Schlagwort-Archive: Herrschaft

Zitat: Wael B. Hallaq – Es gab nie einen islamischen Staat …

«Es gab nie einen islamischen Staat. Der Staat ist modern und mit modern meine ich nicht eine besondere zeitliche Einheit an irgendeinen Punkt auf der Chronik der Menschheitsgeschichte. Das Moderne ist eine spezifische Struktur von Beziehungen, welche sich als ein einzigartiges Phänomen auszeichnet. Sie stellt eine besondere Qualität dar.

Aus diesem Grund stellt der Gebrauch des Begriffs “ Islamischer Staat“ – im Sinne einer Entität, die in der Geschichte bereits existierte – nicht nur ein Frönen in anachronistischem Denken dar, sondern verkennt auch die strukturellen und qualitativen Unterschiede zwischen dem modernen Staat und seinen „Vorgängern“, insbesondere im Vergleich mit dem, was ich als „islamische Herrschaftsform“ bezeichne.»

(Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament, Seite 48)

Buchauszug: Murad Wilfried Hofmann – Die tatsächliche westliche Geschichte seit der Aufklärung

«Die tatsächliche westliche Geschichte seit der Aufklärung war mitnichten die Verwirklichung der Vernunft, sondern eine Serie von Unmenschlichkeiten allergrößten Ausmaßes:

Verproletatisierung ganzer Landstriche und Kinderarbeit; Sklavenhaltung und Apartheid; zwei mörderische Weltkriege; Einsatz chemischer und nuklearer Waffen; systematische, ja im Falle von Nazi-Deutschland industrielle Vernichtung von Kulaken, Juden, Roma und Sinti, Homosexuellen und Geistesschwachen; bolschewistischer Staatsterror; faschistischer Chauvinismus; »ethnische Säuberungen« in Mitteleuropa, Kroatien, Bosnien und Serbien.

Für dieses singuläre Scheitern einer großen Idee, der Herrschaft der Vernunft über autonome Individuen, waren die Väter der Aufklärung nicht unmittelbar verantwortlich, etwa David Hume (1711-1776), Immanuel Kant (1727-1804), Frangois Marie Voltaire (1694-1778), Friedrich der Große (1712-1786), Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) oder Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832).

Erst recht ist den Hauptanregern der Aufklärung dieser Vorwurf zu ersparen, einem Michel Montaigne (1533-1592), René Descartes (1596-1650), John Locke (1632-1704) oder Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), denn sie alle waren keine die Existenz einer Gottheit leugnenden Atheisten, sondern Deisten, die an einen einzigen, weit abwesenden Gott (deus absconditus) glaubten, wenngleich nicht an das kirchlich vermittelte Christentum und sein trinitäres Gottesbild.

Ihre eigene Gottesvorstellung beruhte nicht auf Offenbarung, sondern Naturbeobachtung und Nachdenken. Sie wollten nicht Religion als solche abschaffen, wohl aber den erstickenden Dogmatismus der Kirchen und den Obskurantismus des (aus ihrer Sicht) ungebildeten, unduldsamen, herrschsüchtigen und schmarotzenden Klerus.

In der Tat benutzten einzelne Aufklärer den Islam, um auf diesem Umweg die Befreiung von dem als unerträglich empfundenen kirchlichen Joch zu beflügeln.

Lessing tat dies 1779 auf anständige (und daher für ihn riskante) Weise mit Hilfe der Vorbildlichkeit der Muslime in seinem Theaterstück »Nathan der Weise«.2 Voltaire hingegen, dafür von Friedrich dem Großen durch die Blume gerügt, hatte dies zuvor mit seinem Drama von »Mahomet« (1742), dem »Lügenpropheten«, auf weniger anständige (und weniger riskante) Weise getan, wider besseres Wissen und zu Lasten des Islam. Er schlug den Sack (Islam) und meinte den Esel (die römische Kirche).

Schließlich hatten sich auch Kants Kritiken zunächst nicht anti-religiös, sondern nur anti-kirchlich ausgewirkt.

