Adil al-Kalbani – Unaufhörlich käuen wir mit aller Macht die Vergangenheit wieder

Am 31.08.2014 erschien in der saudi-arabischen Tageszeitung Al-Riyadh ein viel beachteter Artikel (https://www.alriyadh.com/965583) von Qari Adil al-Kalbani (geb. 1959), bekannt als erster schwarzer Imam an der Großen Moschee von Mekka (Masjid al-Haram). Der Artikel wurde von Taariq bin Lahsan in die deutsche Sprache übertragen und wird hier mit seiner freundlichen Genehmigung publiziert.

Unaufhörlich käuen wir mit aller Macht die Vergangenheit wieder, sodass sie sich unseres Lebens ermächtigt hat und zum Hindernis für den Fortgang unserer Gegenwart geworden ist und ich weiß nicht, was sie mit unserer Zukunft machen wird.

Die Vergangenheit, von der wir behaupten sie sei das Verständnis der Altvorderen, das Handeln der Altvorderen und die Sichtweise der Altvorderen, so weit, dass jemand, dem ein Problem widerfahren ist sich in ein Buch flüchtet, dass vor Jahrhunderten geschrieben wurde und darin nach eine Lösung für sein Problem sucht!

Sodann verkünden wir mit erhobener Stimme: Der Islam passt zu jedem Ort und zu jeder Zeit!

Wie merkwürdig ist es doch, dass wir noch immer Gefangene in den Katakomben der fernen Vergangenheit sind und die Worte Maliks – Allah erbarme sich seiner – nachkäuen:

„Für die Letzten dieser Ummah ist nur richtig, was schon für die ersten richtig war.“

Und dabei denken wir, dass dies bedeutet, wir hätten im Zustand des ersten Jahrhunderts nach der Offenbarung zu verbleiben mit dem selben Lebensstil, den selben Ideen und den gleichen Wissenschaften!

Ich verstehe aus diesen Worten nicht, dass unsere Vergangenheit unsere Gegenwart bestimmen und unsere Zukunft fesseln soll, sondern ich verstehe daraus, dass es das Motiv ist, welches das Denken der ehrwürdigen Gefährten änderte und sie in jener wundersamen Weise aus den Höhlen der Dunkelheit und des Irregehens heraus an das Licht der Wahrheit und Weite der Erde brachte.

Was den Zustand der Altvorderen in Ordnung brachte war nicht das Verbleiben auf dem Erbe der Vorväter und nicht das Festhalten an den Ideen der Vergangenen, sondern das komplette Gegenteil davon. Die Altvorderen entledigten sich des Kleides der blinden Nachahmung und mit der Herabsendung von „Lies“ begann man wieder, den Verstand zu benutzen, nachdem er über viele Jahrhunderte ausgeschaltet war und das Rad der Veränderung begann sich zu drehen. Eine Veränderung der bitteren Realität, die erfüllt war von Tyrannei, Rückständigkeit und Götzendienerei, setzte sich durch klare, deutliche, rationale Grundsätze ein. Sie öffneten ihre Augen vor dem, was vor ihnen stand und was der Schleier des Befolgens der Sitten der Vorväter sie nicht hat sehen lassen. Es war vor ihren Augen, jedoch konnten sie es nicht wahrnehmen, bis der edle Quran diesen Schleier lüftete und die Blicke klärte. So erkannten sie, vor was sie blind waren und sie nahmen war, wessen sie unachtsam waren.

Im gleichen Geiste wünsche ich mir von der Vergangenheit, dass sie uns vom Joch der rückständigen Gegenwart befreit, jedoch nicht, indem sie uns aus ihr herauszieht. Ich will, dass unsere Vergangenheit uns die Realität sehen lässt, wie sie ist, uns den Weg zu Fortschritt und Zivilisation aufzeigt und uns den Aufbruch zum Horizont der Zukunft bereitet, der erleuchtet ist von der Leitung der beiden Offenbarungen und nicht von den Meinungen von Menschen, die ihr Äußerstes für das gegeben haben, was Allah ihnen vom Wissen jener Zeit eröffnet hat.

