Archiv der Kategorie: Fundstück

Ein Blick auf die Konzepte von Staat und Daula

von Prof. Dr. Tamim Al-Barghouti

Dieser Artikel befasst sich mit dem Konzept der daula, was meist als „Staat“ übersetzt wird – eine ebenso irreführende Übersetzung wie die des Wortes ʾumma als „Nation“.

Der Begriff „Staat“ leitet sich vom lateinischen stare ‚stehen‘ ab. Das Wort beinhaltet hauptsächlich die Bedeutung der Festigkeit und Beständigkeit. «Der Duden definiert den Staat als „Gesamtheit der Institutionen, deren Zusammenleben das dauerhafte und geordnete Zusammenleben der in einem bestimmten abgegrenzten Territorium lebenden Menschen gewährleisten soll“.»¹ Dieser „statische Zustand des Staates“ ist einer der Hauptunterschiede zwischen dem Staat und dem Konzept der daula, in dessen Bedeutung hauptsächlich Dinge wie zeitlich begrenzte Dauer, Wandel und Rotation mitschwingen.

[¹ Im englischsprachigen Originaltext wird an dieser Stelle das Oxford English Dictionary  zitiert]

Daula bedeutet wörtlich so viel wie ‚Ablösung‘, ‚Wechsel‘, ‚Umschwung‘. Der Begriff leitet sich ab von dem Verb dāla, das sowohl in Bezug auf seine Buchstaben als auch in Bezug auf seine Bedeutung zwischen den Verben dāra (rotieren) und zāla (verschwinden/aufhören) anzusiedeln ist. Zeitliche Begrenzung und Sukzession sind somit wesentliche Nebenbedeutungen von daula. Alles, was von einem zum anderen weitergegeben wird, ist eine daula; auch der Begriff tadāwul ‚Geldumlauf‘ stammt von der gleichen Wortwurzel ab. Anders als beim europäischen Konzept des Staates, dessen Hauptmerkmal seine Beständigkeit ist, sind die zeitliche Begrenztheit und der Mangel an Beständigkeit die wesentlichen Kennzeichen der daula.

Die daula ist nichtterritorial; sie hängt in erster Linie zusammen mit der herrschenden Klasse, nicht so sehr mit dem Land, über das diese herrscht. Während es zwar eine umayyadische und eine abbasidische daula gab – deren Name sich auf das jeweilige Herrscherhaus bezog –, gab es im vorkolonialen arabischen Sprachgebrauch keine Begriffe wie Daulat aš-Šām (Staat Großsyrien) oder Daulat Miṣr (Staat Ägypten). Bis ins späte neunzehnte und frühe zwanzigste Jahrhundert war die wichtigste daula im Nahen Osten ad-Daula al-ʿUṯmāniya, also das Osmanische Reich.

Des Weiteren war die daula nicht notwendigerweise der Souverän. Jeder Statthalter, der über relativ große Autonomie gegenüber der Zentralregierung des Kalifats verfügte, konnte für sich beanspruchen, eine daula zu leiten. So gab es zum Beispiel innerhalb des abbasidischen und des osmanischen Reiches, die ihrerseits jeweils als daula bezeichnet werden, kleinere, nichtsouveräne politische Einheiten, wie etwa ad-Daula al-Ḥamdāniya – die Fürstentümer der Nachkommen Ḥamdāns in Aleppo und Mossul – oder die Daula aṭ-Ṭūlūniya, womit die Fürstentümer der Nachkommen von ʾAḥmad ibn Ṭūlūn in Ägypten gemeint waren.

Auch die Autorität eines Ministers und seiner Anhänger, die im Dienst eines übergeordneten Sultans oder Kalifen stehen, kann als daula bezeichnet werden, wie es der Fall bei Daulat Banī Barmāk war. Damit ist eine Periode gemeint, während derer die Nachkommen Barmāks, die dem Abbasiden-Kalifen Hārūn ar-Rašīd als Berater und Minister dienten, beträchtliche Autorität innehatten.

In gewisser Weise ist eine daula vor allem ein Mittel zum Zweck. Da die übergeordnete daula üblicherweise vom Imam (womit in diesem Fall der oberste Führer gemeint ist) geleitet wird, der nur dann Imam sein kann, wenn er sich dem Koran und dem darin von der ʾumma gezeichneten Bild unterordnet, bedeutet das Wort ʾumma, wie bereits erwähnt, auch ‚das Ziel‘, ‚der Sinn‘ und ‚der Zweck‘.

Anders als der Nationalstaat, der danach strebt, eine Gruppe von Menschen zu einer Nation zu machen, ist die daula im vorkolonialen arabisch-islamischen Sprachgebrauch eine Einrichtung, deren Legitimität sich daraus ableitet, dass sie der gesamten ʾumma dient.

Jeder, gegenüber dem der Staat rechenschaftspflichtig ist, untersteht der staatlichen Autorität. Dieses Monopol ermöglicht es modernen Staaten, die Souveränität, die ihnen von der Nation gewährt wird, gegen eben diese Nation einzusetzen. Dies soll durch Gewaltenteilung verhindert werden. Der Staatsapparat ist in Exekutive und Legislative aufgeteilt, die jeweils nur einen Teil der gewährten Souveränität innehaben. Bei der daula hingegen ist die Souveränität nicht auf das Staatsgebiet beschränkt. Die daula ist auch verantwortlich für Menschen, die außerhalb ihrer Grenzen leben und kann daher nicht behaupten, dass diese Leute ihr ihre souveränen Rechte überantwortet haben. Theoretisch schuldet die daula ihre Existenz der ʾumma, während die ʾumma der daula nichts schuldet.

