelt der Zahlen.
  3. Die großen abschließenden Systeme.

WINTER: Anbruch der weltstädtischen Zivilisation. Erlöschen der seelischen Gestaltungskraft. Das Leben selbst wird problematisch. Ethisch-praktische Tendenzen eines irreligiösen und unmetaphysischen Weltstädtertums.

  1. Materialistische Weltanschauung: Kultus der praktischen Erfahrung des Nutzens, des Glückes.
  2. Ethisch-gesellschaftliche Lebensideale: Epoche der „Philosophie ohne Mathematik“.
  3. Innere Vollendung der mathematischen Formenwelt. Die abschließenden Gedanken.
  4. Sinken des abstrakten Denkertums zu einer fachwissenschaftlichen Kathederphilosophie. Kompendienliteratur.
  5. Das Ende: Ausbreitung einer letzten Weltstimmung.

In einer Schautafel vergleicht Spengler anhand dieser Unterteilung die Geistesgeschichten der indischen, der antiken (griechischen), der arabischen und der abendländischen Kultur.

Was meint ihr, an welcher Stelle er kurz und bündig „Mohammed, 620“ eingetragen hat?

Hier eine Neueditierung der Spenglerschen Schautafel auf http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-untergang-des-abendlandes-erster-band-5332/20

Buchauszug: Oswald Spengler – Islam war die beständige Fühlweise Jesu und die jeder andern Persönlichkeit von religiösem Genie

«Das Höhlengefühl fordert eine übersehbare Geschichte mit Weltanfang und Weltende, die zugleich Anfang und Ende der Menschheit sind, als den Akten einer zaubergewaltigen Gottheit und dazwischen, in die Grenzen der Höhle gebannt und von vorbestimmter Dauer, das Ringen des Lichtes mit der Finsternis, der Engel und Jazatas mit Ahriman, Satan, Iblis, in das der Mensch mit Geist und Seele verwickelt ist. Die gegenwärtige Höhle kann von Gott zertrümmert und durch eine neue Schöpfung ersetzt werden. […]

Daraus ergibt sich ein historischer Blick über die gegebene Zeit, wie er heute noch dem Menschen des Islam durchaus natürlich ist. „Die Weltanschauung des Volkes zerfällt naturgemäß in die großen Teile: Weltentstehung, Weltentwicklung, Weltuntergang. Für den so tief ethisch empfindenden Moslim ist in der Weltentwicklung das Wesentlichste die Heilsgeschichte und der ethische Lebensweg, die als ›Menschenleben‹ zusammengefaßt werden. Dasselbe mündet in den Weltuntergang, der die Sanktion der sittlichen Menschheitsgeschichte enthält.“ [Horten, Max]

Für das magische Menschendasein aber ergibt sich aus dem Gefühl von dieser Zeit und dem Erblicken dieses Raumes eine ganz einzige Art von Frömmigkeit, die ebenfalls höhlenhaft genannt werden darf, eine willenlose Ergebung, die das geistige Ich überhaupt nicht kennt und das geistige Wir, das in den beseelten Leib eingegangen ist, als bloßen Widerschein des göttlichen Lichtes empfindet. Das arabische Wort hierfür ist »islam«, Ergebung, aber »islam« war auch die beständige Fühlweise Jesu und die jeder andern Persönlichkeit von religiösem Genie, die in dieser Kultur hervorgetreten ist.»

(Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1922, Bd. 2, Seite 291-292)

Buchauszug: Oswald Spengler – Die Seele der magischen Kultur fand im Islam ihren wahren Ausdruck

«Der Islam ist eine neue Religion fast nur in dem Sinne, wie das Luthertum eine solche war. In Wirklichkeit setzt er die großen Frühreligionen fort. Und ebensowenig ist seine Ausbreitung, wie immer noch geglaubt wird, eine Völkerwanderung, die von der arabischen Halbinsel ausgeht, sondern vielmehr ein Ansturm begeisterter Bekenner, der lawinengleich die Christen, Juden und Mazdaisten mit sich reißt und als fanatische Moslime alsbald an der Spitze führt.

Es waren Berber aus der Heimat Augustins, die Spanien eroberten, und Perser aus dem Irak, die zum Oxus vordrangen. Die Feinde von gestern wurden die Vorkämpfer von morgen. Die meisten »Araber«, die 717 zum ersten Male Byzanz angriffen, sind als Christen geboren worden. Um 650 erlischt mit einem Schlage die byzantinische Literatur, ohne daß der tiefere Sinn davon bis jetzt bemerkt worden wäre: diese Literatur setzt sich in der arabischen fort; die Seele der magischen Kultur fand endlich im Islam ihren wahren Ausdruck. Damit ist diese Kultur wirklich »arabisch« und endgültig von der Pseudomorphose erlöst worden. […]

Die großen Gestalten der Umgebung Mohammeds wie Abu Bekr und Omar sind durchaus den puritanischen Führern der englischen Revolution wie John Pym und Hampdon verwandt, und diese Ähnlichkeit der Gesinnung und Haltung würde noch größer sein, wüßten wir mehr von den Hanifen, den arabischen Puritanern vor und neben Mohammed.»

(Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Seite 933 f.)

Kurz gesagt: Ein Akt von tückischer Selbstzufriedenheit

von Yahya ibn Rainer

Es ist ein Akt von tückischer Selbstzufriedenheit, wenn man auf andere Muslime herabschaut, nur weil sie der einen oder anderen Sünde verfallen sind.

Diese Hybris geht bei einigen sogar so weit, dass sie dazu neigen diesen Sündern den wahren Glauben abzusprechen. Aus dieser kranken Sichtweise resultieren dann auch solch tödliche Angriffe auf Discotheken, Konzerte, Weihnachtsmärkte und andere öffentliche Festivitäten, weil man denkt, dass man damit „nur“ Sünder zu Tode bringt.

Letzten Endes jedoch ist die eigene Fähigkeit, sich bestimmter Sünden zu enthalten, kein Garant für einen wahren, vollständigen und aufrichtigen Iman, denn einen enthaltsamen Lebensstil können auch Mönche, Sadhus und Asketen aus allen möglichen Religionen pflegen, ja sogar Atheisten sind im hohen Maße dazu befähigt.

Und so schrieb auch Imam ibn Tamiyyah – Allah sei ihm gnädig – folgendes über die Sünder:

«Es könnte sein, dass eine Person, die die Liebe [gegenüber Allah und Seinem Gesandten] inne hat, zu falschen Gelüsten hinsichtlich seines Bauches und Geschlechtsteiles und dem Ausgeben von Besitz dafür neigt. Aufgrund dessen, was er an Liebe und Religiosität inne hat, liebt er die Wahrheit und deren Leute und respektiert sie. So siehst du viele von denen, die ihren Gelüsten folgen, dass in ihnen das an Liebe zu Allah und Seinem Gesandten ﷺ vorhanden ist, was bei vielen enthaltsamen Dienern nicht vorhanden ist, so wie der Prophet ﷺ hinsichtlich der Person, die viel Alkohol trank, sagte: „Verflucht ihn nicht! Denn er liebt Allah und Seinen Gesandten.“»

Ein herzlicher Dank - für Übersetzung und Unterstützung - geht raus an den Bruder Behzad Zibari.
Facebook.com/behzad.zibari
Facebook.com/Weisheitsperlen
Telegram.me/weisheitsperlen

Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Der Mensch ohne Gott, ohne Vorfahren, ohne Glaubenshaltungen und ohne Bräuche (V)

Es gibt keinen anderen nichtmuslimischen Autor, dessen Werke ich ausgiebiger und mit solcher Hingabe studierte, wie diejenigen des Wissenschaftlers und Philosophen Prof. Bertrand de Jouvenel. Sicherlich könnte ich nun versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination für diesen großen Denker ausmacht. Viel besser jedoch als ich, kann dies die Eminenz des klassischen Liberalismus in Deutschland, Prof. Dr. Gerd Habermann, der für seine de Jouvenel-Publikation „Die Ethik der Umverteilung“ (2012) eine umfassende Würdigung de Jouvenels verfasste. Das Folgende ist ein Auszug aus dieser Würdigung:

VIII. Die totalitäre Demokratie

Unter den Voraussetzungen einer faktisch nicht mehr beschränkten Volkssouveränität in der Form des Mehrheitswillens, wird de Jouvenels Bewertung moderner Demokratie als einer „totalitären“ verständlich. Dies gilt auch und gerade für die repräsentative Demokratie, die eher eine Herrschaft über das Volk als des Volkes darstelle und dies umso mehr, als sie sich auf die „Nabelschnur der allgemeinen Wahlen“ berufen könne (1972, S. 315). Parteien und Interessengruppen böten keinen Schutz gegen diese totalitäre Ausweitung. Sie bestimmen nur – im Kampf miteinander – die Richtung, in welche diese voranschreitet.

Der Staat werde zur „permanenten Revolution“ in der Verteilung oder Umverteilung von Rechten und in dem Streben nach einer „bestmöglichen Sozialordnung“. De Jouvenel spricht vom „Vampirismus“ der modernen Staatsgewalt.

Aber liegt nicht in der verfassungsmäßig verbürgten Gewaltenteilung eine Garantie der Freiheit? Nun, bei Montesquieu, auf den moderne Politikwissenschaftler oft ohne nähere Kenntnis seines Werkes beriefen, konnte eine Gewalt die andere in Schranken halten, weil jede der Institutionen das Organ einer in der Gesellschaft existierenden sozialen und politischen Macht war.

In modernen Demokratien beziehen aber zum Beispiel der Präsident (oder die Regierung, Gerd Habermann) und das Parlament dieselbe Art Legitimität durch das Volk, sodass diese nur formelle Gewaltenteilung „lediglich den Disput zwischen zwei Männern (oder Organen, Gerd Habermann) institutionalisiert, die ihre Macht aus derselben Quelle beziehen“ (1972, S. 354).