Würden wir uns auf die Vergangenheit als Grundstein für die Zukunft und als Fundament für die Gegenwart stützen, so wäre dies besser, als dass uns die Vergangenheit in Feindseligkeiten, Streitereien und gegenläufiger Meinungen um ihretwillen verstrickt, sodass wir schwach werden und uns zersplittern.

Würden wir das tun, so säßen wir mit überkreuzten Beinen auf dem Thron der Zivilisation, deren Spitze und Krönung wir einst waren!

Wir müssen bestätigen, dass es in unserer Vergangenheit Dinge gibt, die nicht angemessen für unsere Gegenwart sind. Der religiöse Verfall des Westens traf erst ein, als den Menschen die Kluft zwischen dem klar wurde, was der menschliche Verstand an der Zivilisation zuträglichen, wissenschaftlichen Wahrheiten zu erreichen vermochte und dem, was die Kirche an Glaubenssätzen und Regeln festlegte, wovon ein Teil verfälscht war, ein Teil falsch verstanden und andere Teile nur auf bestimmte Zeiten anzuwenden gewesen wären.

Den Reihen jener, die das Festhalten an der Vergangenheit im Großen wie im kleinsten Detail für sich in Anspruch nehmen, ist eine Jugend entwachsen, die für Ansichten und Methoden kämpft, die die islamischen Konzepte und islamrechtlichen Erwägungen ihres Zweckes beraubt, die Ummah auf den richtigen Weg zu bringen. Diese Gruppe, die sich selbst das Recht zugesprochen hat, die Vernunft verschwinden zu lassen, versteht die Realität der Ummah nicht und ist unfähig sich an die mit den Sinnen wahrgenommene und sichtbare Wirklichkeit anzupassen.  Ihre Methode ist deswegen den anderen zu bezwingen oder ihn des Unglaubens, des Frevels und der Ketzerei zu bezichtigen.  So findet man sie an jeder Passstraße des Lebens die Vernünftigen davon abhalten, mit der Gegenwart zu gehen oder zu ihr aufzuschließen. Wer es nun wagt sie zu kritisieren und ihre Fehler zu erklären, für den und alle, die wie er sind, ist der Anwurf „Khariji“ bereits vorbereitet. Und wer darüber spricht, was die Rechte der Frau in Tun und Gebaren sind, der ist ein Irregehender, Dreckiger und einer, der die Religion verwässert. Und wer eine richtige Ansicht hervorbringt, der wird ausgeblendet und nicht beachtet, da er ihrer „Salafiyah“ widerspricht und damit der „größten Mehrheit“ und der „erretteten Gruppe“. Und wer sich der Rechtsfindung bemüht und aus der Schariah ein Urteil ableitet, das auf eine Situation angewendet ist, in dem die jeweiligen Spezialisten in Zahlen sprechen, so ist dieser jemand, der sich einen Sturm auf die Tore der Hölle herausnimmt. Und wer …, und wer …, und wer…

So werden wir also hinten an bleiben, gefangen in den Ketten der Vergangenheit, solange wir nicht unsere Hände auf die Wunde legen, die, wenn wir ihr nicht beikommen, sich auf alle Teile des Körpers ausdehnen wird. Dann werden wir nicht mehr von einem Keim, sondern von einem Wald von Dornen und Büschen sprechen. Das Merkwürdige ist, dass diese peniblen Übertreiber im Vergleich – trotzdem sie ihre Gegner zu Ungläubigen, Fehlgeleiteten und Erneuerern erklären – doch den Dogmatismus ihrer Ideologie, die Bigotterie ihrer Lehren und die Enge ihres Verständnisses nicht bestätigen und nicht zugeben, dass sie einen Samen gesät haben, dessen bittere Früchte die Ummah heute teilweise kostet.

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Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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