Dies zu wissen mag hilfreich sein, um zu verstehen, warum in der arabischen Welt eher der ʾumma Loyalität entgegengebracht wird als den einzelnen Staaten der letzten zwei Jahrhunderte.

Auch lässt sich damit – zumindest teilweise – das Scheitern vieler arabischer Denker und Politiker erklären, einen kohärenten nationalistischen Diskurs zu entwickeln, mit den während des Kolonialismus gegründeten Staaten als Fokus der Loyalität. Solche Diskurse kollidierten stets mit der in der politischen Kultur der Region fest verwurzelten Vorstellung von der ʾumma.

Es bleibt die Frage: Warum wurden nicht mehr Anstrengungen unternommen, um das politische Potenzial solch einer politischen Kultur zu erforschen? Warum die Annahme akzeptieren, dass Verschiedenheit Minderwertigkeit bedeutet und danach streben, zu beweisen, wie ähnlich unsere Konzepte denen des anderen sind? In einer Welt voller Dinosaurier wird es unseren Vögeln nicht gut tun, wenn wir unser Leben damit verbringen, ihnen das Krabbeln beizubringen.

Dieser Artikel wurde erstmals am 27.09.2003 auf der Website TheDailyStar Lebanon in englischer Sprache publiziert. Der Autor ist Prof. Dr. Tamim al-Barghouti, ein palästinensischer Politikwissenschaftler, der vor allem als Kolumnist und arabischer Poet Bekanntheit erlangte.

Die Übersetzung wurde von Al-Adala.de finanziert und erfolgte durch Korrekturlesen-HH.

Salafismus und die Politik der Religion des freien Marktes

von Joe Bradford

«Den meisten Argumenten gegen den freien Markt liegt ein mangelnder Glaube an die Freiheit an sich zugrunde.»

Milton Friedman (gest. 2006)

Wenn „Islamismus” bereits ein schlechtes Wort ist, so ist „Salafismus“ ein abwertender Begriff. Während die Ursprünge beider Begriffe sicherlich fließend und relational sind[1], wird der Salafismus oft dämonisiert, besonders im Westen. Trotzdem ist er in der islamischen Welt seit mindestens siebzig Jahren in seinem Streben, Praktiken zu reformieren, die angeblich von der Praxis des Propheten abweichen, eine bedeutende gesellschaftliche Macht.[2]

Während viele moderne islamische Bewegungen durch eine ideologische Linse betrachtet und entweder als Reformkraft oder „moderne Neuerung“ gesehen werden[3], lohnt es sich, das Phänomen des Salafismus durch eine wirtschaftliche Linse zu betrachten – ohne darüber zu debattieren, ob die religiöse Interpretationsweise der Bewegung „gültig“ ist oder nicht –, um zu verstehen, warum sie so einflussreich ist.

Ökonomien sind im weitesten Sinne regulierte oder nicht regulierte freie Märkte. Regulierte Ökonomien werden von oben nach unten durch Regierungen oder Staaten geregelt, wobei Entscheidungen zentral getroffen werden. Der Staat reguliert Preisgestaltung und Marktzugang für Wettbewerber und übernimmt in vielen Fällen auch die Produktion.

Dagegen sind freie Marktwirtschaften genau das: Ökonomien mit einem freien Markt. Die Bedingungen auf dem freien Markt werden von Produzenten und Konsumenten diktiert, Angebot und Nachfrage werden nicht durch Interventionen, Preisgestaltung oder Monopole von außen behindert. Vereinfacht ausgedrückt ist der freie Markt frei von jeglicher politischer Einmischung.[4]

Zwischen den Befürworten einer regulierten und denen einer unregulierten Wirtschaft gibt es offenkundige Spannungen. Repräsentativ für jene, die gegen einen freien Markt sind, ist Karl Polanyis Aussage, dass „zuzulassen, dass das Schicksal der Menschen und ihrer natürlichen Umgebung nur durch Marktmechanismen bestimmt wird […] zu einer Zerstörung der Gesellschaft führen würde“.[5] Zur Verhinderung dieser „Zerstörung der Gesellschaft“, zu der ein ungezügelter Markt führen würde, erlegt die Regierung Kontrollen und Beschränkungen auf, um Marktausschöpfung, Instabilität und Leid zu verhindern. Dies führt unweigerlich zu einer gewissen Gängelung der Menschen und beschränkt ihre Möglichkeiten, Handel zu treiben.

Bilden Handel und Wettbewerb zwischen verschiedenen religiösen Bewegungen einen Markt? Können Religionen als Märkte betrachtet werden? Wenn wir Ideologien als wirtschaftliche Kräfte betrachten, können wir Religionen ähnlich wie kommerzielle Ökonomien analysieren. Ähnlich wie wirtschaftliche Kräfte können manche Ideologien am besten als unterschiedliche Herangehensweisen an den Markt der Religion erklärt werden. Wendet man diesen Gedanken auf den Salafismus an, erkennt man, dass dieser eine marktwirtschaftliche „Glaubensökonomie“ fördert. Der Salafismus strebt danach, das Monopol der Staatsreligion über die muslimische Identität, die Analyse von Texten und das tägliche religiöse Leben zu brechen.

Was ist Salafismus?