Dagegen vertrat das englische Oberhaus bis ins 19. Jahrhundert (und die Monarchie im Jahrhundert davor, Gerd Habermann) eine echte soziale Gegenmacht, „teilte“ nicht nur, sondern beschränkte die politische Macht.

Die Verteidigung der spontanen oder „natürlichen“ Rechtsordnung und Moral gegen das Vordringen der „gemachten“ Ordnung des Gesetzgebers sei immer schwächer geworden. Nur noch offene Gewalt motiviere die Bürger zu Widerstand, „während diese Ordnung der stillen und täglichen Unterwanderung gegenüber weder reagiert noch reagieren kann“ (1972, S. 367).

„Der Mensch ohne Gott, ohne Vorfahren, ohne Glaubenshaltungen und ohne Bräuche, der moderne Mensch, ist völlig waffenlos, wenn man ihn auf die Leistungen aufmerksam macht – erreichter Lebensstandard und realisierter Nutzen -, die mithilfe einer Gesetzgebung erreicht wurden, die ein obsoletes Recht nur deshalb verletzt, weil sie ein besseres an ihrer Seite hat“

(1972, S. 367)

So vollzieht sich im Namen der „Souveränität“ nach de Jouvenel die Zerstörung der weltoffenen „Grande Societé“ (1941b, S. 437) – jener „Welt von gestern“ der festgefügten bürgerlich-agrarisch-aristokratischen Ordnungen, als deren wortgewaltiger, aber auch etwas nostalgischer Anwalt de Jouvenel – wie sein Bruder im Geist: Friedrich August von Hayek – erscheint.

Der Nationalismus zerriss das internationale Netz, oligarchische Interessengruppen machten das „Gemeinwohl“ zur Farce, Rechtspositivismus und Volkssouveränität fegten die Herrschaft des Rechts, also den alten liberalen Rechtsstaat hinweg, eine atomistisch missverstandene Marktwirtschaft löste soziale Beziehungen auf und eine ignorante Politikerschicht, „deren Mittelmäßigkeit sie allein schon vor unserem Zorn bewahrt“ (1941a, S. 27) sah diesem Vorgang hilflos, wo nicht fördernd zu. De Jouvenel ist wie Wilhelm Röpke in seiner „Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart“ (1942/1979) ein Analytiker der Auflösung der liberal-marktwirtschaftlichen, bürgerlich geprägten Ordnung zwischen den beiden Kriegen.

Literatur:

Jouvenel, Bertrand de (1941a), La Décomposition de L´Europe Liberale, Paris
Jouvenel, Bertrand de (1941b), Nach der Niederlage, Berlin
Jouvenel, Bertrand de (1972), Über die Staatsgewalt - Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Freiburg

Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Eine zivilisierte freie Ordnung

Es gibt keinen anderen nichtmuslimischen Autor, dessen Werke ich ausgiebiger und mit solcher Hingabe studierte, wie diejenigen des Wissenschaftlers und Philosophen Prof. Bertrand de Jouvenel. Sicherlich könnte ich nun versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination für diesen großen Denker ausmacht. Viel besser jedoch als ich, kann dies die Eminenz des klassischen Liberalismus in Deutschland, Prof. Dr. Gerd Habermann, der für seine de Jouvenel-Publikation „Die Ethik der Umverteilung“ (2012) eine umfassende Würdigung de Jouvenels verfasste. Das Folgende ist ein Auszug aus dieser Würdigung:

III. La Passion de l’ordre

De Jouvenel ist in erster Linie Ordnungstheoretiker und –politiker. Sein Denken kreist um die Frage, was die Gesellschaft „im innersten zusammenhält“. Für ihn ruht die innere Kohärenz einer Gesellschaft letztendlich darauf, dass „jeder nicht in den Bereich des anderen eindringt …, die geschworene Treue hält …, mit Gegenseitigkeit handelt („Do, ut des“, ausgleichende Gerechtigkeit) und sich ganz allgemein so verhält, wie die anderen es von ihm erwarten“ (de Jouvenel, 1963, S. 72/73). Je mehr die Menschen durch arbeitsteiligen Tausch voneinander abhängig werden, desto unerlässlicher ist für sie diese berechenbare Regelmäßigkeit des Verhaltens ihrer Tauschpartner.

„Der gesamte Tagesablauf eines Kulturmenschen beruht darauf, dass die anderen auf ihrem Posten in der Gesellschaft stehen“

(de Jouvenel, 1963, S. 74, vgl. auch 1967b).

