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Oswald Spenglers Darlegung der verschiedenen kulturellen Geistesepochen

Oswald Spengler unterteilt in seinem monumentalen kulturphilosophischen Geschichtswerk „Der Untergang des Abendlandes“ (1922) die Entwicklungsstadien der allgemeinen Geistesgeschichte in 4 Epochen, die er nach den Jahreszeiten benennt und innerhalb dieser Jahreszeiten in verschiedene Phasen einteilt.

FRÜHLING: Landschaftlich-intuitiv. Mächtige Schöpfungen einer erwachenden traumschweren Seele. Überpersönliche Einheit und Fülle.

  1. Geburt eines Mythus großen Stils als Ausdruck eines neuen Gottgefühls. Weltangst und Weltsehnsucht.
  2. Früheste mystisch-metaphysische Gestaltung des neuen Weltblickes.

SOMMER: Reifende Bewusstheit. Früheste städtisch-bürgerliche und kritische Regungen.

  1. „Reformation“: Innerhalb der Religion volksmäßige Auflehnung gegen die großen Formen der Frühzeit.
  2. Beginn einer rein philosophischen Fassung des Weltgefühls. Gegensatz idealistischer und realistischer Systeme.
  3. Bildung einer neuen Mathematik. Konzeption der Zahl als Abbild und Inbegriff der Weltform.
  4. „Puritanismus“: Rationalistisch-mystische Verarmung des Religiösen. Intellektueller Fanatismus.

HERBST: Großstädtische Intelligenz. Höhepunkt strenggeistiger Gestaltungskraft.

  1. „Aufklärung“: Glaube an die Allmacht des Verstandes. Kultus der „Natur“. „Vernünftige Religion“.
  2. Höhepunkt des mathematischen Denkens. Abklärung der Formenwelt der Zahlen.
  3. Die großen abschließenden Systeme.

WINTER: Anbruch der weltstädtischen Zivilisation. Erlöschen der seelischen Gestaltungskraft. Das Leben selbst wird problematisch. Ethisch-praktische Tendenzen eines irreligiösen und unmetaphysischen Weltstädtertums.

  1. Materialistische Weltanschauung: Kultus der praktischen Erfahrung des Nutzens, des Glückes.
  2. Ethisch-gesellschaftliche Lebensideale: Epoche der „Philosophie ohne Mathematik“.
  3. Innere Vollendung der mathematischen Formenwelt. Die abschließenden Gedanken.
  4. Sinken des abstrakten Denkertums zu einer fachwissenschaftlichen Kathederphilosophie. Kompendienliteratur.
  5. Das Ende: Ausbreitung einer letzten Weltstimmung.

In einer Schautafel vergleicht Spengler anhand dieser Unterteilung die Geistesgeschichten der indischen, der antiken (griechischen), der arabischen und der abendländischen Kultur.

Was meint ihr, an welcher Stelle er kurz und bündig „Mohammed, 620“ eingetragen hat?

Hier eine Neueditierung der Spenglerschen Schautafel auf http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-untergang-des-abendlandes-erster-band-5332/20

Buchauszug: Oswald Spengler – Die bolschewistischen Kreuzzüge in die arabische Zivilisation

«Der Islam hat dieser Welt endlich und viel zu spät das Bewußtsein der Einheit verliehen, und darauf beruht das Selbstverständliche seines Sieges, das ihm Christen, Juden und Perser fast willenlos zuführte.

Aus dem Islam hat sich dann die arabische Zivilisation entwickelt, die in ihrer höchsten geistigen Vollendung stand, als vorübergehend die Barbaren des Abendlandes hereinbrachen und nach Jerusalem zogen. Wie mag sich dies Schauspiel in den Augen vornehmer Araber ausgenommen haben? Etwas bolschewistisch vielleicht?

Für die Politik der arabischen Welt waren die Verhältnisse in „Frankistan“ etwas, auf das man herabsah.»

(Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Seite 606)

Buchauszug: Oswald Spengler – Die Seele der magischen Kultur fand im Islam ihren wahren Ausdruck

«Der Islam ist eine neue Religion fast nur in dem Sinne, wie das Luthertum eine solche war. In Wirklichkeit setzt er die großen Frühreligionen fort. Und ebensowenig ist seine Ausbreitung, wie immer noch geglaubt wird, eine Völkerwanderung, die von der arabischen Halbinsel ausgeht, sondern vielmehr ein Ansturm begeisterter Bekenner, der lawinengleich die Christen, Juden und Mazdaisten mit sich reißt und als fanatische Moslime alsbald an der Spitze führt.