Die Begriffe „Salafist“ und „Salafismus“ sind aufgeladen und dehnbar – sie werden in den Medien, Anti-Terror-Anweisungen, Bildungsprogrammen und allen möglichen anderen Bereichen verwendet, um gewisse muslimische und islamische Praktiken zu beschreiben. Übertroffen wird der Begriff nur noch vom Terminus „Islamismus“. „Salafismus“ wird meist geringschätzig im Zusammenhang mit Einzelpersonen und Bewegungen benutzt, die nicht in das Narrativ einer Ergebung in den Quietismus, die Macht des Staates und staatlich festgesetzte religiöse Autorität passen.

Der Anthropologe Martijn de Koning hat den Unterschied zwischen Salafismus und Islamismus klar herausgearbeitet:

«Die salafistische Bewegung wird oft als kulturelle Bewegung ohne klares politisches Programm gesehen, die die Teilnahme an der politischen Auseinandersetzung scheut, wohingegen für Islamisten Politik der Kern ihrer Bewegung ist und sie danach streben, die Gesellschaft in eine „wahrhaft islamische“ Gesellschaft umzuwandeln. Die salafistische Bewegung reklamiert für sich, nicht in politische Verhandlungen mit Staaten involviert zu sein und engagiert sich nicht öffentlich für die Verteidigung muslimischer Interessen, geschweige denn für den Versuch, einen islamischen Staat zu errichten.»[6]

Dem Islamwissenschaftler Alexander Thurston zufolge ist der Salafismus „im Kern eine Bildungsbewegung, die sich der Verbreitung der (religiösen) Regeln als Grundlage für Identität, Deutung und Handeln widmet“.[7] Bis vor sehr kurzer Zeit war der Salafismus formal nicht in die Politik involviert. Er unterschied sich erheblich von größeren islamistischen Organisationen wie der Muslimbruderschaft, der Hizb ut-Tahrir und anderen. Der Salafismus steht den Gesellschaften, in denen er agiert, jedoch nicht agnostisch gegenüber; viele Salafisten engagieren sich in der Sozialpädagogik und in der Missionsarbeit.

Als Konzept existiert der Salafismus in zwei Formen: dem rituellen Salafismus und dem erkenntnistheoretischen Salafismus, wobei Ersterer dominanter ist als Letzterer. Diese von dem Georgetowner Forscher Muhammad Bushra[8] geprägten Termini legen nahe, dass Letzterer, anders als Ersterer, weniger mit den äußeren Zeichen von Ritualen und Konventionen zu tun hat. Der erkenntnistheoretische Salafismus überschneidet sich mit dem rituellen Salafismus jedoch intellektuell und ideologisch, wenn es darum geht, religiöse Wahrheiten zu bestimmen.

Ebenso wie sein rituelles Gegenstück bietet der erkenntnistheoretische Salafismus eine kritische Lesart von Kultur und Tradition, ohne sie zu operationalisieren. Er ist am Islam als intellektueller Unternehmung interessiert, der den Einzelnen und somit die Gesellschaft verändert, jedoch ohne zu missionieren oder den Status Quo herauszufordern. Dagegen konzentriert sich der rituelle Salafismus auf das tägliche Leben seiner Anhänger, das anhand der islamischen Werte, die sie in ihrer speziellen Interpretation der islamischen Texte finden, umgestaltet wird.[9]

Was ist eine Staatsreligion?

In einer zentralisierten religiösen Wirtschaft gibt es nur ein Produkt: die vom Staat sanktionierte Religion. Indem er einen religiösen Ansatz vorschreibt, garantiert der Staat Produktionsquellen, stellt eine beständige Markenbildung sicher und reguliert Marktanomalien.[10] In einer regulierten Glaubensökonomie sind die Konsumenten ein interessiertes Publikum. Da der Staat eine Monopolstellung hat, muss er nicht sicherstellen, dass sein Produkt, die Staatsreligion, adäquat oder attraktiv für sein Publikum ist. Darunter leidet in der Regel die Qualität dieses Produktes, weshalb in den meisten Ökonomien mit einem religiösen Monopol Bürgerbeteiligung nur in geringem Maße stattfindet.[11]

Fast jedes mehrheitlich muslimische Land hat ein vom Staat anerkanntes religiöses System, dass religiöse „Güter“ für dessen Bevölkerung organisiert, billigt und produziert. Daher haben staatlich sanktionierte muslimische Religionsgelehrte und Kleriker (ʿulamāʾ) ein Monopol hinsichtlich dessen, wie der Islam dargestellt wird, inne. Ob in Form von Fatwas, Freitagspredigten, religiösen Litaneien oder anderem schriftlichen Material – dieses Monopol über die „Produktion von Wissen und die Darstellung der Religion“ in der muslimischen Welt hat zu einem Rückgang der religiösen Teilhabe geführt, proportional zum von ihnen kontrollierten Bevölkerungsanteil.[12]

Dies ist offenkundig in Ländern mit zentralisierter religiöser Autorität. Die meisten dieser Länder berichten über einen Rückgang der Teilnehmerzahl bei von Geistlichen geleiteten Gottesdiensten wie dem Freitagsgebet und ein allgemein geringeres Engagement als in dezentralisierten Ländern oder Ländern mit multireligiöser Bevölkerung.

In Ländern wie Libyen und Tunesien kontrollierte vor dem Arabischen Frühling der Staat nicht nur, wer religiöser Experte werden konnte, sondern auch, wann und wie die Menschen ihre Religion praktizierten.