Was ist es nun, was die „soziale Kohärenz“, den sozialen Kitt und Zusammenhalt einer Gesellschaft bildet? Es sind Regelmäßigkeiten des Handelns aufgrund gemeinsamer Verfahrens-, Handlungs- und Denkweisen im Sinne des comme il faut (de Jouvenel, 1971, S. 253), also Sitten, Bräuche. Glaubenshaltungen, moralische Regeln, Vorbilder und allgemein anerkannte Autoritäten. Nur in ihrem Rahmen kann das „soziale Wunder“, die korrekte Berechnung einer  großen Anzahl freiwilliger Handlungen bestehen – nur so ist eine „spontane“ Koordination möglich, auch und gerade in einer komplexen Gesellschaft.

Ebenso beruht der wissenschaftliche Fortschritt nach de Jouvenel darauf, dass im Rahmen der Arbeitsteilung der eine Spezialist auf die Autorität und Gewissenhaftigkeit des anderen vertrauen darf. Er kann nicht alles selber nachprüfen (de Jouvenel, 1967, S. 119).

Ohne die Erwartung einer berechenbaren Umwelt und zwar der natürlichen wie der sozialen sei menschliche Existenz schlechterdings nicht möglich (vgl. besonders 1967b). De Jouvenel wählt ein Beispiel: Wenn alle Straßen von Paris allwöchentlich ihren Namen änderten, würden alle wahnsinnig (1963, S. 74). Interessen, Wertschätzungen und damit auch die Preise im Tauschverkehr bewegen sich innerhalb dieses Rahmens.

Diese nicht „gemachte“ Ordnung ist aller Politik vorgegeben, eine Art „natürliches“ Recht vor allem positiv-gesetzem Recht, nicht als von einem einzelnen ausgedachtes Regelsystem, sondern als spontanes Ergebnis individuellen Zusammenhandelns und individueller Erfahrungen. Es ist jene Art spontanen Naturrechts, das frühere Herrscher vorfanden und nur zu bewahren und auszulegen, aber niemals konstruktivistisch zu „machen“ suchten (vgl. besonders die Betrachtungen über Rex und Dux in: de Jouvenel, 1963, S. 52-57).

„Es ist nicht so, dass die gesamte Gesellschaftsordnung von der Staatsgewalt allein gewährleistet wird. Glaubenshaltungen und Sitten machen ihren besten Teil aus. Und weder die einen noch die anderen dürfen ständig neu infrage gestellt werden, vielmehr ist ihre relative Stabilität eine für das Wohl notwendige Voraussetzung. Die erforderliche Kohäsion in der Gesellschaft kann nicht allein durch die Staatsgewalt geschaffen werden. Vielmehr bedarf der Staat einer fundamentalen Übereinstimmung der Gesellschaft, wie sie in einer unbestrittenen Moral zum Ausdruck kommt und ein unverletzliches Recht stützt. All das muss außerhalb der Reichweite der Staatsgewalt liegen. Sobald sich diese emotionale Übereinstimmung auflöst, sobald das Recht gesetzgeberischer Willkür überlassen ist, kann und muss die Staatsgewalt sich ausdehnen, um durch kontinuierliche und generelle Intervention den gestörten Zusammenhalt wiederherzustellen“

(de Jouvenel, 1972, S. 365)

Von dieser Analyse zur Hayek’schen wissenschaftlich begründeten Kritik des Konstruktivismus ist es nur ein kleiner Schritt, denn in der politischen Ordnung vorgelagerten „sozialen“ Ordnung ist ein Wissen gespeichert, das kein zentraler Planer wissen kann und das zwar Ergebnis individuellen Tuns, aber nicht Ergebnis eines individuellen Entwurfs ist.

Literatur:

Jouvenel, Bertrand de (1963), Über Souveränität, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1967), Reine Theorie der Politik, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1967b), Die Kunst der Vorausschau, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1971), Jenseits der Leistungsgesellschaft, Elemente sozialer Vorausschau und Planung, Freiburg
Jouvenel, Bertrand de (1972), Über die Staatsgewalt - Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Freiburg

Der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Helmuth von Glasenapp (1891-1963) über die Wahhabiten

Prof. Dr. Helmuth von Glasenapp (1891-1963) gehörte in Deutschland zu den großen und anerkannten Persönlichkeiten der Religionswissenschaft. Einige seiner Werke gelten bis heute als Standardliteratur und werden in mehreren Sprachen immer wieder neu aufgelegt.

Eines dieser Standardwerke lautet Die fünf großen Religionen (1952). In Band 2 (Islam und Christentum) schreibt er auf Seite 430, nachdem er die Glaubenslehren diverser schiitischer Sekten darlegte, folgendes über «die Wahhabiten»:

«Stehen die zuletzt betrachteten schiitischen und anderen Sekten nur in einer mehr oder weniger Iosen Beziehung zum Ur-Islam Mohammeds, so suchen ihnen gegenüber die Wahhabiten die Religion des Propheten in ihrer alten Reinheit wiederherzustellen. Der Begründer der Bewegung war der Araber Mohammed ibn ‚Abd-al Wahhab (1696-1787), der auf Grund seiner Studien zu der Anschauung gekommen war, daß nur eine puritanische Reform den Glauben der Altvorderen von zahllosen Verunstaltungen befreien und seinem alten Glanze wiederherstellen konne.»