Es waren Berber aus der Heimat Augustins, die Spanien eroberten, und Perser aus dem Irak, die zum Oxus vordrangen. Die Feinde von gestern wurden die Vorkämpfer von morgen. Die meisten »Araber«, die 717 zum ersten Male Byzanz angriffen, sind als Christen geboren worden. Um 650 erlischt mit einem Schlage die byzantinische Literatur, ohne daß der tiefere Sinn davon bis jetzt bemerkt worden wäre: diese Literatur setzt sich in der arabischen fort; die Seele der magischen Kultur fand endlich im Islam ihren wahren Ausdruck. Damit ist diese Kultur wirklich »arabisch« und endgültig von der Pseudomorphose erlöst worden. […]

Die großen Gestalten der Umgebung Mohammeds wie Abu Bekr und Omar sind durchaus den puritanischen Führern der englischen Revolution wie John Pym und Hampdon verwandt, und diese Ähnlichkeit der Gesinnung und Haltung würde noch größer sein, wüßten wir mehr von den Hanifen, den arabischen Puritanern vor und neben Mohammed.»

(Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Seite 933 f.)

Buchauszug: Oswald Spengler – Die Befreiung des magischen Menschentums durch den Islam

«Dies allein erklärt die ungeheure Vehemenz, mit welcher die durch den Islam auch künstlerisch endlich befreite und entfesselte arabische Kultur sich auf alle Länder warf, die ihr seit Jahrhunderten innerlich zugehörten, das Zeichen einer Seele, die fühlt, daß sie keine Zeit zu verlieren hat, die voller Angst die ersten Spuren des Alters bemerkt, bevor sie eine Jugend hatte.

Diese Befreiung des magischen Menschentums ist ohnegleichen. Syrien wird 634 erobert, man möchte sagen erlöst; Damaskus fällt 635, Ktesiphon 637. 641 wird Ägypten und Indien erreicht, 647 Karthago, 676 Samarkand, 710 Spanien; 732 stehen die Araber vor Paris.

So drängt sich hier in der Hast weniger Jahre die ganze Summe ausgesparter Leidenschaft, verspäteter Schöpfungen, zurückgehaltener Taten zusammen, mit denen andre Kulturen, langsam aufsteigend, die Geschichte von Jahrhunderten füllen konnten.

Die Kreuzfahrer vor Jerusalem, die Hohenstaufen in Sizilien, die Hansa in der Ostsee, die Ordensritter im slawischen Osten, die Spanier in Amerika, die Portugiesen in Ostindien, das Reich Karls V., in dem die Sonne nicht unterging, die Anfänge der englischen Kolonialmacht unter Cromwell – das alles sammelt sich in der einen Entladung, welche die Araber nach Spanien, Frankreich, Indien und Turkestan führte.»

(Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Seite 276)

#Erdogan #Todesstrafe #Aufklärung #Abendland

von Yahya ibn Rainer

Da sich momentan viele aufgeklärte Europäer (und mit der Aufklärung infizierte Orientale) über die Ankündigung Erdogans erregen, er wolle ggf. die Todesstrafe wieder einführen, möchte ich zum Thema gern einmal einen Vordenker der abendländischen Aufklärung zu Wort kommen lassen:

locke

*John Locke war ein einflussreicher englischer Philosoph und Vordenker der Aufklärung. Locke gilt allgemein als Vater des Liberalismus und als einer der bedeutendsten Vertragstheoretiker im frühen Zeitalter der Aufklärung.

«Unter politischer Gewalt also verstehe ich ein Recht, Gesetze zu geben mit Todesstrafe und folglich allen geringeren Strafen, zur Regelung und Erhaltung des Eigentums, und die Macht der Gemeinschaft zu gebrauchen, um diese Gesetze zu vollziehen und das Gemeinwesen gegen Schädigung von außen zu schützen, und alles dies allein für das öffentliche Wohl.»

(*John Locke, Zweite Abhandlung über die Regierung, 1. Kapitel, Punkt 3)

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«Der Mensch wird, wie nachgewiesen worden ist, mit einem Rechtsanspruch auf vollkommene Freiheit und unbeschränkten Genuß aller Rechte und Privilegien des Naturrechts, in gleichem Verhältnis wie jeder andere Mensch oder eine Menge von Menschen geboren.