Tatsächlich werden in vielen muslimischen Ländern die Moscheen routinemäßig zu einer bestimmten Stunde in der Nacht und zwischen den Gebetszeiten abgeschlossen. Während sich die Menschen nach mehr direkter religiöser Teilhabe sehnen, unterstützen die ʿulamāʾ auf Geheiß der Regierung vielfach den Status Quo. Dies hat zu einem allgemeinen Unmut gegenüber den Gelehrten geführt, welche als rückwärtsgewandt und obskur angesehen werden.[13]

Betrachten wir zum Beispiel die Bemerkungen von Scheich Ali Gomaa, dem früheren Großmufti von Ägypten, der sich 2014 in einer Rede für eine Staatsreligion stark machte, darauf bestand, dass man trotz Unterdrückung den Herrschenden gehorchen müsse, das Auslegungsmonopol der staatlichen Institutionen betonte und diejenigen, die sich außerhalb staatlich sanktionierter religiöser Kreise bewegen, als „Emporkömmlinge, die nicht in der Lage sind, [die islamischen Texte] zu verstehen, weil sie nicht an der ihnen verhassten Al-Azhar studiert haben und sich als Wächter über uns aufschwingen möchten“ verunglimpfte.

Mit diesem Kommentar wollte Gomaa seine Autorität (und im weiteren Sinne die der Al-Azhar) bei der Interpretation religiöser Texte bekräftigen und jene kritisieren, die aufgrund mangelnder Deutungshoheit nicht vom Staat sanktioniert werden. Anders gesagt wird die „richtige Religion“ vom Staat produziert, und ein ordentlicher Staat muss die „wahre Religion“ produzieren. Die Prämisse und die Schlussfolgerung sind ein und dieselbe.

Diese Denkweise ist eigentlich eine Art von Fundamentalismus. Salafistische Bewegungen verfolgen möglicherweise einen Mittelweg zwischen dem Fundamentalismus der staatlichen Kontrolle und totaler anarchistischer Revolte.

Das Aufkommen des Salafismus

Wenn der Staat seine religiöse Identität auf „monopolistische“ Weise definiert und die Parameter der Schriftauslegung durchsetzt, fühlt sich der Einzelne verpflichtet, sich von „heterodoxen“ (d. h., nicht staatlich sanktionierten) Formen des religiösen Ausdrucks abzugrenzen, oft aus Furcht vor Repressalien wegen Infragestellung der staatlichen Autorität. Dennoch kommen immer wieder Fragen nach der Qualität des „religiösen Produktes“ des Staates auf. Vor diesem Hintergrund hat der Salafismus einen Wettbewerbsvorteil, indem er religiöse Güter erzeugt, die für die Konsumenten attraktiver und leichter zugänglich sind.[14]

Der Salafismus fokussiert stärker auf individuelle Prinzipien und Ethik. Es reicht nicht aus, dass Staat und Gelehrte den Glauben schützen. Auch der Einzelne muss „den islamischen Staat in seinem Herzen errichten“, was dazu führt, dass „der islamische Staat im jeweiligen Land errichtet wird“. Dem Salafismus zufolge steht der Einzelne über einer eher imperialen Auffassung von Loyalität zum Staat und Einsatz für ihn. Der Fokus liegt auf dem individuellen Engagement für ein umfassendes Wertesystem, einschließlich Pflichten sich selbst gegenüber sowie gegenüber der Familie und den Nachbarn. Kurz gesagt ist der Salafismus eine Art persönlicher Veränderung, die nicht von äußeren gesellschaftlichen Gegebenheiten abhängt.

Ähnlich wie bei der protestantischen Reformation ist es dem Salafismus gelungen, eine Religion für die Massen zu individualisieren. Die Leute müssen sich nicht mehr sklavisch an Heilige, geprüfte Texte, Katechismen, Rituale, Symbole oder von paternalistischen Staaten sanktionierte heilige Tage halten. Um eine Analogie zum Handymarkt herzustellen: Dieses „religiöse Produkt“ war Bloatware – unerwünschte Anwendungen, die Platz beanspruchen, nie benutzt werden, aber nicht deinstalliert werden können. Der Salafismus ist das Rootkit, mit dem sich dieser Überschuss entfernen lässt.

Indem er das Individuum „direkt“ mit Gott verbindet und sich auf dessen Einsatz für seine persönliche Identität konzentriert, fördert der Salafismus einen Sinn für persönliche Verantwortung. Nehmen wir zum Beispiel das folgende Zitat von Ibn al-Qayyim, dem Denker und oft zitierten Vorläufer des salafistischen Denkens aus dem 14. Jahrhundert:

«Wie kann ich mich von Unersättlichkeit und Panik freimachen? Ich antwortete: Durch Gottes Einzigkeit, indem man sich auf Ihn verlässt, auf Ihn vertraut und weiß, dass alles Gute nur durch ihn verursacht wird und alles Schlechte nur von Ihm entfernt wird, und [indem man weiß], dass alle Dinge für Gott sind und niemand einen Anteil an etwas hat, was Gott gehört.»[15]

Im Vordergrund steht hier die persönliche Verantwortung. Der Einzelne muss sich von Gier, Maßlosigkeit und Panik freimachen. Alle Arten, „den islamischen Staat im Herzen zu errichten“, werden gefördert. Dazu gehört, dass man sich auf Gott als Lösung seiner Probleme verlässt, seine angeborene Fähigkeit, spirituell und materiell erfolgreich zu sein, nutzt und aufgrund persönlicher Verantwortung danach strebt, sich selbst zu verbessern.