Mit seiner »Kritik der reinen Vernunft« (1781) hatte er nicht etwa die Nichtexistenz Gottes bewiesen (noch beweisen wollen), sondern nur die Unzuverlässigkeit jeder Metaphysik, die über Erkenntniskritik hinausgeht und damit notwendigerweise spekulativ oder – wie Ludwig Wittgenstein gesagt hätte – zum Sprachspiel wird. Ganz im Gegenteil: In seiner folgenden »Kritik der praktischen Vernunft« (1788) arbeitete Kant mit dem (für das Funktionieren der Gesellschaft notwendigen) Postulat Gottes, d.h. mit Gott als nützlicher Arbeitshypothese.

Dennoch führte die von der Aufklärung bewirkte Befreiung des Menschen von kirchlicher Bevormundung zur Marginalisierung der Religion. Das anstelle Gottes zum Maßstab aller Dinge aufsteigende und während der Französischen Revolution inthronisierte »autonome« (!) Individuum wurde in grandioser Selbstüberschätzung zum neuen Idol, da die Autonomie des Menschen als prinzipiell universell und grenzenlos gedacht war.»

(Murad Wilfried Hofmann. Der Islam im 3. Jahrtausend  Eine Religion im Aufbruch, Seite 20-21 )

Kurz gesagt: Natürliche und widernatürliche Formen des Lebensunterhaltes

Ibn Khaldun unterteilt in seiner Muqaddima die verschiedenen Arten (des Erwerbs) des Lebensunterhaltes in natürliche und widernatürliche Formen.

Zu den natürlichen Formen zählt er, in der Reihenfolge ihrer Natürlichkeit bzw. Ursprünglichkeit (1. = am natürlichsten) …

  1.  Landwirtschaft
  2. Handwerk/Gewerbe
  3. Handel

Zu den widernatürlichen Formen zählt er, in der Reihenfolge ihrer Widernatur bzw. niedrigen Rangstufe (3. = am widernatürlichsten) …

  1. Politische Herrschaft (Enteignung, Steuererhebung)
  2. Staatsdienst (Soldaten, Polizisten, Sekretäre)
  3. Dienerschaft/Knechtschaft im Haushalt

Buchauszug: Ibn Khaldun – Die Besteuerung und Ursachen ihrer unterschiedlichen Höhe

In diesem kurzen »VIDEO« hört man, wie Ronald Reagan - der 40. Präsident der USA (von 1981-1989) - den großen muslimischen Gelehrten Ibn Khaldun zitiert. Folgend könnt ihr nun den gesamten Abschnitt in deutscher Übersetzung lesen, der auf diese kurze Phrase in der Muqaddima folgt.

«Wisse, daß die Besteuerung am Beginn der Dynastie aus wenigen Anteilen große Einnahmen erbringt. Am Ende der Dynastie bringen viele Anteile nur geringe Einnahmen.

Die Ursache hierfür ist darin zu suchen, daß die Dynastie, wenn sie sich an die Religion hält, nur die im religiösen Gesetz festgelegten Zahlungen erhebt, d. h. die Armensteuer, die Grund- und die Kopfsteuer. Dies sind nur wenige Steueranteile, denn der Anteil der Armensteuer, bezogen auf das Vermögen, ist bekanntlich gering. Ebenso verhält es sich bei der Armensteuer auf Getreide und Vieh, desgleichen bei der Kopf- und Grundsteuer und allen anderen vom religiösen Gesetz festgelegten Zahlungsverpflichtungen. Sie sind Festwerte, die nicht überschritten werden können.

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Buchauszug: Ibn Khaldun – Königtum und Kalifat

«Das eigentliche Wesen des Königtums besteht darin, dass es einen für die Menschen notwendigen Zusammenschluss darstellt und Herrschaft und Gewalt, die beide sichtbarer Ausdruck des Zornes und der Tierähnlichkeit (der menschlichen Natur) sind, bedingt. Deshalb weichen die Anordnungen des Inhabers des Königtums meistens von dem ab, was rechtens ist, und fügen den Geschöpfen, die unter seiner Herrschaft stehen, Schaden in ihren weltlichen Angelegenheiten zu. Denn meist veranlasst er sie durch seine Wünsche und Begierden zu Dingen, die nicht in ihrem Leistungsvermögen liegen.

Das wird je nach den unterschiedlichen Absichten bei ihren Vorgängern wie Nachfolgern verschieden sein. Deshalb aber fällt es schwer, ihm Gefolgschaft zu leisten. Ungehorsam kommt auf, der zu Unruhe und Totschlag führt. Daher ist es unerlässlich, das man auf bestimmte politische Grundregeln zurückgreift, denen das Volk zustimmt und deren gesetzlichen Vorschriften es sich unterwirft. So war es bei den Persern und anderen Völkern der Fall. Ermangelt es der Dynastie an einer solchen Politik, ist ihre Macht instabil und kommt ihre Vorherrschaft nicht voll zur Wirkung.