Dadurch hat er von Natur eine Gewalt, nicht allein sein Eigentum, d. h. Leben, Freiheit und Besitz gegen die Schädigungen und Angriffe anderer zu schützen, sondern auch über jede Verletzung dieses Rechtes durch andere zu richten und sie so zu bestrafen, wie es nach seiner Überzeugung das Vergehen verdient, sogar mit dem Tod, wenn es sich um Verbrechen handelt, deren Abscheulichkeit nach seiner Meinung die Todesstrafe erfordert.»

(*John Locke, Zweite Abhandlung über die Regierung, 7. Kapitel, Punkt 87)

H. H. Frank über den Sufismus (7. Teil)

„Diese wirtschaftlichen Fragen sind bereits international geworden, d. h. derselbe Zustand, dessen Bestehen in Europa zur Zeit weder geleugnet, noch durch die Staatsreligion geändert werden kann, erfährt eine Ausdehnung über den Erdball, weil die Kulturmittel, um sich wirtschaftlich halten zu können, vom ganzen Erdball getragen werden müssen.

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Buchauszug: Ludwig Ferdinand Clauß – Von Wüsten- und Waldgängern (Die Geborgenheit in der Preisgegebenheit)

Die Wege zur Rechtleitung sind bekanntermaßen recht unterschiedlich. Die einen hören erstmals einen Gebetsruf, andere lesen durch Zufall in einer Koranübersetzung, andere wiederum haben einen Traum oder kommen gar erst durch islamkritische oder -feindliche Betätigungen zur leitenden Einsicht.

Für den deutschen Psychologen, Philosophen und Anthropologen Prof. Dr. phil. Ludwig Ferdinand Clauß (1892-1974) jedoch schien die Wüste eine prägnante Rolle gespielt zu haben, als er im Rahmen einer 1927 beginnenden Forschungsreise im Nahen Osten den Islam annahm. Welchen Eindruck die morgenländische Wüste in ihm auslöste und wie er das abendländische Gegenstück dazu, nämlich den Wald, betrachtete, das könnt ihr hier lesen:

„Die Bedeutung des Waldes für den Gottesmann, der ihn aufsucht, stimmt also in einem Punkte überein mit dem, was die Wüste für den Wüstengänger, den Eremiten, ist: der Ort, wohin er sich vom Umgang mit den Menschen zurückzieht, um Gott zu begegnen. Soweit stimmt die sprachliche Gleichung des abendländischen Dichters: Wüste wie Wald.

Und dennoch ist, sobald man nunmehr sprachlich ins einzelne geht, alles ganz anders. Der Wald ist dem Waldgänger eine schützende Hülle; wer sie verläßt, kehrt ins Ungeschützte zurück: «thó forlét he waldes hleo» [aus dem Heliand, Anm. d. Verf.]. Das Wort hleo ist dasselbe wie das Seemannswort für Windschutz: Lee. Man hüllt sich in Wald ein, man wickelt sich darein wie in eine bergende Decke.

Wer wird dergleichen je von der Wüste sagen wollen, sofern er die Wüste kennt? Gewiß, auch sie birgt, aber – ganz anders.

Der Wald hat Möglichkeiten, die einander widersprechen; er wird, wenn man entsprechend mit ihm umgeht, sogar gemütlich. Unsere Sprache erlaubt es, ihn klein und niedlich zu sehen, indem sie „Wäldchen“ sagt. Auch der kleine Mann kann sein Wäldchen beim Hause haben. – Und nun die Gegenprobe. Es widerspräche sich selbst und wirkte lächerlich, wollte man in irgendeinem entsprechenden Sinne von einem Wüstchen reden. Das Groß- und Weitsein, das Ins-Unbegrenzte-Greifen liegt schon im Begriffe der Wüste. Auch das Unverhüllte. Bergwüste sieht aus wie die Welt am Schöpfungstage, als es noch keinen hüllenden Bewuchs gab. Sie gewährt das Erlebnis der Preisgegebenheit, die durch nichts zu bannen ist als durch die unbedingte Hingabe.