Auf diese Weise hat der Salafismus den Zugang zur Religionsproduktion demokratisiert. Durch die Einführung eines veränderlicheren und organischeren Konzepts von Religion, das auf nostalgische Weise als Verkörperung der Einfachheit des Propheten und seiner Gefährten vermarktet wird, bringt er den Menschen den Seelenfrieden, der von ihrer persönlichen Verbindung zum Glauben herrührt. Dies hat zu größerer religiöser Partizipation geführt, trotz scheinbar schwieriger politischer Umstände.[16]

Außerdem hat der Salafismus die staatlich kontrollierte Religion auf effektive und scharfe Weise als fehlerhaft, unzulänglich, falsch oder suboptimal kritisiert. Auch dies hat dem Salafismus geholfen, Marktanteile zu gewinnen und, in vielen Fällen, eine beträchtliche Anzahl an „Konsumenten“ zu erobern.

Als eine der ersten Bewegungen, die staatliche Religionsmonopole herausforderten, hat der Salafismus vielen anderen religiösen Bewegungen die Tür zu ansonsten geschlossenen Märkten geöffnet. Außerdem hat er eine von zwei möglichen staatlichen Reaktionen erzwungen: eine Arbeitsbeziehung mit religiösen Ansätzen außerhalb der staatlich sanktionierten Religion oder gewalttätige Repressalien gegen jeden Versuch, eine Marktveränderung zu erzwingen.

Blicken wir auf Algerien, wo salafistische Bewegungen von den staatlich sanktionierten religiösen Institutionen zunächst als Parias betrachtet wurden. Salafistische Moscheen wurden immer wieder geschlossen und salafistische Imame ausgeschlossen, um, so das algerische Innenministerium, „keine unangemessenen ausländischen Riten zu importieren“. Religiöse Urteile (Fatwas) wurden in Übereinstimmung mit dem algerischen Gesetz erteilt. Jahre später wurden eben diese salafistischen Bewegungen von den gleichen Regierungsinstitutionen und deren Förderern als Gegengewicht zu noch revolutionäreren (und gewalttätigeren) Bewegungen benutzt.

Die Regierung zur Öffnung zwingen

Um eine größere Diversität bei religiösen „Produkten” und Wahlfreiheit für die Kunden auf dem Markt (Pluralismus) zu erreichen, muss Religion privatisiert werden. Dies kann dem Staat sogar nützen. Indem er den Salafisten und überhaupt allen religiösen Strömungen religiöse Autonomie gewährt, kann der Staat zwei Dinge erreichen. Erstens kann er dadurch ein Marktgleichgewicht erreichen und so durch staatliche Begünstigung hervorgerufene religiöse Konflikte minimieren. Zweitens: Indem religiösen Konsumenten erlaubt wird, zu wählen, welche „religiösen Produkte“ sie benutzen, lassen sich Versuche, die Religion zu politischen Zwecken zu entfremden (wie es der sogenannte „Islamische Staat“ und Al-Qaida tun) womöglich untergraben oder zumindest verlangsamen.

In einer von staatlicher Regulierung freien „Glaubensökonomie“ sind mehr religiöse Teilhabe und möglicherweise sogar mehr Bürgersinn möglich. Wenn man den Aufruf des Salafismus, religiöse Identität, Autorität und Auslegung zu deregulieren, beherzigt, bedeutet dies mehr religiöse Freiheit für alle.

 

Fußnoten

[1] Lauziere, Henri: „The Constructions of Salafiyya: Reconsidering Salafism from the perspective of conceptual history”, in: Int. J. Middle East Stud. 42 (2010), S. 369.

[2] Basyouni, Amru and Salim, Ahmed: Ma ba’da al-Salafiyyah, S. 199.

[3] Al-Bouti, Muhammad Said: Al-Lamadhhabiyyah Akhtar Bid’ah tuhaddid al-Shariah al-Islamiyyah, S. 15.

[4] Mankiw, Gregory: Macroeconomics, S. 413.

[5] Polanyi, Karl: The Great Transformation. Boston, Beacon Press, 1944, S. 73 ff.

[6] De Koning, Martijn: The ‘Other’ Political Islam. Understanding Salafi Politics. C. Hurst and Co. Publishers.

[7] Thurston, Alexander: Salafism in Nigeria, S. 10.

[8] Entnommen aus einem kürzlich stattgefundenen Gespräch mit M. Bushra über seine Einordnung des Themas.

[9] Yaşar, Nebahat Tanrıverdi O: Egyptian Salafi Movement in Post-Mobarek Period. ORSAM Uzman Yardımcısı.

[10] Mankiw, S. 413.

[11] Witham, Larry: Marketplace of the Gods. S. 146.

[12] Ebd.

[13] Brown, Jonathan AC: Is Islam Easy to Understand or Not?, Oxford University Press on behalf of the Oxford Centre for Islamic Studies, S. 117.

[14] Lauziere, S. 370.

[15] Ibn al-Qayyim: Al-Fawaid. S. 116.

[16] Witham, S. 131.

Dieser Artikel wurde erstmals am 31.07.2017 in englischer Sprache auf muftah.org publiziert. Der Autor ist Sheikh Joe Bradford, er graduierte 2004 mit einem LL.B. (Bachelor of Laws) in Islamischem Recht und Rechtstheorie an der Islamischen Universität von Medina/Saudi-Arabien (Themen: Finanzrecht, rechtliche Grundlagen und Jurisprudenz der hanbalitischen Rechtsschule). 2005 war er der erste US-Amerikaner, der zum LL.M. (Master of Law)-Studiengang an selbiger Universität zugelassen wurde. Seine Forschungsarbeiten zu jener Zeit: Sterbehilfe, Schiedsgerichtbarkeit innerhalb muslimischen Minderheiten, gewerbliche Geschäftsstrukturen unter islamischem Recht im Mittelalter, die Verwendung schwacher Überlieferungen in der hanbalitischen Rechtsschule.