Buchauszug: ʿAmr ibn Bahr al-Jāhiz – Die Byzantiner und ihre Religion

«[…] Wenn wir uns nunmehr den Byzantinern zuwenden, so finden wir, daß sie Ärzte, Philosophen und Astronomen sind, dass sie die Grundregeln der Musik beherrschen, die Herstellung von Waagen verstehen und es in der Bildhauerei zu höchster Vollendung gebracht haben. […] In der Baukunst gibt es keine wie sie, und im Drechseln, Tischlern und im Handwerk haben sie nicht ihresgleichen. Zudem besitzen sie ein (geoffenbartes) Buch und bilden eine Religionsgemeinschaft. […]

Und trotz all diesen Fähigkeiten sind sie der Ansicht, dass es drei Götter gibt, von denen zwei verborgen sind und nur einer sich gezeigt hat. Wie die Lampe Öl, einen Docht und einen Behälter braucht, so ist bei ihnen das Wesen Gottes (dreigeteilt).

Sie behaupten, dass ein Geschöpf zum Schöpfer geworden ist, dass ein Sklave sich zum Herrn gewandelt hat und dass ein geschaffenes (Wesen) sich in ein von Ewigkeit her bestehendes verändert hat, dass es aber danach getötet und gekreuzigt wurde, dass es verschwand und man auf sein Haupt eine Dornenkrone setzte; dann sei es nach seinem Tod wieder lebendig geworden.

Wenn er aber seinen Dienern erlaubte, ihn gefangen zu nehmen und zu fesseln, und ihnen die Gewalt gab, ihn zu töten und zu kreuzigen, so nur, damit er selbst die Leiden seiner Söhne teile und es ihnen schmackhaft mache, ihm ähnlich zu werden, auf dass sie alles (Böse), das ihnen angetan wird, für gering erachten, sie sich nicht brüsten mit ihren Taten und sich bemühen, so viel wie möglich für ihren Herrn zu tun.

Ihre Entschuldigung ist größer als ihr Vergehen. Wenn wir das, (was wir berichtet haben) nicht mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört hätten, würden wir es nicht für wahr halten und nicht annehmen, dass ein Volk von Theologen, Ärzten, Astronomen, Diplomaten, Mathematikern und Leuten, die in jedem Handwerk geschickt sind, vorgibt, ein Mensch, von dem man sah, wie er aß und trank, harnte und sich entleerte, hungerte und dürstete, sich ankleidete und sich auszog, wuchs und abnahm, dann getötet und, wie sie behaupten, gekreuzigt wurde, sei ein Herr und Schöpfer, von Ewigkeit und unerschaffen, der die Lebenden sterben lässt und die Toten auferweckt.»

(ʿAmr ibn Bahr al-Jāhiz, [159-255 n. H.], al-Ahbar (wa-kaifa tasihh) in Lughat al-`Arab IX, S 174-180, übertragen in die deutsche Sprache von Walter W. Müller, in Arabische Geisteswelt – ausgewählte und übersetzte Texte von al-Jahiz, Artemis Verlag, ©1967, Seite 62-64)

Was eine deutsche Muhajira in Ägypten über die Flüchtlingskrise in Deutschland meint

von Yahya ibn Rainer

Unlängst, während eines kurzen Ägyptenaufenthaltes, empfing ich mit meiner Frau zusammen eine alte Bekannte. Die Schwester ist Schwäbin, vollzog bereits vor weit über 20 Jahren die Hijra nach Ägypten, lebte dort mit ihrem ägyptischen Ehemann und zog zwei Söhne groß. Heute ist sie leider Witwe und ihre beiden Söhne sind längst erwachsen. Trotzdem entschied sie sich in Ägypten zu bleiben, was gewiss auch daran liegt, dass man dort (auch unter einem al-Sisi) als Niqab-Trägerin mit weniger (bis gar keinen) gesellschaftlichen Diskriminierungen zu kämpfen hat.

Natürlich verfolgt sie auch in Ägypten die Nachrichten aus Deutschland, besonders auch solche über die momentane Flüchtlingskrise. Während hierzulande die meisten Leute klar Partei ergreifen – entweder für oder gegen Flüchtlinge – und sich aufgrund dessen mittlerweile sogar eine deutliche gesellschaftliche Spaltung vollzogen hat, hatte die Schwester (mit ein wenig Abstand vom Geschehen) eine erfreulich ausgeglichene Meinung. Sie meinte zu uns:

«Ich kann die Syrer, die sich jetzt auf den Weg nach Europa und vor allem nach Deutschland machen, vollkommen verstehen. Natürlich sorgen sie sich um ihre Zukunft, wollen in Sicherheit leben und wünschen sich eine gute Ausbildung für ihre Kinder. Ich würde an ihrer Stelle auch nach Deutschland gehen.