Hier ist das vom Propheten Muhammad gestaltete Grunderlebnis des Islams: das Menschsein vor dem unsichtbaren Antlitz einer Macht, der gegenüber der Mensch das bare Nichts ist, ihr ohne jede Bedingung preisgegeben. Es gibt nur die eine Rettung, sich der Macht ohne jede Bedingung zu unterwerfen. Das Sein vor Gott wird in ein Sein zu Gott verwandelt: das preisgegebene Nichts birgt sich in jener Macht, die alles ist. Geborgenheit in der Preisgegebenheit.

Es ist das äußerste Gegenteil zu jener Haltung des modernen Menschen, die sich im Existenzialismus bewußt wird: der abendländische Mensch der Gegenwart erlebt sein Dasein als „ins Nichts gehalten“.

Das Wort Islam bedeutet genau die andere Haltung, wo das Nichts in die allesseiende Macht gehalten und in ihr entnichtet wird. Das ist „Weisheit der Wüste“.

Ich sehe keine ihr entsprechende Weisheit des Waldes, die das Abendland entwickelt hätte. (Indische Weisheit hat mit dem Walde zu tun, doch der indische Wald und der indische Mensch sind anders.)

Ein Denker des Abendlandes, Ernst Jünger, hat für unsere Zeit die Möglichkeit einer Seinsform aufgewiesen, die er den Waldgänger nennt (Ernst Jünger, Der Waldgang, Frankfurt a. M. 1950), er stellt sich neben den Arbeiter und den unbekannten Soldaten. Sie entsteht durch Ablehnung einer Gewaltherrschaft und Wahrung der Freiheit in einer unfreien Welt. Der Wald, um den es da geht, ist nicht sichtbar und greifbar wie eine wirkliche Landschaft, sondern etwas Gedachtes: eine Abstraktion.

Wie wäre es anders möglich in einer Welt, wo der Wald ein Forst ist, in dem sich niemand verliert, oder gar ein Park: kein sinweldi wie der Wald des Helianddichters. Im Forst kann sich niemand bergen. Jener Waldgang, von dem Ernst Jünger sagt, daß darin der Mensch sich selbst begegne „in seiner unaufgeteilten und unzerstörbaren Substanz“, vollzieht sich in einer Welt, die niemals Wüste hatte und auch den Wald verlor. Kürzer gesagt: es ist ein Waldgang ohne Wald.

(Prof. Dr. phil. Ludwig Ferdinand Clauß, Die Weltstunde des Islams, © 1963, Seite 124-125)

Auszug: Dominik Tischleder – Die hilflose Anrufung des „Abendlandes“ ist womöglich Ausdruck eines verzweifelten Relativismus

«Nun, da nach Lage der Dinge das „Abendland“ wie auch die „Leitkultur“ nicht mehr vorhanden sind, sondern faktisch, egal wie bedrohlich oder sonstwie unschön man das findet, einem Pluralismus der Lebensformen weichen mussten, ist all das, was dann einem „Abendländer“ als besonders „abendländisch“ gilt, für seine Mitbürger nicht mehr unmittelbar einsichtig und bindend. Deshalb kann man in leichter Abwandlung Carl Schmitts formulieren: „Wer Abendland sagt, will geltend machen und durchsetzen. Tugenden übt man aus; Normen wendet man an; Befehle werden vollzogen, aber das Abendland wird gesetzt und durchgesetzt.“

In der Benutzung des Begriffs spiegelt sich eine Machtfrage: Wer interpretiert die Geschichte? Gleichsam also das Interesse derjenigen, die sie beantworten und nun auf Durchsetzung drängen. Vor allem wird das, was „Abendland“ inhaltlich ausmachen soll, rettungslos durch die jeweils gerade aktuellen politischen Lagen und Wertvorstellungen bestimmt, heute sind es eben die „judeo-christlichen Werte“, früher mehr die Werte der „Volksgemeinschaft“ oder die Abendlandwerte der „Grand Nation“.

Die hilflose Anrufung des „Abendlandes“ in politischer Absicht ist, entgegen seiner Intention, womöglich selbst Ausdruck eines verzweifelten Relativismus, denn in der Nutzbarmachung ist sie eben nicht Ausdruck einer Gemeinschaft, die versucht, das Gute zu erkennen und zu tun, sondern selbstgerechter Ausdruck derer, die die Wahrheit beziehungsweise das, was sie dafür halten, bereits gefunden haben. Ein Zug zur Gesinnungsschnüffelei wird so unvermeidlich, denn um Gesinnung geht es ja, wenn man genötigt wird, sich zu irgendwelchen gerade aktuellen „Abendlandwerten“ zu bekennen, nur weil man beispielsweise ein rechtschaffener, hier wohnender Bürger islamischen Glaubens ist.»