Beruflich war er für private und staatliche Einrichtungen in der Rechtsprüfung tätig und arbeitete als Berater im Bereich Islamic Banking, spezialisiert auf die schariarechtliche Überprüfung von Finanzierungs- und Investitionskonzepten. 

2009 erhielt er zusätzlich seinen LL.M. (Master of Law) in der schafiitischen Rechtswissenschaft, mit einer Abschlussarbeit über den Universalgelehrten Badr al-Din al-Zarkashi.

Die Übersetzung wurde von Mitgliedern der Denkfabrik RÖG finanziert und erfolgte durch Korrekturlesen-HH.

`Abd al-Qadir al-Jilani: 10-Punkte-Leitfaden für eigenverantwortliches Handeln

10-Punkte-Leitfaden für selbstverantwortliches Handeln, zusammengefasst von Sh. Joe Bradford aus Al-Ghunya li-Talibi Tariq al-Haqq von Imam `Abd al-Qādir al-Jīlānī:

  1. Gebrauche Allahs Namen nicht unbedacht.
  2. Gib das Lügen auf.
  3. Breche niemals deine Versprechen.
  4. Verfluche niemanden und füge keinem anderen Schaden zu.
  5. Auch wenn dir Unrecht widerfährt, sei niemals selbst ungerecht zu anderen.
  6. Urteile nicht über andere und stempele sie nicht ab.
  7. Unterlasse es, auf die Sünden anderer zu schauen.
  8. Bürde anderen nichts auf, mache es ihnen nicht schwer.
  9. Beneide andere nicht, missgönne oder begehre nicht ihr Eigentum.
  10. Zeige Menschlichkeit der gesamten Schöpfung gegenüber.

Kurz gesagt: Ein Akt von tückischer Selbstgefälligkeit

von Yahya ibn Rainer

Es ist ein Akt von tückischer Selbstgefälligkeit, wenn man auf andere Muslime herabschaut, nur weil sie der einen oder anderen Sünde verfallen sind.

Diese Hybris geht bei einigen sogar so weit, dass sie dazu neigen diesen Sündern den wahren Glauben abzusprechen. Aus dieser kranken Sichtweise resultieren dann auch solch tödliche Angriffe auf Discotheken, Konzerte, Weihnachtsmärkte und andere öffentliche Festivitäten oder Plätze, weil man denkt, dass man damit „nur“ Ungläubige und Sünder zu Tode bringt.

Letzten Endes jedoch ist die eigene Fähigkeit, sich bestimmter Sünden zu enthalten, kein Garant für einen wahren, vollständigen und aufrichtigen Iman, denn einen enthaltsamen Lebensstil können auch Mönche, Sadhus und Asketen aus allen möglichen Religionen pflegen, ja sogar Atheisten sind im hohen Maße dazu befähigt.

Und so schrieb auch Imam ibn Tamiyyah – Allah sei ihm gnädig – folgendes über die Sünder:

«Es könnte sein, dass eine Person, die die Liebe [gegenüber Allah und Seinem Gesandten] inne hat, zu falschen Gelüsten hinsichtlich seines Bauches und Geschlechtsteiles und dem Ausgeben von Besitz dafür neigt. Aufgrund dessen, was er an Liebe und Religiosität inne hat, liebt er die Wahrheit und deren Leute und respektiert sie. So siehst du viele von denen, die ihren Gelüsten folgen, dass in ihnen das an Liebe zu Allah und Seinem Gesandten ﷺ vorhanden ist, was bei vielen enthaltsamen Dienern nicht vorhanden ist, so wie der Prophet ﷺ hinsichtlich der Person, die viel Alkohol trank, sagte: „Verflucht ihn nicht! Denn er liebt Allah und Seinen Gesandten.“»

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Zitat: Muhammad ash-Sha`rawi – Das Töten in einer Discothek

«Ich diskutierte einst mit einem extremistischen Jugendlichen und fragte ihn, ob das Sprengen einer Diskothek in einem muslimischen Land erlaubt oder verboten sei. Er sagte, dass es selbstverständlich erlaubt und ihre Tötung legitim sei. So fragte ich ihn, was ihr Ausgang wäre, wenn er sie töten würde, während sie Allah ungehorsam sind und er sagte, dass sie selbstverständlich in die Hölle kommen würden. So fragte ich, wohin der Satan sie mitnehmen möchte und er sagte, dass er sie in die Hölle mitnehmen möchte.

Ich sagte dann: ‹Somit verfolgt ihr und der Satan das gleiche Ziel, und zwar die Menschen ins Feuer zu bringen.› Sodann erwähnte ich die Überlieferung des Propheten ﷺ, als der Leichnam eines Juden ihn passierte, und er zu weinen begann. So fragten sie ihn: ‚Was bringt dich zum Weinen, o Gesandter Allahs?!‘ Er sagte: ‚[Es ist] eine Seele, die mir entkam und ins Feuer geht.‘

So sagte ich: ‹Merkst du den Unterschied zwischen euch und den Propheten ﷺ, der sich innig bemühte, um die Menschen auf den richtigen Weg zu bringen und sie vor dem Feuer zu erretten? Ihr seid in einem Tal und der geliebte Prophet Muhammad ﷺ befindet sich in einem anderen Tal.›»

— Sheikh Muhammad ash-Sha´rawi [Gest. 1419 n.H.] رحمه الله.