Aber ich kann ebenso auch die Deutschen verstehen, die sich gegen diese Massenzuwanderung wehren und nicht damit einverstanden sind. Syrer sind Fremde, mit einer anderen Kultur und einer anderen Religion. Stellt euch mal vor, es würden vergleichsweise Massen an Christen in ein muslimisches Land einwandert, das würde den Muslimen auch nicht gefallen.

Das ist einfach zu viel.»

Wie ihr seht, muss man nicht immer (nur eine) Partei ergreifen.

Eine Realität? Psychisch kranke Konvertiten.

von Yahya ibn Rainer

Mein palästinensischer Hausarzt, ein Doktor der Allgemeinmedizin, erklärte mir kürzlich, dass erschreckend viele Konvertiten teils krankhafte Komplexe, Phobien, Präferenzen (Neigungen) und Zwänge mit in den Islam nähmen und dort unter dem Vorwand der Religion teils exzessiv ausleben würden.

Besonders seien soziale Ängste und Persönlichkeitsstörungen auffällig, es würden häufig Minderwertigkeitskomplexe kompensiert und neue Identitäten (Persönlichkeiten) geschaffen.

Eine Realität? Psychisch kranke Konvertiten. weiterlesen

Zitat: Prof. Dr. Ralf Poscher – Du musst nicht verfassungstreu sein

«Ein religiöser Glaube verliert nicht durch verfassungsfeindliche Inhalte die Eigenschaft, Religion im Sinn der grundrechtlich geschützten Religionsfreiheit zu sein. Das Grundgesetz verlangt daher von den Religionen auch keine Verfassungstreue, sondern Respekt vor dem Vorrang der säkularen Rechtsordnung und den verfassungsrechtlich geschützten Rechtsgütern Dritter.»

Prof. Dr. Ralf Poscher – deutscher Rechtswissenschaftler, Verfassungsgeschichtler, Rechtssoziologe und Rechtsphilosoph

Circles of Responsibility – Erst ich, dann die Ummah

von Yahya ibn Rainer

Es ist eine gewaltige Erleichterung im Leben, wenn man ein komplett gefestigtes Weltbild hat, wenn sich also im groben Blick auf den Menschen und seine gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Handlungen – und den daraus resultierenden Konsequenzen – keine großen Fragen mehr auftun.

Wer ein solches Weltbild in sich trägt, sucht nicht mehr nach Antworten, sondern stellt mit teils größter Verwunderung fest, dass sich dieses Weltbild nur noch bestätigt oder komplettiert, wenn man die Literatur der Weisen liest, die sich auf Beobachtung und Analyse beschränkten und nicht in spekulativen und rationalistischen Konstrukten ergingen.

Circles of Responsibility – Erst ich, dann die Ummah weiterlesen

Buchauszug: Rose Wilder Lane – Der religiöse Glaube ist immer das, was ein Mensch als das wahre Wesen des Universums und des Menschen annimmt

„Die Kontrolle der menschlichen Energie ist eine individuelle Kontrolle. Der Wunsch eines Individuums, ein Ziel zu erreichen, ist der Antrieb, der die menschliche Ernergie erzeugt. Der Einzelne kontrolliert diese Energie.

Er kontolliert sie stets im Einklang mit seiner persönlichen Ansicht über das Wünschenswerte und das Gute.

In anderen Worten: Jeder Mensch handelt im Einklang mit seiner philosophischen oder seiner religiösen Auffassung.

Das Bewußtsein selbst ist ein Glaubensakt. Niemand kann beweisen, daß er existiert. Kein Beweis der Sinne und keine Bemühungen der Logik können die Existenz des Elements erklären, das jeder meint, wenn er sagt: „Ich“. Ich weiß einfach, daß ich existiere.

Genauso weiß jeder durch den Glauben, daß es eine Skala von Werten gibt. Man kann nicht wissen, ob man kalt ist, ohne einen Maßstab für die Temperatur zu haben. Man kann nichts gern haben oder verabscheuen, wünschen oder nicht wünschen, ohne einen Maßstab für das Gute zu haben. Man kann keine Energie zum Handeln hervorbringen, ohne etwas zu wünschen, was gut für uns ist. Man kann nicht denken, ohne zu glauben, daß man existiert und ohne zu glauben, daß ein Wertmaß, d. h. ein Gott im Universum besteht.

Natürlich glauben Millionen von Menschen nicht an die Existenz Jahwes, Jupiters, Brahmas, Allahs oder Christi. Es ist immer möglich, nicht an einen Gott zu glauben, an den andere Menschen glauben. Aber es ist unmöglich, nicht an Gott zu glauben. Der menschliche Geist kann sich ohne Wertmaß nicht betätigen.

Jeder, sehr sich einbildet, er habe keine religiöse Gedanken- und Aktionsbasis, gebraucht nur einen anderen Namen für seinen Gott.