(Dominik Tischleder, Pegida und das „Abendland“ – Gegenwartsskizze und Begriffsgeschichte, Magazin eigentümlich frei, Nr. 150, Seite 18-19)

Buchauszug: Ludwig Ferdinand Clauß – Die Vergötterung des Eigenen

„Die Vergötterung des Eigenen, wie sie in jüngstvergangener Zeit sogar zur Staatsdoktrin erhoben worden ist, hat eine Vorgeschichte, die bis zum Beginn der Neuzeit im Entdeckungsalter zurückreicht. Als der Mensch des Abendlandes (wohlgemerkt: nur dieser und nicht der Mensch überhaupt) aufzuhören begann, sich mikrokosmisch zu fühlen und nun aus der Mitte dessen, was ihm als „die Welt“ bewußt war, ausgreifend abtrat, fing Gott, um mit Nietzsche zu reden, zu „sterben“ an; anders gesagt: die Gotteserfahrung trat in eine fiebernde Krise, die als Befreiung galt und doch nichts anderes war, als ein „Menschlichwerden“ durch die Entfremdung von Gott.

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Buchauszug: Sigrid Hunke – Die arabische Ritterlichkeit und das germanische Rittertum

„Diese arabische Ritterlichkeit hat das germanische Rittertum unmittelbar angesprochen und tief beeindruckt. In der Gestalt des „edlen Heiden“, der im Verzicht auf den Sieg das Schwert fortwirft und dem tapferen Gegner über alle nationalen und religiösen Schranken hinweg die Hand reicht, hat der ritterliche Wolfram von Eschenbach der arabischen Ritterlichkeit ein ergreifendes, unvergängliches Denkmal gesetzt: erst der „Heide“ Feirefiz lehrt seinem Helden Parzival die letzte Stufe wahren Rittertums erklimmen.“

(Dr. Sigrid Hunke, Allahs Sonne über dem Abendland – Unser arabisches Erbe, Seite 200)

Der Orientreisende Herman Heinrich Frank über den Sufismus (1901)

Seit einigen Tagen lese ich das Buch Das Abendland und das Morgenland – Eine Zwischenreichbetrachtung von Herman Heinrich Frank, dass 1901 im Leipziger Hermann Seeman Nachfolger Verlag publiziert wurde.

Über den Autoren konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen, außer das, was er im Buch selbst an Auskunft gibt. Dort schreibt er im recht kurz gehaltenen Vorwort:

„Jedenfalls habe ich uneigennützig gehandelt. Für die Ehre und Schande einer Kritik fehlt mir jedes Verständnis. Und was fünfzehn Jahre im Orient mir allmählig an Eindrücken aufgedrungen und aufgezwungen, ist eben so über und unter aller Kritik, wie die Eindrücke, die mir Europa vorher und nach langer Abwesenheit aufs neue in die Seele gesenkt hat. Reden mußt ich! Hier stehe ich; ich kann nicht anders.“

Und so liest sich das Werk dann auch. Ein gebildeter Europäer mit 15 Jahren Orienterfahrung kehrt zurück und versucht aufrichtig und objektiv die Verhältnisse, Entwicklungen und Gesinnungen beider Welten zu vergleichen. Über weite Teile kommt der Orient – und vor allem der Muslim dort – recht gut weg und Europa muss u.a. für seine sittliche Rückentwicklung einige Federn lassen.

Zum Ende hin jedoch thematisiert H. H. Frank ein Phänomen des Orients, welches ihm wohl eine etwas ausführlichere Auseinandersetzung wert war, nämlich den Sufismus.

Allein die Tatsache, dass diese Betrachtung von einem Außenstehenden vorgenommen wurde, macht sie schon interessant, aber H. H. Frank ist eben zudem noch mehrjährig orienterfahren und nachweislich um Objektivität bemüht, was zusätzlich zur Lektüre motiviert.

So werde ich also den gesamten Abschnitt zu diesem Thema abschreiben und in mehreren Teilen hier publizieren.