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Die „orientalische Rasse“ in der Anthropologie des beginnenden 20. Jahrhunderts

Im Band „Anthropologie“ der Reihe „Kultur der Gegenwart“ (3/5, Leipzig 1923) wurde im Kapitel „Spezielle Anthropologie oder Rassenlehre“ der Araber (beduinischer Prägung) der sogenannten „orientalischen Rasse“ zugeordnet.

Folgendes hatten die Verfasser auf Seite 171 des Werkes, welches damals als hochwissenschaftlich galt, über diese „orientalische Rasse“ zu berichten:

«Die orientalische Rasse ist hochbegabt, sehr intelligent; energisch und zäh ausdauernd, vorschauend und organisierend, verfügt sie über Erfinder und Denker. Die Phantasie und künstlerische Begabung sind nicht gerade gering, aber auch nicht hervorragend, die musikalische Anlage groß. Sehr groß ist das Gemeingefühl, die Kunst, sich unter- und einzuordnen, noch größer die Fähigkeit, Fremdes anzunehmen und wiederzugeben, zu suggerieren, auf andere zu wirken.»

Buchauszug: Michel Houellebecq – Von Linksislamisten und Linksnietzscheanern

«Vor allem jedoch seine linksislamischen Glaubensbrüder überschüttete er mit seinem Spott: Der Linksislam, schrieb er, sei ein verzweifelter Versuch verrotteter, verfaulter, klinisch toter Marxisten, sich aus dem Müllhaufen der Geschichte zu erheben, indem sie sich an die aufsteigenden Kräfte des Islam anbiederten. Auf konzeptioneller Ebene, fuhr er fort, seien sie genauso lächerlich wie die ‚Linksnietzscheaner‘.»

(Michel Houellebecq, Unterwerfung, S.246)

Ein herzlicher Dank geht raus an den Bruder Nando-Dragan Nuruddin Augener.

Buchauszug: Murad Wilfried Hofmann – Die tatsächliche westliche Geschichte seit der Aufklärung

«Die tatsächliche westliche Geschichte seit der Aufklärung war mitnichten die Verwirklichung der Vernunft, sondern eine Serie von Unmenschlichkeiten allergrößten Ausmaßes:

Verproletatisierung ganzer Landstriche und Kinderarbeit; Sklavenhaltung und Apartheid; zwei mörderische Weltkriege; Einsatz chemischer und nuklearer Waffen; systematische, ja im Falle von Nazi-Deutschland industrielle Vernichtung von Kulaken, Juden, Roma und Sinti, Homosexuellen und Geistesschwachen; bolschewistischer Staatsterror; faschistischer Chauvinismus; »ethnische Säuberungen« in Mitteleuropa, Kroatien, Bosnien und Serbien.

Für dieses singuläre Scheitern einer großen Idee, der Herrschaft der Vernunft über autonome Individuen, waren die Väter der Aufklärung nicht unmittelbar verantwortlich, etwa David Hume (1711-1776), Immanuel Kant (1727-1804), Frangois Marie Voltaire (1694-1778), Friedrich der Große (1712-1786), Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) oder Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832).

Erst recht ist den Hauptanregern der Aufklärung dieser Vorwurf zu ersparen, einem Michel Montaigne (1533-1592), René Descartes (1596-1650), John Locke (1632-1704) oder Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), denn sie alle waren keine die Existenz einer Gottheit leugnenden Atheisten, sondern Deisten, die an einen einzigen, weit abwesenden Gott (deus absconditus) glaubten, wenngleich nicht an das kirchlich vermittelte Christentum und sein trinitäres Gottesbild.

Ihre eigene Gottesvorstellung beruhte nicht auf Offenbarung, sondern Naturbeobachtung und Nachdenken. Sie wollten nicht Religion als solche abschaffen, wohl aber den erstickenden Dogmatismus der Kirchen und den Obskurantismus des (aus ihrer Sicht) ungebildeten, unduldsamen, herrschsüchtigen und schmarotzenden Klerus.

In der Tat benutzten einzelne Aufklärer den Islam, um auf diesem Umweg die Befreiung von dem als unerträglich empfundenen kirchlichen Joch zu beflügeln.

Lessing tat dies 1779 auf anständige (und daher für ihn riskante) Weise mit Hilfe der Vorbildlichkeit der Muslime in seinem Theaterstück »Nathan der Weise«.2 Voltaire hingegen, dafür von Friedrich dem Großen durch die Blume gerügt, hatte dies zuvor mit seinem Drama von »Mahomet« (1742), dem »Lügenpropheten«, auf weniger anständige (und weniger riskante) Weise getan, wider besseres Wissen und zu Lasten des Islam. Er schlug den Sack (Islam) und meinte den Esel (die römische Kirche).

Schließlich hatten sich auch Kants Kritiken zunächst nicht anti-religiös, sondern nur anti-kirchlich ausgewirkt.