«Auch bei denen, die früher dahingegangen sind, ist Allah so verfahren.» [Koran 33. 38; 62]

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Buchauszug: Ibn Khaldun – Die löblichen Eigenschaften eines Herrschers

«Einer löblichen Herrschaftsgewalt entspricht die Milde. Wenn der Herrscher jedoch Gewalt ausübt, rücksichtslos Strafen verteilt, auf der Suche nach den Schwächen der Menschen ist und deren Vergehen auflistet, werden die Menschen von Furcht und Demut ergriffen und suchen dem durch Lüge, List und Betrug zu entgehen. Dies wird für sie zu einem natürlichen Charakterzug, und ihre Auffassungen wie ihre Charaktereigenschaften werden verdorben.

Mitunter lassen sie den Herrscher auf den Schlachtfeldern im Stich und beteiligen sich nicht an Verteidigungsmaßnahmen. Mit dem moralischen Verfall der menschlichen Bestrebungen nimmt auch der militärische Schutz Schaden. Bisweilen verbinden sich die Menschen, um den Herrscher zu ermorden. Auf diese Weise wird die Dynastie zugrunde gerichtet und der Schutzwall zerstört. […]

Zu den löblichen Eigenschaften gehört es, den Menschen gegenüber gütig zu sein und sie zu verteidigen. In dieser Verteidigung kommt das wahre Wesen des Königtums zur Geltung. Güte und Wohltätigkeit gegen die Menschen gehören dazu, ebenso, Milde walten zu lassen und ihrem Leben Aufmerksamkeit zu widmen. Diese Dinge sind eine wichtige Grundlage, um die Liebe der Untertanen zu gewinnen.

Wisse, dass jemand, der vorsichtig und äußerst scharfsinnig ist, nur selten die Eigenschaft der Milde besitzt. Sie ist zumeist bei dem zu finden, der unachtsam und sorglos ist. Selten kommt sie bei einem scharfsinnigen Herrscher vor, weil der die Untertanen über ihr Leistungsvermögen hinaus beansprucht, da seine Einsicht über ihre geistigen Kräfte hinausreicht und er mit seinem Scharfsinn den Ausgang von Dingen schon zu ihrem Beginn überblickt. Die Menschen können daran zugrunde gehen.»

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Reclam-Verlag Leipzig ©1992, Seite 136-138)

Zitat: François Fénelon – Die Menschen sind wahrlich unglücklich

»Die Menschen sind wahrlich unglücklich, weil sie von einem König regiert werden, der bloß ein Mensch wie sie ist […] Aber die Könige sind nicht weniger unglücklich, weil sie als bloße Menschen, das heißt als schwache und unvollkommene Wesen, diese unzählbare Menge verderbter und betrügerischer Menschen regieren sollem.«

François de Salignac de La Mothe-Fénelon (1651-1715)

Buchauszug: Markus v. Hänsel-Hohenhausen – Das Leben ist Materie, rational und deshalb verfügbar geworden

„Das Leben ist Materie, rational und deshalb verfügbar geworden, ohne dass das in industrialisierte Arbeitsprozesse alternativlos eingespannte Individuum damit die verheißene Freiheit erlangen könnte. Der Dauerdiskurs um die Verteilung der Güter, die die moderne, aufgeklärte Auffassung von „Gerechtigkeit“ ist, ist ein Aspekt dieser neuen Unfreiheit. Die Materialisierung des Lebens zeigt das Unentrinnbare, Diktatorische der Aufklärung, wie sie uns durch den Lauf der Geschichte hindurch erreicht hat, ihre Totalität, das Zwanghafte und das Zerstörerische ihrer Rationalisierung.