Hitler sagte mit Recht, daß kein Nazi Jude oder Christ sein könne. Er verfolgte Juden und Christen, und sie sagten, er verfolge die Religion. In Wirklichkeit hatte er einen heidnischen Glauben, den nämlich, daß er der Erlöser, der mystische Führer sei, durch übermenschliche Mächte eingesetzt, um auf Erden die Herrschaft der Herrenrasse, das Tausendjährige Reich aufzurichten.

Lenin haßte „die Religion, das Opium des Volkes“. Seine ergebenen Anhänger zerstörten die Heiligenbilder, verfolgten die Priester, entweihten die Kirchen – predigten eifrig und übten einen Glauben aus, der sich ganz in den Dienst der Partei stellte. Die Geschichte, so glaubten sie, setzt auf eine mystische Weise „Die Partei“ ein, um auf der ganzen Erde den tausendjährigen Frieden zu errichten, sowie den Wohlstand und die Gerechtigkeit der Kommunistischen Völkerfamilie.

Man lese irgendeinen sogenannten Angriff  gegen die Religion. Man höre einem Manne zu, der von sich behauptet, ein Atheist zu sein. Er begründet seine Argumente mit dem Glauben an „Die Wahrheit“; er hat ein Wertmaß des Guten, einen Gott. Er muß einen haben, denn der menschliche Geist kann nicht wirken ohne ihn.

Da jeder Einzelmensch sich selbst kontrolliert, so handelt er im Einklang mit den Werten, an die er glaubt.

Das ist wahr, ganz gleich ob sein Gott der Gott Abrahams und Christi ist oder der Verstand, das Schicksal, die Astrologie, der wirtschaftliche Determinismus, der Triumph des Tüchtigsten oder irgendein anderer Gott mit einem anderen Namen. Die meisten Menschen haben immer an unzählige, heidnische Götter geglaubt, Sie tun es auch heute noch.

Da die wirkliche Kontrolle der menschlichen Ernergie auf Erden in dem Willen zur Tat des einzelnen Menschen besteht und jeder Einzelmensch seine Handlungen im Einklang mit seiner Ansicht über die Wirklichkeit kontrolliert, so beruht, zu jeder Zeit, die effektive Kontrolle der vereinigten Energien einer jeden Gruppe von Menschen auf dem religiösen Glauben, den ein jeder von ihnen als wahr annimmt.

Der religiöse Glaube ist immer das, was ein Mensch als das wahre Wesen des Universums und des Menschen annimmt. Sein Glaube kann falsch sein; trotzdem ist er sein Maßstab des Wahren und des Wertvollen. Daher handelt er auch demgemäß.“

(Rose Wilder Lane, in The Discovery of Freedom, übertragen aus dem Amerikanischen, bearbeitet und erweitert von Jean Pierre Hamilius in seinem Buch Die Amerikanische Revolution, ein Fanal der Freiheit, Seite 19-21)

Buchauszug: Ein Regime der Freiheit

„Dank des Koran war der Grundstein für ein Regime der «Freiheit unter dem Gesetz» gelegt. Alle Bürger des Araberreiches fanden in ihrem Religions- und Rechtsbuch einfache, allgemeine und gleiche Gesetzesregeln, die für alle dieselben waren und deren Folgen klar erkennbar im Raum standen. Jeder Einzelne wußte also, welche möglichen Folgen seines Handelns er in Betracht ziehen mußte und wofür er verantwortlich gemacht werden würde.

Die regierenden Kalifen – ausgenommen gewisse Despoten unter ihnen – regierten im Rahmen des Gesetzes, d. h. sie konnten nur die Erzwingung allgemeiner Regeln durchsetzen, die unabhängig von jedem besonderen Fall festgelegt, auf alle Bürger gleichermaßen anwendbar waren. Anders ausgedrückt: das Gesetzes- und Religionsbuch des Islams schrieb genauestens vor, was die Einzelnen zu unterlassen hatten, um sich nicht gegenseitig zu behindern oder Schaden zuzufügen, während sie anderseits frei waren, alles zu tun, was nicht verboten war.“

(Die Amerikanische Revolution – ein Fanal der Freiheit, von Rose Wilder Lane, übertragen aus dem Amerikanischen, bearbeitet und erweitert von Jean Pierre Hamilius, Seite 93-94)

Freiheit oder Sicherheit in Zeiten des „Terrors“?

von Yahya ibn Rainer

Dass weltweit auf einmal „Terroristen“ festgenommen werden, bevor sie überhaupt terroristisch tätig werden konnten, mag auf Anhieb den meisten Bürgern ganz recht sein. Immerhin werden so möglicherweise Menschenleben gerettet.

Doch wie es dazu kommen kann, dass der Staat schon fast Minority-Report-mäßig kriminelle Handlungen im Voraus zu verhindern weiß, darüber macht sich anscheinend niemand wirklich Gedanken. Der Grad an Überwachung muss jedoch gigantische Ausmaße angenommen haben, denn man kann davon ausgehen, dass die „Terroristen“ zumindest versucht sind einigermaßen konspirativ zu handeln.