Mit seiner »Kritik der reinen Vernunft« (1781) hatte er nicht etwa die Nichtexistenz Gottes bewiesen (noch beweisen wollen), sondern nur die Unzuverlässigkeit jeder Metaphysik, die über Erkenntniskritik hinausgeht und damit notwendigerweise spekulativ oder – wie Ludwig Wittgenstein gesagt hätte – zum Sprachspiel wird. Ganz im Gegenteil: In seiner folgenden »Kritik der praktischen Vernunft« (1788) arbeitete Kant mit dem (für das Funktionieren der Gesellschaft notwendigen) Postulat Gottes, d.h. mit Gott als nützlicher Arbeitshypothese.

Dennoch führte die von der Aufklärung bewirkte Befreiung des Menschen von kirchlicher Bevormundung zur Marginalisierung der Religion. Das anstelle Gottes zum Maßstab aller Dinge aufsteigende und während der Französischen Revolution inthronisierte »autonome« (!) Individuum wurde in grandioser Selbstüberschätzung zum neuen Idol, da die Autonomie des Menschen als prinzipiell universell und grenzenlos gedacht war.»

(Murad Wilfried Hofmann. Der Islam im 3. Jahrtausend  Eine Religion im Aufbruch, Seite 20-21 )

Zitat: Ibn Hazm – Was NICHT zu den Pflichten der Ehefrau gehört

«Es obliegt der Frau grundsätzlich überhaupt nicht, ihrem Mann mit irgendetwas zu dienen, weder mit Teigkneten, noch mit Kochen, Einrichtung, Fegen, Spinnen, Weben oder mit sonst irgendetwas. Wenn sie es aber tut, so ist es besser für sie. Dem Mann obliegt es hingegen, sie mit fertig genähter Kleidung und fertig gekochtem Essen zu versorgen. Sie hat lediglich einen guten Umgang mit ihm zu pflegen, nicht freiwillig ohne seine Erlaubnis zu fasten, während er zugegen ist, niemanden in sein Haus zu lassen, den er nicht mag, sich nicht zu verweigern, wenn er nach ihr verlangt und das zu behüten, was er an Vermögen bei ihr gelassen hat.»

 – Abū Muhammad `Alī Ibn Hazm (gest. 456 n.H.) in Al-Muhallaa

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Zitat: Ibn Hazm – Über Zölle, Mehrwertsteuer und andere Handelsabgaben

«Es besteht Konsens darüber, dass die Zollposten auf den Wegen und an den Toren der Städte, sowie das, was auf den Märkten an Abgaben auf die von Händlern und Vorbeikommenden herbeigeschafften Waren erhoben wird, gewaltiges Unrecht, Sünde und Frevel ist.»

 – Abū Muhammad `Alī Ibn Hazm (gest. 456 n.H.) in Maraatib al-Ijmaa

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Zitat: Abd al-Qadir al-Jilani – Das Verlangen nach Versorgung kommt von Allah

«Wenn Er (Allāh) dir also etwas von deinem Anteil zukommen lassen will, welchen du erlangen sollst und es als Versorgung keinem zukommen soll außer dir, dann lässt Er in dir ein Verlangen entstehen und führt dich anschließend dahin.»

 – Abd al-Qadir al-Jilani (gest. 561 n.H.)

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Zitat: Ibn al-Qayyim – Geld in der Hand oder im Herzen

«Wann immer das Vermögen bzw. Geld in deiner Hand und nicht in deinem Herzen ist, wird es dir nicht schaden, auch wenn es viel ist. Doch wenn es in deinem Herzen ist, wird es dir schaden, auch wenn du davon nichts in deiner Hand hast.»

 – Ibn Qaiyim al-Jawzīya (gest. 751 n.H.)

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Zitat: Ibn al-Qayyim – Händler sind für die Schöpfung, was Fische für das Meer sind

«Die Schöpfung ist [wie] das Meer: Die Gelehrten sind dessen Perlen [Schmuck], die Asketen dessen Ambra [Parfüm], die Händler dessen Fische [Nutzen], die Übeltäter deren Krokodile und die Unwissenden der Schaum auf dessen Oberfläche.»

 – Ibn Qayyim al-Jawziyyah (gest. 751 n.H.)

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Hadith: Wer müht sich ab auf dem Wege Allahs?

Der Tabi’i Ayub as-Sakhtiyani berichtete folgendes:

„Mir wurde gesagt, dass einst die Gefährten des Propheten ﷺ in einem ihrer Häuser [zusammen] waren. Ein Mann beehrte sie und sie waren über dessen Jugend und Kraft erstaunt, [und] hierauf sagten sie:

«Wenn er doch nur seine Jugend und Kraft auf dem Wege Allahs nutzen würde [d.h. im Kampf].»

Der Prophet ﷺ hörte dies und sagte:

«Befindet sich etwa nur derjenige auf dem Wege Allahs, der kämpft oder an einem Feldzug teilnimmt?
Wer sich bemüht, um [selbst] bedürfnislos zu sein*, der ist auf dem Wege Allahs!
Wer sich bemüht, dass seine Eltern bedürfnislos sind, der ist auf dem Wege Allahs!
Wer sich bemüht, dass seine Familie bedürfnislos ist, der ist auf dem Wege Allahs.
Wer sich bemüht, Besitz anzuhäufen, um anzugeben, der ist auf dem Wege Satans.»“

(Quelle: Tanbihul Ghafilin von Muhammad Ibn Ibrahim as Samaraqandi / Hadith 225# / al-Albani verzeichnet den Hadith in seinem As-silsilah as-shahihah / Abu Huraira überliefert ihn in einem ähnlichen Wortlaut )

[*Mit „Bemühen um Bedürfnislosigkeit“ ist die Erlangung/Erwirtschaftung der jeweiligen Versorgung gemeint.]

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