Seit 200 Jahren hofft der moderne Mensch, durch die Zweckmäßigkeit seines Handelns Herr über die Welt zu werden. Seine Herrschaft über die Materie soll ihn von ihr befreien. Ein banaler Irrtum, denn was er beherrscht, wird er niemals los.“

(Dr. Markus von Hänsel-Hohenhausen, Hitler und die Aufklärung – Der philosophische Ort des Dritten Reiches, Seite 26)

Buchauszug: Herman Heinrich Frank – Die immer gleiche Physiognomie des Orients

„Der Orient hat nun einerseits eine ganz strenge Richtung, die den metaphysischen Lehrmeinungen der Religion eine unbedingte Herrschaft zugesteht. Die Beurteilung des Handelns im Jenseits äußert eine direkte Wirkung aufs Diesseits. (Diese Beziehung wird natürlich vermittelt durch eine die Zukunft vorauswissende Gottheit.)

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Buchauszug: José Ortega y Gasset – Sie beherrschen die Welt, aber sich selbst nicht

„Ich zweifle, daß man unser Jahrhundert verstehen kann, wenn man sich nicht eingehend mit dieser Tatsache beschäftigt. Denn eben hier liegt sein Problem. Wenn es von seinem Niedergang überzeugt wäre, fühlte es sich anderen Epochen unterlegen, das heißt, es schätzte und bewunderte sie und verehrte die Prinzipien, die jene formten. Es hätte klare, feste Ideale, wenn es auch unfähig wäre, sie zu verwirklichen.

Statt dessen leben wir in einer Zeit, die gewaltige Kräfte in sich spürt und nicht weiß, was sie damit machen soll. Sie beherrscht die Welt, aber sich selbst nicht. Sie fühlt sich verloren in ihrem eigenen Überfluß. Mit mehr Mitteln, größerem Wissen, ausgebildeterer Technik ist die gegenwärtige Generation unseliger als alle vergangenen, allen Winden preisgegeben.

Daher der wunderliche Zwiespalt zwischen Machtgefühl und Unsicherheit, der in der zeitgenössischen Seele haust.“

(José Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen, 1930, Seite 42)

Bertrand de Jouvenel – Emirat vs. Republik

Die natürliche Evolution menschlicher Gesellschaften beginnt praktisch in einer Anarchie und endet in der sogenannten Tyrannis. Auf dem Weg dorthin gibt es einige Zwischenstufen, die sich – je nach Kulturraum – zwar manchmal unterscheiden, aber trotz alledem einen bestimmten Entwicklungsrahmen zumeist nicht verlassen.

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Buchauszug: Bertrand de Jouvenel – Wo ist die Freiheit?

„Wo ist die Freiheit?

Seit zwei Jahrhunderten ist die europäische Gesellschaft auf der Suche nach ihr: Gefunden hat sie lediglich eine staatliche Autorität, die größer, lästiger und drückender ist als jemals zuvor in unserer Zivilisation.

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Buchauszug: Bertrand de Jouvenel – Das Ziel der expandierenden Staatsgewalt

„Das Ziel [der expandierenden Staatsgewalt] ist die Zerstörung jeder Befehlsgewalt außerhalb der des Staates. Es bedeutet völlige Unabhängigkeit eines jeden von familiären und sozialen Autoritäten; aber sie muß mit vollständiger Unterwerfung unter den Staat bezahlt werden. Es bedeutet die völlige Gleichheit aller Bürger um den Preis einer vollständigen Nivellierung vor der staatlichen Macht. Es bedeutet das Verschwinden aller Kräfte, die ihren Ursprung nicht im Staat haben, die Verneinung intermediärer Herrschaft. Es bedeutet in einem Wort die Atomisierung der Gesellschaft, die Zerschneidung aller besonderen gesellschaftlichen Bindungen zwischen den Menschen, deren einzige jetzt darin besteht, gemeinsam dem Staat zu dienen. Es bedeutet gleichermaßen extremen Individualismus und extreme Vergesellschaftung.

Alle historischen Gesellschaften scheinen sich auf eine Verfassung hin entwickelt zu haben, die alles Leben und alle Bewegung auf die Staatsgewalt konzentriert. Und es ist eine despotische Verfassung, in der Reichtum, Macht und sogar Freiheit nur über den Staat zu erlangen sind, in der er zum Einsatz wird, um den sich alle streiten, und dessen Inhaber sich vor einer in Anarchie führenden Konkurrenz nur dadurch zu schützen vermögen, daß sie den Prozeß ihrer eigenen Vergötterung einleiten.

(Bertrand de Jouvenel, Über die Staatsgewalt – Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Seite 204-205 / Hervorhebung durch Unterstrich von mir)