H. H. Frank über den Sufismus (1. Teil)

H. H. Frank über den Sufismus (2. Teil)

H. H. Frank über den Sufismus (3. Teil)

H. H. Frank über den Sufismus (4. Teil)

H. H. Frank über den Sufismus (5. Teil)

H. H. Frank über den Sufismus (6. Teil)

H. H. Frank über den Sufismus (7. Teil)

H. H. Frank über den Sufismus (8. Teil)

H. H. Frank über den Sufismus (9. Teil)

H. H. Frank über den Sufismus (10. Teil)

Buchauszug: Herman Heinrich Frank – Ordnung vs. Freiheit (1901)

«[Es] müßten doch vor allem die gebildeten Elemente, die, aus dem Orient kommend, in Europa Bildung und Erziehung suchen, ganz objektiv und aus eigener Anschauung für die Sache [der europäischen Ordnung] gewonnen, [in den Orient] zurückkehren.

Das ist nicht der Fall! Natürlich finden sie im Einzelnen die Ordnung hier besser, als die Unordnung daheim. Aber das Leben ist penibler, ernster, der Kampf ums Nötige schrecklicher, die Armut entsetzlicher. In Summa, die Leute hier seufzen über die Ordnung, die soziale Frage glimmt unter der Asche, während der ganze Orient eine sorglose Fröhlichkeit und eine viel größere persönliche Freiheit atmet.

Es ist mehr Behagen, mehr Zeit und freie Kräfte für Geistiges. Ja, der Orient hat Zeit und Luft und die Möglichkeit, es mit der Religion, dem Jenseits ernster zu nehmen.»

(Herman Heinrich Frank, Das Abendland und das Morgenland – Eine Zwischenreichbetrachtung von Herman Frank, ©1901, Seite 101)

Buchauszug: Herman Heinrich Frank – Staat und Centralismus im Orient (1901)

„Rede man dem Orientalen vom Staat, vom Vaterland, von der Gemeinde, von der Verwaltung. Er wird mit den Achseln zucken. Es wird ihm peinlich. Ja, der Staat muß wohl sein; sonst gäbe es ein politisches Durcheinander, man könnte dann gar nicht existieren. Also mag der Staat wohl sein, aber er wird als allgemeine Belästigung empfunden, nirgends als eine Förderung verehrt. […]

Wo der Stammeschef oder Hausvater staatsrechtlich und mit einer Art Selbstverwaltung seine Interessen vertritt, da bieten die Familienbande eine gewisse Rechtsgewehr; aber darüber hinaus hat jede centralistische, auf einen Beamtenstaat gebaute Konstruktion jeder gesunden Unterlage entbehrt.“

(Herman Heinrich Frank, Das Abendland und das Morgenland – Eine Zwischenreichbetrachtung von Herman Frank, ©1901, Seite 91-92)

Buchauszug: Herman Heinrich Frank – Der Orient in seinem beneidenswerten Behagen (1901)

„Da wir hier indes vom Erwerbsleben sprechen, hatten wir jene Bemerkung nur voraus geschickt, um klar zu machen, daß das ungeheure, wirtschaftliche Übergewicht der Europäer, auf welches wir den Anspruch der Unterjochung des Orients gründen, zwar faktisch besteht, und daß wir sogleich auf eine unstreitig ganz traurige Wirtschaft zu sprechen kommen werden; daß der Abendländer aber über die tieferen Gründe der Sache in einer noch traurigeren Urteilsverdunkelung lebt.

Buchauszug: Herman Heinrich Frank – Der Orient in seinem beneidenswerten Behagen (1901) weiterlesen

Buchauszug: Herman Heinrich Frank – Mehr persönliche Freiheit (1901)

„Nicht nur vom Gemütsleben aus, sondern vom Standpunkt des wirtschaftlichen Lebens schafft der Orient ganz andere Bedingungen. Das Menschenleben ist im Abendlande im Doppelsinn teurer, im Orient billiger. Ursache und Wirkung laufen durcheinander, wenn der Orientale sein Einzelleben, mit Ergebung ins allgemeine große Geschehen, weniger teuer findet, geringer anschlägt. Allah hat einen Teil der Sorgen des bei uns sorgfältig geregelten Erwerbslebens dem Orientalen abgenommen.

Buchauszug: Herman Heinrich Frank – Mehr persönliche Freiheit (1901) weiterlesen