Dem entgegen lässt sich natürlich das Argument in Stellung bringen, dass die Überwachungsbehörden höchstwahrscheinlich nicht die gesamte Bevölkerung in diesem Ausmaß überwachen, sondern nur solche Personenkreise, die sie als gefährlich einschätzen. Dass kann man zwar nicht mit Sicherheit behaupten, aber man hofft es wohl inständig, und wenn ich ehrlich bin, kann man sich dessen wohl auch (noch) gewiss sein.

Wir haben hier also einen mehrheitlichen Bevölkerungsanteil, der sich – aufgrund seiner Herkunft, Religionszugehörigkeit oder politischen Unauffälligkeit – recht sicher sein kann, nicht total überwacht zu werden. Dass die Anderen, die eben nicht diesen Vorteil für sich beanspruchen können (sondern eine verdächtige Herkunft, problematische Religionszugehörigkeit oder unbequeme Auffassung von Politik haben), deshalb dieses schlimme Los ertragen müssen, kann dem, der davor sicher scheint, erst einmal egal sein.

Und nicht nur das. Denn irgendwie haben es die Anderen ja auch verdient. Wieso leben sie auch hier, bekennen sich zu diesem bestimmten Glauben oder pflegen diese unangepasste politische Meinung, obwohl es offiziell als verdächtig gilt?

Dass der Überwachungsapparat – und somit der Staat – diese Fähigkeiten der totalen Überwachung hat und beherrscht, das wird im Rausch der Angepasstheit und Selbstzufriedenheit allzu gern ausgeblendet. Dieses soziologische Phänomen kann man ganz gut mit dem Konzept der Zeitpräferenz erklären, die in der Volkswirtschaftslehre Anwendung findet.

Das Konzept jetzt in aller Ausführlichkeit darzulegen, würde sicher den Rahmen dieses Beitrags sprengen und ggf. auch den einen oder anderen Leser überfordern (auch ich brauchte sehr lange um es wirklich zu verstehen). Aber sehr verkürzt dargestellt, veranschaulicht es letztendlich die Neigung des Menschen, seine Versorgung mit möglichst wenig Kraft- und geringem Zeitaufwand zu gewährleisten.

Der Ökonom und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Hermann Hoppe nutzte in seinem Buch „Demokratie – Der Gott der keiner ist“ diese Konzeption, um bereits im ersten Kapitel den moralischen und wirtschaftlichen Schaden eines demokratischen Wohlfahrtsstaates zu veranschaulichen.

Der Mensch, der dieser Neigung nachgeht und sich darauf konzentriert möglichst schnell und leicht seine Versorgung zu sichern, gilt als gegenwartsorientiert, seine Einnahmen sind zumeist recht überschaubar und decken gerade einmal den aktuellen Bedarf.

Eine Akkumulation (Vermehrung) der Einnahmen und somit ein Erwirtschaften von Wohlstand, benötigt jedoch eine zukunftsorientierte Handlungsweise, was dazu führt, dass man den Konsum einschränken (sparen und investieren)  und seine Neigung zum schnell und leicht verdienten Geld aufgeben muss.

Die Schlüssigkeit dieses Konzepts auf den demokratischen Wohlfahrtsstaat bezogen leuchtet ein, sobald man die Masse an Transferleistungsempfängern sieht, die freiwillig lieber ohne jegliche Arbeitsleistung von Hartz4 leben (wollen), als für das gleiche Entgelt arbeiten zu gehen.

Aber auch auf meine oben genannte Problematik mit der Überwachung ist dieses Konzept eingeschränkt anwendbar. Denn derjenige, der sich durch die gegenwärtig Sicherheitslage verführen lässt, weil er mit großer Wahrscheinlichkeit nicht selbst das Ziel der dazugehörigen Totalüberwachung und Repression ist, lebt mit seinem Bedürfnis nach eigener Sicherheit (ohne dafür ein Opfer zu bringen) gegenwartsorientiert.

Außer Acht wird dabei jedoch gelassen, dass diese Fähigkeit des Staates, wenn sie einmal möglich und legitimiert wurde, sich in Zukunft auch gegen andere richten kann, also quasi auch gegen denjenigen, der heute noch davor gefeit ist.

Waren wir in den letzten 200 Jahren in Europa nicht Zeuge, wie schnell Systeme, Ideologien und Regierungen wechseln können? Doch hat die Geschichte gezeigt, dass die wenigsten neuen Herren ihr Werkzeug – nämlich den Staat und seine Gewalten – freiwillig wieder entwaffnen, sondern sie übernehmen allzu gern seine erlangten Fähigkeiten, und sei es nur zur Wahrung der allgemeinen Sicherheit.

Wer schlau handeln möchte, der handelt zukunftsorientiert, der sorgt lieber für seine eigene Freiheit in Zukunft, als für gegenwärtige Sicherheit, für die andere teuer bezahlen müssen.